Prolog
Es gab keinen Winter in Elpis’ Welt. Keinen Sturm, keinen Regen, nicht einmal Schnee. Nur einen milden Wind aus dem Westen, der durch silbernes Gras strich, so sanft, dass man ihn kaum spürte. So war es hier immer gewesen, seit Elpis denken konnte. Für sie gab es kein Davor und kein Anderswo. Es gab nur dieses Licht, diesen Fluss, dieses Gras. Es war ihre ganze Welt, und sie war nie auf die Idee gekommen, dass es noch eine andere geben könnte.
Sie saß am Ufer des Flusses, der nirgendwohin floss, und sah auf ihre Hände. In letzter Zeit taten sie Dinge, um die sie niemand gebeten hatte. Gestern war ein kleiner Stein in ihrer Faust zu etwas geworden, das aussah wie ein winziger, dunkler Stern. Vorgestern hatte sie im Schlaf geweint, und dort, wo ihre Tränen den Boden berührt hatten, war das silberne Gras für einen Herzschlag lang schwarz geworden. Dann wieder silbern. Als wäre nichts gewesen.
Sie hatte niemandem davon erzählt. Nicht einmal ihrem Vater.
An diesem Tag kam er später als sonst. Und zum ersten Mal, seit Elpis sich erinnern konnte, kam Persephone mit ihm. Beide zusammen, an einem Tag, der kein besonderer Tag war. Das allein hätte ihr schon sagen können, dass heute etwas anders war. Aber sie war noch dabei, so etwas überhaupt zu lernen. Dieses leise Gefühl im Bauch, wenn etwas nicht stimmt. Sechzehn Jahre lang hatte sie nur diese beiden gehabt, an denen sie so etwas hätte üben können.
“Du bist gewachsen”, sagte Hades. Es klang nicht wie ein Kompliment. Es klang, als hätte er sich gewünscht, noch länger warten zu können, um das zu sagen.
“Ich bin genauso groß wie letzte Woche”, sagte Elpis.
“Das meine ich nicht.”
Er setzte sich nicht neben sie, wie er es sonst immer tat. Persephone schon. Sie nahm Elpis’ Hand, die noch immer leicht kribbelte, und hielt sie fest, als könnte sie dadurch etwas festhalten, das größer war als eine Hand.
“Als ich diesen Ort für dich erschaffen habe”, sagte Hades, “habe ich ihn so fest verriegelt, wie ich in meinem ganzen Leben nie etwas verriegelt habe. Ich dachte, das würde reichen, bis du bereit bist.”
“Bereit wofür?”
Hades und Persephone sahen sich an. Es war ein Blick, den Elpis nicht lesen konnte, und das machte ihr mehr Angst als alles, was er hätte sagen können.
“Das erkläre ich dir”, sagte Hades leise, “sobald ich weiß, ob uns dieser Ort überhaupt noch die Zeit dafür lässt.”
Der Boden unter Elpis’ Füßen begann zu kribbeln, genau wie ihre Hände. Sie sah hinunter. Das silberne Gras wurde schwarz. Diesmal wurde es nicht wieder silbern.
“Was passiert mit mir?”
“Du wirst endlich das, was du die ganze Zeit schon warst”, sagte Hades. “Ich habe diesen Ort gegen alles gesichert, was von außen hereindringen könnte. Nur nicht gegen das, was von innen herauswill.”
Der Wind aus dem Westen hörte auf zu wehen.
Und zum ersten Mal in ihrem Leben sah Elpis, wie sich am Rand ihrer kleinen, immergleichen Welt ein Riss auftat. Schmal wie ein Faden. Aber so hell, dass sie die Augen zusammenkneifen musste.
Es roch nach etwas, das sie noch nie gerochen hatte.
Persephone hielt ihre Hand fester. Fest genug, dass es beinahe wehtat.
“Egal, was jetzt kommt”, sagte sie, “wir lassen dich nicht los.”
Elpis sah noch einmal hin. Der Riss wurde breiter, und mit ihm das Licht, das aus ihm herausdrang, bis es kein schmaler Faden mehr war, sondern ein ganzer, gleißender Streifen, der die Welt in zwei Hälften zu schneiden schien. Sie sah noch einmal hin, weil sie es nicht lassen konnte, weil etwas in ihr wissen wollte, was da war. Dann wurde es zu viel. Das Licht fraß sich in ihre Augen, bis sie nichts mehr erkennen konnte außer Weiß, und sie wandte den Kopf ab und riss den Arm hoch, um ihr Gesicht zu schützen.

![Werewolf Hollow [GALATEA DATE TBA]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_76bbf380fa2e8dc2f70694197487ab81.jpg)






