🦋Kapitel 1 🦋
Ashlyn
»Ich, Seth Drake, lehne dich, Ashlyn Thornwood, als meine Seelengefährtin ab.«
Seths Stimme hallte kalt und gnadenlos über den weiten Platz. In der Sekunde, in der das letzte Wort seine Lippen verließ, spürte ich, wie das unsichtbare Band, das unsere Seelen seit unserer Geburt verbunden hatte, mit einem markerschütternden Ruck riss. Es fühlte sich an, als würde man mir das Herz aus der Brust reißen. Ein heulender Schmerz, schärfer als jedes silberne Messer, schoss durch meinen gesamten Körper. Ein erstickter Schrei entkam meiner Kehle, und ich krümmte mich auf dem kalten Steinboden zusammen, unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
»Warum, Seth? Wir sind seit Kindertagen befreundet!« schluchzte ich auf, die Stimme gebrochen und zitternd. Mühsam zwang ich mich, den Blick nach oben zu richten. Da stand er, groß und ungerührt, an seiner Seite eine rothaarige Schönheit, deren Namen ich nicht einmal kannte und die mich mit einem kalten, überheblichen Lächeln musterte.
Seth sah auf mich herab, als wäre ich nichts weiter als Staub unter seinen Stiefeln.
»Keiner will eine wolfslose Omega selbst dann nicht, wenn sie die Tochter eines großen Alphas ist. Freu dich schon mal auf ein Leben ohne Seelengefährten, Ashlyn, denn einen anderen wirst du nie bekommen«, spottete er. Ohne auch nur einen Hauch von Reue drehte er sich um und stolzierte mit der Rothaarigen im Arm davon, während die Menge um uns herum schweigend zusah.
Dort lag ich auf dem harten Boden, während stille, heiße Tränen unaufhaltsam meine Wangen hinunterliefen und in den Staub tropften.
Warum? stieß mein Verstand in einem verzweifelten Echo aus.
Mit zitternden Händen stützte ich mich ab und stemmte mich Zentimeter für Zentimeter auf meine schwankenden Beine. Der Schmerz in meiner Brust brannte wie Feuer, aber während ich den Blick auf Seths schwindenden Rücken heftete, spürte ich tief in meinem Inneren etwas Neues erwachen: nicht Schwäche, sondern eine eisige Entschlossenheit.
Mit immer noch zitternden Knien, aber festen, entschlossenen Schritten trat ich den Weg nach Hause an. Die Sonne versank bereits am Horizont und tauchte den Himmel in ein blutiges, schweres Rot, das wie ein böses Omen über dem Rudelgebiet lag. Meine Eltern befanden sich um diese Zeit noch im großen Rudelhaus, wo die Besprechungen des Alpha-Rates stattfanden. Das gab mir die Zeit, die ich brauchte. Hier hielt mich ohnehin nichts mehr. Die Blicke der anderen Rudelmitglieder voller Mitleid, Spott oder kühler Verachtung hatten mich schon mein ganzes Leben lang als die »wolfslose Omega« abgestempelt. Nun, da Seth das Band offiziell gelöst hatte, war das Band des Schicksals zerrissen, und nach den alten Gesetzen stand es einer Verstoßenen frei, das Territorium zu verlassen. Allerdings verlangte das Protokoll, dass man sich unbemerkt im Schutz der Nacht absetzte, um Konflikte zu vermeiden.
Ich drückte die Haustür auf, huschte in den Flur und schloss sie leise hinter mir ab. Das vertraute Zuhause wirkte auf einmal fremd, fast wie ein Museum meiner Vergangenheit. Ich stieg die knarzenden Holztreppen hinauf in mein Zimmer und zog als Erstes die schweren Vorhänge zu, bevor ich Licht machte. Aus dem obersten Regalfach holte ich einen alten, robusten Lederrucksack und begann, ihn zu packen: ein paar praktische Kleider, das nötigste Waschzeug, ein kleines Jagdmesser und die paar Ersparnisse, die ich in einer hölzernen Schatulle versteckt hatte. Ich stopfte alles hinein, zog die Riemen fest und stellte den Sack griffbereit neben mein Bett.
Danach trat ich an meinen kleinen Schreibtisch, setzte mich auf den Holzstuhl und zog ein Bogen schweres Pergament sowie eine Vogelfeder zu mir heran. Die Tinte war kühl, als ich anfing zu schreiben.
Lieber Vater, liebe Mutter,
es tut mir außerordentlich leid, mich auf diese feige Art und Weise mit nur einem Brief von euch zu verabschieden, aber ich sehe für mich schlicht keinen anderen Weg mehr. Ich werde dieses Rudel heute Nacht verlassen nicht, weil ich euch nicht liebe, sondern weil es hier schlicht nichts mehr gibt, das mich hält. Seth hat mich vor versammelter Mannschaft als seine Seelengefährtin abgelehnt, und da mich hier ohnehin jeder nur als die wolfslose Omega abstempelt, habe ich keinen Grund mehr, im Schatten meiner Herkunft zu verharren.
Vielleicht finde ich da draußen, jenseits der geschützten Grenzen, mein eigenes Glück oder wenigstens Frieden. Bitte sucht nicht nach mir. Es ist für alle Beteiligten das Beste.
In Liebe, eure Ashlyn
Ich drückte das heiße Wachs auf das Papier und presste meinen Siegelring in die Masse. Den Brief platzierte ich gut sichtbar mitten auf dem Schreibtisch.
Danach setzte ich mich mit angezogenen Beinen auf die Bettkante, den Blick starr auf das dunkle Fenster gerichtet, hinter dem die Bäume des grenzenlosen Waldes im Wind rauschten. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit des Wartens, bis ich am späten Abend schwere Schritte auf dem Kiesweg hörte. Ich bekam nur am Rande mit, wie meine Eltern nach Hause kamen, sich leise im Erdgeschoss unterhielten und schließlich die Treppe heraufkamen. Ein kurzes, zaghaftes Klopfen hallte an meiner Zimmertür wider.
»Ashlyn? Bist du schon im Bett, Schatz?«, drängte die warme, besorgte Stimme meiner Mutter durch das Holz.
Ich hielt den Atem an, presste die Hände aufeinander und schwieg. Nach ein paar langen Sekunden hörte ich ein leises Seufzen. Da ich ihnen nicht antwortete, würden sie vermutlich denken, ich sei erschöpft von dem Tag und schaue bereits tiefen Träumen entgegen. Tatsächlich vergingen noch knapp zwei Stunden, in denen das Haus um mich herum vollkommen verstummte und der Atem meiner Eltern im Nebenzimmer gleichmäßig wurde. Die Nacht hatte ihren tiefsten Punkt erreicht. Jetzt oder nie.
Ich griff nach meinem Rucksack, schlang die Riemen fest über meine Schultern und trat leise aus meinem Zimmer. Die Korridore waren in eisiges Mondlicht getaucht. Ich setzte jeden Schritt mit Bedacht, mied die knarzenden Stellen im Dielenboden, die ich seit meiner Kindheit in- und auswendig kannte, und schlich mich wie ein Geist die Treppe hinunter.
Das Haupttor zu verlassen, wäre reiner Selbstmord gewesen die Wachen des Alphas hätten mich sofort aufgehalten. Doch vor Jahren hatte ich beim Versteckspiel einen vergessenem Spalt im meterhohen, massiven Holzzaun entdeckt, der das Territorium schützte. Verborgen hinter dichten Brombeersträuchern bot er mir nun den perfekten Weg in die Freiheit.
Ich zwängte mich durch die schmale Lücke, spürte, wie die Dornen an meiner Kleidung rissen, und stand schließlich auf der anderen Seite. Außen. Frei.
Nach einigen Metern blieb ich an einer mächtigen, alten Eiche stehen. Der Wind strich kühl durch die Krone und ließ die Blätter wie flüsternde Stimmen rauschen. Ein letztes Mal sah ich über meine Schulter zurück auf das Dorf, das jahrelang mein Gefängnis gewesen war, und flüsterte in die Stille der Nacht:
»Lebt wohl.«
Mit diesen Worten kehrte ich meiner Vergangenheit endgültig den Rücken zu und verschwand in der undurchdringlichen Dunkelheit des tiefen Waldes.








