Kapitel 1
Band 1: Flucht nach vorne!
Bin ich ein schlechter Mensch weil ich mir wünsche das es meinen Vater schlecht geht? Schließlich hat er meine Mutter, mich und meine Schwester verraten. Und nein, es ist nicht so wie du denkst, es ist schlimmer.
Lass mich kurz ausholen: Als ich zwölf Jahre alt war, lebte meine Mutter noch, doch mein Vater beschloss eine zweite Frau ins Haus zu holen. Er hatte sich neu verliebt. Für dich mag das komisch klingen aber ich komme aus einer Zeit in der es normal war das ein Mann zwei bis drei Nebenfrauen zuhause hatte. Was meine Mutter daran kränkte, war die Tatsache das er ihr versprochen hatte das es nie soweit kommen würde. Nun zehn Jahre später muss ich schweres Herzen zusehen wie aus mein Vater ein fremder geworden war, meine Schwester eine verlassene und ich eine verstoßene. Ich bin verdammt wütend wen ich darüber nachdenke das meine Mutter gestorben ist, sie hat uns in Stich gelassen. Die Frau meines Vaters setzt alles daran mir und meiner kleinen Schwester das leben zur Hölle zu machen. Ein Teil von mir hasst tief, der andere tut alles dafür meiner kleinen Schwester und mir das Leben so einfach wie möglich zu gestalten und die Konfrontation zu vermeiden. Doch in meinen Kopf sehen ich immer und immer wieder wie ich diese Frau verletze, wie ich sie schlage, ihr alles wegnehme - das alles steht nicht ihr und ihrer verlogenen Tochter zu, es gehört uns. Doch sie hat sich wie eine Made im Speck in unser Zuhause ein gemistet und alles an sich gerissen. Und heute war wieder so ein Tag an den ich am liebsten alles klein schlagen wollte, und sie. Seit ich meine kleine Schwester für die Schule verabschiedet habe, scheucht sie mich hin und her und lässt mich die Drecksarbeit machen.
“Putz die Bäder”
“Hol unsere Kleider vom Schneider”
“Hilf in der Küche”
Sie liebt es mich zu quälen, sie liebt es mir zu zeigen das ich nichts wert bin in ihren Augen. Für sie war ich eine Dienerin, mehr nicht. Es war ihr egal das ich die Tochter ihres Mannes war, ihn interessierte es auch nicht was sie tat. Alles was sie von bekam war Ablehnung und Ignoranz.
“Xao”, hörte ich plötzlich eine weiche Stimme hinter mir rufen. Ich erkannte die Stimme. Es war Herta, sie war eine ältere Dame aus den westen die vor vielen Jahren nach China bekommen war und nun meiner Familie diente.
“Xao, darf ich dich darum bitten das du nochmal auf den Markt gehst? Wir haben etwas wichtiges vergessen”.
Herta war eine der wenigen in diesen Haus die mich liebevoll behandelte und mit Respekt. Ich hatte zwar keine Lust aber wenigstens konnte ich dann nochmal raus hier, ich hasste diesen Zuhause.
Einen Moment sah sie mich schweigend an und sprach den mitleidig.
“Ist es heute wieder schlimm?“, sie kannte meine Situation, sie half mir sogar dabei jeden Monat Geld verschwinden zulassen das ich bald mit meiner kleinen Schwester fliehen konnte.
“Ja, meine Stiefmutter”, ich betonte das Wort Stiefmutter abfällig, ” liebt es mir wieder zu zeigen das ich in ihren Augen nichts wert bin”.
Sie stöhnte besorgt.
“Du musst hier weg, meine Liebe, hier erwartet dich nur leid”.
“Ja, ich weiss aber wir brauchen noch etwas Geld”, stimmte ich zu. Sie schwieg.
“Nun, ich denke wen du meine Kette nimmst”, sie öffnete ihre Hand und reichte sie mir,
“Dann sehe ich kein Problem”.
Ich betrachtete die Kette. Sie war aus Gold. Sie hatte einen großen Wert und würde lange für unser überleben sorgen.
“Das kann ich nicht annehmen, Herta”. Sie schüttelte den Kopf.
“Doch, das kannst du. Flieht heute Nacht”
“Aber das ist deine Kette”
Hertas Blick wurde weich. Sie nahm meine Hand.
“Meine Liebe, ich bin alt und schwach. Meine Tage sind gezählt aber du bist jung und schlau, geh bevor deine Stiefmutter dich verkaufen will an einen Mann. Es gibt bereits Gerüchte”.
Ich schluckte schwer, niemals wollte ich einen Mann heiraten, ich verachtete Männer. Sie waren falsch, nutzen nur aus und lebten ihre Lust an den Frauen aus - wie mein Vater mit meiner Mutter.
“Ich werde heute Abend alles vorbereiten das ihr heute Nacht fliehen könnt, nun wirst du dich aber normal benehmen und noch einen letzten Einkauf für mich machen, versprichst du es?”
Ich musste meine Tränen zurückhalten und nickte schwach.
“Nun geh, bevor man uns entdeckt und kauf diese Liste ein”.
Sie reichte mir das Geld und die Liste und ich rannte los bevor ich noch etwas sagen konnte. Meine Gedanken ratterten. Monate - nein Jahrelang hatte ich mich auf diesen Tag vorbereitet um mit meiner Schwester zu fliehen, und nun war es soweit und ich - ich fühlte mich komisch, wie gelähmt.
Der Markt empfing mich mit seinem gewohnten Lärm – das Rufen der Händler, das Klappern von Holzkarren auf den Pflastersteinen, der Duft von gebratenem Fisch und frischem Ingwer, der sich mit dem Gestank der Gasse vermischte. Normalerweise mochte ich dieses Chaos, es lenkte mich ab von dem, was mich zuhause erwartete. Heute aber wanderten meine Gedanken immer wieder zurück zu Herta, zu ihrer Kette, die schwer und warm in meiner Tasche lag, als würde sie mir das Gewissen mahnen. Heute Nacht, dachte ich aufgeregt, heute Nacht werden wir fliehen.
Ich zwang mich, ruhig weiterzugehen, den Kopf gesenkt, wie es sich für eine Dienerin gehörte – auch wenn ich keine war, egal was meine Stiefmutter dachte. Meine Finger krallten sich in den Stoff meines Kleides.
Wohin würden wir gehen? Wie weit könnten wir kommen, bevor man uns vermisste? Ich dachte an meine kleine Schwester, die jetzt in der Schule saß, ahnungslos, dass sich ihr Leben noch vor Sonnenaufgang für immer verändern würde. Ein Teil von mir wollte losrennen, um sie sofort zu holen, ein anderer wusste, dass Geduld jetzt das Einzige war, was uns retten konnte.
Ich erinnerte mich an die Jahre des Trainings, heimlich, in den frühen Morgenstunden, bevor das Haus erwachte. Meister Lin hatte mich unterrichtet, als niemand hinsah, hatte mir gezeigt, wie man einen Griff löst, wie man einen Schlag ausweicht, wie man aus einem Körper, den man für schwach hielt, eine Waffe macht. Ich war dankbar dafür, mehr als für alles andere in diesem Haus. Sollte uns auf der Flucht jemand in den Weg treten, würde ich nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank gehen. Nie mehr!
Meine Hand tastete unbewusst in die Falten meines Kleides, um die Liste zu suchen, die Herta mir gegeben hatte – und fand nichts. Kalte Panik stieg in mir auf. Hatte ich sie verloren, auf dem Weg hierher? Ich blieb abrupt stehen, mitten im Strom der Menschen, und durchsuchte fahrig meine Tasche, meinen Ärmel, den Bund meines Kleides.
„Diebin!“. Die Stimme durchschnitt den Marktlärm wie ein Peitschenhieb. Ich hob den Kopf und sah einen Händler, feuerrot im Gesicht, der mit ausgestrecktem Finger auf mich zeigte. Um uns herum verstummten die Gespräche, Köpfe drehten sich, Blicke bohrten sich in mich.
„Sie hat etwas von meinem Stand genommen! Ich habe es gesehen!”
Mein Herz schlug bis zum Hals. „Ich habe nichts gestohlen”, presste ich hervor, meine Stimme fester, als ich es mir zugetraut hätte. „Ich habe nur nach etwas gesucht, das ich verloren habe.”
Doch die Menge, die sich bereits um uns zu sammeln begann, wollte keine Erklärungen hören. Sie wollte ein Schauspiel.
„Dann beweise es doch!“, rief ich, lauter als beabsichtigt, und riss meine Tasche auf.
„Hier, seht selbst – durchsucht sie! Ihr werdet nichts finden, weil ich nichts genommen habe!”
Ich streckte die Tasche in die Menge, drehte meine Ärmel um, zeigte meine leeren Hände. Ein Murmeln ging durch die Umstehenden.
„Sie hat recht, da ist doch nichts drin”, sagte eine Frau mit einem Korb voller Kohlköpfe und musterte mich mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid.
„Genau, lass das Mädchen in Ruhe”, stimmte ein alter Mann zu, der an seinem Pfeifenstiel kaute.
Doch der Händler ließ nicht von mir ab. Sein Gesicht war jetzt fast violett vor Wut, vielleicht auch aus Scham, weil er vor der ganzen Straße zurechtgewiesen wurde.
„Sie hat es woanders versteckt, das kennt man doch! Diese Weiber stecken sich alles in die Unterröcke! Man muss sie zum Yamen bringen, vor den Richter, das ist die einzige Weise, wie man mit solchem Gesindel umgeht!”
„Ich bin kein Gesindel”, stieß ich hervor, und ehe ich es verhindern konnte, packte er meine Hand, so fest, dass es schmerzte. Etwas in mir kippte um – die Angst wich einer kalten, klaren Wut, die ich nur zu gut kannte. Meine Füße fanden von selbst den Stand, mein Gewicht verschob sich, meine freie Hand hob sich, bereit, all das zu tun, was Meister Lin mir in den frühen Morgenstunden beigebracht hatte.
„HALT!”
Der Ruf zerriss den Lärm des Marktes wie ein Peitschenknall, gefolgt vom schweren, gleichmäßigen Klirren von Rüstung und dem dumpfen Takt vieler Stiefel auf dem Pflaster. Köpfe fuhren herum, Gespräche erstarben, selbst der Händler ließ vor Schreck meine Hand los.
Um die Ecke der Gasse bog eine Formation Soldaten, und mit ihnen ein Mann, dessen Anblick allein genügte, um die gesamte Straße in atemloses Schweigen zu tauchen.
Ein General. Hier, auf einem gewöhnlichen Markt. Das war so ungewöhnlich, dass mir für einen Moment die Angst vor dem Händler völlig verging – und einer neuen, viel größeren Angst wich.
Ich kannte die Geschichten über Generäle. Männer, die mit einem einzigen Wort ein Leben beenden konnten, ohne dass irgendjemand es wagte, Fragen zu stellen. Männer, deren Macht über dem der Richter, über dem der Beamten, fast über allem außer dem Kaiser selbst stand. Das Letzte – das absolut Letzte –, was ich heute, an diesem Tag, an dem meine Schwester und ich endlich fliehen sollten, gebrauchen konnte, war, ins Visier eines solchen Mannes zu geraten.
Mein Blick huschte suchend über die Menge, über die engen Gassen, die vom Marktplatz abzweigten. Ein Ausweg. Ich brauchte einen Ausweg, bevor er mich bemerkte, bevor irgendjemand meinen Namen nannte, bevor sich diese Sache zu etwas auswuchs, das man sich noch am Abend merken würde.
Doch es war bereits zu spät.
Der General kam näher, seine Soldaten blieben in respektvollem Abstand hinter ihm zurück, als wüssten sie genau, dass er keine Hilfe brauchte, um Ordnung zu schaffen. Er war groß, größer als jeder Mann, den ich je gesehen hatte, mit pechschwarzem Haar, und sehr breite Schultern. Seine Statur alleine machte mir Angst. Sein Gesicht war hart geschnitten, die Augen dunkel und durchdringend, und in seiner Haltung lag etwas so Unerschütterliches, so absolut Kompromissloses, dass ich sofort wusste: Dieser Mann kannte keine Gnade. Nicht für Bettler, nicht für Diebe, nicht für Mädchen, die zufällig am falschen Ort standen.
Er blieb vor uns stehen, sein Schatten fiel über mich und den Händler wie eine Wand, und seine Stimme, als er sprach, war ruhig – aber in dieser Ruhe lag eine Schärfe, die schlimmer war als jedes Schreien.
„Was”, fragte er, und sein Blick wanderte langsam, prüfend zwischen mir und dem Händler hin und her, „geht hier vor?”
Für einen Moment starrte ich in die dunklen Augen des Generals.








