Der Neue
Sandra Weber war fest davon überzeugt, dass Menschen die Phrase “Wir haben tolle Neuigkeiten” ausschließlich benutzten, wenn die Neuigkeiten gar nicht toll waren.
Deshalb ahnte sie bereits Schlimmes, als Thomas Berger um kurz vor neun Uhr einen Termin an alle schickte.
„Kurze Teambesprechung um 9 Uhr - Raum 3.“
Ein kollektives Stöhnen ging durch die Abteilung.
Sandra starrte auf die neue Kalendereinladung.
Kurze Teambesprechung. 09:00 Uhr.
Kurze Teambesprechung, dachte sie.
In ihrer Erfahrung bedeutete das entweder:
Die Besprechung dauerte eine Stunde.
Jemand hatte eine brillante Idee gehabt.
Oder beides.
Seit ihrem Wechsel an den zweiten Standort war Sandra hier schnell angekommen. Die Kollegen mochten sie. Thomas schätzte ihre direkte Art. Und sie mochte den Umstand, dass niemand hier Anzüge trug, um besonders wichtig auszusehen.
Die meisten jedenfalls nicht.
Thomas stellte sich ans Kopfende. „Also gut. Die guten Neuigkeiten.“
„Jetzt wird’s gefährlich“, murmelte Sandra.
„Ich habe das gehört.“
„War auch Absicht.“
Einige Kollegen lachten. Thomas schüttelte den Kopf. „Wir bekommen Unterstützung. Ab kommende Woche übernimmt ein neuer Projektleiter mehrere Großkundenprojekte.“
Sandra nahm einen Schluck Kaffee. Interessierte sie nicht. Projektleiter kamen und gingen.
Meistens hielten sie drei bis sechs Monate durch, bevor sie merkten, dass Sandra keine natürliche Autorität akzeptierte.
„Name?“, fragte jemand.
Thomas klickte zur nächsten Folie. Ein Bewerbungsfoto erschien.
Sandra verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. Na toll.
Der Mann auf dem Bildschirm sah aus, als wäre er direkt aus einem Wirtschaftsmagazin gefallen.
Groß. Dunkle Haare. Freundliches Lächeln. Diese nervige Mischung aus kompetent und sympathisch. Menschen sollten sich entscheiden. Beides gleichzeitig war unfair.
„Alexander Winter“, erklärte Thomas.
„Zehn Jahre Projekterfahrung. Zuletzt bei einem internationalen Softwareunternehmen. Ab Montag hier vor Ort.“
Sandra hob die Hand.
Thomas seufzte bereits. „Ja?“
„Hat er Schwächen?“
„Wie bitte?“
„Niemand sieht so aus.“
Gelächter.
Thomas rieb sich die Stirn. „Sandra.“
„Das ist eine berechtigte Frage.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Die Kollegen am Tisch hatten bereits ihren Spaß.
Thomas kapitulierte. „Soweit ich weiß, besitzt Herr Winter eine Kaffeesucht.“
„Na also.“
„Das war keine Einladung.“
„Zu spät.“
Am Montag vergaß Sandra den neuen Projektleiter bereits wieder. Bis kurz nach zehn Uhr.
Sie balancierte zwei Kaffeebecher durch den Flur, weil die Maschine beschlossen hatte, heute besonders langsam zu arbeiten.
Der eine Becher war für sie. Der andere ebenfalls. Sie hatte nur noch nicht entschieden, welchen sie zuerst trinken wollte.
„Entschuldigung.“
Eine tiefe Stimme ließ sie aufblicken. Ein Mann kam ihr entgegen. Dunkelblauer Pullover. Aktentasche. Freundliches Gesicht. Vertraute Augen.
Sandra blieb stehen. Der Mann ebenfalls.
„Sie müssen Sandra sein.“
Mist. Der Neue. „Kommt darauf an, wer fragt.“
„Alexander Winter.“
„Das habe ich befürchtet.“
Er lachte. Und zu Sandras Ärger sah das verdammt gut aus.
„Ist das ein schlechter Start?“
„Das hängt davon ab.“
„Wovon?“
Sie hob die beiden Kaffeebecher.
„Ob Sie versuchen, mir einen davon wegzunehmen.“
Alexander betrachtete die Becher. „Sind beide für Sie?“
„Ja.“
„Das erklärt einiges.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie wirken wie jemand, der mindestens zwei Kaffees gleichzeitig benötigt.“
Sandra blinzelte.
Der Neue hatte gerade in den ersten dreißig Sekunden zurückgeschossen.
Frech. Sehr frech.
„Und Sie wirken wie jemand, der glaubt, lustig zu sein.“
„Man hat mir gesagt, dass ich es bin.“
„Dann wurden Sie angelogen.“
„Das kommt vor.“
Sie musterte ihn. Er wirkte nicht beleidigt. Nicht einmal irritiert. Im Gegenteil. Als würde er sich amüsieren. Das war ungewöhnlich.
Die meisten neuen Kollegen brauchten mindestens eine Woche, um sich an Sandra zu gewöhnen.
„Thomas sucht Sie wahrscheinlich“, sagte sie schließlich.
„Dann sollte ich ihn besser finden.“
„Gute Idee.“
„Danke für den Hinweis.“ Er ging einen Schritt weiter. Dann blieb er stehen. „Übrigens.“
Sandra ahnte nichts Gutes. „Ja?“
„Einer der Kaffees wird kalt.“
„Die Gefahr gehe ich ein.“
„Mutig.“
„Gehen Sie lieber arbeiten, Herr Winter.“
„Sie auch, Frau Weber.“
Und damit verschwand er um die Ecke. Sandra starrte ihm nach. Nur kurz. Wirklich nur kurz. Dann schüttelte sie den Kopf. „Arrogant.“
Sie nahm einen Schluck Kaffee. Schwieg einen Moment.
Und murmelte dann: „...aber wenigstens lustiger als erwartet.“
Sie bemerkte nicht, dass Thomas Berger vom Ende des Flurs aus die gesamte Begegnung beobachtet hatte.
Der Standortleiter verschränkte die Arme. Lächelte langsam. Und sagte zu sich selbst: „Oh nein.“
Anschließend ging er in sein Büro. Um zu prüfen, ob Monia Berger zufällig Zeit für einen Anruf hatte.
Denn manche Katastrophen musste man einfach früh genug ankündigen.








