Kapitel 1 - Der neue Captain
Die Sonne stand noch tief über dem Gelände der Kaserne, als Brody Walker den Ball über den Trainingsplatz warf. Rocket schoss hinterher, nahm die niedrige Hürde mit einem Satz und verschwand kurz hinter der nächsten Barriere, bevor er mit dem Ball zwischen den Zähnen wieder auftauchte. Brody wartete, bis der belgische Malinois zu ihm zurückkam, und deutete auf den Boden. „Hier.“ Rocket verlangsamte unmittelbar vor ihm, setzte sich und legte den Ball vor seine Stiefel. Brody hob ihn auf und strich ihm kurz über den Hals. „Gut.“
Rocket blieb aufmerksam vor ihm sitzen und beobachtete jede Bewegung. Brody griff in die Tasche seiner Weste, gab ihm ein kleines Stück Belohnung und steckte die Hand wieder zurück. „Weiter.“ Der Hund erhob sich und nahm seinen Platz an Brodys linker Seite ein. Gemeinsam gingen sie zur kleinen Trainingsstrecke hinüber, die aus mehreren niedrigen Hindernissen, einem Tunnel und einigen Kisten bestand, die Brody für Suchübungen verwendete.
Die nächste halbe Stunde gehörte ihrer Routine. Brody schickte Rocket über die Hürden, ließ ihn durch den Tunnel laufen und anschließend mehrere Kisten absuchen. Die Kommandos blieben kurz und ruhig. Rocket folgte Brodys Kommandos sicher und aufmerksam. Nach zwei gemeinsamen Jahren genügte oft schon eine kleine Bewegung oder Veränderung in Brodys Stimme, damit der Hund wusste, was von ihm erwartet wurde. Bei der letzten Kiste blieb Rocket stehen und zeigte an. Brody ging zu ihm, überprüfte die Position und strich ihm anerkennend über die Seite des Geschirrs. „Sauber.“
Rocket sah zu ihm auf. Brody zog den Ball aus seiner Tasche und hielt ihn hoch. Sofort veränderte sich die Haltung des Malinois, doch er blieb auf seinem Platz. „Warte.“ Brody ging einige Schritte zurück und ließ ihn dort stehen. Erst nach einigen Sekunden gab er das Kommando frei. Rocket schoss los, fing den Ball und kam mit langen Sprüngen zurück.
Am Rand des Trainingsplatzes standen inzwischen Paul Carter und Andy Mitchell. Andy hielt zwei Becher Kaffee in den Händen und hob einen davon an, als Brody zu ihnen blickte. Brody kam mit Rocket an seiner Seite herüber und nahm den Becher entgegen.
„Danke.“
Andy nickte und trank selbst einen Schluck. Rocket blieb dicht bei Brody stehen und wartete, während sein Blick immer wieder zu dem Ball in Brodys Hand wanderte.
„Der Captain landet gleich“, sagte Andy nach einem Blick auf seine Uhr.
Brody sah kurz zum Verwaltungsgebäude. „Funk?“
„Gerade gekommen.“
Paul nahm sein Funkgerät und entfernte sich ein paar Schritte, um die übrigen Mitglieder der Einheit zusammenzurufen. Die Nachricht brauchte nicht lange. Nach und nach kamen die Männer aus den verschiedenen Gebäuden und Bereichen des Geländes, während Brody seinen Kaffee austrank und Rocket neben sich sitzen ließ. Die Ankunft des neuen Captains war seit Tagen bekannt. Jeder wusste, dass John Bennet heute seinen Dienst antreten würde. Neu war lediglich, dass die Maschine offenbar bereits im Anflug war.
Das Geräusch der Rotorblätter wurde langsam lauter. Brody stellte den leeren Becher auf einer Bank ab und wandte sich mit Rocket dem Landeplatz zu. Der Hund hob den Kopf und verfolgte den näher kommenden Hubschrauber mit den Augen. Brody legte ihm kurz die Hand auf den Rücken. „Bleib.“ Rocket blieb sitzen und beobachtete die Maschine, während der Hubschrauber über den Gebäuden auftauchte und wenig später auf dem vorgesehenen Platz aufsetzte. Der Luftdruck der Rotorblätter trieb Staub und trockenes Gras über den Boden.
Die Männer hatten sich inzwischen am Rand des Landeplatzes versammelt. Brody stand mit Rocket bei Paul und Andy, während sich die übrigen Teammitglieder in ihrer Nähe einfanden. Der Rotorlärm ließ jedes Gespräch verstummen. Als die Tür des Hubschraubers aufging, richteten sich alle Blicke auf die Maschine.
Der Mann, der ausstieg, blieb einen Moment neben der geöffneten Tür stehen und ließ den Blick über das Gelände und die versammelten Männer wandern. Dann setzte er sich in Bewegung und kam auf die Gruppe zu. Seine Uniform war makellos, sein Auftreten ruhig und selbstsicher. Sein Blick blieb aufmerksam, während er sich näherte. Brody betrachtete ihn unwillkürlich genauer. Er war groß, vielleicht ein paar Jahre älter als Brody, mit breiten Schultern und einer athletischen Statur. Dunkles Haar, kurz geschnitten, markante Gesichtszüge und ein ruhiger, konzentrierter Blick. Irgendetwas an seiner Haltung zog Brodys Aufmerksamkeit auf sich. Er konnte es sich selbst nicht erklären, doch plötzlich spürte er dieses leichte Kribbeln tief in seinem Bauch. Ein seltsames Gefühl, das er sofort beiseiteschieben wollte.
„Sergeant Walker?“
Brody trat einen Schritt vor. „Sir.“
Der Mann reichte ihm die Hand. „Captain John Bennet.“
„Willkommen auf der Basis, Sir.“
Bennet erwiderte den Händedruck und wandte sich anschließend der Gruppe zu. „Gentlemen.“
Die Vorstellungen begannen. Namen, Dienstgrade und Zuständigkeiten wurden genannt, ohne dass jemand daraus eine größere Sache machte. Bennet hörte aufmerksam zu und nickte jeweils kurz, während er die Männer musterte. Als Brody an der Reihe war, fiel sein Blick erneut auf Rocket.
„Und das ist ihr Diensthund?“ Captain Bennet betrachtete den Hund mit einem sanften Lächeln.
„Ja, Sir, das ist Rocket. Wir arbeiten seit zwei Jahren zusammen.“
„Was ist sein Aufgabenbereich?“
Brody strich dem Hund kurz über die Schulter. „Er ist für Patrouillen- und Schutzaufgaben ausgebildet und sucht nach Sprengstoffen. Wenn wir draußen unterwegs sind, kann er uns also sowohl bei der Sicherung eines Bereichs unterstützen als auch verdächtige Gegenstände oder Sprengstoff aufspüren.“
Bennet nickte und sah wieder zu Rocket. „Und er arbeitet ausschließlich mit Ihnen?“
„Ja, Sir. Wir sind ein festes Team.“
Rocket blieb ruhig neben Brody stehen. Sein Blick wanderte kurz zu Bennet, bevor er sich wieder an Brody orientierte.
Brody erwiderte den Blick des Captains nur kurz, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf Rocket richtete. Das leichte Kribbeln in seinem Bauch war noch immer da.
„Ich kenne die Einsatzberichte der Einheit“, sagte Bennet. „In den nächsten Tagen möchte ich mir selbst ein Bild von Ihren Abläufen machen. Wir werden uns zusammensetzen und die einzelnen Bereiche durchgehen. Bis dahin läuft der Dienst wie gewohnt.“
Seine Stimme war ruhig und sachlich. Er machte keine große Ansprache daraus und schien auch keine Reaktion darauf zu erwarten. Nachdem er noch einige kurze Worte mit Paul gewechselt hatte, wandte er sich gemeinsam mit ihm dem Verwaltungsgebäude zu.
Die Gruppe blieb noch einen Moment stehen, bevor sich die Männer wieder auf ihre Aufgaben verteilten. Brody nahm seinen Kaffee von der Bank und sah zu Rocket. Der Hund hatte den Blick bereits wieder auf den Trainingsplatz gerichtet. Der Ball lag noch dort, wo Brody ihn vor der Ankunft des Hubschraubers abgelegt hatte.
„Du willst weiter“, sagte Brody leise.
Rocket bewegte die Rute.
Brody stellte den Becher zurück, ging zum Ball und hob ihn auf. „Na gut.“
Er warf ihn über den Platz. Rocket setzte sich in Bewegung und jagte dem Ball hinterher, während hinter ihnen die Einheit langsam wieder in ihren normalen Tagesablauf zurückfand.
John Bennet schloss die Tür seiner Unterkunft hinter sich und stellte seine Tasche neben dem Bett ab. Die Ankunft an seinem neuen Dienstort lag gerade einmal wenige Minuten zurück, doch die Anspannung, die ihn während des Fluges begleitet hatte, war noch immer da. Ein neues Team, eine neue Aufgabe, neue Abläufe. John verfügte über genügend Erfahrung, um zu wissen, dass ein Wechsel dieser Art immer eine gewisse Eingewöhnungszeit mit sich brachte. Trotzdem spürte er eine leichte Nervosität, die er sich selbst nur widerwillig eingestand.
Er stieß sich von der Tür ab, stellte seine Tasche neben dem Bett ab und öffnete sie. Die ersten Kleidungsstücke wanderten in den Schrank, die Toilettentasche ins Bad, persönliche Dinge auf den kleinen Tisch neben dem Fenster. Es war eine vertraute Tätigkeit, beinahe beruhigend. Solange er seine Sachen auspackte und ihnen ihren Platz gab, musste er sich mit seinen Gedanken nicht weiter beschäftigen.
Leider funktionierte das nur für wenige Minuten.
Seine Gedanken wanderten zurück zu seiner Ankunft auf dem Landeplatz. Dabei tauchte unweigerlich wieder der Sergeant vor seinem inneren Auge auf. Brody Walker.
John hatte ihn gesehen, als er aus dem Hubschrauber gestiegen war. Schon da war sein Blick für einen Moment an ihm hängen geblieben. Der Mann war groß, kräftig gebaut und bewegte sich mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die John sofort aufgefallen war. Unter der Uniform zeichnete sich ein Körper ab, der deutlich machte, dass Walker regelmäßig trainierte. Dazu kamen diese hellen Augen, die selbst aus einiger Entfernung auffielen. Augen, in denen man sich vermutlich verlieren konnte, wenn man lange genug hineinsah.
John hielt mitten in der Bewegung inne und schüttelte kaum merklich den Kopf.
Was zur Hölle war das?
Er kannte den Mann seit vielleicht zehn Minuten und dachte bereits darüber nach, wie verdammt attraktiv er war.
Ein Wahnsinnsbody. Diese Augen. Dieses Gesicht.
Ein Mann zum Verlieben.
John schloss kurz die Augen.
„Reiß dich zusammen, John.“
Er griff nach dem nächsten Hemd und legte es in den Schrank. Die Bewegung war bewusst langsam, fast schon übertrieben konzentriert. Brody Walker war Sergeant in seiner Einheit. John war sein Captain. Das allein sollte genügen, um solche Gedanken dort zu lassen, wo sie hingehörten.
Er war gerade dabei, die Tasche mit seinen persönlichen Sachen auszuräumen, als sein Handy klingelte. Ein Blick auf das Display genügte.
Valery.
John nahm den Anruf über Skype an und setzte sich auf die Bettkante. Kurz darauf erschien ihr Gesicht auf dem Bildschirm.
„Na, hast du es geschafft?“, fragte sie mit einem Lächeln.
„Ich bin angekommen, die Tasche ist noch nicht ausgepackt und ich habe das Team kurz kennengelernt.“
„Dann klingt es ja nach einem guten Start.“
John musste lächeln. „Der Start war in Ordnung. Das Team macht einen guten Eindruck. Wir haben sogar einen Hundeführer dabei.“
Valery musterte ihn aufmerksam. Sie kannte ihn lange genug, um zu merken, wenn er etwas verschwieg. „Du wirkst trotzdem irgendwie abwesend.“
„Ist das so offensichtlich?“
„Für mich schon, immerhin kenne ich dich seit dem Sandkasten, mein Lieber.“
John lehnte sich zurück und sah einen Moment auf den Bildschirm. „Es gibt da jemanden.“
Valerys Gesicht veränderte sich sofort. Ein wissendes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Aha. Und wer ist diese geheimnisvolle Person?“
„Ein Sergeant aus meinem Team.“
„Und du hast ihn heute kennengelernt?“
„Ja.“
„Das erklärt deinen Blick.“
John fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Valery, ich habe ihn heute ungefähr fünf Minuten gesehen.“
„Das scheint dich ja nicht davon abzuhalten, an ihn zu denken.“
John schwieg kurz. Sie hatte damit leider recht.
„Er ist der Hundeführer“, sagte er schließlich.
Valery hob leicht die Augenbrauen. „Der, von dem du gerade erzählt hast?“
„Ja.“
„Und wie heißt er?“
„Brody Walker.“
„Und was ist mit ihm?“
John ließ sich gegen die Wand hinter dem Bett sinken. „Keine Ahnung. Ich habe ihn gesehen, als ich aus dem Hubschrauber gestiegen bin, und irgendwie ist mein Blick an ihm hängen geblieben.“
Valery lächelte. „Irgendwie?“
John musste ebenfalls kurz lächeln. „Du weißt genau, was ich meine.“
„Ich glaube, ich weiß es sogar ziemlich genau.“
John schüttelte den Kopf. „Er sieht verdammt gut aus.“
Valery lachte leise. „Da ist er ja, der wahre Grund.“
„Ich habe ja nicht gesagt, dass ich irgendetwas damit anfangen werde.“
„Das wäre auch ziemlich unpraktisch. Immerhin bist du sein Captain.“
John nickte. „Genau das habe ich mir auch schon gesagt.“
„Und trotzdem denkst du an ihn.“
„Leider.“
„Natürlich nicht.“
„John?“
„Hm?“
„Pass einfach auf dich auf.“
Sein Lächeln wurde etwas ruhiger. „Mach ich.“
Valery nickte, und John wandte sich wieder seiner Tasche zu. Trotzdem blieb Brody Walker in seinen Gedanken präsent, während er begann, seine Sachen einzuräumen.
Valery sah ihn eine Weile schweigend an. Ihr Lächeln war verschwunden. Sie kannte John gut genug, um zu wissen, dass hinter seinem knappen „Leider“ mehr steckte als bloße Anziehung. „Das wird schwer für dich“, sagte sie schließlich. „Ihn jeden Tag zu sehen. Mit ihm zu arbeiten. Und dabei so zu tun, als würde er dir nichts bedeuten.“ Ihre Stimme war ruhig geworden. „Du hast dir dein ganzes Leben lang angewöhnt, solche Gefühle für dich zu behalten. Jetzt ist ausgerechnet der Mann, der dir den Kopf verdreht, jeden Tag vor deiner Nase.“
John ließ den Kopf kurz gegen die Wand sinken. „Ich weiß.“
Valery betrachtete ihn mit einem Ausdruck, in dem deutlich mehr Mitgefühl als Neugier lag. Sie war der einzige Mensch in Johns Leben, der seine Wahrheit kannte und bei dem er sich nicht verstellen musste. „Weißt du was?“ Sie machte eine kurze Pause. „Du kennst ihn kaum. Vielleicht bleibt es bei dieser Anziehung. Vielleicht verschwindet das Gefühl ja auch wieder, wenn du ihn näher kennen lernst. Das kannst du jetzt noch gar nicht wissen.“
John nickte langsam. „Wahrscheinlich hast du recht.“
„Natürlich habe ich recht.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Da ist sie wieder.“
Valery lächelte ebenfalls. John griff nach dem nächsten Kleidungsstück und begann, es zusammenzulegen. „Ich werde vorsichtig sein.“
Er legte das Kleidungsstück in den Schrank und griff nach dem nächsten. Valery blieb noch einen Moment auf dem Bildschirm, bevor John schließlich auf die Uhr sah.
„Ich sollte wirklich auspacken.“
„Ja. Und vielleicht versuchst du heute Abend einmal, nicht an deinen Sergeant zu denken.“
John musste leise lachen. „Das wird vermutlich schwieriger, als du denkst.“
Valerys Blick wurde weich. „Das befürchte ich auch.“
John sah wieder auf den Bildschirm. Für einen kurzen Moment sagte keiner von ihnen etwas. Dann lächelte Valery ihm aufmunternd zu.
„Pass auf dich auf.“
„Mach ich.“
„Und wenn es schwierig wird, rufst du mich an.“
John nickte. „Versprochen.“
Der Anruf endete, und der Bildschirm wurde dunkel. John legte das Handy neben sich und sah einen Moment darauf. Dann wandte er sich wieder seiner Tasche zu. Er wusste, dass Valery recht hatte. Es würde schwer werden, Brody Walker jeden Tag vor Augen zu haben und gleichzeitig so zu tun, als würde dieser Mann nichts in ihm auslösen.
Und genau deshalb musste er seine Gefühle unter Kontrolle halten.
Die Kantine war um diese Uhrzeit gut gefüllt. Stimmen mischten sich mit dem Klappern von Besteck und dem dumpfen Geräusch der Tabletts, während sich die Männer der Einheit an einem der längeren Tische niedergelassen hatten. John nahm sich sein Abendessen und suchte kurz nach einem freien Platz. Noch bevor er sich entscheiden konnte, hob Paul Carter die Hand.
„Captain, kommen Sie zu uns.“
John zögerte einen Moment, dann ging er mit seinem Tablett zu dem Tisch hinüber. „Gerne.“
Er setzte sich zwischen zwei der Männer und stellte das Tablett vor sich ab. Die Anspannung, die ihn seit seiner Ankunft begleitet hatte, war inzwischen deutlich geringer. Es war etwas anderes, mit den Männern bei einem gemeinsamen Essen zu sitzen, als ihnen auf dem Landeplatz als neuer Vorgesetzter gegenüberzustehen. Hier gab es keine offizielle Vorstellung und keinen Grund für eine Ansprache. Sie wollten ihn kennenlernen, und John war durchaus bereit, ihnen dieselbe Gelegenheit zu geben.
Nach einer Weile lehnte sich Paul Carter etwas zurück und fragte: „Wie lange sind Sie schon bei den Rangers?“
John nahm einen Schluck Wasser, bevor er antwortete. „Knapp zwölf Jahre. Angefangen habe ich direkt nach der Army-Ausbildung. Die meiste Zeit war ich im Einsatz oder in verschiedenen Einheiten eingesetzt.“
Andy Mitchell sah von seinem Essen auf. „Und wo waren Sie zuletzt?“
„Afghanistan.“ John legte die Gabel kurz zur Seite. „Meine letzte Rotation ist vor ein paar Monaten zu Ende gegangen. Danach war klar, dass ein Wechsel anstand.“
„Freiwillig?“, fragte Paul.
John nickte. „Ja. Ich wollte wieder in eine Einheit, in der ich näher am eigentlichen Einsatzgeschehen bin. Die Möglichkeit hier hat gut gepasst.“
Paul stützte sich auf seine Arme und betrachtete den neuen Captain neugierig. „Dann haben Sie sich den Laden hier vorher wahrscheinlich genauer angesehen.“
„So gründlich, wie es von außen eben möglich ist.“
Ein leises Lachen ging über den Tisch. Die Unterhaltung entwickelte sich allmählich von dienstlichen Fragen zu persönlicheren Themen. John erzählte, dass er ursprünglich aus Virginia stammte und seine Eltern noch immer dort lebten. Sein Vater war inzwischen im Ruhestand, seine Mutter arbeitete noch gelegentlich in einer kleinen Arztpraxis. Geschwister hatte er keine.
„Und haben Sie selbst eine Familie?“, fragte Andy schließlich.
John hielt kurz inne. Die Frage war harmlos und gehörte zu einem Gespräch wie dieses. Trotzdem wusste er, dass er bei bestimmten Antworten vorsichtig sein musste.
„Ich bin verlobt“, sagte er schließlich.
Einige der Männer sahen auf.
„Seit wann?“
„Seit einer Weile.“
John lächelte leicht. „Valery und ich kennen uns eigentlich schon seit unserer Kindheit. Unsere Familien haben sich immer gekannt. Wir sind zusammen aufgewachsen.“
„Dann ist das ja eine ziemlich lange Geschichte“, meinte Paul.
„Das kann man so sagen.“
John erzählte ein wenig von Valery, von den gemeinsamen Jahren und davon, dass sie ihn schon kannte, lange bevor er sich für den Militärdienst entschieden hatte. Es fiel ihm leicht, über sie zu sprechen. Ihre Geschichte war vertraut, eingeübt und nach außen vollkommen glaubwürdig. Was niemand an diesem Tisch wusste, war, wie viel davon nur eine sorgfältig aufrechterhaltene Fassade war.
„Also, seid ihr Highschool-Sweethearts? “
Die Stimme kam direkt hinter ihm. John erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Er erkannte diese Stimme. Brody Walker.
„Sorry, ich wollte nicht unterbrechen. Ich musste noch Rocket versorgen.“
John drehte sich um.
Brody stand hinter dem Tisch und hielt sein Tablett in einer Hand. Das blonde Haar war noch leicht zerzaust, als hätte er sich nach dem Dienst keine große Mühe mehr mit seinem Erscheinungsbild gemacht. Sein Blick wanderte kurz über die Runde, bevor er bei John hängen blieb.
Für einen Moment begegneten sich ihre Augen.
John spürte dieses vertraute Kribbeln sofort wieder und wandte den Blick zurück zu seinem Essen. Brody setzte sich am anderen Ende des Tisches neben seine Kameraden und begann, sein Abendessen auszupacken. John hörte, wie sich das Gespräch um ihn herum wieder aufnahm, doch für einige Sekunden fiel es ihm schwer, sich darauf zu konzentrieren.
Brody stellte sein Tablett auf den Tisch und setzte sich am Rand zu seinen Kameraden. Eigentlich war er mit ordentlich Appetit in die Kantine gekommen. Der lange Tag, das Training mit Rocket und die anschließende Versorgung des Hundes hatten dafür gesorgt, dass er sich auf das Abendessen gefreut hatte. Jetzt schob er das Essen mit der Gabel über den Teller und brachte kaum etwas davon zum Mund.
Die Information über die Verlobte hatte einen bitteren Beigeschmack hinterlassen.
Er hatte sich nichts anmerken lassen. Zumindest hoffte er das. Sein Gesicht war ruhig geblieben, seine Stimme hatte genauso geklungen wie vorher. Trotzdem war das Kribbeln in seinem Bauch noch da, auch wenn es sich inzwischen anders anfühlte. Der gut aussehende Muskelberg war also vergeben. Natürlich war er das. Männer wie John Bennet waren vermutlich selten lange allein.
Brody hörte ihm zu, während der Captain von Valery erzählte. Brody stocherte weiter in seinem Essen herum und zwang sich, nicht ständig zu John hinüberzusehen.
„Ich hatte noch nie einen Combat Dog im Team.“
Brody hob den Blick.
John Bennet sah ihn an. „Wie bist du zu Rocket gekommen?“, fragte er ruhig und interessiert.
Brody legte die Gabel auf den Teller. Die Frage kam ihm gelegen. Über Rocket zu sprechen war einfach. Bei Rocket musste er sich keine Gedanken darüber machen, wohin sein Blick wanderte oder was sein Gegenüber möglicherweise darin erkennen konnte.
„Das war eigentlich eher Zufall“, sagte er und lehnte sich etwas zurück. „Ich hatte schon vorher Interesse an der Arbeit mit Diensthunden. Nach meiner Ausbildung wurde eine Stelle als Hundeführer frei, und ich habe mich darauf beworben.“
John hörte aufmerksam zu.
„Rocket war damals noch in der Ausbildung. Wir wurden zusammen eingewiesen und es hat auf Anhieb gefunkt zwischen uns.“
Brody warf einen kurzen Blick zu dem Teller vor sich, bevor er fortfuhr. „Die ersten Wochen waren ziemlich intensiv. Er war ein guter Hund, hatte aber einen starken eigenen Kopf. Ich musste lernen, ihn zu lesen, und er musste lernen, mir zu vertrauen.“
„Und das hat funktioniert?“
Ein kleines Lächeln erschien auf Brodys Gesicht. „Offensichtlich.“
John erwiderte das Lächeln.
„Was macht ihn besonders?“, fragte er.
Brody sah kurz zu Rocket, der sich inzwischen unter dem Tisch neben seinem Stiefel niedergelassen hatte. „Er ist sehr fokussiert. Wenn er arbeitet, blendet er alles andere aus. Gleichzeitig hat er ein ziemlich gutes Gespür für Menschen.“
„Und war die Auswahl völlig zufällig?“
„Nein. Als ich in den Zwinger kam, büxste Rocket seinem Ausbilder aus und sprang mir direkt in die Arme. Liebe auf den ersten Schlecker, so zu sagen.“ Die Männer lachten herzlich.
John nickte und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Und seitdem sind es zwei Jahre?“
Brody nickte lächelnd: „Ja, zwei wahnsinnig intensive, großartige Jahre.“
Brody hob die Gabel wieder auf. Diesmal nahm er tatsächlich einen Bissen. Das Gespräch über Rocket hatte ihm geholfen, seine Gedanken wieder zu ordnen. Trotzdem war da noch immer dieses kleine, hartnäckige Kribbeln, sobald sein Blick zu John wanderte.
Er konnte nur hoffen, dass der Captain davon nichts bemerkte.








