Eins: Der immer wiederkehrende Krieg
3010 – Erster Anschlag auf die Infrastruktur Sukoniyas
»Es passiert immer zum Beginn der Jahrhundertwende.« Oberleutnant Imeri Rexah betrachtete gemeinsam mit seinen Soldaten den Lageplan. »Um gegen die Duchtrinesen zu gewinnen, müssen wir härtere Geschütze auffahren. Sie werden versuchen, uns ohne mit der Wimper zu zucken, umzubringen.«
Rexah biss die Zähne fest zusammen. Er wusste, dass das Vorgehen der duchtrinesischen Soldaten an Grausamkeit kaum zu überbieten war. Sie machten weder halt vor älteren Menschen noch vor Kindern. Es war ihnen egal, wen sie töteten. Hauptsache, es wurde sukoniyanisches Blut vergossen.
Vor eintausend Jahren hegten die Vorfahren der Duchtrinesen schon einmal einen Groll gegen die Sukoniyaner und vergifteten sämtliche Zutaten von internationalen Lieferanten, zu Herstellung von Babynahrung. Bis heute galt dieser Terrorakt als historisches Ereignis, das an Grausamkeit kaum mehr zu überbieten war.
Verfluchte Duchtrinesen. Rexah kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel. Wenn sie wirklich so durchtrieben waren, wie er annahm, würde es mehr erfordern, als strategisches Vorgehen.
»Rexah«, ertönte es aus der dunkelsten Ecke des Raumes.
Sein Blick folgte der tiefen männlichen Stimme, während der Angriffstrupp simultan salutierte. Auch Rexah straffte die Schultern und hob den Arm. In einem perfekten Winkel bog er ihn, ehe er die Fingerspitzen an seine rechte Schläfe heranführte.
»Präsident Aleksej Vukos – Ihr Besuch wurde mir nicht angekündigt.« Rexah schärfte seinen Blick. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass der Präsident des Militärs wahrhaftig vor ihm stand – hier, in der Hauptbasis am Grenzgebiet zu Duchtria. »Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?«
»Rühren«, sagte Vukos in einem festen Ton, der keine Wiederrede duldete. »Oberleutnant Rexah. Es freut mich, Euch hier anzutreffen.«
Es freute ihn? Das war Rexah neu, immerhin hatten sie eine unschöne Vergangenheit.
»Was könnte ich für Euch tun, Präsident?«
»Auf ein Wort unter vier Augen.«
Rexah nickte und befahl seinen Soldaten, wegzutreten.
»Die Lage ist ernst, Rexah.« Der Präsident setzte sich auf eine der freien Stühle, die um den großen Planungstisch herumstanden. »Große Teile der Infrastruktur wurden in der Hauptstadt Kinkov zerstört. Es gab zahlreiche Opfer – darunter auch Frauen und Kinder.«
Rexah biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Eine Tick, den ihn keiner austreiben konnte. Nicht einmal das Militär.
»Wir wussten, dass es so kommen würde. Wir hätten schneller handeln müssen.«
»Es kommt noch viel schlimmer«, der Präsident wischte sich mit dem Handrücken ein paar feine Schweißperlen von der Stirn, »sie haben die Edita-Akte aktiviert.«
Das Blut pulsierte rasant durch Rexahs Adern. Er war nervös.
»Unmöglich ... Es hieß immer, die Fallakte Edita wäre ein Mythos, um ein Druckmittel gegen unser Land zu haben.«
Der Präsident schüttelt den Kopf. Die grauen Haare auf seinem Kopf wirken heute noch grauer, die Furchen unter seinen Augen noch tiefer. »Leider, nein. Es ist Pianzar und seiner Schar an Massenmördern ernst. Aus diesem Grund hat der Suko-Core eine Geheime Mission zur vorzeitigen Vernichtung der Edita-Akte beschlossen. Und Sie sollen diese mit ein paar ausgewählten Soldaten leiten.«
Schöne Scheiße. Das hatte Rexah noch gefehlt. Wenn die Edita-Akte bereits aktiv war, lief Ihnen die Zeit davon. Lief ihm die Zeit davon.
»Die Operation Karadas startet übermorgen. Alle wichtigen Informationen werden Ihnen in wenigen Stunden zugespielt. Sie sollten sich sofort ans Werk machen, und mit Ihrem Team über die Umsetzung sprechen. Jede Minute zählt, Oberleutnant.«
»Verstanden«, erwiderte Rexah und salutierte erneut.
»Wegtreten.«
Rexahs Körperspannung wich und er marschierte augenblicklich ins digitale Zentrum der Basis, wo er Zugriff auf alle bisherigen Akten zu vergleichbaren Operationen hatte. Dort loggte er sich via Gesichts- und Spracherkennung ein, bevor er eine Akte nach der Anderen öffnete.
»Oberleutnant Iperi Rexah. Suche Informationen zur Editha-Akte.«
Die weibliche Stimme der künstlichen Intelligenz ertönte aus den Lautsprechern: »Willkommen Oberleutnant Rexah. Einsicht in E D I T H A - genehmigt.«
Das KI-basierte System öffnete mehrere Dateien. Der Oberleutnant durchforstete sie und las jeden Bericht zweimal und stieß schlussendlich auf den entscheidenden Hinweis.
»Das kann doch nicht–«, er blieb starr vor Schreck.
»Oberleutnant«, das KI-System meldete sich zu Wort, »ich vernehme, dass Ihre Herzfrequenz sich schlagartig erhöht hat – soll ich dem medizinischen Fachzentrum eine Nachricht zukommen lassen?«
Rexah nahm einen tiefen Atemzug. Er schloss die Augen, um sie anschließend wieder zu öffnen und das Bild vor sich erneut zu betrachten. Darauf abgebildet war eine junge Frau, mit dunklem Haar und seegrünen Augen. Auf dem Foto dürfte sie nicht älter als sechzehn gewesen sein.
Der Oberleutnant wusste, dass es sich um die Tochter des duchtrinesischen Präsidenten handelte. Sie waren sich vor Jahren bei einem Friedensbankett begegnet. Damals war Rexah noch ein Frischling beim Militär, weshalb es ihm nicht erlaubt gewesen war, sich zu der Oberschicht an den Tisch zu gesellen. Deshalb beobachtete er das Geschehen aus der Ferne und träumte davon, irgendwann Teil davon sein zu können. Teil von etwas Großem – etwas Besonderem. Aber damals schien das alles noch in ferner Zukunft.
Was sollte ausgerechnet sie mit Edita zu tun haben? Die ganze Sache war ihm Schleierhaft. Ferner konnte er sich nicht zusammenreimen, weshalb Erkenntnisse zur Edita-Fallakte gewonnen, diese aber nicht mit den obersten Befehlshabern geteilt wurden. Es wäre viel einfacher gewesen, sich Stück für Stück in die Materie einzuarbeiten. Nun musste er sich jedes Detail merken, Lücken im System finden und blitzschnell agieren.
Seine Gedanken schweiften ab ... Er erinnerte sich an den Tag des Banketts zurück. In seinen Zwanzigern ließ er sich rasch von äußeren Reizen ablenken. Schöne Frauen gehörten ebenso dazu wie geschäftliche Gespräche, die nicht für seine Ohren bestimmt waren. Damals wollte Präsident Pianzar seine Tochter an den zehn Jahre älteren Remus Hörgardt verheiraten. Zumindest hatte er mitbekommen, wie die Angestellten des Hauses sich im Vorbeigehen darüber mokierten. Hörgardt hätte eine große Klappe, aber einen kleinen Schwanz, sagten sie und drückten ihre Fassungslosigkeit mit wilden Gesten aus, als zur Sprache kam, wie intelligent und attraktiv Pianzars Tochter wäre. Eine Verschwendung.
»Oberleutnant Rexah«, er wandte sich der festen männlichen Stimme zu, »mein Name lautet Oberschwarmführer Gunter.« Der gut gebaute Mann mit dem Baskenhaarschnitt salutierte. »Ich melde mich samt meiner Einheit freiwillig für die Operation Nachtschwarzer Drache.«
»Rühren«, erwiderte Rexah in einem gleichgültigen Ton. »Operation Nachtschwarzer Drache? Ich wusste nicht, dass die Operation schon im Gange ist, geschweige denn, dass sie bereits einen Namen hat.«
Zugleich meldete sich das KI-System: »Präsident Vukos hat die Dringlichkeit vor dem Imperialen Sicherheitsrat geäußert. Sämtliche Einheiten werden für den Fall von der Front abgezogen.«
»Wie bitte?« Rexah kochte innerlich vor Wut. In seinem Magen rumorte es. Am liebsten hätte er den Präsidenten angebrüllt. »Wie lange sitze ich schon hier?«, fragte er die KI. »Ich wurde doch erst vor ein paar Minuten mit der Operation beauftragt. Wie kann es sein, dass es nochmal eine Sitzung des Sicherheitsrates gab, von der ich nichts weiß?«
»Zeit spielt im Digitalen Zentrum keine Rolle«, betonte die KI-Stimme. »Faktisch sitzen Sie seit drei Wochen hier, und arbeiten die Inhalte der Fallakten durch. In der Realität sind des bloß zwei Stunden.«
Der Oberleutnant wusste, dass die Dinge im digitalen Zentrum anders liefen. Jedoch hatte er nicht gewusst, dass ihm auf diese Weise Zeit gestohlen werden würde.
»Wie ist das möglich?«
»Ich bin nicht dazu befugt, Ihnen Auskunft über die Funktionsweisen des digitalen Zentrums zu geben, Oberleutnant Iperi Rexah. Wenn Sie weitere Akteneinsicht wünschen, stehe ich Ihnen jedoch gerne zur Verfügung.«
Rexahs Kiefer mahlte. Er sah wieder zu dem Oberschwarmführer, der gemäß der sukoniyanischen Militärrangfolge knapp unter ihm stand. Dann sagte er: »Die Front muss geschützt werden. Zu viele Soldaten versauen die Operation. Sagen Sie Vukos, dass ich bereits bedient bin.«
»Aber ... Oberleutnant, ich ...«
»Das ist ein Befehl, Oberschwarmführer Gunter.«
Der Oberschwarmführer nickte. »Verstanden. Ich veranlasse, dass die Informationen für die Operation Nachtschwarzer Drache Sie auf digitalem Wege erreichen.«
»Ich habe noch keinen Zugriff?«
»Nein, Sir. Das hat noch niemand.«
Rexah verstand. Erneut wurde er ausgeschlossen und wieder hatte man ihm misstraut. Vor Jahren war dies schon einmal passiert, als es um seine Beförderung ging. Damals hatte er ebenfalls eine geheime Mission geleitet und einem der obersten Befehlshaber das Leben gerettet. Er wurde ausgezeichnet, zum Oberleutnant hochgestuft und anschließend in die Großstadt Narovina versetzt. Seither hatte man jede noch so brisante militärische Entscheidung über seinen Tisch laufen lassen – bis heute.
Er wandte sich dem KI-System zu: »Was kannst du mir über Operation Nachtschwarzer Drache sagen?«, fragte er.
Kurz darauf ertönte ein hohler Störton, während rotes Licht aufblitzte. »Ich bin nicht befugt, Ihnen Einsicht in die Akte Operation Nachtschwarzer Drache zu geben, Oberleutnant Iperi Rexah.«
»Beantrage Zugriff.«
»Zugriff wird beantragt«, erwiderte die KI, während ein kreis aus Punkten auf den gigantischen Bildschirmen tanzten.
»Sir, mit Verlaub–«, begann der Oberschwarmführer erneut, woraufhin Rexah ihm einen vernichtenden Blick zuwarf. »Entschuldige Sie bitte, ich möchte nicht anmaßend sein, aber...«
»Aber, was, Oberschwarmführer Gunter?«
»Ich kenne jemanden in den obersten Reihen, der eine Einsicht beschleunigen könnte.«
»Tatsächlich?« Rexah wurde hellhörig. »Erzählen Sie mir mehr.«
Scheinbar war Gunter im doch nützlich. Vielleicht sollte er seine Entscheidung, andere Soldaten miteinzubeziehen, noch einmal überdenken.
Gunter nickte. »Geben sie mir eine halbe Stunde. Bis dahin sollten Sie Einsicht haben.«









