Der Gewinnschein
Linda Krämer mochte keine Kundenveranstaltungen.
Zumindest nicht die Art von Kundenveranstaltungen, bei denen Menschen freiwillig nach Feierabend in einem Kongresszentrum herumstanden, winzige Häppchen aßen und dabei Begriffe wie „digitale Synergien“ oder „innovative Zukunftslösungen“ benutzten.
Sie stand mit einem Glas Orangensaft an einem Stehtisch und beobachtete die Menge.
„Wenn noch ein einziger Mensch heute das Wort Digitalisierung verwendet, ohne zu wissen, was es bedeutet, schreibe ich eine App, die automatisch Stromschläge verteilt.”
„Die würde sich hervorragend verkaufen.” Linda drehte sich um. Hinter ihr stand Lukas Berger. Projektleiter. Hauptansprechpartner des Kunden für sie. Und leider viel zu gut aussehend für einen Mann, der regelmäßig Excel-Dateien verschickte.
„Ich meine das ernst”, sagte Linda.
„Ich auch. Ich würde die Premium-Version kaufen.”
Sie musste lachen. Das war eines der Probleme mit Lukas. Man konnte kaum genervt auf ihn sein. Er hatte ständig irgendeinen blöden Spruch parat.
„Wie läuft der Abend?“
„Bisher wurde mir dreimal erklärt, wie wichtig künstliche Intelligenz ist.”
„Schlimm.”
„Von Leuten, die ihr WLAN-Passwort vergessen.”
„Sehr schlimm.”
„Und einer davon wollte mir Softwareentwicklung erklären.”
Lukas verzog das Gesicht. „Das grenzt an Körperverletzung.”
„Finde ich auch.”
Für einen Moment schwiegen sie. Linda nahm einen Schluck Orangensaft. Lukas betrachtete sie mit einem kaum sichtbaren Lächeln. Er mochte diese Gespräche mit ihr. Viel zu sehr. Leider hatte Linda das nie bemerkt. Oder sie ignorierte es konsequent.
Beides war möglich.
„Ach übrigens”, sagte er schließlich. „Es gibt ein Gewinnspiel.”
Sofort verengten sich Lindas Augen. „Nein.”
„Doch.”
„Ich gewinne nie etwas.”
„Das behaupten alle.”
„Ich habe vor drei Jahren bei einer Tombola einen Radiergummi gewonnen.”
„Siehst du.”
„Das war der Trostpreis.”
„Trotzdem technisch gesehen ein Gewinn.”
„Du bist furchtbar.”
„Danke.” Er zog eine Karte aus seiner Jackentasche. „Hier.”
Linda betrachtete sie skeptisch.
Hauptpreis: Eine Luxus-Kreuzfahrt für ein bis zwei Personen im Mittelmeer.
„Das ist bestimmt wieder so ein Marketing-Trick.”
„Natürlich ist es ein Marketing-Trick.”
„Dann fülle ich das nicht aus.”
„Doch.”
„Nein.”
„Doch.”
„Nein.”
„Ich bleibe einfach hier stehen, bis du fertig bist.”
Linda schaute ihn an. „Ist das eine Drohung?”
„Ja.”
„Dann melde ich dich beim Veranstalter.”
„Ich arbeite für den Veranstalter.”
„Verdammt.”
Lukas grinste. Linda seufzte dramatisch. „Gut. Gib her.” Sie nahm einen Kugelschreiber.
Name.
Adresse.
Telefonnummer.
E-Mail.
Sie füllte alles aus.
„Zufrieden?”
„Fast.”
„Was jetzt noch?”
„Kreuz bei Teilnahmebedingungen.”
„Immer diese Kleingedruckt-Mafia.”
„Ganz schlimm.”
Linda setzte ein letztes Häkchen. Dann drückte sie ihm die Karte in die Hand. „Bitte sehr.”
„Vielen Dank für Ihre Teilnahme.”
„Kann ich jetzt gehen?”
„Noch nicht.”
„Warum?”
„Ich bringe den Schein persönlich zur Box.”
„Warum?”
„Weil ich ein verantwortungsbewusster Mitarbeiter bin.”
„Das glaubt dir niemand.”
„Mir reicht es, wenn du es glaubst.”
„Das wird nie passieren.”
Er lächelte wieder dieses merkwürdige Lächeln. Eines, das Linda nie ganz einordnen konnte. Dann ging er davon. Mit dem Gewinnschein in der Hand.
Nach wenigen Schritten blieb er stehen. Eine ältere Dame aus dem Marketing sprach ihn an. Er wechselte ein paar Worte mit ihr.
Linda wandte sich bereits ab. Deshalb sah sie nicht, wie Lukas kurz auf ihre Karte blickte.
Wie er in der Ecke einen winzigen, kaum sichtbaren Punkt setzte und eine kleine Falte knickte. Nicht groß. Nicht auffällig. Gerade genug.
Dann steckte er die Karte zwischen die anderen Teilnehmerkarten und warf alles in die große transparente Gewinnbox.
„Tut mir leid”, murmelte er leise.
„Aber bei diesem Gewinnspiel verlasse ich mich nicht auf Wahrscheinlichkeiten.”
Anschließend kehrte er mit unschuldiger Miene zurück. „Alles erledigt.”
Linda verschränkte die Arme. „Und jetzt?”
„Jetzt hören wir uns noch zwei Vorträge an.”
„Ernsthaft? Du bist grausam.”
„Danach gibt es Buffet.”
„Okay, das verbessert die Situation.”
„Und dann die Ziehung.”
„Ich gewinne sowieso nicht.”
Lukas hob eine Augenbraue.
„Willst du wetten?”
„Gern.”
„Verlierer zahlt Kaffee.”
„Abgemacht.”
„Dann freue ich mich schon auf meinen kostenlosen Kaffee.”
Linda lachte. „Du bist viel zu optimistisch.”
„Und du viel zu pessimistisch.”
Keiner von beiden wusste, dass in knapp zwei Stunden eine Moderatorin auf einer Bühne stehen und genau einen Namen aus einer Box ziehen würde.
Einen Namen, der ihre beiden Leben für die nächsten Wochen gründlich durcheinanderbringen sollte.
Und der eigentliche Verursacher stand bereits neben der Gewinnerin.
Mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt.








