Eine Frau mit Prinzipien
Monia Berger war achtundzwanzig Jahre alt und führte, wie sie selbst fand, ein ziemlich ordentliches Leben.
Nicht spektakulär. Nicht aufregend. Aber ordentlich.
Sie wohnte in einer gemütlichen Zwei-Zimmer-Wohnung am Rand der Stadt, hatte einen Job, den sie mochte, einen festen Freundeskreis und ausreichend gesunden Menschenverstand, um sich von sämtlichen Dingen fernzuhalten, die ihr unnötige Probleme bereiten konnten.
Zum Beispiel Firmenromanzen. Besonders Firmenromanzen.
Ihre Freundin Sandra behauptete regelmäßig, Monia sei viel zu vernünftig. Monia hielt das für ein Kompliment.
Sandra meinte es meistens als Beleidigung. „Du denkst immer erst nach, bevor du etwas tust.“
„Das nennt man Erwachsensein.“
„Nein. Das nennt man langweilig.“
Monia war anderer Meinung. Langweilig war schließlich nur ein anderes Wort für stressfrei. Und stressfrei war wunderbar. Zumindest meistens.
An diesem Freitagabend saß sie ihrem Lieblingsmenschen in ihrer Lieblingsbar gegenüber und hörte sich bereits seit zehn Minuten an, warum Sandras neuer Freund angeblich eine absolute Katastrophe war.
„Er hat tatsächlich gefragt, ob man Weißwein kühlen muss.“
„Vielleicht wusste er es nicht.“
Sandra starrte sie entsetzt an. „Monia. Er ist dreißig.“
„Man lernt nie aus.“
„Du verteidigst immer alle.“
„Nein. Nur Menschen, die gerade nicht anwesend sind.“
Sandra verdrehte die Augen. Monia grinste.
Die kleine Bar lag in einer Seitengasse der Innenstadt und gehörte zu den wenigen Orten, an denen sie sich wirklich wohlfühlte.
Keine laute Musik. Keine überfüllte Tanzfläche. Kein Publikum, das sich für besonders wichtig hielt.
Man konnte reden, lachen und in Ruhe einen Cocktail trinken. Genau deshalb kam sie fast jeden Freitag hierher.
Die Arbeit war schließlich anstrengend genug.
Monia arbeitete im Schreibbüro eines internationalen Konzerns mit mehreren tausend Mitarbeitern. Von außen wirkte das unglaublich beeindruckend.
Von innen bestand ihr Alltag hauptsächlich aus E-Mails, Protokollen, Terminlisten und Dokumenten. Unzähligen Dokumenten.
Manchmal fragte sie sich ernsthaft, ob ein Unternehmen tatsächlich so viele Besprechungen brauchte. Dann erhielt sie die Protokolle dieser Besprechungen. Und wusste sicher: Ja. Offenbar brauchte es sie.
Trotzdem mochte sie ihren Job. Sie war organisiert. Sie arbeitete sorgfältig. Und sie hatte das angenehme Talent, auch dann noch den Überblick zu behalten, wenn um sie herum bereits alle anderen die Nerven verloren.
„Du könntest Karriere machen.“ Diesen Satz hörte sie regelmäßig. Besonders von ihren Eltern. Oder von Kollegen. Oder von Menschen, die glaubten, jeder müsse zwangsläufig die Karriereleiter erklimmen wollen.
Monia zuckte dann meist nur mit den Schultern. Natürlich konnte sie Karriere machen. Aber wollte sie das überhaupt?
Sie verdiente genug, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Hatte nette Kollegen. Und genügend Freizeit, um ihr Leben zu genießen.
Warum sollte sie sich freiwillig achtzig Stunden pro Woche in irgendein Büro einsperren? Das überließ sie lieber anderen.
Zum Beispiel ihrem Chef.
Über den kursierten mittlerweile die wildesten Geschichten. Die meisten Mitarbeiter hatten ihn nie persönlich kennengelernt. Monia ebenfalls nicht.
Sie wusste nur, dass er ständig unterwegs war, ununterbrochen arbeitete und vermutlich mit seinem Kalender verheiratet war.
Der große Geschäftsführer. Der Mann ganz oben. Mr. Reynolds. Eine fast mythische Gestalt innerhalb des Unternehmens. Manchmal fragte sie sich sogar, ob es ihn wirklich gab.
„Du grinst schon wieder.“ Sandra riss sie aus ihren Gedanken.
„Tue ich das?“
„Ja. Worüber denkst du nach?“
„Darüber, dass ich vermutlich die einzige Frau in diesem Unternehmen bin, die keine Karriere machen möchte.“
„Blödsinn.“
„Und darüber, dass mein Chef wahrscheinlich sogar im Schlaf Excel-Tabellen analysiert.“
Sandra lachte. „Du solltest ihn irgendwann mal kennenlernen.“
„Warum?“
„Vielleicht ist er attraktiv.“
Monia schüttelte sofort den Kopf. „Auf gar keinen Fall.“
„Was?“
„Männer aus der Firma.“
Sandra stöhnte bereits genervt auf. „Nicht schon wieder.“
„Doch.“
„Monia ...“
„Nein.“
„Aber warum?“
Monia hob einen Finger. „Regel Nummer eins: Niemals jemanden daten, mit dem man arbeitet.“
Zweiter Finger. „Regel Nummer zwei: Niemals jemanden daten, der über dir steht.“
Dritter Finger. „Regel Nummer drei: Wenn du gegen Regel eins oder zwei verstößt, kündigst du früher oder später entweder deinen Job oder deine Beziehung.“
Sandra lachte. „Du hast aus deiner letzten Katastrophe wirklich gelernt.“
„Teuer genug war sie.“
Vor drei Jahren hatte sie einmal einen Kollegen gedatet. Drei Monate später konnten sie sich nicht mehr ausstehen. Sechs Monate später mussten sie trotzdem jeden Morgen gemeinsam an einem Besprechungstisch sitzen.
Nie wieder. Ganz sicher nicht. Sie nahm einen Schluck von ihrem Cocktail. „Also keine Kollegen. Keine Führungskräfte. Keine Chefs.“
„Du bist unmöglich.“
„Nein.“ Monia lächelte zufrieden. „Ich bin organisiert.“
In genau diesem Moment öffnete sich die Tür der Bar. Ein leichter Luftzug strich durch den Raum.
Mehrere Gäste blickten kurz auf. Monia eigentlich nicht. Bis sie bemerkte, dass Sandra plötzlich schwieg.
„Was ist denn jetzt?“
„Nichts.“
Sandra grinste. „Gar nichts.“
Misstrauisch drehte Monia den Kopf. Ein Mann war gerade eingetreten. Groß. Dunkles Haar. Breite Schultern. Ein schlichtes dunkelblaues Hemd. Nichts Auffälliges. Und trotzdem fiel er sofort auf.
Vielleicht lag es an seiner Ausstrahlung. Vielleicht daran, dass er sich bewegte, als gehöre ihm jeder Raum, den er betrat.
Vielleicht lag es einfach daran, dass er verdammt gut aussah.
Er setzte sich an den Tresen. Bestellte etwas. Und blickte zufällig genau in ihre Richtung. Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke.
Seine Mundwinkel hoben sich leicht. Nicht aufdringlich. Nicht arrogant. Einfach nur freundlich.
Monia spürte zu ihrem eigenen Ärger, wie ihr Herz einen Schlag schneller schlug.
Sandra bemerkte es natürlich sofort. „Oh.“
„Sag nichts.“
„Ich habe überhaupt nichts gesagt.“
„Aber du denkst es.“
„Ja.“
Monia verdrehte die Augen. Sie nahm ihr Glas in die Hand.
Und genau in diesem Augenblick erhob sich der Fremde vom Tresen und ging auf ihren Tisch zu.
Sandra lächelte plötzlich wie eine Katze, die einen Kanarienvogel entdeckt hatte. Monia ahnte bereits, dass dieser Abend deutlich komplizierter werden würde, als sie geplant hatte.
Der Mann blieb vor ihrem Tisch stehen. Seine Augen funkelten belustigt. „Entschuldigen Sie“, sagte er.
„Aber Ihre Freundin sieht aus, als würde sie gerade versuchen, Sie mit mir zu verkuppeln.“
Sandra strahlte. Monia schloss kurz die Augen. Oh nein. Der Abend wurde definitiv kompliziert. Und der Mann lächelte.
„Kenneth“, sagte er und reichte ihr die Hand.
Monia nahm sie entgegen. „Monia.“
Noch ahnte keiner von ihnen, dass genau in diesem Moment ein Problem begonnen hatte, das ihr Leben komplett auf den Kopf stellen würde.









Nie mit einem Mann aus der Firma, klingt eigentlich sehr vernünftig. Eigentlich...