Prolog
Es war erstaunlich, wie still ein Raum voller Menschen werden konnte. Kein Husten. Kein Flüstern. Nicht einmal das Rascheln von Stoff. Nur Warten. Auf mich.
Natürlich.
Ich stand vor dem Rat der Schwellen und wünschte mir zum ersten Mal seit Monaten zurück, dass jemand versuchte, mich mit einem Schwert umzubringen. Schwerter waren einfacher. Sie wollten wenigstens ehrlich etwas von einem. Vor mir lagen drei Pergamente. Das erste trug das Siegel meines Vaters. Das zweite das von Vareon. Das dritte war älter als beide Königreiche. Viel älter. Und genau dieses war das Problem. Ich legte meine Hand darauf. Sie zitterte. Nur ein wenig. Nicht vor Angst. Gut. Vielleicht doch vor Angst.
„Ella.“
Cassian. Ich sah nicht zu ihm. Das machte es leichter.
„Sag es nicht.“
„Was?“
„Dass ich noch einmal darüber nachdenken soll.“
Stille.
„Das wollte ich nicht sagen.“
Jetzt sah ich ihn an. Fehler. Er stand auf der anderen Seite des Saales. Keine Rüstung. Keine Maske. Eine Krone. Ich hasste die Krone. Nicht an ihm. Nur das, was sie aus jedem Satz machte, den er sagte. Cassian war nicht hier, um mich aufzuhalten. Der König von Asterra war es. Und trotzdem war es derselbe Mann. Genau das machte es so schwierig.
„Wenn du es ihnen sagst“, sagte er ruhig, „gibt es kein Zurück.“
Da war er. Der Satz. Ich lachte leise. Nicht weil es lustig war.
„Das gab es nie.“
Sein Gesicht veränderte sich. Nur für einen Moment. Ich kannte diesen Blick inzwischen. Er wollte zu mir kommen. Tat es aber nicht. Nicht weil er mich weniger liebte. Sondern weil er anderer Meinung war. Früher hätte mir das Angst gemacht. Vielleicht tat es das noch.
„Prinzessin Eleonora.“
Ich schloss die Augen.
Natürlich.
Der Vorsitzende des Rates wartete.
„Der Rat hat Euch eine Frage gestellt.“
„Ich habe sie gehört.“
„Dann antwortet.“
Meine Finger lagen noch immer auf dem alten Pergament. Unter ihnen standen Namen. Nicht Hunderte. Tausende. Manche kannte ich. Andere existierten in keiner Chronik. Einige hätten niemals existieren dürfen. Zumindest wenn alles wahr war, was man uns unser ganzes Leben erzählt hatte. Hinter mir sass mein Vater. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wie er aussah. Still. Gerade. Kontrolliert. Er hatte mich gestern gebeten, es nicht zu tun. Gebeten. Nicht befohlen. Manchmal war Entwicklung ausgesprochen unpraktisch. Mutter hatte gar nichts gesagt. Das war schlimmer. Meine zwölfjährige Schwester wollte, dass ich die Wahrheit sagte. Die Kleine hatte gefragt, warum Erwachsene überhaupt Geheimnisse aufschrieben, wenn sie nicht wollten, dass jemand sie irgendwann fand. Darauf hatte niemand eine gute Antwort gehabt. Aurelian schon.
Natürlich.
Weil Menschen glauben, Pergament könne schweigen. Ich hatte ihm gesagt, dass das unnötig dramatisch war. Dann hatte Seraphine hinzugefügt: Menschen schweigen schlechter. Ich hasste es, wenn die beiden recht hatten.
„Ella.“
Diesmal Cassian leiser. Nur für mich. Ich sah zu ihm.
„Was?“
„Du musst das nicht allein tragen.“
Fast hätte ich gelächelt.
„Ich weiss.“
Und das stimmte. Das war neu.
„Dann lass uns Zeit gewinnen.“
„Wie viel?“
Er schwieg. Genau.
„Einen Tag? Eine Woche? Ein Jahr?“
„Genug, um zu verstehen, was die Veröffentlichung auslösen wird.“
„Wir wissen, was sie auslösen kann.“
„Kann.“
König.
Verdammt.
„Und wenn wir schweigen?“
„Dann verhindern wir vielleicht einen Krieg.“
„Vielleicht.“
„Ja.“
„Indem wir sie anlügen.“
Cassians Kiefer spannte sich an.
„Indem wir nicht jede Wahrheit veröffentlichen, bevor wir ihre Folgen verstehen.“
Ich starrte ihn an.
„Das klingt gefährlich ähnlich.“
„Ich weiss.“
Das nahm mir den nächsten Satz. Unhöflich. Der Vorsitzende räusperte sich.
„Prinzessin.“
Ich ignorierte ihn. Cassian ebenfalls.
„Du glaubst wirklich, wir sollten es verschweigen?“
„Nein.“
Ich blinzelte.
„Was?“
„Ich glaube, wir sollten warten.“
„Das ist Verschweigen.“
„Für eine Zeit.“
„Das haben sie auch gesagt.“
Er wusste sofort, wen ich meinte. Mein Vater. Lucian. Mutter. Seraphine. Aurelian. Vielleicht jeder Erwachsene, der jemals beschlossen hatte, dass eine Lüge in Ordnung war, solange sie nur vorübergehend sein sollte. Cassian trat einen Schritt näher.
„Und vielleicht hatten sie manchmal einen Grund.“
Das tat weh. Weil ich inzwischen wusste, dass er recht hatte. Nicht immer. Nicht einmal meistens. Aber manchmal. Ich sah zu meinem Vater. Er erwiderte meinen Blick. Keine Wut. Das wäre einfacher gewesen. Nur Müdigkeit. Und Angst.
„Wenn du es sagst“, sagte er, „kann ich dich nicht vor den Folgen schützen.“
Früher hätte mich dieser Satz wütend gemacht. Heute verstand ich ihn. Das war schlimmer.
„Ich weiss.“
„Und deine Schwestern auch nicht.“
Da. Unfair. Wir beide wussten es. Vater schloss kurz die Augen.
„Entschuldige.“
Ich nickte. Er hatte Angst. Angst machte Menschen grausam. Manchmal auch nur ungeschickt. Meine Hand glitt vom Pergament. Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, es wieder zusammenzurollen. Nur heute. Morgen konnte ich entscheiden. Morgen war wunderbar. Morgen hatte noch nie einen Fehler gemacht. Ich könnte mit Mutter sprechen. Mit meinen Schwestern. Mit Maelis. Mit Lucian. Mit Cassian. Noch einmal. Und noch einmal. Bis irgendwann niemand mehr wusste, wer die erste Lüge erzählt hatte. Mein Magen zog sich zusammen.
Nein.
Nicht deshalb. Ich musste die Wahrheit nicht sagen, nur weil andere gelogen hatten. Das wäre keine Entscheidung. Nur Reaktion. Also fragte ich mich etwas anderes. Nicht: Was ist richtig? Darauf gab es keine Antwort mehr, der ich vertraute. Sondern: Wem gehört diese Wahrheit? Mir?
Nein.
Meinem Vater?
Nein.
Den Königen? Dem Rat? Auch nicht. Ich sah auf die Namen. Da war die Antwort.
Verdammt.
Cassian erkannte es.
Natürlich.
„Ella.“
Diesmal klang mein Name wie eine Bitte. Ich sah ihn an. Ich liebte ihn. Das machte seine Meinung nicht richtiger. Und meine nicht seine falscher. Vielleicht war das der Teil über Liebe, vor dem uns niemand gewarnt hatte. Nicht der Krieg. Nicht die Entfernung. Nicht andere Menschen. Sondern der Moment, in dem jemand, den man liebte, einen ansah und sagte: Bitte tu es nicht. Und man trotzdem glaubte, es tun zu müssen. Ich ging zu ihm. Der Rat begann zu murmeln. Gut. Sollten sie. Ich blieb vor Cassian stehen.
„Bist du danach noch wütend auf mich?“
Seine Augen wurden weich.
„Vermutlich.“
„Gut.“
„Du?“
„Sehr.“
Ein kleines Lächeln. Nur unseres.
„Und dann?“, fragte ich.
Cassian sah mich lange an.
„Dann streiten wir.“
„Das klingt schrecklich.“
„Du liebst Streiten.“
„Nicht mit dir.“
„Lügnerin.“
Ich hob eine Augenbraue. Falsches Wort. Er bemerkte es ebenfalls.
„Ungünstig.“
„Sehr.“
Dann wurde er ernst.
„Ich bin noch da, Ella.“
Mein Herz zog sich zusammen. Ich nickte.
„Ich auch.“
Kein Kuss. Kein Versprechen. Das hier brauchte keines von beiden. Ich ging zurück zum Tisch. Der Vorsitzende erhob sich.
„Zum letzten Mal: Bestätigt Ihr die Echtheit dieser Aufzeichnungen?“
Ich sah auf das Pergament. Drei Monate. Drei Monate Frieden hatten gereicht, um herauszufinden, dass unsere Geschichte auf etwas aufgebaut worden war, das niemals hätte vergessen werden dürfen. Und jetzt sollte ich entscheiden, ob die Welt bereit für die Wahrheit war. Vielleicht war sie es nicht. Vielleicht würde sie es nie sein. Ich legte beide Hände auf den Tisch.
„Ja.“
Unruhe brach aus. Der Vorsitzende hob die Stimme.
„Und stimmt Ihr ihrer Veröffentlichung zu?“
Cassian schloss die Augen. Vater nicht. Mutter stand auf. Meine Schwestern hielten einander an den Händen. Und irgendwo hinter den Mauern des Saales begann Magie zu flüstern. Erinnerungen. Nicht meine. Nicht mehr verborgen. Ich atmete ein.
„Ich—“
Drei Monate zuvor Frieden begann mit einem Kaninchen. Nicht metaphorisch. Ein echtes Kaninchen. Es sass auf meinem Bett. Frass einen offiziellen Brief des Rates der Schwellen. Und sah mich dabei vollkommen schuldfrei an. Ich blieb in der Tür stehen.
„Nein.“
Das Kaninchen kaute.
„Nein.“
Weiteres Kauen.
„Das ist ein Staatsdokument.“
Es interessierte sich nicht für Politik. Vernünftig.
„Wenn du den unteren Teil auch noch frisst, erkläre ich dich zum Verräter.“
„Ella?“
Die Kleine erschien hinter mir. Sie sah das Kaninchen. Dann mich. Dann wieder das Kaninchen.
„Du hast Flocke gefunden.“
Natürlich hiess es Flocke.
„Es frisst meinen Brief.“
„Es mag Papier.“
„Das ist mir aufgefallen.“
Sie ging an mir vorbei und hob das Tier hoch.
„Du darfst nicht böse sein.“
„Ich bin nicht böse.“
Sie sah mich an. Sieben Jahre. Und bereits völlig immun gegen meine Lügen.
„Du bist böse.“
Ich seufzte.
„Ein bisschen.“
„Wegen Flocke?“
Ich sah auf den halb gefressenen Brief. Oben war das neue Siegel noch zu erkennen. Ein Kreis. Vier Linien. Keine Krone. Der Rat der Schwellen. Unsere grossartige neue Ordnung.
„Nein“, sagte ich.
Diesmal war es die Wahrheit.
„Nicht wegen Flocke.“
Die Kleine legte den Kopf schief.
„Wegen heute?“
Ich hasste ihre Magie.
„Vielleicht.“
„Du sollst nicht vielleicht sagen, wenn du Ja meinst.“
Ich sah sie an.
„Wer hat dir das beigebracht?“
Sie grinste.
„Aurelian.“
Natürlich.
Drei Monate Frieden. Und ich bereute bereits alles.








