Kapitel 1
Gelangweilt stand Gigi mit Kisha und Peachie, ihren besten Freundinnen, unter einem weißen Baldachin und nippte gelangweilt an ihrem Cocktail. Wenn sie auch nur noch eine halbe Stunde hierbleiben musste, würde sie verrückt werden.
Wie sie diese gesellschaftlichen Verpflichtungen hasste!
Sie mied sie, so gut wie sie konnte, aber heute hatte sie keine Chance gehabt, dieser zu entkommen. Peachies Eltern feierten ihren dreißigsten Hochzeitstag, und das musste natürlich vor allen Freunden zelebriert werden. Ihre Eltern waren mit den Eltern von Peachie schon seit Ewigkeiten befreundet, und da war es nur selbstverständlich, dass sie zu dem Jubiläum eingeladen waren.
Sie trank einen großen Schluck von ihrem Martini und musterte die anderen Partygäste, vor allem die männlichen. Die meisten waren älter, total uninteressant für sie. Vor einem dreiviertel Jahr hatte sie sich von Darren getrennt und war seitdem Single.
Und wie sie festgestellt hatte, war sie gerne Single. Endlich konnte sie flirten, mit wem und wann sie wollte. Musste nicht ständig Darrens eifersüchtige Blicke ertragen. Fast drei Jahre war sie mit ihm zusammen gewesen, aber jetzt als Single fragte sie sich, wie sie es mit ihm überhaupt ausgehalten hatte. Wie sie es überhaupt in einer Beziehung ausgehalten hatte. Doch sie schob die Gedanken an Darren schnell beiseite. Schließlich wollte sie sich heute amüsieren, wenn sie schon hier sein musste.
„Sehen sie nicht einfach perfekt aus?“, fragte Peachie.
Gigi folgte dem Blick ihrer Freundin, der auf ein Paar gerichtet war, das unter einem blumengeschmückten Baldachin stand. Die Frau trug ein langes, ärmelloses, hellrotes Sommerkleid. Ihre langen schwarzen Haare wehten leicht im Wind. Von Weitem hätte man sie leicht für ein junges Mädchen halten können.
„Jetzt spielen sie wieder die perfekten Eheleute, die in der perfekten Ehe leben“, fuhr Peachie fort. Ihre Stimme tropfte inzwischen vor Hohn.
Peachies Eltern standen wirklich wie scheinbar überglückliche Eheleute zusammen und nahmen die Glückwünsche der Partygäste entgegen. Dabei hatte Peachie ihr schon vor einigen Jahren erzählt, dass alles nur gespielt war. Die perfekten Eheleute und ihre perfekte Ehe – was für ein Fake. Laut Peachie hatte ihre Mutter zurzeit zwei Affären, eine mit ihrem Fitnesstrainer Ken und dann noch mit Victor, einem Typen aus dem Country Club. Und ihr Vater, der hatte seine Modelfreundinnen, die er als seine Sekretärinnen tarnte und regelmäßig auswechselte. Peachies Eltern wussten von den jeweiligen Affären ihres Ehepartners, duldeten sie jedoch stillschweigend. Man war ja so perfekt, da würde eine Scheidung nur das perfekte Bild trüben.
„Sie macht jetzt nicht einmal vor ihrem eigenen Haus halt. Letztens habe ich sie beim Vögeln mit dem Kenpüppchen im Poolhaus erwischt.“
„Wirklich?“ Kisha riss die Augen auf. „Ich dachte, das Kenpüppchen ist schwul. Hast du das nicht gesagt?“
„Das dachte ich auch bei den engen Klamotten, die er immer trägt, aber das war wohl ein Irrtum.“ Peachie trank einen Schluck von ihrem Cocktail. „Es war vor ungefähr zwei Wochen. Ich wollte mich etwas an den Pool legen, aber die Auflagen für die Liegen waren nicht da und so bin ich Richtung Poolhaus gegangen, um mir selbst eine aus dem Lagerraum zu holen. Als ich beim Poolhaus vorbeikam, hörte ich Musik und seltsame Geräusche. Ich dachte, dass sich der Poolboy vielleicht darin herumtreibt, und habe die Tür aufgerissen, wütend darüber, dass er seiner Arbeit nicht nachging. Aber im Poolhaus war nicht der Poolboy, sondern sie.“ Abfällig wies Peachie mit ihrem Kinn in Richtung ihrer Mutter. „Sie lag auf dem großen Bett, mit Handschellen an das Kopfende gefesselt, und ließ sich von dem Kenpüppchen vögeln.“
„Iiiiih“, ließ Kisha sich vernehmen. „Die eigene Mutter beim Vögeln erwischen.“
Peachie nahm noch einen Schluck von ihrem Cocktail, während sie ihre Mutter nicht aus den Augen ließ. „Sie hatte noch nicht mal den Anstand, sich zu schämen, als sie mich entdeckt hatte. Sie sagte nur, ich soll die Tür von außen zumachen.“
Gigi blickte zu Peachies Mutter Carol. Sie war immer noch eine schöne Frau für ihr Alter, obwohl sich bei ihr die zahlreichen Operationen, die sie vor dem Altern bewahren sollten, in ihrem Gesicht immer mehr widerspiegelten. Bei einer ihrer letzten Begegnungen hatte Gigi festgestellt, dass das Gesicht von Carol wie festgefroren aussah, sodass Gigi überlegt hatte, ob Carol überhaupt noch lachen konnte. Als Peachie und sie noch Kinder waren, hatte Carol viel gelacht, und ihr Lachen war immer so ansteckend gewesen. Die Nachmittage bei Peachie hatte sie immer als sehr lustig in Erinnerung.
„Wenn das so weitergeht, werde ich wahnsinnig.“ Peachie wandte ihren Blick von ihren Eltern ab und ließ ihn über die Gästeschar streifen.
„Wem sagst du das!“, Kisha verdrehte die Augen. „Eine reine Spießerparty. Nur alte Leute.“
Kisha hat recht, dachte Gigi. Nur alte Leute. Bis jetzt hatte sie noch keinen interessanten Mann gesehen, mit dem sie sich heute Abend amüsieren konnte. Gigi warf einen Blick auf ihre Uhr. Noch lief der Empfang, aber in einer halben Stunde würde das Dinner anfangen. Es war hier langweilig, langweilig, langweilig. Wie sollte sie das nur überleben? Sie trank ihren Cocktail aus.
„Kommt, Mädels. Ich brauche noch etwas zu trinken, wenn ich den Abend hier überstehen soll“, sagte sie, und ohne auf die Zustimmung der anderen zu warten, begann sie in Richtung Bar zu laufen.
Gemeinsam schlenderten sie langsam über den Rasen zu einer der vier Bars, die für die Feier für die zweihundertfünfzig Gäste aufgebaut waren. Es gab zwar noch jede Menge Kellner, die in Uniformen zwischen den Gästen hindurchgingen und Getränke anboten, aber das, was Gigi wollte, gab es nur an der Bar. Sie wollte einen Cocktail - mit richtig viel Alkohol. Sie warf einen Blick auf die mit teuren Holzplatten abgedeckte Rasenfläche, wo die Tische für das Dinner schon bereitstanden. Dahinter befanden sich die weißen Zelte, die den Partyservice und die Küche versteckten. Peachies Mutter hatte einen Sternekoch mit seinem Gefolge extra für die Party einfliegen lassen.
„Hey, was sehe ich denn da? Ist das ein Mann? Ein richtiger Mann?“, fragte Kisha fassungslos.
„Wo?“ Peachie blickte sich neugierig um.
„Dort.“ Kisha wies in Richtung eines der Zelte. „Wow, was für ein Körper!“
„Das ist doch nur ein Kellner, der sich umzieht“, entgegnete Gigi. Sie musterte den Mann, der sich gerade sein offensichtlich mit Rotwein bekleckertes weißes Hemd auszog.
„Na und? Bei dem Körper sag ich nicht nein.“ Kisha kicherte. „Mädels, den habe ich zuerst entdeckt.“ Sie leckte sich mit der Zunge über die Lippen. „Der gehört mir.“
„Wann willst du den denn vernaschen? Zwischen zwei Gängen neben der Abfalltonne?“, fragte Gigi, während sie den Kellner abschätzend musterte. Der Kellner hatte wirklich keine schlechte Figur – ein muskulöser, austrainierter Oberkörper mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Auf jeden Fall einen zweiten Blick wert, wie sie feststellte.
„Oh, nein“, antwortete Kisha. „Den gönne ich mir nach dem Dinner. Das wird mein Dessert, Mädels.“ Sie grinste lüstern. „Und von wegen Abfalltonne. Ich werde ihn in das Poolhaus mitnehmen. Da ist es heute schön ruhig. Und da sind wir garantiert ungestört.“
Gigi grinste. „Na, dann bist du ja schon mal versorgt.“ Und das Poolhaus war gar keine schlechte Idee. Der Poolbereich lag abseits der Fläche, wo heute die Party stattfand. Dort könnte man bestimmt in Ruhe herummachen.
„Wenn das geklärt ist, können wir ja jetzt endlich zur Bar weitergehen“, drängelte Peachie. „Ohne noch einen Drink überstehe ich das Dinner nicht. Und Kisha, pass mit dem Poolhaus auf – nicht, dass du dich mit meiner Mutter ins Gehege kommst.“
Prustend vor Lachen liefen die Frauen weiter zur Bar.
Erleichtert schritt Gigi die Treppe in das obere Stockwerk des Gästetrakts hinauf. Das Dinner war endlich vorbei. Fast zwei Stunden voll Ansprachen und mit langweiligem Small Talk. Sie hatte mit Kisha zusammen an einem Tisch gesessen. Es war einer der Restetische gewesen, wie Kisha ihr hinter vorgehaltener Hand ihr zugeraunt hatte. Ein Tisch für die Gäste, die einem irgendwie peinlich waren und doch untergebracht werden mussten. Gigi hatte das anfangs nicht glauben wollen, doch als sie die anderen Gäste sah, ein uraltes Ehepaar, eine Frau von Typ alte Jungfer, ein alter Herr und ein schwules Pärchen, das mitten in einer Ehekrise steckte und sich die ganze Zeit anschwieg, wusste sie, dass es wahr war. Und sie war fassungslos gewesen.
Peachie hatte sich mehrfach entschuldigt, als sie das mitbekommen hatte, und etwas von einem Fehler des Partyservice gemurmelt, bevor sie zum Ehrentisch, an dem ihre Eltern saßen, verschwand. Zum Glück hatte man die Showeinlagen für die Zeit nach dem Dinner reserviert, so dass nach dem Dessert das Dinner beendet war und alles eher zwanglos weiterging. Schnell hatte sie sich auf den Weg gemacht und war in eines der Gästezimmer geflüchtet, die Peachies Eltern ihr und anderen engen Freunden zur Verfügung gestellt hatten, um sich frisch zu machen.








