Kapitel 1 - Die Feuerprobe
Die Szenerie, die sich Devian bot, erschien ihm zugleich seltsam vertraut und vollkommen fremd. Er stand am Rand einer hohen Klippe. Tief unter ihm peitschten gewaltige Wellen gegen weißen Fels, während die Gischt des endlos wirkenden Ozeans wie kalter Nebel auf seiner Haut lag. Über ihm spannte sich ein grauer Himmel, der von einem eigentümlichen violetten Dunst durchzogen wurde.
Devian wusste nicht, wo er sich befand. Und doch hatte er das bedrückende Gefühl, diesen Ort zu kennen.
Neben ihm stand eine weitere Gestalt am Abgrund. Sie war vollständig in schwarzes Gewändern gekleidet. Eine dunkle Kapuze verbarg ihr Gesicht, schwarze Handschuhe verdeckten ihre Hände. Kaum vier Meter trennten sie voneinander.
Von dem Fremden ging etwas Vertrautes aus. Etwas, das Devian nicht erklären konnte. Er war sich sicher, diese Person zu kennen.
Langsam hob die Gestalt die Hände und streifte die Kapuze zurück. Mittellange schwarze Locken fielen auf die Schultern. In diesem Moment zerfiel die Welt.
Verwirrt schlug Devian die Augen auf. Für einige Sekunden blieb er regungslos liegen und versuchte, die Bilder des Traumes festzuhalten, doch sie glitten bereits wie Sand zwischen seinen Fingern davon. Er rieb sich die Augen und blickte verschlafen durch das Zimmer.
Mit einer gewissen Enttäuschung stellte er fest, dass er sich immer noch auf Cydonia Prime befand. Die Hauptstadtwelt des Commonwealth erwachte gerade zum Leben.
Devian setzte sich auf und blickte aus dem Fenster. Am Horizont schob sich langsam die rotgoldene Scheibe Cydonias, des Sterns des gleichnamigen Systems, über die gewaltige Silhouette der Metropole. Die ersten Strahlen des Morgenlichts trafen die unzähligen Türme, Wolkenkratzer und Megastrukturen aus Stahl und Beton. Für wenige Minuten schimmerte die gesamte Oberfläche in einem silbrig-goldenen Glanz. Nicht ohne Grund trug Cydonia Prime den Beinamen »Juwel des Commonwealth«.
Als Hauptwelt des gewaltigen Sternenreiches bildete sie das politische und wirtschaftliche Zentrum der bekannten Galaxis Eron. Hunderte Welten, Kolonien und Vasallen standen unter der Herrschaft des Commonwealth.
Devian aktivierte seine HoloWatch. 06:58 Uhr. In anderthalb Stunden musste er sich auf dem Gelände der Akademie melden. Mit einem genervten Seufzen ließ er den Kopf noch einmal ins Kissen sinken, bevor er schließlich aufstand. Er zog sich seinen Morgenmantel über und öffnete die Balkontür. Sofort drang das Dröhnen der Metropole ins Zimmer.
Luftverkehr, entfernte Sirenen und das unaufhörliche Rauschen der Metropole erfüllten die Morgenluft. Von seinem Balkon aus konnte Devian direkt auf das Gelände der Praetorianerakademie blicken.
Während er sich streckte, flatterte der Stoff seines Mantels im Wind. Seine braunen Haare wurden zurückgeweht, während er einen letzten Blick über die Skyline schweifen ließ.
Dann kehrte er ins Zimmer zurück.
»Guten Morgen, Kadett 5943«, erklang die synthetische Stimme seines Wohnsystems. Devian verdrehte die Augen.
»Nach cydonischer Zeitrechnung beginnt heute Ihr letzter Ausbildungstag.«
Ja.
Morgen würde er achtzehn werden. Allein der Gedanke ließ ihn lächeln. Als Nachkomme des Großlords Arkano war er im Alter von zehn Jahren verpflichtet worden, seine Heimatwelt Arkaneion zu verlassen und sich der Ausbildung der Praetorianergarde zu unterziehen.
Die Praetorianergarde war die Eliteeinheit des Commonwealth und direkt dem Lordkanzler unterstellt. Jeder Erbe eines Lords musste diesen Weg beschreiten. Die Ausbildung diente nicht nur militärischen Zwecken, sondern auch der Sicherung der Loyalität der Herrscherhäuser gegenüber dem Regime.
Wer sich dem entzog, galt als Verräter. Über Jahrzehnte hatte sich die Garde zu einer beinahe unerschütterlichen Macht entwickelt. Und nun stand Devian kurz davor, ein vollwertiges Mitglied zu werden.
Danach würde ihm jede Tür offenstehen. Wie sein älterer Bruder könnte er direkt eine Flotte kommandieren oder hohe militärische Ämter übernehmen – Karrieren, für die gewöhnliche Offiziere Jahrzehnte benötigten.
Doch all das erschien ihm im Augenblick unwichtig. Er konnte endlich nach Hause. Mit diesem Gedanken betrat er das Bad. Warmes Wasser ergoss sich über seinen Körper. Wasser. Allein das Gefühl beruhigte ihn.
Arkaneion bestand zum größten Teil aus gewaltigen Ozeanen, und Devian hatte schon immer eine besondere Verbindung zum Meer verspürt.
Er war etwa einen Meter achtzig groß. Seine Haut war leicht gebräunt – ein Merkmal vieler Bewohner Arkaneions, die unter den beiden Sonnen ihrer Heimatwelt aufgewachsen waren. Sein braunes Haar fiel in sanften Wellen bis auf die Schultern, seine Augen besaßen ein tiefes Grün.
»Es ist 07:30 Uhr cydonischer Standardzeit«, meldete die Computerstimme erneut. »Der Unterricht beginnt in sechzig Minuten. Bitte denken Sie an Ihre persönlichen Gegenstände. Erstes Studienfach: Prähistorische Lehre.« Devian nickte nur.
Wenig später streifte er seine Uniform über, griff nach seiner Tasche und verließ das Zimmer. Der graue Korridor der Unterkunft wirkte wie immer steril und leblos.
Im Lift angekommen, betrachtete er während der Fahrt die westliche Seite der Stadt. In der Ferne erhob sich der gewaltige Regierungskomplex des Commonwealth.
Eine riesige Kuppel aus Stahl und Glas dominierte den Horizont. Darüber ragte der monumentale Turm des Lordkanzlers empor, aus dessen Spitze das Sternenreich gelenkt wurde. Selbst aus mehreren Meilen Entfernung wirkte das Bauwerk ehrfurchtgebietend. Devian konnte den Blick nicht davon lösen.
Unten in der Eingangshalle wartete Kira bereits auf ihn. Der wasserstoffblonde Kadett lehnte mit verschränkten Armen an einer der gewaltigen Säulen und schenkte Devian sein gewohnt schiefes Grinsen.
„Na? Schon gepackt?“
Devian schnaubte und schloss zu ihm auf.
„Du kennst mich doch. Ich mache immer alles auf den letzten Drücker.“
Die Wahrheit sah allerdings anders aus. Den Großteil seiner Sachen hatte er nie ausgepackt. Was er in den vergangenen Jahren auf Cydonia Prime angesammelt hatte, war bereits vor Wochen nach Arkaneion verschifft worden. Seit Tagen wartete er im Grunde nur noch auf seine Abreise.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Akademiegebäude. Die gewaltige Eingangshalle wurde von riesigen Säulen getragen, die sich mehrere Stockwerke in die Höhe erhoben. Zwischen ihnen eilten Kadetten in ihren Uniformen zu den Unterrichtsräumen.
„Was hast du als Erstes?“, fragte Kira.
„Prähistorische Lehre.“
Kira verzog das Gesicht.
„Mein Beileid.“
Devian warf ihm einen Seitenblick zu.
„Und du?“
Kiras Grinsen wurde breiter.
„Flugsimulation.“
„Du Arsch.“
Lachend boxte Devian ihm gegen die Schulter.
„Nicht jeder kann das Glück gepachtet haben.“
Für einen Moment gingen sie schweigend weiter. Der Strom der Kadetten trennte sich langsam in verschiedene Richtungen. Kira räusperte sich.
„Sag mal … hast du heute Abend schon etwas vor?“
Devian runzelte die Stirn.
„Wieso?“
Kira zuckte mit den Schultern.
,,Naja heute ist quasi dein letzter Tag. Morgen ist deine Feuerprobe und… Na ich meine wer weiß wann wir uns wieder sehen.“
Daran hatte er tatsächlich nicht gedacht. Seit Wochen hatte er nur an seine Heimkehr gedacht. An die Ozeane Arkaneions, die beiden Sonnen und seine Familie. Doch jetzt, da Kira es aussprach, wurde ihm bewusst, dass er auch etwas zurücklassen würde.
Seinen besten Freund.
Kira versuchte, sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen, doch Devian erkannte die Unsicherheit in seinem Blick.
,,Daran hatte ich nicht gedacht… Was schwebt dir denn so vor ?“ Fragte Devian.
,,Natürlich hast du das nicht, du warst ja zu sehr damit beschäftigt von zu Hause zu schwärmen, Dummerchen. Naja also ich kenne da nen netten Club in den Narrows wo wir ein letztes Mal einen drauf machen können.“ Sagte Kira mit erhobenen Zeigefinger. Es war wirklich ein wenig niedlich ihn so zu sehen. ,,Okay gut, dann lass uns das machen.“ Sagte Devian entschlossen und die Jungs schlugen ein.
Der Tag zog sich für Devian ungewöhnlich lang. Die Feuerprobe stand erst am nächsten Morgen an, und doch lag sie bereits wie ein Druck auf seiner Brust. Jeder Gang durch die Akademie, jedes Gespräch, selbst die kleinsten Routinen wirkten plötzlich bedeutungsschwer. Er versuchte sich abzulenken. Rüstungscheck. Formulare. Letzte Anweisungen.
Aber immer wieder drifteten seine Gedanken ab.
Zu Arkaneion.
Zu seinem Vater.
Und vor allem zu Kira.
Als die Dämmerung über Cydonia Prime hereinbrach und die künstlichen Lichter der Stadt langsam die Sonne ersetzten, verließ Devian den Wohnkomplex. Die Straßen waren bereits voller Leben, doch er nahm kaum etwas davon wahr. Vor dem Eingang wartete bereits jemand auf ihn.
„Na, bereit, ein bisschen Dampf abzulassen?“ fragte Kira grinsend.
Devian musterte seinen Freund einen Moment. Kira war ungefähr in seinem Alter, überragte ihn jedoch um einen halben Kopf – ein Umstand, den er nur allzu gern ausnutzte. Seine kurzen wasserstoffblonden Haare wirkten im Licht der Straßenlampen beinahe silbern. Das weiße Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen, ließ seine rosige Haut erkennen. Kira wirkte wie immer vollkommen entspannt.
„Sag mal“, meinte dieser plötzlich und zog eine Augenbraue hoch, „verknallst du dich gerade?“
Devian blinzelte.
„Was? Nein! Ich habe nur nachgedacht.“
„Natürlich.“ Kira grinste breit. „Ich weiß eben, dass ich unwiderstehlich bin.“
Er streckte ihm die Zunge heraus. Devian musste lachen.
Liebe hatte in seinem Leben bisher kaum eine Rolle gespielt. Die Akademie hatte ihm dafür weder Zeit noch Gelegenheit gelassen. Kira schien solche Probleme dagegen nie zu haben. Mehr als einmal hatte Devian beobachtet, wie sein Freund spätabends mit fremder Begleitung verschwand und erst am nächsten Morgen zurückkehrte. Doch zum ersten Mal fragte er sich, warum ihn dieser Gedanke überhaupt beschäftigte. Und warum er Kira plötzlich anders wahrnahm als früher. Der Eid der Praetorianer untersagte Beziehungen innerhalb der Akademie ohnehin strikt. Es spielte also keine Rolle. Zumindest redete Devian sich das ein.
Gemeinsam betraten sie die Monorailstation. Wenig später brachte sie der Zug hinunter in die unteren Ebenen Cydonia Primes. Eine Durchsage erklang.
„Achtung. Wir nähern uns der Kontaminationszone. Bitte legen Sie Ihre Atemgeräte an.“
Kira setzte seine Schutzbrille auf.
„Ich hoffe, du hast eine Klinge dabei. Unten ist es inzwischen deutlich schlimmer geworden.“
Devian nickte und griff kurz an seine Hüfte.
Die Narrows waren das Elendsviertel der Hauptstadt. Unterhalb der gewaltigen Wolkenkratzer existierte eine zweite Stadt – eine Welt aus Smog, Kriminalität und Schwarzmarkt.
Als die Monorail in die Tiefe sank, verschwand das Tageslicht. Dichter Rauch lag zwischen den Gebäuden, und ohne Atemgerät wäre die Luft kaum zu ertragen gewesen.
Wenig später erreichten sie ihr Ziel. Der Club trug den Namen The Rouge.
Schon beim Betreten schlug ihnen warme, schwere Luft entgegen. Neonrotes Licht durchzog den Raum, dichter Rauch hing unter der Decke, und die Musik ließ den Boden leicht vibrieren. Hier traf sich alles, was die oberen Ebenen lieber ignorierten.
Schmuggler, Händler, Arbeiter, Söldner und Reisende aus allen Teilen des Commonwealth. Kira ließ sich auf eine der tiefen Sitzliegen fallen.
„Sieh mal, was ich besorgt habe.“ Er zog einen schwach gelb leuchtenden Pilz hervor. Devian erstarrte.
„Spinnst du?“
Kira lachte.
„Entspann dich. Wir sind in den Narrows. Hier interessiert das niemanden.“
Der Pilz wurde Lumen genannt. Eine halluzinogene Droge, deren Besitz im gesamten Commonwealth verboten war.
Kira zermahlte den Pilz und füllte das Pulver in eine kleine Pfeife. Kurz darauf breitete sich ein süßlicher Geruch um sie aus.
Jetzt wusste Devian endlich, wonach der ganze Club roch. Überall um sie herum konsumierten Gäste dieselbe Droge. Kira hielt ihm die Pfeife hin. Devian zögerte. Dann nahm er einen tiefen Zug.
Die Wirkung setzte beinahe sofort ein. Die Geräusche wurden weicher. Das Licht verschwamm. Eine angenehme Wärme breitete sich in seinem Körper aus, als würde ihn etwas Unsichtbares umarmen. Er sank tiefer in die Sitzpolster.
Kira beobachtete ihn grinsend.
„Oh Mann. Wenn du dich gerade sehen könntest.“
Devian blinzelte.
„Was mache ich denn?“
Seine eigene Stimme klang für ihn seltsam fern. Kira lachte nur, stand auf und zog ihn an den Händen hoch.
„Komm.“
Benommen ließ Devian sich auf die Tanzfläche führen.
Die Musik vibrierte durch seinen gesamten Körper. Die roten Lichter verschwammen zu einem einzigen Strom aus Farben, während sich die Menschen um sie herum bewegten wie Schatten.
Ein Lied ging in das nächste über.
Sie lachten, tanzten und vergaßen die Zeit.
Irgendwann bemerkte Devian, dass sie sich näher gekommen waren. Viel näher als gewöhnlich. Kiras Hand lag auf seiner Schulter, manchmal an seinem Rücken, und jedes Mal spürte Devian die Berührung deutlicher als sie eigentlich sein sollte.
Vielleicht lag es an dem Lumen. Vielleicht aber auch nicht. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, wie sehr er Kiras Nähe genoss. Und dieses Gefühl erschreckte ihn beinahe ebenso sehr, wie es ihn faszinierte.
Nachdem sie die Narrows hinter sich gelassen hatten, machten sie es sich auf dem Dach des Wohnheims bequem. Sie lagen nebeneinander auf dem kalten Beton, die Hände hinter den Köpfen verschränkt, und blickten in den ungewöhnlich klaren Nachthimmel.
Der Dracon-Nebel zog sich wie ein rotes Band über das Firmament. Lange sagte keiner von ihnen etwas. Schließlich durchbrach Kira die Stille.
„Was wirst du machen, wenn du wieder Daheim bist?“
Devian wandte den Blick nicht vom Himmel ab. Vielleicht lag es am Lumen, doch er glaubte ein leichtes Zittern in Kiras Stimme zu hören.
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, antwortete er schließlich. „Es kommt darauf an, was mein Vater für mich vorgesehen hat.“
Er drehte den Kopf. Kira starrte noch immer nach oben.
„Warum fragst du?“
Kira schwieg einige Sekunden.
„Weißt du“, begann er leise, „wir leben jetzt fast acht Jahre hier. Und irgendwie fühlt sich Cydonia Prime inzwischen mehr wie Heimat an als mein eigentlicher Heimatplanet.“
Devian hörte aufmerksam zu.
„Hier ist alles, was mir wichtig geworden ist.“
Erst jetzt sah Kira ihn an. Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke, bevor Kira wieder zum Himmel aufschaute.
Meint er vielleicht mich?
Der Gedanke traf Devian völlig unvorbereitet.
Die Wirkung des Lumens ließ seine Gefühle ungewohnt deutlich erscheinen. Gedanken, die er sonst verdrängt hätte, ließen sich plötzlich nicht mehr ignorieren.
Nach einiger Zeit richtete Kira sich auf.
„Wir sollten langsam schlafen gehen. Nicht, dass du morgen deinen großen Tag verschläfst.“
Er lächelte, doch hinter seinem Lächeln lag etwas Trauriges. Kira streckte ihm die Hand entgegen. Als Devian sie ergriff, zog Kira ihn hoch. Einen Moment verlor Devian das Gleichgewicht und taumelte nach vorn. Kira fing ihn sofort auf.
„Alles in Ordnung?“
Devian blickte direkt in Kiras Gesicht. Die roten Lichter der Stadt spiegelten sich in seinen Augen. Sein gewohnt freches Grinsen war verschwunden. Stattdessen wirkte er plötzlich verletzlich.
Die Gedanken in Devians Kopf überschlugen sich.
Die Droge.
Der Abschied.
Die Angst, ihn vielleicht nie wiederzusehen.
Und ehe er begriff, was er tat, küsste er ihn.
Als sich ihre Lippen berührten, schien die Zeit stillzustehen. Doch ebenso schnell wich Devian erschrocken zurück.
„Es tut mir leid!“
Kira sah ihn einen Moment schweigend an. Dann lächelte er sanft und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht.
„Dafür musst du dich nicht entschuldigen.“
„Aber der Eid …“
Kira schüttelte den Kopf.
„Scheiß auf den Eid.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Langsam trat er wieder näher. Diesmal war er es der ihn küsste.
Für Devian fühlte es sich an, als würde die Welt um sie herum verschwinden. Die Stadt, die Akademie, die Vorschriften, die Zukunft – alles verlor plötzlich an Bedeutung.
Es gab nur noch diesen einen Moment.
Als sie sich wieder voneinander lösten, sah Kira ihn mit einem Ausdruck an, den Devian noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte.
Keine Ironie.
Keinen Spott.
Nur Ehrlichkeit.
Er nahm vorsichtig Devians Hand.
Gemeinsam gingen sie zur Lifttür.
Während sie auf den Aufzug warteten, lehnte Devian mit dem Rücken gegen die kalte Metallwand. Kira stand dicht vor ihm. Keiner sagte etwas. Worte schienen plötzlich unnötig geworden zu sein. Als sich die Lifttüren öffneten, traten sie schweigend hinein. Die Kabine setzte sich langsam in Bewegung.
In Devians Zimmer angekommen, fiel die Anspannung des Tages langsam von ihnen ab. Das gedämpfte Licht ließ die Welt außerhalb des Zimmers unwirklich erscheinen. Kira trat näher und ließ seine Finger vorsichtig über Devians Arm gleiten.
„Du bist ganz schön nervös“, bemerkte er mit einem leichten Lächeln. Devian wich seinem Blick nicht aus. „Vielleicht.“
Ihre Lippen fanden sich wieder, zunächst vorsichtig, dann mit wachsender Sicherheit. Die Nähe zwischen ihnen fühlte sich zugleich neu und vertraut an.
Devian spürte, wie sein Herz raste. Die Ereignisse des Abends, die Nähe zwischen ihnen und die Erkenntnis, was möglicherweise bevorstand, ließen ihn gleichzeitig nervös und aufgeregt werden. Kira bemerkte es sofort.
„Du musst nichts tun, was du nicht willst“, sagte er ruhig.
Devian sah ihn an. „Es ist nur … ich habe so etwas noch nie gemacht.“
Für einen Augenblick verschwand Kiras gewohnt freches Grinsen. Stattdessen trat er näher und legte eine Hand an Devians Wange.
„Dann machen wir nichts, womit du dich nicht wohlfühlst.“
Diese Worte nahmen Devian einen Teil seiner Angst. Langsam löste sich die Anspannung zwischen ihnen. Kleidung verschwand nach und nach, bis sie sich schließlich nur noch in Unterhosen gegenüberstanden.
Die Wirkung des Lumen lag noch immer über ihnen. Gedanken wirkten schwerer, Gefühle dagegen intensiver. Jeder Blick schien länger zu dauern, jede Berührung deutlicher zu werden. Devian spürte sein Herz bis in die Fingerspitzen schlagen.
Kira lehnte sich gegen die Tür und betrachtete ihn schweigend.
„Was?“, fragte Devian schließlich nervös.
Der Größere schüttelte langsam den Kopf. „Ich frage mich nur, warum mir nie aufgefallen ist, wie gut du aussiehst.“
Devian wurde augenblicklich rot. Kiras helle Augen musterten Devian aufmerksam.
„Diese grünen Augen“, murmelte er. „Und deine Haare sehen aus, als hätte jemand sie absichtlich perfekt gemacht.“
Devian fuhr sich verlegen durch sein braunes Haar.
„Du machst Witze.“
„Ausnahmsweise nicht.“
Kira hob vorsichtig eine Hand und strich eine Strähne aus Devians Gesicht. Sein Blick wanderte über dessen leicht gebräunte Haut.
„Und deine Haut ist unglaublich.“ Seine Finger glitten langsam über Devians Brust. Die Berührung ließ ihn erschauern.
„So weich.“
Devian wusste nicht, was er antworten sollte. Er war nie der kräftigste unter den Kadetten gewesen. Doch Kira schien gerade das an ihm zu mögen – die schmale Gestalt, die definierten Muskeln und die natürliche Eleganz seiner Bewegungen. Während der völlig überforderte Arkano nachdachte bemerkte er nicht, das Kira mit der anderen Hand vorsichtig die Unterhose von Devians Körper löste. Als er es bemerkte zögerte er einen Augenblick. Sein Blick glitt über Kira, suchte Halt, fand ihn aber vor allem in dessen ruhiger Präsenz.
Langsam hob er die Hände und folgte Kiras Beispiel, nicht überstürzt, sondern tastend, als würde er jede Grenze erst noch verstehen müssen. Kira bewegte sich nicht weg, sondern ließ es geschehen, sein Blick aufmerksam auf Devian gerichtet. Langsam striff dieser Kiras Unterhose hinunter und als diese den Halt seiner Hüften verließ, rutschte sie Kiras Beine hinab, bis sie kaum hörbar auf den Boden landete.
Die Nähe zwischen ihnen veränderte sich dadurch spürbar. Das Knistern der Unsicherheit wich einem vorsichtigen Gleichgewicht, in dem beide gleichermaßen verletzlich wirkten. Kira atmete ruhig aus, als Devian kurz innehielt und das neue Schauspiel zwischen Kiras Beinen entdeckte. Der junge Arkano wich ein wenig zurück vor dem was er sah. Nicht aus Furcht oder Ekel. Sondern aus Respekt und Unsicherheit.
Kira bemerkte dieses kurze Zucken welches Devians Körper durchfuhr und folgte Devians Blick. Er schmunzelte leicht als er bemerkte was Devians Aufmerksamkeit erregt hatte. Dann richtete sich sein Blick wieder auf Devian.
„Hey… schau mich an“, sagte er leise. Devian hob den Blick.
„Du bestimmst das Tempo“, murmelte Kira. „Nicht ich. Nicht… das hier.“ Erklärte er und zeigte auf seinen Schritt, während er verschmitzt grinste. Dann wurde sein Blick wieder weicher. ,,Nur du.“ Beendete Kira seinen Satz und küsste seinen Kameraden sinnlich.
Die Droge legte sich wie eine warme, träge Schicht über Devians Gedanken, lösten die scharfen Kanten der Angst langsam auf. Kiras Nähe war überall. Sein Atem, seine Stimme, die Art, wie er ihn ansah, als wäre Devian nichts Fremdes, sondern etwas, das längst zu ihm gehörte.
Alles fühlte sich zu intensiv an – die Wärme der Haut, die minimale Distanz zwischen ihnen, selbst das eigene Herzschlagen.
„Ich hab das Gefühl… ich falle gleich um“, gab er ehrlich zu.
Kira lachte leise, nicht spöttisch, sondern weich. „Dann fall.“
Und genau das tat Devian innerlich.
Nicht abrupt, sondern langsam – wie ein Schritt über eine Grenze, von der er nicht einmal gemerkt hatte, dass sie existierte.
Kiras Hände hielten ihn, als er näher kam. Fest genug, um ihn zu stützen, aber nie so, dass es ihn zwang. Das war der Moment, in dem Devian verstand, dass Erfahrung hier keine Rolle spielte. Nur Vertrauen.
Sein Atem wurde unruhiger.
„Du musst nichts beweisen“, sagte Kira leise, jetzt ganz nah.
Devian schloss die Augen. Und ließ los.
Alles, was vorher Unsicherheit gewesen war, wurde nicht einfach gelöscht – sondern verwandelte sich. In Hitze. In ein pochendes, unkontrollierbares Gefühl, das ihn gleichzeitig überforderte und zog.
Die Welt schrumpfte auf Berührung, auf Stimmen, auf Nähe, die keinen Abstand mehr kannte.
Kira führte ihn nicht hastig, nicht fordernd. Eher so, als würde er ihm zeigen, dass es keinen falschen Moment gab. Dass alles, was Devian fühlte, richtig sein durfte.
Zwischendurch flackerte Devians Unsicherheit noch auf – ein kurzer Gedanke, ein Zögern, ein inneres Stolpern.
Doch jedes Mal war da Kira.
Seine Ruhe. Seine Sicherheit. Seine Erfahrung, die nicht prahlte, sondern trug.
Und irgendwann war da dieser eine Punkt, an dem Devian nicht mehr darüber nachdachte, was er tat oder wie er wirkte.
Nur noch darüber, dass er fühlte.
Intensiv. Überwältigend. Echt.
Worte wurden zu Atemzügen, Atemzüge zu Lust, und Lust zu etwas, das nur noch ihnen gehörte.
Als später langsam wieder Ruhe einkehrte, lag Devian da, als hätte er gerade etwas verloren und gleichzeitig gefunden. Sein Herz schlug noch immer schnell, aber anders als zuvor.
Neben ihm lag Kira, ebenfalls still, ebenfalls erschöpft – aber mit diesem zufriedenen, leicht schiefen Lächeln, das er immer hatte, wenn er etwas wirklich Ernstes nicht mit Witzen kaputtmachen wollte.
Devian starrte an die Decke. „Ich…“, begann er, brach ab und atmete aus. Kira drehte den Kopf zu ihm. „Zu viel des guten?“
Schweiß ran über seine Stirn, während er Devian frech angrinste.
,,Das war der Wahnsinn.“ Schoss es aus Devian heraus. Kira musste lachen. ,,Happy Birthday.“ Gab er mit einem zufriedenen Grinsen zurück. Devian schaute verwirrt auf seinen Wecker. Es war exakt Null Uhr drei.
Und dann – zum ersten Mal an diesem Abend – lächelte er wirklich entspannt.
Am nächsten Morgen wurde Devian von der Rufanlage des Wohnkomplexes geweckt. Die künstliche Stimme drang wie ein Bohrer in seinen Schädel.
Er kniff die Augen zusammen und blieb einen Moment regungslos liegen. Sein Kopf pochte, seine Gedanken fühlten sich schwer an und sein Körper schmerzte auf eine Weise, die er nicht einordnen konnte. Langsam setzte er sich auf. Seine Beine zitterten leicht. Erst jetzt bemerkte er, dass er vollkommen nackt war.
Verwirrt blickte er sich im Zimmer um. Die ersten Strahlen Cydonias drangen bereits durch die Fenster und tauchten den Raum in ein blasses Morgenlicht. Und dann kehrte die Erinnerung zurück.
Das Dach.
Kiras Blick.
Der Kuss.
Die Nacht.
Mit einem Mal wurde Devian kreidebleich.
Er hatte mit seinem besten Freund geschlafen.
Sein Blick wanderte sofort zum Bett. Doch die andere Seite war leer. Kira war verschwunden.
Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Scham, Unsicherheit und eine seltsame Leere vermischten sich miteinander. Er wusste nicht, was er denken sollte. Nicht einmal, was er fühlen sollte. Langsam stand er auf und ging ins Bad.
Kaltes Wasser. Das brauchte er jetzt.
Er stützte sich auf das Waschbecken und ließ sich mehrmals Wasser ins Gesicht laufen. Die Kälte half zumindest gegen das Dröhnen in seinem Kopf.
Als er sich wieder aufrichtete, erstarrte er. Im Spiegel hatte für den Bruchteil einer Sekunde ein anderes Gesicht zurückgeblickt.
Schwarze Locken und leuchtende Augen. Die Gestalt aus seinem Traum.
Erschrocken wich Devian zurück. Als er erneut hinsah, blickte ihm nur sein eigenes Spiegelbild entgegen.
Sein Atem ging schneller. War das noch die Wirkung des Lumens?
Er trat näher an den Spiegel heran und betrachtete seine Augen. Die Pupillen reagierten normal. Nichts deutete darauf hin, dass die Droge noch wirkte. Und trotzdem blieb dieses Gefühl. Diese seltsame Vertrautheit. Er kannte den Jungen aus seinem Traum nicht. Und doch hatte er das Gefühl, ihm bereits begegnet zu sein.
Verwirrt verließ Devian das Bad. Die Gedanken an Kira und die rätselhafte Gestalt vermischten sich in seinem Kopf. Während er sich frische Unterwäsche anzog, versuchte er vergeblich, Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Heute war seine Feuerprobe. Der letzte Schritt seiner Ausbildung. Für die Zeremonie war das vollständige Feldornat der Praetorianer vorgeschrieben.
Er zog den olivgrünen Overall an, dessen Ärmel von schmalen roten Samtstreifen durchzogen wurden. Darüber folgten die verstärkten Feldstiefel, Karbon-Armschienen und schließlich die maßgefertigte Rüstung aus dunklem Plastikstahl.
Mit jeder Schicht verschwand ein Teil der Unsicherheit hinter der vertrauten Uniform.
Schließlich trat er vor den Spiegel. Der Kadett, der ihm entgegenblickte, wirkte gefasst. Doch unter der Rüstung schlug sein Herz schneller. Die Vorfreude auf Arkaneion war noch immer da. Die Aussicht, endlich nach Hause zurückzukehren. Aber daneben standen nun andere Gedanken.
Kira.
Die vergangene Nacht.
Und die Frage, warum sein bester Freund verschwunden war, ohne ein Wort zu hinterlassen. Zum ersten Mal seit Jahren hatte Devian Angst vor dem, was der Tag für ihn bereithalten würde.
„Guten Morgen, Sire.“
Die heisere Stimme ließ Lordkanzler Allmec innehalten. Er drehte sich um und blickte in die haselnussbraunen Augen Lord Harkons.
„Lord Harkon. Ich hätte Euch erst zur Quorumssitzung erwartet.“
Der Lord des Hauses Harkon verneigte sich leicht.
„Mein Patensohn absolviert heute seine Feuerprobe. Da Lord Arkano verhindert ist, hielt ich es für meine Pflicht, an seiner Stelle anwesend zu sein.“
Gemeinsam betraten sie den langen Säulengang der Akademie.
„Ein ehrenwerter Gedanke“, erwiderte Allmec. „Es überrascht mich lediglich, dass Lord Arkano den wichtigsten Tag seines einzigen Sohnes versäumt.“
Harkons Miene verhärtete sich.
„Ihr kennt Lord Arkano, Sire. Seine Verpflichtungen gegenüber dem Commonwealth stehen für ihn stets an erster Stelle.“
Zwischen dem Haus Arkano und dem Lordkanzler herrschte seit Jahren ein angespanntes Verhältnis, und beide Männer wussten das.
Allmec lächelte nur.
„Selbstverständlich zweifle ich nicht an seiner Loyalität.“
Einige Schritte gingen sie schweigend weiter, ehe der Lordkanzler das Thema wechselte.
„Wie steht es um Hereklion?“
„Die Welt gedeiht. Allerdings bereiten uns die Grenzsektoren zunehmend Sorgen.“
Allmec blickte ihn aufmerksam an.
„Die Crimson Tides?“
Harkon nickte.
„Ihre Überfälle auf die Handelsrouten nehmen zu. Die Gilde verliert bereits Schiffe, und die Admiralität stellt bislang keine ausreichenden Kräfte bereit. Sollten die Versorgungslinien zu den äußeren Kolonien zusammenbrechen, drohen erhebliche wirtschaftliche Folgen.“
Der Lordkanzler schwieg einen Moment. Er kannte die Lage. Die Kernwelten waren auf die Rohstoffe der äußeren Kolonien angewiesen. Ein Verlust der Handelswege konnte ganze Systeme destabilisieren.
„Ich werde mit der Admiralität sprechen“, sagte Allmec schließlich. „Die Sicherung der Handelsrouten hat höchste Priorität.“
„Ich danke Euch, Sire.“
Wenig später erreichten sie den Kontrollraum der Feuerprobe. Zwei Aufseher und ein Kommandeur der Praetorianergarde erhoben sich sofort und salutierten.
„Rühren“, befahl Allmec.
Vor ihnen erschien ein Hologramm des heutigen Kandidaten.
Devian Arkano.
„Bericht.“
Einer der Aufseher trat vor.
„Kadett 5943. Achtzehn Jahre alt. Herkunft: Arkaneion. Zugehörigkeit: Haus Arkano. Überdurchschnittliche Leistungen im Nah- und Fernkampf, ausgezeichnete Reflexe und gute Führungsqualitäten. Sämtliche Ausbildungsabschnitte wurden erfolgreich abgeschlossen.“
Lord Harkon lächelte leicht.
„Klingt, als hätte der Junge seine Ausbildung ernst genommen.“
Allmec betrachtete das Hologramm einen Augenblick länger.
„Ganz wie sein Vater.“ Dann setzte er sich.
Vor den Anwesenden verdunkelte sich die verspiegelte Scheibe des Kontrollraums und wurde langsam durchsichtig.
Zwanzig Meter unter ihnen erstreckte sich die Halle der Feuerprobe – ein gewaltiger Übungskomplex aus Barrikaden, Ruinen und Hindernissen, der einem zerstörten Schlachtfeld glich.
Auf der anderen Seite der Anlage stand ein einzelner junger Praetorianer in voller Kampfausrüstung.
Devian Arkano.
Seine letzte Prüfung hatte begonnen.
Durch das elektronische Visier seines Helmes beobachtete Devian, wie sich die verspiegelte Scheibe am anderen Ende der Halle verdunkelte. Dahinter erschienen die Zuschauer.
Der Lordkanzler, mehrere Offiziere und hohe Militärs.
Als Devian schließlich Lord Harkon erkannte, der links hinter Allmec stand, fiel ein Teil seiner Nervosität von ihm ab. Sein Pate war gekommen. Sein Vater dagegen nicht.
Der Gedanke schmerzte, doch er verdrängte ihn sofort. Dafür blieb keine Zeit.
Vor ihm öffnete sich eine Bodenluke, und ein Aufseher stieg auf einer Repulsorplattform empor. Mit verschränkten Armen blieb er einige Meter über Devian stehen.
„Achtung, Kadett!“
Seine Stimme hallte durch die Halle.
„Heute absolviert Ihr Eure Feuerprobe. Erreicht den Turm, sichert die Standarte und beweist Eure Eignung für die Garde. Widerstand ist zu erwarten.“
Der Aufseher deutete auf einen fünfzehn Meter hohen Turm am anderen Ende der Anlage. Die Fahne der Praetorianer wehte auf seiner Spitze.
„Fragen?“
Devian schüttelte den Kopf und lud sein Monarch-D6-Gewehr durch. Kurz darauf begann die Prüfung.
Überall öffneten sich Bodenluken. Mech-Soldaten und automatische Geschütztürme fuhren aus ihren Verstecken und eröffneten sofort das Feuer.
Devian sprintete zur ersten Deckung.
„Ziele erfasst“, meldete die KI seines Helms. Er atmete einmal tief durch. Dann verließ er seine Deckung.
Gezielte Schüsse rissen mehrere Mechs und Geschütztürme auseinander, bevor er bereits die nächste Barrikade erreichte. Immer wieder wechselte er seine Position, nutzte jede Deckung und bewegte sich schneller, als die Maschinen reagieren konnten.
Selbst als Nahkampfmechs mit Klingen und Hellebarden auf ihn zustürmten, blieb er ruhig.
Seine Klingen blitzten auf. Innerhalb weniger Augenblicke lagen die Maschinen zerstört auf dem Boden.
Oben in der Beobachterloge verfolgte Lordkanzler Allmec das Geschehen aufmerksam.
„Er liest ihre Bewegungen“, murmelte einer der Offiziere.
Tatsächlich wirkte es beinahe so, als würde Devian die Angriffe vorhersehen. Selbst Allmec musste sich eingestehen, dass der junge Arkano außergewöhnlich war.
„Schicken Sie die Synths hinein“, befahl der Lordkanzler schließlich. „Ich möchte sehen, wie er sich gegen menschliche Ziele verhält.“
Wenig später öffnete sich am anderen Ende der Anlage eine Schleuse.
Bewaffnete Synth-Soldaten rückten vor und nahmen Devian unter Beschuss. Seine Munition wurde knapp. Er aktivierte erneut die Sensoren seines Helms und suchte die Umgebung ab.
Eine beschädigte Brennstoffzelle. Seine einzige Chance.
Devian verließ seine Deckung, feuerte und riss die Zelle in einem gewaltigen Feuerball auseinander. Die Explosion erfasste mehrere Gegner gleichzeitig.
Als sich der Rauch verzog, blieben nur noch wenige Ziele. Innerhalb von Sekunden waren auch sie ausgeschaltet. Schweigend blickten die Offiziere auf das Schlachtfeld.
Devian steckte seine Waffen weg und näherte sich dem Turm. Langsam kletterte er die Stahlstreben hinauf. Oben angekommen zog er die Standarte der Praetorianergarde aus ihrer Halterung und hob sie in die Höhe.
„Feuerprobe bestanden“, verkündete die Computerstimme.
Erleichtert setzte Devian den Helm ab. Schweiß klebte in seinen Haaren, und sein Atem ging schwer.
Kurz darauf öffnete sich eine Tür unterhalb der Zuschauerloge. Lordkanzler Allmec betrat die Halle, gefolgt von den Offizieren und Lord Harkon. Devian stieg vom Turm hinab und nahm Haltung an. Der alte Herrscher blieb vor ihm stehen.
„Ich muss gestehen, junger Arkano“, sagte Allmec schließlich, „es ist lange her, dass ich eine derart beeindruckende Feuerprobe gesehen habe.“
Er reichte Devian die Hand.
„Ich danke Euch, Sire.“
„Willkommen in der Garde. Von diesem Tag an dient Ihr in der Vierten Legion. Möget Ihr Euren Eid gegenüber dem Commonwealth stets ehren.“
Er überreichte Devian seine Auszeichnung.
Für einen Moment blickte der Lordkanzler ihm schweigend in die Augen, als würde er versuchen, hinter die Gedanken des jungen Rekruten zu blicken. Dann wandte er sich ab. Gemeinsam mit den Offizieren verließ er die Halle.
Zurück blieb nur Lord Harkon.
Und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte Devian, dass die Prüfung vielleicht noch gar nicht vorbei war.
„Nun, wie ich gesehen habe, bist du tatsächlich zu einem Mann geworden.“ Lord Harkon lächelte, als er auf Devian zukam.
„Onkel Eldrige.“
Zum ersten Mal an diesem Tag wich die Anspannung aus Devians Gesicht. Die beiden umarmten sich herzlich. Acht Jahre waren vergangen, seit sie sich zuletzt gesehen hatten. Es tat gut, einem vertrauten Menschen gegenüberzustehen.
„Du machst deinem Vater inzwischen ernsthafte Konkurrenz“, sagte Harkon und klopfte ihm auf die Schulter. Devian musste schmunzeln.
„Jetzt übertreibt Ihr aber.“
Nach einigen Schritten wurde er wieder ernst.
„Wie geht es meinen Vater?“
Für einen kurzen Moment verfinsterte sich Harkons Miene. Nur einen Augenblick. Doch Devian bemerkte es.
„Das wirst du bald selbst erfahren“, antwortete sein Pate schließlich. Dann zog er zwei Datentickets aus seiner Manteltasche.
„Abflug heute um achtzehn Uhr. Ziel: Arkaneion.“
Für einen Moment blieb Devian die Luft weg.
Endlich. Nach acht Jahren. Er würde nach Hause zurückkehren. Harkon blickte auf seine Holoanzeige.
„Bei allen Sternen, schon so spät.“ Er seufzte.
„Ich muss mich auf die Quorumssitzung vorbereiten. Kommst du die letzten Stunden allein zurecht?“
Devian lächelte.
„Ich habe die letzten acht Jahre allein überstanden. Die paar Stunden schaffe ich auch noch.“
Harkon nickte zufrieden.
„Dann treffen wir uns auf der Zitadelle. Deck C13.“
„Verstanden.“
Sie verabschiedeten sich mit einer letzten Umarmung, bevor Harkon im Korridor verschwand.
Zurück im Wohnkomplex packte Devian die letzten Dinge zusammen. Eigentlich hatte er das meiste schon vor Wochen vorbereitet. Trotzdem fühlte sich jede Bewegung plötzlich endgültig an. Zum letzten Mal räumte er seinen Schrank aus. Zum letzten Mal blickte er aus dem Fenster. Zum letzten Mal stand er in diesem Zimmer.
Als er die Bettdecke zusammenschlug, fiel etwas auf den Boden. Kiras Armband.
Devian hob es auf. Er drehte es nachdenklich zwischen seinen Fingern. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht kehrten sofort zurück.
Der Kuss.
Die Gefühle.
Die Worte.
Und dann der Morgen.
Kira war einfach verschwunden.
Warum? Devian wusste es nicht.
Er steckte das Armband ein, nahm seine Tasche und verließ sein Zimmer.
Vor dem Aufzug blieb er stehen. Noch einmal betrachtete er das Armband. Dann drehte er sich um. Statt zum Lift ging er den langen Flur hinunter. Vor Tür 5672 blieb er stehen.
Kiras Zimmer.
Er klopfte.
Keine Antwort.
Er wartete.
Nur das leise Summen der Belüftung war zu hören.
Er klopfte erneut.
Nichts.
Langsam senkte Devian den Blick. Wahrscheinlich hatte Kira bereits Unterricht. Oder vielleicht wollte er einfach nicht öffnen. Ein unangenehmes Gefühl zog sich durch seine Brust. Er warf einen Blick auf seine HoloWatch.
Die Zeit wurde knapp. Das Boarding würde nicht auf ihn warten. Schweren Herzens wandte er sich wieder dem Aufzug zu. Das Armband hielt er noch immer in der Hand. Und während sich die Lifttüren vor ihm öffneten, fragte er sich, ob er Kira jemals wiedersehen würde.
Die Zitadelle war der gewaltige Raumhafen Cydonias. Im Orbit des Planeten kreisend verband sie die Hauptstadt mit dem übrigen Commonwealth. Alle Schiffe, die Cydonia erreichen oder verlassen wollten, mussten hier anlegen.
Devian stand vor einer der riesigen Panoramascheiben und blickte hinaus auf das geschäftige Treiben. Frachter, Shuttles und Kriegsschiffe bewegten sich zwischen den Docks, während Reisende aus allen Teilen der Galaxis ihren Geschäften nachgingen.
In der Ferne glitt ein alter Schlachtkreuzer der Tiberian-Klasse auf ein Sphärentor zu. Wenige Sekunden später verschwand das Schiff im schimmernden Licht des gewaltigen Rings.
Bald würde auch er diesen Weg antreten.
„Ist alles gepackt?“
Devian drehte sich um. Lord Harkon war unbemerkt neben ihn getreten. Der junge Rekrut nickte.
„Und hast du dich von deinen Kameraden verabschiedet?“
Die Frage traf ihn unerwartet.
„Nicht von allen.“
Harkon betrachtete ihn einen Augenblick schweigend.
„Früher oder später begegnet man den wichtigen Menschen wieder“, sagte Harkon schließlich.
Devian antwortete nicht. Eine Durchsage erklang.
„Passagiere des Fluges C13 nach Arkaneion werden gebeten, sich zum Boarding bereitzuhalten.“
Harkon lächelte.
„Na endlich.“
Gemeinsam mit den übrigen Passagieren betraten sie das Schiff.
Devian nahm am Fenster Platz, sein Pate setzte sich ihm gegenüber. Während die Schotts geschlossen wurden, beobachtete er, wie die Zitadelle langsam hinter ihnen zurückblieb.
Das Schiff löste sich aus dem Hangar und nahm Kurs auf das Sphärentor.
Arkaneion.
Zum ersten Mal seit acht Jahren würde er seine Heimat wiedersehen. Die weißen Strände, die endlosen Meere und die warmen Winde seiner Welt schienen plötzlich zum Greifen nah.
Doch seine Gedanken kehrten immer wieder zu einer anderen Person zurück.
Zu Kira.
Zu ihrer gemeinsamen Nacht.
Zu dem Kuss auf dem Dach.
Er fragte sich, ob Kira dasselbe empfunden hatte. Ob er den Morgen bewusst vermieden hatte oder ob ihm einfach die Worte gefehlt hatten.
Vielleicht würden sie sich eines Tages wiedersehen.
Vielleicht erst im Krieg.
Vielleicht überhaupt nicht.
Das Schiff näherte sich dem Sphärentor.
Vor den Fenstern breiteten sich leuchtende Energiebänder aus, die den Raum selbst zu verzerren schienen. Das vertraute Summen des Antriebs erfüllte die Kabine.
Nach und nach wurden die Gespräche der Passagiere leiser.
Viele schlossen bereits die Augen.
Auch Devian lehnte den Kopf zurück.
Die Lichter des Sphärenfeldes spiegelten sich auf der Scheibe, während seine Gedanken zwischen seiner Heimat und dem Jungen pendelten, den er auf Cydonia Prime zurückgelassen hatte.
Dann beschleunigte das Schiff.
Ein dumpfer Knall durchlief den Rumpf.
Und wenige Augenblicke später verschwand Cydonia Prime hinter ihnen.









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