1 | Rotbraunes Fell – Cyrus

Alle saßen sie bereits im Verhandlungsraum.
Der First Warrior, der allerdings nicht einmal ansatzweise an meine Stärke heranreicht, sitzt bereits an seinem Platz. Er ist der beste Elite-Krieger, der unter meinem Kommando die Warriors anführt. Ebenfalls waren die Hunter anwesend, die zum größten Teil Spuren richtig zu lesen wussten.
Augenblicklich verstummten die Gespräche, als ich durch die schweren, dunklen Holztüren des Raumes trat.
Erhobenen Hauptes setzte ich einen Fuß vor den anderen. Mein schwarzes Hemd spannte sich über meine Schultern, während ich mit ruhigen Schritten durch die Mitte der beiden Tischreihen entlangging.
Ausnahmslos jedes Augenpaar der Männer war auf mich gerichtet. Das kannte ich zur Genüge. Jeder innerhalb meines Rudels begegnete mir mit dem nötigen Respekt.
Die Frauen senkten jedes einzelne Mal ihre Köpfe, sobald ich in ihrer Nähe auftauchte.
Die Männer strafften sofort ihre Mienen und sperrten jede Emotion aus.
Die Kinder wussten nicht so recht, wie sie mit der Situation umgehen sollten und versteckten sich hinter nahe gelegenen Bäumen, in den Büschen oder in den Häusern ihrer Familien.
Die Siedlung mitten im Wald bestand aus dem großen Anwesen der Silverclaw-Familie, das von mehreren Häusern umringt war. Das Silverclaw-Anwesen bewohnten außer meinem Vater und mir ebenfalls die Warriors. Zusätzlich suchte mein Vater immer wieder junge Frauen aus, um sie ins Anwesen einzuladen, die um die zwanzig Jahre alt waren.
Sie dienten nur einem einzigen Zweck.
Ein Silverclaw-Erbe war längst überfällig. Die Blutlinie der Silverclaws sollte fortgeführt werden, und ein zukünftiger Alpha sollte meinem Blut entstammen, statt durch den Namen eines anderen Hauses ausgelöscht zu werden.
Bis heute trug das keine Früchte.
Die lästigen Frauen ignorierte ich gekonnt. Keine von ihnen könnte mich zufriedenstellen. Mein Vater verstand das keineswegs, oder eher: Er wollte es nicht wahrhaben. Die Versuche, ihn davon abzuhalten, neue potenzielle Gefährtinnen ins Haus zu holen, stießen bei ihm weitestgehend auf taube Ohren.
Letztlich fanden einige von ihnen ihren Weg in die Betten der Warriors, die noch keine Mate an ihrer Seite verzeichnen konnten.
Ich hatte mein ganzes Leben lang keine Wölfin gebraucht. Die Wünsche meines Vaters konnte ich niemals erfüllen. Keine Frau hatte jemals etwas in mir ausgelöst, das über körperliche Befriedigung hinausging. Selbst diese fühlte sich eher nach einer Bürde als nach Vergnügen an.
Ich hatte es versucht. Öfter, als mir lieb war. Doch nach wenigen Berührungen verloren die Wölfinnen bereits ihren Reiz. Ihre entblößten Körper sprachen mich kaum an. Selbst die körperliche Nähe, die bei anderen Männern Verlangen weckte, ließ in mir nichts als Gleichgültigkeit zurück. Das Berühren der Brüste fühlte sich nicht richtig an. Die Feuchtigkeit, die auf meine Finger floss, sobald ich in ihren Schambereich eindrang, verursachte nichts als Abscheu in mir.
Stattdessen tauchte immer wieder dasselbe Bild in meinem Kopf auf.
Ein einziger Wolf.
Sein Anblick löste in mir mehr aus als diese Frauenkörper es jemals vermochten.
Nach wenigen Minuten schickte ich die Wölfinnen fort. Ohne Gewissensbisse. Ohne Bedauern. Ohne Schuldgefühle.
Nachdem ich den Tisch und somit meinen Platz erreichte, setzte ich mich auf den gepolsterten Holzstuhl.
Für eine Sekunde fiel mein Augenmerk auf den Platz rechts von mir.
Kael, mein First Warrior, saß wie ein König auf dem Stuhl. Aber dieser Platz gehörte nicht ihm. Das hatte er nie.
Mir blieb allerdings keine Wahl. Den Posten des Betas musste ich neu besetzen. Daran führte kein Weg vorbei. Kael war unter all den Kriegern am besten geeignet. Nur widerwillig setzte ich ihn in das Amt. Verdient hatte er es nicht. Niemand hatte diesen Rang verdient. Allein meinem stärksten Untergebenen stand es zu, sich Beta zu nennen. Kael würde in keinster Weise an seinen Vorgänger herankommen.
Kael wusste, dass ich ihn nur tolerierte. Akzeptieren würde ich ihn nie. Sollte er mir überdrüssig werden, würde ich nicht lange fackeln und ihn aus dem Shadow Guardian Pack verbannen. Das wäre eine der milderen Strafen, die ihn ereilen würde.
Leider konnte ich es mir aber momentan nicht leisten, Kael zu verlieren. Er war der beste Krieger, den mein Rudel zu bieten hatte. In den letzten drei Jahren hatte ich keinen würdigen Ersatz gefunden, der an die Stärke des ehemaligen Betas herankam. Auch in anderen Packs, die unter meiner Kontrolle standen, hatte ich mein Glück versucht. Es waren vergebene Mühen. Nirgends war ein würdiger Ersatz vorhanden.
Das lag nicht zuletzt an meinen Ansprüchen. Keiner von ihnen war würdig genug, sich als mein Shadow zu bezeichnen!
»Beginnt!«, forderte ich die Männer auf.
Kael räusperte sich. »Hunter, gab es in der letzten Woche Auffälligkeiten?«
Der Erste in der linken Reihe ergriff das Wort: »Allerdings. Es wurden Wölfe aus westlicher Richtung gesichtet. Keine aus unseren Reihen.«
Aus dem Westen.
Ich wiederholte die Worte gedanklich, während meine roten Augen den Hunter in Augenschein nahmen.
Im Westen gab es nicht viele Rudel. Dort lag die Küste und das Meer. Unseresgleichen hielt sich dort normalerweise nicht auf. Die Wälder waren unser natürlicher Lebensraum. Viele der Wölfe lebten in kleinen Dörfern am Waldrand oder sogar in der Nähe von Städten. Die See hingegen mieden wir größtenteils.
Ein Pack hatte sich aber dennoch an der Küste breitgemacht. Es war eines der wenigen Packs, die sich mir noch nicht angeschlossen hatten.
Das Pack unter der Führung von:
Real Corvax
Sie kontrollierten die Handelsrouten der Schifffahrt.
»Wie viele waren es und wie sahen sie aus?«, wollte ich wissen. Meine Stimme spiegelte mein Äußeres wider. Unnahbar und wenig beeindruckt.
Diese Frage stellte ich nicht ohne Grund. Mein Verlangen, einen Hinweis auf den Verbleib von Lucan zu erhaschen, war allgegenwärtig.
Hatte er es geschafft? Oder wurde die Höhle, in die ich ihn gebracht hatte, letztendlich zu seinem Grab?
Mein Blick verweilte auf dem Hunter, doch mein Fokus lag längst woanders.
Auf Lucan.
Die Höhle, in der ich ein Feuer entfachte, damit er nicht in völliger Dunkelheit verbleiben musste, manifestierte sich hinter meinem geistigen Auge.
Lucans rotbraunes Fell war völlig übersät mit den Wunden, die ich ihm Minuten zuvor mit meinen Reißzähnen und Krallen zugefügt hatte. Das Blut verfärbte sein Fell tiefrot.
Die letzten Worte, die ich ihm zuflüsterte, während ich ihn ein letztes Mal in meinen starken Armen hielt, hallten unaufhörlich in meinem Kopf nach:
»Warum hast du mir das angetan?«
Seinen letzten intensiven Blick, in dessen Augen die Reue zu erkennen war, konnte ich nie aus meinen Erinnerungen verbannen.
»Du wusstest, was passieren würde.«
Er winselte, fiepte immer lauter, während seine Ohren schlaff nach unten hingen.
Ich kniff die Augen zusammen, erhob mich und verließ die Höhle. Diesen Anblick – ihn so verletzt zu sehen – konnte ich nicht länger ertragen.
Also rannte Ich. Rannte und lief wie ein Feigling davon. Meilen über Meilen. Ohne Ziel. Meine Pfoten trommelten ununterbrochen über Äste, Steine, Moos und Laub.
An einem gewaltigen Baum hielt ich schließlich inne.
Ein tiefes Knurren drang aus meiner Kehle, bevor ich herumfuhr und mit den Vorderpfoten gegen den Stamm schlug. Ununterbrochen rissen die Krallen tiefe Furchen in die Rinde.
Wieder und wieder grub ich die Krallen in den Stamm, bis die Rinde unter meinen Krallen zerfetzt war.
Dieses Bild brannte sich in meinem Kopf ein.
Lucan.
Blutüberströmt.
Schwer verletzt.
Fast völlig regungslos vor mir auf dem kalten Boden der Höhle.
Ein weiteres raues, wütendes Knurren entrang sich meiner Kehle, während sich die Krallen erneut in den Stamm gruben.
Warum? Warum hatte er mir das angetan? Von allen Wölfen musste ausgerechnet Lucan mir so etwas Schwerwiegendes antun.
Ich war nicht bereit, ihn zu verlieren.
Tagelang kehrte ich nicht zu den Shadow Guardians zurück. Ich konnte niemandem begegnen. Ich musste mich mit dem Gedanken abfinden, meinen Beta verloren zu haben.
Nicht nur meinen Beta …
Lucan war so viel mehr. Er war mehr als der Zweite Anführer des Packs.
Mit ihm war ich enger verbunden, als mit jedem andern. Er gehörte nicht nur zur Familie …
Und ich hatte ihn in den Tod getrieben …
»Drei Wölfe«, holte mich der Hunter aus meinen Gedanken.
»Einer mit schwarzem Fell, einer mit dunkelgrauem Fell und einer mit rotbraunem Fell.«
Da war es.
Das eine Merkmal.
Rotbraunes Fell.
Meine Augenbrauen hoben sich kaum merklich. Ich durfte mir nichts anmerken lassen. Keine Gefühlsregung. Das hier war schließlich ein Bericht darüber, was in meinem Territorium vor sich ging.
Meine Aufgabe war klar. Ich sorgte für Ordnung, dafür, dass keiner aus der Reihe tanzte. Ansonsten folgten Konsequenzen.
Schwächen konnte ich mir nicht erlauben. In keinster Weise. Dazu zählten auch die kleinsten Gefühlsregungen.
Doch am liebsten wäre ich sofort aufgestanden, hätte den Raum verlassen und mich in Windeseile in Richtung Westen aufgemacht. Diesem Hinweis musste ich nachgehen, egal, was es mich kosten würde.
Jetzt allerdings konnte ich nicht weg. Das störte mich zwar, aber ich musste diese wöchentliche Berichterstattung erst einmal hinter mich bringen.
»Wie nahe kamen sie uns?«, fragte ich weiter, ohne meine innere Aufgewühltheit, die mich einzuhüllen drohte, nach außen dringen zu lassen.
»Sie waren noch weit genug entfernt. Gefährlich wurden sie uns nicht. Wir werden die Gegend weiterhin beobachten«, antwortete mir der Hunter.
Drei Wölfe waren auch keine große Gefahr. Allerdings konnte ich mir denken, dass sie geschickt worden waren, um mehr über mein Pack herauszufinden.
Es war kein Geheimnis, dass Rael Corvax mich ausgelöscht sehen wollte. Er war der einzige Alpha, der es mit mir aufnehmen konnte.
Deshalb war es ein Leichtes für mich, all die anderen Rudel unter meine Kontrolle zu bringen. Die Stärke der anderen Alphas reichte bei Weitem nicht aus, um mich zu Fall zu bringen.
Corvax unterstützte die verbliebenen Packs und bot ihnen Schutz. Das bedeutete, dass seine Wölfe in den verbliebenen Territorien verteilt waren.
Sollten diese Wölfe, die gesichtet worden waren, wirklich von Corvax stammen, betete ich zur Mondgöttin Sigruna, dass Lucan nicht bei ihm war. Falls er überlebt hatte, könnte ich es ihm nie verzeihen, dass er zu Rael Corvax übergelaufen war.
Ich musste mir dessen völlig sicher sein. Dazu gab es nur eine Lösung.
»Bei eurer nächsten Beobachtungsmission werde ich euch begleiten.«
Kaum hatte ich ausgesprochen, hob Kael überrascht seinen dunkelblonden Schopf.
»Was? Alpha, denkt Ihr, das ist eine gute Idee? Der Spähertrupp arbeitet sehr gewissenhaft. Stellt Ihr die Vorgehensweise etwa auf einmal infrage?«
Auch der Gesichtsausdruck des Hunters änderte sich. Seine Lippen öffneten sich, ebenso weiteten sich seine Augen, als fragte er sich, ob er etwas Falsches gesagt oder getan hatte.
Ich wandte meinen Blick von ihm ab und sah direkt in Kaels vorwurfsvolle Augen.
»Kael, ich zweifle keineswegs an den Fähigkeiten der Späher. Meine Entscheidung ist gefallen: Die nächste Beobachtungsmission werde ich begleiten. Akzeptiere das!«, wies ich ihn zurecht.
Missmutig senkte Kael den Kopf und sah zu den rechten Tischen, an denen die Warriors saßen.
An den vorderen beiden Kriegern war die schwarze Kampfkleidung der Warriors deutlich erkennbar – eng anliegende Hosen aus robustem Stoff, schwere Stiefel und körpernahe Shirts, über denen sich die dunklen Lederwesten spannten. An ihren Hüften hingen kurze Dolche, mit denen sie blitzschnell zuschlagen konnten.
Beide schenkten Kael ein kaum sichtbares Nicken. Anscheinend dachten sie, ich bekäme es nicht mit. Ich bekam es sehr wohl mit.
Eine stille Kommunikation zwischen Kael und seinen Kriegern.
»Da die Wölfe unserer Siedlung fernblieben, habt ihr sicherlich nicht viel zu berichten, oder liege ich da falsch, Warriors?«, fragte ich an die Krieger gerichtet.
Der vorderste schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Eindringlinge zu vermelden, Alpha.«
»Gut. Ihr dürft wegtreten«, schloss ich die Versammlung.
Die Plätze leerten sich, und die Hunter und Warriors verließen den Raum.
»Vidar«, hielt ich den Anführer der Hunter auf.
Mitten beim Verlassen des Raumes drehte er sich zu mir um, kam eine Sekunde später auf mich und Kael zu und blieb vor dem Tisch stehen.
»Wir werden in einer Stunde aufbrechen. Sorge dafür, dass die Späher bereit sind.«
»Cyrus?!«, mischte sich Kael zum zweiten Mal ein. Mit gerunzelter Stirn sah er mich an. »Warum willst du so schnell aufbrechen?«
Die Höflichkeit, die er mir noch Minuten zuvor entgegengebracht hatte, war vollends verschwunden.
»Über meine Gründe muss ich dich nicht aufklären!«, gab ich ihm deutlich zu verstehen.
Damit ließ er sich allerdings nicht zufriedengeben.
»Sehr wohl habe ich das Recht zu erfahren, welche Beweggründe du verfolgst. Ich bin der Zweite Anführer der Shadow Guardians.«
»Hör auf, Kael! Du bist nichts weiter als ein elendiger Ersatz!«, fauchte ich ihn an. »Du hast Lucans Platz eingenommen, da es keinen anderen gibt, der dieses Amt übernehmen kann. Ohne einen Beta wäre die gesamte Struktur instabil.«
Ich erhob mich von dem Holzstuhl und sagte ihm den Satz, den ich ihm gegenüber die letzten drei Jahre kein einziges Mal ausgesprochen hatte. Doch jetzt hielt mich nichts mehr davon ab. Sollte Kael ruhig wissen, wie ich wirklich über ihn dachte: »Eines sei dir gesagt: Lucan kannst du nicht ersetzen!«
Bevor ich noch weiter in Rage verfiel, setzte ich mich in Bewegung, ging an Vidar vorbei und verließ innerlich aufgebracht den Raum.
Kael schenkte ich keinen weiteren Gedanken.
Schnurstracks lief ich auf das Silverclaw-Anwesen zu, das nur wenige Gehminuten von der Versammlungsstätte entfernt lag, um mich für die bevorstehende Mission angemessen zu kleiden und die entsprechenden Waffen an meinem Körper anzulegen, die ich nur selten gebrauchte.
Bisher hatte meine natürliche Stärke ausgereicht, um jeden Kampf zu bestehen.









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