Wo ist Rei?
Hina stand regungslos vor der Ruine.
Um sie herum herrschte Unruhe. Die Soldaten hatten sich versammelt, einige blickten zum Eingang der Ruine, andere zu Hina. Immer wieder fiel dieselbe Frage.
„Wo ist der Schattenmagier?“
„Ist Rei noch in der Ruine?“
„Kommt er noch heraus?“
Hina hörte jedes einzelne Wort. Doch sie antwortete nicht. Sie konnte es nicht.
Ihr Blick lag weiterhin auf dem dunklen Eingang. Noch immer hoffte ein Teil von ihr, dass Rei jeden Moment dort herauskommen würde. Vielleicht mit seinem üblichen Gesichtsausdruck. Vielleicht würde er irgendeinen dummen Kommentar machen und sich darüber beschweren, dass sie ohne ihn gegangen war.
Doch nichts geschah.
Der Eingang blieb leer.
Hina ballte langsam ihre Hände zu Fäusten. Sie sah es immer wieder vor sich: die Schatten, Reis Schrei, wie die Dunkelheit seinen Körper verschlungen hatte. Und dann war er einfach verschwunden.
Das Oberhaupt der Soldaten trat zu ihr.
„Hina.“
Keine Reaktion.
Er wartete einen Moment.
„Wir wissen nicht, was dort unten geschehen ist. Aber eines solltet Ihr wissen.“
Jetzt hob sie langsam den Kopf.
Der Soldat sah sie ernst an.
„Ihr wart fast eine Woche in dieser Ruine.“
Hinas orangefarbene Augen weiteten sich.
Fast eine Woche?
Für sie hatte es sich nicht annähernd so lange angefühlt.
Doch sie sagte nichts. Kein „Was?“. Keine Frage. Gar nichts.
Der Soldat bemerkte ihren Zustand und entschied sich, nicht weiter nachzuhaken.
„Wir sollten nach Dalk zurückkehren. Dort können wir Bericht erstatten und überlegen, wie wir weiter vorgehen.“
Hina sah wieder zur Ruine.
Rei…
Plötzlich bekam sie ein seltsames Gefühl.
Hina hob den Kopf.
Da war etwas.
Jemand beobachtete sie.
Sie spürte es ganz deutlich.
Ihr Blick wanderte zu den Bäumen.
Nichts.
Zu den Felsen.
Niemand.
Hina drehte sich langsam um. Auch hinter ihr war nichts zu sehen.
Trotzdem verschwand das Gefühl nicht.
„Was ist?“, fragte einer der Soldaten.
Hina reagierte erneut nicht. Sie suchte die Umgebung mit ihren Augen ab.
Nichts.
Vielleicht bildete sie es sich nur ein.
„Wir brechen auf!“, rief das Oberhaupt.
Die Soldaten begannen, das Lager abzubauen. Zelte wurden zusammengerollt, Vorräte verstaut und Waffen überprüft.
Hina stand währenddessen einfach vor der Ruine, als wäre ein Teil von ihr noch immer dort unten.
Bei Rei.
Nach einiger Zeit war das Lager vollständig verschwunden.
„Hina.“
Das Oberhaupt trat erneut zu ihr.
„Wir sind bereit.“
Sie sah ihn an und nickte nur schwach.
Die Soldaten setzten sich in Bewegung.
Hina machte gerade ihren ersten Schritt, als plötzlich ein gewaltiges Licht vor ihnen erschien.
Sofort zogen mehrere Soldaten ihre Waffen.
„Formation!“
Das Licht wurde heller. So hell, dass einige Soldaten ihre Augen mit den Armen schützen mussten.
Hina hingegen blieb stehen.
Sie kannte dieses Licht.
Langsam nahm darin eine Gestalt Form an.
Eine Frau trat hervor. Langes weisses Haar fiel über ihre Schultern und ihren Rücken. Ein ebenso langes weisses Kleid umgab ihren Körper, während das Licht um sie herum langsam schwächer wurde.
Hina sah sie an.
Die Grosse Weise.
Die Frau sagte zunächst kein Wort. Ihr Blick ruhte auf Hina.
Lange.
Viel zu lange.
Hina erwiderte ihn schweigend.
Keine ihrer sonst so direkten Fragen.
Kein frecher Kommentar.
Nicht einmal ein „Wo ist Rei?“.
Die Grosse Weise schien zu verstehen.
Dann wandte sie sich von Hina ab und sah zu den Soldaten.
Ihre Stimme war ruhig. Doch dieses Mal lag etwas darin, das selbst das Oberhaupt der Soldaten sofort ernst werden liess.
„Kehrt nach Dalk zurück. Erstattet Bericht über alles, was geschehen ist.“
Die Grosse Weise hielt kurz inne.
„Und richtet eurer Königin aus, dass eine Gefahr droht.“
Stille.
Keiner der Soldaten stellte eine Frage.
Das Oberhaupt legte eine Hand auf seine Brust und verneigte sich.
„Verstanden.“
Die anderen Soldaten folgten seinem Beispiel.
Kurz darauf setzten sie ihren Weg zurück nach Dalk fort. Einer nach dem anderen verschwanden sie zwischen den Bäumen, bis ihre Schritte nicht mehr zu hören waren.
Nun herrschte wieder Stille vor der Ruine.
Nur zwei Personen waren zurückgeblieben.
Die Grosse Weise und Hina.
Die Grosse Weise trat langsam neben sie.
Für einige Sekunden standen beide schweigend vor dem Eingang der Ruine. Hina hatte den Blick noch immer auf die Dunkelheit gerichtet, als würde sie darauf warten, dass Rei doch noch daraus hervorkam.
Doch die Grosse Weise sagte nur:
„Wir gehen jetzt zurück.“
Hina reagierte nicht.
Dann begann plötzlich der Boden zu beben.
Sie hob den Kopf und sah zur Ruine.
Ein schwaches Leuchten zog sich über die alten Steine. Erst verschwanden die Säulen, dann die alten Schriftzeichen. Die Mauern wurden durchscheinend, als würden sie vom Wind davongetragen werden.
Hinas Augen weiteten sich.
Innerhalb weniger Sekunden war die Ruine verschwunden.
Dort, wo eben noch der Eingang gewesen war, befand sich nur noch unberührter Boden.
Hina starrte auf die leere Stelle.
Jetzt war selbst der letzte Ort verschwunden, an dem sie nach Rei hätte suchen können.
Langsam drehte sie ihren Kopf zur Grossen Weisen.
Ihre Lippen öffneten sich leicht, doch kein Wort kam heraus.
Stattdessen sammelten sich Tränen in ihren orangefarbenen Augen.
Die Grosse Weise sah sie an.
Sie sagte nichts.
Keine rätselhaften Worte.
Keine Erklärung.
Sie legte Hina lediglich eine Hand auf die Schulter.
Im nächsten Moment wurde alles weiss.
Hina kniff die Augen zusammen.
Ein warmer Luftzug strich über ihr Gesicht, und kaum eine Sekunde später spürte sie festen Stein unter ihren Stiefeln.
Als sie die Augen wieder öffnete, traute sie ihnen nicht.
Vor ihr erhob sich der Palast von Solaris.
Hina sah sich um.
Die vertrauten Strassen.
Die Mauern.
Die Türme.
Solaris.
Sie waren zurück.
Normalerweise hätte Hina vermutlich sofort gefragt, wie die Grosse Weise sie über eine solche Entfernung teleportieren konnte.
Doch diesmal nichts.
Hina sagte kein einziges Wort.
Die Tränen standen noch immer in ihren Augen.
Die Grosse Weise nahm ihre Hand von Hinas Schulter und ging auf den Palast zu.
Hina folgte ihr schweigend.
Die grossen Türen des Palastes öffneten sich.
Kaum hatten Hina und die Grosse Weise die Halle betreten, blieben drei Personen stehen.
Aurelius.
Mio.
Und Ayame.
Mios Gesicht hellte sich im ersten Moment auf.
„Hina!“
Ayame drehte sich sofort um.
„Hina?!“
Beide Frauen gingen schnell auf sie zu.
Aurelius folgte ihnen einige Schritte langsamer, doch auch in seinem Gesicht war deutlich die Erleichterung zu erkennen.
Mio erreichte Hina als Erste.
„Endlich bist du wieder da!“
Dann sah sie genauer hin.
Hinas Kleidung war vom Kampf gezeichnet. Auf ihrer Haut waren noch einige leichte Kratzer zu erkennen, und Erschöpfung lag in ihrem Gesicht.
Mios Freude verschwand sofort.
„Hina… geht es dir gut?“
Keine Antwort.
Ayame stellte sich auf Hinas andere Seite.
„Bist du verletzt?“
Hina schwieg.
„Hina?“
Ayame betrachtete ihre Tochter besorgt.
Normalerweise hätte Hina längst etwas gesagt. Vielleicht hätte sie behauptet, dass alles in Ordnung sei. Vielleicht hätte sie einen Witz gemacht oder versucht, die anderen zu beruhigen.
Doch sie stand einfach nur da.
Still.
Mio sah zu Aurelius.
Dann wieder zu Hina.
Und erst jetzt bemerkte sie etwas.
Jemand fehlte.
Ihr Blick wanderte hinter Hina.
Zur Eingangstür.
Niemand kam.
Mios Gesicht veränderte sich.
„Hina…“
Hina hob leicht den Kopf.
Mio zögerte einen Augenblick.
Dann stellte sie die Frage.
„Wo ist Rei?“
Stille.
Hinas Augen begannen sofort zu zittern. Ihre Lippen öffneten sich, doch wieder kam kein Wort heraus.
Stattdessen löste sich die erste Träne aus ihrem Auge.
Sie lief langsam über ihre Wange.
Dann eine zweite.
Und noch eine.
Ayames Augen weiteten sich.
„Hina…“
Mio starrte sie an.
Jetzt verstand sie, dass etwas passiert sein musste.
Etwas Schlimmes.
Sie drehte sich zur Grossen Weisen.
„Wo ist Rei?“
Die Grosse Weise schwieg.
Mio trat einen Schritt auf sie zu.
„Bitte. Wo ist er?“
Aurelius sah die Grosse Weise nun ebenfalls ernst an.
Ayame hingegen blieb bei ihrer Tochter.
Die Grosse Weise schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Dann sah sie zu Hina.
„Ich gehe jetzt mit Hina allein.“
Mio runzelte die Stirn.
„Was?“
„Es ist wichtig.“
„Aber—“
„Ich hole euch, sobald ich kann.“
Aurelius wollte etwas sagen, doch die Grosse Weise legte bereits ihre Hand auf Hinas Schulter.
Hina wehrte sich nicht.
Sie sah nur noch einmal zu ihrer Mutter.
Dann zu Mio.
Zu ihrem Vater.
Die Tränen liefen weiterhin über ihre Wangen.
Und bevor jemand noch etwas sagen konnte, verschwanden Hina und die Grosse Weise in einem hellen Licht.
Hina spürte erneut festen Boden unter ihren Füssen.
Als das Licht verschwand, erkannte sie den Raum.
Den Raum der Schriftrolle.
Die uralten Wände.
Die geheimnisvolle Atmosphäre.
Und vor ihnen die Schriftrolle, die bereits so vieles verändert hatte.
Hina stand schweigend neben der Grossen Weisen.
Ihre Hände zitterten leicht.
Die Grosse Weise liess ihre Schulter los.
Für einen Moment sagte auch sie nichts.
Nun gab es keine Soldaten mehr.
Keine Mio.
Keine Ayame.
Keinen Aurelius.
Nur Hina.
Die Grosse Weise.
Und die Schriftrolle.
Hina wischte sich mit einer zitternden Hand über die feuchten Wangen.
Doch noch immer brachte sie kein einziges Wort heraus.
Die Grosse Weise wandte sich langsam zu ihr und trat vor Hina.
„Es tut mir leid, Hina.“
Hinas Augen zitterten.
Doch sie schwieg.
„Ich habe euch viel verschwiegen. Vieles nicht erzählt, obwohl ich die Wahrheit kannte.“
Hina sah sie mit ihren verweinten orangefarbenen Augen an.
„Ich wusste mehr über die Ruinen. Mehr über deine Rolle. Und mehr über Rei.“
Bei seinem Namen zuckte Hina leicht zusammen.
„Warum ich geschwiegen habe, macht es nicht besser“, fuhr die Grosse Weise fort. „Aber hätte ich euch von Anfang an alles erzählt, hättet ihr diese Mission niemals begonnen.“
Hinas Hände ballten sich zu Fäusten.
Noch immer kam kein Wort über ihre Lippen.
Die Grosse Weise richtete sich wieder auf.
„Aber bevor ich dir erzähle, was geschehen ist, schulde ich dir etwas. Ich habe dir versprochen, mich eines Tages richtig vorzustellen.“
Die Grosse Weise hob langsam eine Hand.
Das Licht im Raum veränderte sich.
Ein sanftes weiss-goldenes Leuchten entstand um ihren Körper.
Hina kannte dieses Licht.
Sie hatte es gesehen.
In der Dunkelheit der Ruine.
Nachdem sie den Kristall berührt hatte.
Die Silhouette.
Die Stimme.
Mein Kind des Lichts.
Hinas Augen wurden grösser.
„Mein Name ist Eclips.“
Hina erstarrte.
Das Licht um die Frau wurde stärker.
„Doch du kennst mich inzwischen auch unter einem anderen Namen.“
Hina hielt den Atem an.
Eclips sah sie an.
„Die Königin des Lichts.“
Hinas Augen weiteten sich.
Sie wollte etwas sagen.
Irgendetwas.
Doch nachdem sie die ganze Zeit kein Wort herausgebracht hatte, war sie jetzt erst recht sprachlos.
Die Grosse Weise.
Die Frau, die sie seit Beginn ihrer Reise begleitet hatte.
Die rätselhafte Gestalt, die immer wieder aufgetaucht war.
Und die Königin des Lichts, die ihr innerhalb der Ruine drei Fragen beantwortet hatte—
waren ein und dieselbe Person.
Eclips.
Hina starrte sie einfach nur an.
Eclips liess ihr einige Sekunden.
„Ich weiss. Es ist viel. Und du wirst Zeit brauchen, um all das zu verstehen und zu verdauen.“
Das Leuchten um Eclips wurde schwächer.
„Doch diese Zeit haben wir gerade nicht.“
Hinas Blick veränderte sich.
Eclips wurde ernst.
„Wir stehen vor einem grossen Problem.“
Sie hielt kurz inne.
„Es geht um Rei.“
Sofort war Hinas gesamte Aufmerksamkeit bei ihr.
Ihre Tränen liefen noch immer, doch ihre Augen waren nun fest auf Eclips gerichtet.
„Was in der Ruine mit ihm geschehen ist, war kein gewöhnlicher Teleport“, erklärte Eclips. „Seine Schattenmagie hat einen Punkt erreicht, an dem er sie nicht mehr kontrollieren konnte.“
Hinas Finger zitterten.
„Rei wurde von seiner eigenen Finsternis verschlungen.“
Hina schüttelte ganz leicht den Kopf.
Eclips sprach trotzdem weiter.
„Der Rei, den du kanntest, existiert in dieser Form nicht mehr.“
Hinas Augen weiteten sich.
Eine weitere Träne lief über ihre Wange.
„Seine Magie hat ihn zerfressen. Seine Finsternis hat ihn verschlungen.“
Hina wollte etwas sagen.
Doch ihre Stimme versagte erneut.
Eclips sah sie ernst an.
„Er wandelt nun an einem Ort, den du nicht betreten kannst.“
Hinas Blick sank für einen Augenblick.
Dann fügte Eclips hinzu:
„Noch nicht.“
Hinas Kopf schnellte hoch.
Dieses eine Wort.
Noch nicht.
Zum ersten Mal seit sie aus der Ruine gekommen war, veränderte sich etwas in ihrem Gesicht.
Zwischen all der Angst, all der Trauer und all der Verzweiflung war plötzlich etwas anderes.
Hoffnung.
Hina öffnete den Mund.
Ihre Stimme war schwach, heiser, fast gebrochen.
Doch endlich sprach sie.
„Wie…“
Eclips wartete.
Hina wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Ihre Hand zitterte.
Doch ihr Blick nicht mehr.
„Wie und wann komme ich dort hin?“
Eclips schwieg einen Moment.
Keine Frage danach, ob es gefährlich war.
Keine Frage danach, was sie dort erwarten würde.
Nicht einmal die Frage, ob Rei überhaupt noch gerettet werden konnte.
Hina wollte nur wissen, wie sie zu ihm kam.
Eclips lächelte ganz leicht.
Dann trat sie näher.
„Ich führe dich.“
Hina sah sie an.
Ihre Augen waren noch immer voller Tränen.
Doch etwas war zurückgekehrt.
Dieser Blick.
Diese Entschlossenheit.
Wenn Rei irgendwo dort draussen war, dann würde Hina ihn finden.
Egal, wohin sie dafür gehen musste.



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