Kapitel 1 - Vor dem Krieg

Grabner lag auf dem Rücken, das Leinenlaken bis zur Hüfte gezogen, die Zeitung auf dem Brustkorb. Die Berliner Morgenpost war an den Kanten weich geworden. Anni hatte gesehen, wie er dieselben Spalten zum zweiten Mal las. Jetzt strich sein Zeigefinger über die Schlagzeile:
Spannungen an der polnischen Grenze – Warschau verweigert Rückkehr Danzigs.
Anni kniete neben ihm auf dem Bett. Sie trug nur sein Oberhemd; die Ärmel hatte sie bis zu den Ellenbogen hochgeschoben. Ihr Haar war vom Schlaf und von seinen Händen zerzaust. Sie legte die Finger auf seinen Oberschenkel. Unter ihrer Hand blieb sein Muskel hart.
»Was glaubst du … wird es Krieg geben?«
Grabner hob den Blick von der Zeitung. Er sah sie einen Augenblick an, ohne dass sich in seinem Gesicht etwas regte. Dann faltete er das Blatt genau in der Mitte und legte es auf den Nachttisch.
»Ich glaube nicht, dass die Polen es darauf ankommen lassen.«
Anni wickelte eine Haarsträhne um den Finger. »Aber Hitler will doch mehr als Danzig. So hört sich das jedenfalls an.«
Grabner schloss kurz die Augen. »Der Führer will, dass Deutschland wieder geachtet wird. Ordnung, Anni. Kein Durcheinander mehr.«
»Und wenn es trotzdem kracht?«
Er antwortete nicht. Im Zimmer hing der Rauch seiner letzten Zigarette. Anni hörte seinen Atem, ruhig und schwer, und darunter den Takt der Stadt: ein Motorrad auf dem Kaiserdamm, Stimmen auf dem Bürgersteig, das Radio hinter einer fremden Wand.
Grabner zog sie an sich. Ihr Kopf kam auf seiner Brust zu liegen. Der Herzschlag unter ihrer Wange war kräftig, aber zu schnell.
»Wenn es so weit ist«, sagte er, »ist alles, was vorher war, nur noch Erinnerung.«
Anni legte den Arm fester um ihn. Sie wusste nicht, ob er sie beruhigen wollte oder sich selbst.
Nach einer Weile schob sie die dünne Decke beiseite. Grabner öffnete die Augen, als sie sich über ihn setzte. Das Hemd glitt an ihren Schenkeln hoch. Im Licht der Straßenlaterne zeichneten sich die alten Narben auf seiner Schulter und seinem Unterarm ab.
»He. Was hast du vor?«
»Dich auf andere Gedanken bringen.«
Sie begann sich langsam zu bewegen. Ihre Hände lagen auf seiner Brust. Zunächst blieb er reglos, als könne er auch das noch durch bloße Disziplin von sich fernhalten. Dann schlossen sich seine Finger um ihre Taille.
»Wollen wir nicht ein paar Tage an die Ostsee fahren?«, fragte sie.
Sein Griff wurde fester. »Was?«
»Einfach fort. Wo der Sand warm ist und keiner wissen will, was du den ganzen Tag treibst.« Sie beugte sich zu ihm hinunter. »Ich hab von Rügen gelesen. Und von Kolberg. Musik am Strand, richtige Hotels, morgens Frühstück mit Blick aufs Wasser. Nur wir zwei.«
»Das geht nicht, Anni.«
»Du sagst immer, es geht nicht.«
»Du weißt nicht, wie mein Dienst läuft.«
»Nein. Aber ich sehe, wie du nachts daliegst. Wie ein Ertrinkender. Als hättest du Wasser in der Lunge.«
Er sah an ihr vorbei zum offenen Fenster. Seine Finger lagen noch immer um ihre Hüften. Anni wartete. Sie wollte nicht bitten. Nicht jetzt, während sie nackt unter seinem Hemd auf ihm saß und seine Zeitung neben dem Bett von Grenzen und Krieg sprach.
Dann zog sie ihn zu sich und küsste ihn. Sein Mund blieb einen Herzschlag lang verschlossen. Danach erwiderte er den Kuss, heftig und wortlos. Seine Hände glitten über ihren Rücken, doch Anni spürte die Spannung darin. Selbst in ihrer Nähe hielt er etwas zurück.
Später lag sie neben ihm. Der Verkehr auf dem Kaiserdamm war zum Erliegen gekommen. Grabner saß an der Bettkante und zündete sich eine Rothändle an. Beim ersten Zug schloss er wie immer die Augen. Die Glut spiegelte sich im Wasserglas.
Anni hatte schon geglaubt, er werde nichts mehr sagen. Da fragte er: »Rügen oder Kolberg?«
Sie richtete sich auf. »Rügen.«
Er nickte, ohne sie anzusehen. »Freitag. Acht Uhr. Pack für eine Woche.«
Anni lächelte in die Dunkelheit. Sie fragte nicht, was ihn umgestimmt hatte. Die Antwort hätte den Augenblick nur kleiner gemacht.








