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Summary

Camille Calloway besitzt alles, wovon andere nur träumen können – nur nicht die Freiheit, über ihr eigenes Leben zu entscheiden. Ihre Ehe mit Theodore Wexler wurde von zwei mächtigen Familien geplant, ihre Zukunft steht längst fest und selbst ihr Lächeln gehört zu der Rolle, die sie jeden Tag spielen muss. Bis ihre beste Freundin sie zu einem Konzert in einen kleinen Kellerclub mitnimmt und Camille Nicolas Hayes begegnet. Nicolas ist Sänger und Gitarrist der aufstrebenden Rockband No Saints Left. Er ist chaotisch, frei und vollkommen anders als die Männer aus Camilles Welt. Als sein schwarzes Notizbuch versehentlich in ihrer Tasche landet, entsteht zwischen ihnen etwas, das keiner von beiden gesucht hat. Aus heimlichen Nachrichten werden gemeinsame Melodien. Aus gestohlenen Stunden wird eine Liebe, für die Camille schließlich bereit ist, alles zurückzulassen. Doch eine einzige Nacht und ein folgenschweres Missverständnis trennen sie. Jahre später begegnen sie sich erneut. Nicolas hat Camille nie vergessen – und plötzlich steht vor ihm ein kleiner Junge mit ungewöhnlich vertrauten Augen. Zwischen alten Verletzungen, verschwiegenen Wahrheiten und einer Familie, die noch immer über Camilles Leben bestimmen will, müssen beide herausfinden, ob manche Entscheidungen endgültig sind – oder ob das Leben ihnen noch eine weitere Wahl lässt.

Genre
Drama
Author
Mermi
Status
Complete
Chapters
37
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1


Kapitel 1 - Die falsche Welt

Camille

Wenn Paige Miller sagt, ein Abend werde mir guttun, meint sie normalerweise, dass ich für zwei Stunden vergessen soll, welchen Namen ich trage.

Heute meint sie offenbar, dass ich dafür in einen Kellerclub am anderen Ende von Los Angeles steigen muss.

„Das ist nicht dein Ernst.“ Ich bleibe vor der schmalen Treppe stehen und sehe auf das flackernde Schild über dem Eingang.

THE HOLLOW ROOM. Zwei Buchstaben funktionieren nicht.

Aus Hollow ist H low geworden, was den Zustand einiger Gäste vermutlich treffender beschreibt.

Paige schiebt sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr. In ihren grünen Augen liegt genau der Ausdruck, den sie immer bekommt, wenn sie beschlossen hat, meine Vernunft persönlich zu beleidigen. „Du hast Ja gesagt.“

„Ich dachte, wir gehen etwas trinken.“

„Unten gibt es Getränke.“

Aus dem Keller dröhnt ein Basslauf durch die Wände. Menschen in Lederjacken und ausgewaschenen Shirts drängen an uns vorbei. Niemand sieht mich ein zweites Mal an. Niemand scheint den Ring an meiner linken Hand zu bemerken oder sich dafür zu interessieren, dass mein Mantel wahrscheinlich mehr kostet als die gesamte Technik hinter der Bühne. Das sollte mich beruhigen.

Stattdessen fühlt es sich an, als würde ich ohne Geländer eine Treppe hinuntergehen.

Mein Telefon vibriert in meiner Handtasche. Ich muss nicht nachsehen, um zu wissen, wer es ist. Theodore erwartet mich um elf. Der Fahrer wartet zwei Straßen weiter. Mein Kalender für morgen beginnt um sieben mit einem Frühstück, bei dem mein Vater über die nächste gemeinsame Präsentation der Calloway Media Group und Wexler Systems sprechen will. Um neun habe ich eine Vorlesung. Danach eine Besprechung, bei der ich schweigen und aufmerksam aussehen soll, damit man mich langsam an meine künftige Rolle gewöhnt.

Alles in meinem Leben ist eine Vorbereitung auf etwas, das andere längst entschieden haben.

„Eine Stunde“, sage ich.

Paige hakt sich bei mir unter. „Zwei.“

„Neunzig Minuten.“

„Du verhandelst sogar deine Freizeit.“

„Ich verhandle alles. Das ist praktisch mein Studienfach.“

Sie lacht, und obwohl ich die Augen verdrehe, gehe ich mit ihr nach unten.

Die Luft im Club ist warm und riecht nach verschüttetem Bier, Metall und zu vielen Menschen. An den Wänden kleben Poster von Bands, deren Namen wie Drohungen klingen. Vor der niedrigen Bühne stehen vielleicht hundertfünfzig Leute. Paige kennt jemanden am Einlass, natürlich kennt sie jemanden, und wenige Minuten später haben wir Getränke in den Händen und einen Platz seitlich vor der Bühne.

„No Saints Left“, ruft sie gegen die Musik aus den Lautsprechern an. „Fünf Typen aus Red Creek, Texas. Noch kennt sie kaum jemand, aber das ändert sich.“

„Das sagst du über jede Band, die du entdeckst.“

„Und irgendwann habe ich recht.“

Die Lichter gehen aus.

Der Raum verändert sich im selben Augenblick.

Zuerst sehe ich nur Umrisse. Einen Mann hinter dem Schlagzeug, einen Bassisten, zwei Gitarren, jemanden an einem Keyboard. Dann fällt ein schmaler weißer Lichtkegel auf die Mitte der Bühne.

Der Sänger trägt ein schwarzes Shirt, dessen Ärmel er abgeschnitten hat, eine dunkle Jeans und eine Gitarre, die aussieht, als hätte sie mehr Orte gesehen als ich. Seine schwarzen Haare sind an den Seiten kurz und oben vollkommen unbeeindruckt davon, dass Frisuren normalerweise einer Absicht folgen. Als er den Kopf hebt, fängt das Licht sein Gesicht ein.

Er lächelt nicht höflich.

Er wartet nicht darauf, dass der Raum ihm die Erlaubnis gibt.

Er schlägt den ersten Akkord an, und alles in mir, was seit Jahren gerade sitzt, gerät aus dem Takt.

Der Ton trifft nicht nur meine Ohren. Er läuft durch den Boden, durch die dünnen Sohlen meiner Stiefel und bis in meinen Brustkorb. Neben mir reißt jemand beide Arme hoch. Ein Ellenbogen streift meine Schulter, Bier schwappt über einen Plastikbecher, und für einen Moment bin ich sicher, dass ich hier vollkommen falsch bin.

Die Musik ist rau, aber nicht beliebig laut. Unter den Gitarren liegt etwas Präzises, fast Schmerzhaftes. Der Sänger bewegt sich, als gäbe es keinen Unterschied zwischen seinem Körper und dem Lied. Er zieht die Menge mit, nicht weil er um Aufmerksamkeit bittet, sondern weil es unmöglich wird, woanders hinzusehen.

Ich kenne diese Art Freiheit nicht.

Bei Empfängen stehen Menschen auf Bühnen, weil ihre Namen auf Programmen gedruckt wurden. Sie sprechen in vorbereiteten Sätzen, machen an den richtigen Stellen Pausen und lächeln, wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Dieser Mann dort oben scheint nicht einmal zu wissen, wie man sich kleiner macht, damit andere sich wohler fühlen.

Paige beugt sich zu mir. „Das ist Nicolas Hayes.“

Als hätte er seinen Namen gehört, blickt er zur Seite.

Direkt zu mir.

Es kann Zufall sein. Das Licht blendet ihn wahrscheinlich.

Trotzdem halte ich den Atem an. Ein Auge wirkt gedämpft grün, das andere graublau. Der Unterschied ist so fein, dass ich ihn mir einbilden könnte.

Sein Blick bleibt einen Herzschlag zu lange an mir hängen.

Dann spielt er weiter.

Dann setzt das Schlagzeug ein.

Der blonde Mann hinter den Trommeln zählt die Band mit zwei Schlägen seiner Sticks ein. Der Bass folgt, dunkel und gleichmäßig, danach eine zweite Gitarre. Nicolas wartet noch einen halben Takt, bevor er zu singen beginnt. Seine Stimme ist rauer, als ich erwartet habe, nicht glatt und nicht darauf ausgerichtet, jedem zu gefallen. Manche Wörter scheint er eher auszuspucken, andere hält er so lange fest, als könnte er verhindern, dass sie verschwinden.

„Das Lied heißt No Place to Stay“, ruft Paige mir ins Ohr. „Das war ihre erste Single.“

Ich nicke, obwohl ich kaum etwas von ihr verstehe. Auf der Bühne wechselt das Licht von Weiß zu einem tiefen Rot.

Nicolas geht bis an den Rand, und die ersten Reihen bewegen sich geschlossen auf ihn zu. Hände strecken sich nach ihm aus.

Er berührt keine davon absichtlich, aber er weicht ihnen auch nicht aus.

Bei Theodore bedeutet Nähe immer Besitz. Eine Hand an meinem Rücken zeigt anderen, wohin ich gehöre. Finger an meinem Handgelenk erinnern mich daran, stehen zu bleiben.

Nicolas steht hundert Menschen gegenüber und wirkt trotzdem, als wolle er niemanden festhalten.

Nach dem ersten Lied bedankt sich der Bassist beim Publikum.

Ethan, erklärt Paige, während die Band ihre Instrumente stimmt. Der Mann an der zweiten Gitarre - Mason - erzählt irgendeinen Unsinn über Logans angeblich lebensgefährlichen Versuch, in Texas Kaffee zu kochen. Der Club lacht. Sogar der ruhige Keyboarder im Hintergrund schüttelt grinsend den Kopf.

Sie wirken nicht wie fünf Männer, die zufällig denselben Vertrag unterschrieben haben. Sie kennen die Pausen der anderen. Logan wirft Nicolas einen Stick zu, den dieser fängt, ohne sich umzudrehen. Mason beginnt den nächsten Song mit einem falschen Akkord, und Nicolas singt spontan eine Zeile darüber, dass Gitarristen offenbar überschätzt werden. Das Publikum johlt. Mason verbeugt sich, als wäre die Beleidigung eine Auszeichnung.

Ich sehe zu Paige. „Sind die immer so?“

„Schlimmer, wenn man sie kennt.“

„Du kennst sie?“

„Ich kenne Mason flüchtig über einen Freund. Genug für die Gästeliste, nicht genug, um für irgendetwas verantwortlich gemacht zu werden.“

Das erklärt den Backstagepass, den sie vorhin so beiläufig in ihrer Jackentasche verschwinden ließ.

Das zweite Lied beginnt leiser. Nur Nicolas und seine Gitarre, ein schmaler blauer Lichtkegel und ein Raum, der innerhalb weniger Takte aufhört, sich zu unterhalten. Er singt von einem Jungen, der seinen Koffer nie ganz auspackt, weil jedes Zuhause nur geliehen ist. Ich weiß nichts über ihn. Trotzdem klingt es nicht erfunden.

Bei der zweiten Strophe kommt Caleb am Keyboard hinzu.

Wenige klare Töne, dann Ethan mit dem Bass. Logan wartet bis zum Refrain. Als das Schlagzeug einsetzt, spüre ich, wie sich meine Finger um den Henkel meiner Tasche lösen.

Ich habe nicht bemerkt, dass ich ihn festhalte.

„Alles gut?“, fragt Paige.

Die automatische Antwort liegt bereit. Natürlich. Alles ist immer gut, solange jemand hinsieht.

„Ich glaube schon“, sage ich stattdessen.

Paige mustert mich kurz, drängt aber nicht weiter.

Zwischen dem dritten und vierten Lied reißt Nicolas eine Saite.

Das Geräusch ist scharf, die Musik bricht an einer Stelle weg, an der sie eigentlich größer werden sollte. Bei einem Calloway-Empfang würde eine solche Panne hinterher in drei Sitzungen ausgewertet werden. Hier lacht Nicolas nur auf, hebt entschuldigend beide Hände und greift nach der Ersatzgitarre, die ein Techniker ihm reicht.

„Gebt mir zehn Sekunden“, sagt er ins Mikrofon. „Logan kann in der Zeit sein berühmtes Schlagzeugsolo spielen.“

Logan schlägt einmal auf eine winzige Triangel neben seinem Set.

Der einzelne helle Ton hängt lächerlich lange in der Luft.

Ich lache, bevor ich daran denken kann, es nicht zu tun. Paige dreht sich so schnell zu mir, dass ihre braunen Haare mein Gesicht streifen.

„Kein Wort“, warne ich.

„Ich habe gar nichts gesagt.“

Ihr Grinsen sagt genug.

Nicolas hat die neue Gitarre bereits umgehängt. Als er aufblickt, landet sein Blick wieder bei mir. Diesmal kann es kein Zufall sein. Um mich herum springen Menschen, rufen seinen Namen, halten Telefone hoch. Ich stehe still da, in einem Mantel, der nicht hierhergehört, und trotzdem scheint er ausgerechnet mein Gesicht in der Menge zu finden.

Er hebt eine Augenbraue, als hätte er mein Lachen gesehen.

Ich senke nicht sofort den Blick.

Der nächste Song ist schneller. Paige zieht mich am Handgelenk einen Schritt weiter nach vorn. Normalerweise mag ich es nicht, wenn jemand meine Bewegungen bestimmt, aber bei ihr kann ich mich lösen, ohne dass sie beleidigt ist.

Diesmal bleibe ich. Jemand hinter uns singt vollkommen falsch mit. Vor uns tanzt eine Frau mit silbernen Haaren, als wäre sie allein im Raum.

Beim Refrain kenne ich die Worte noch nicht. Beim zweiten Mal verstehe ich genug, um sie im Kopf zu ergänzen. Beim dritten bewegt sich mein Mund lautlos mit.

Ich denke nicht an morgen früh. Nicht an das blaue Kleid, das Evelyn für das Familienessen ausgesucht hat. Nicht an Theodore oder daran, dass mein Fahrer vermutlich jede Minute auf die Uhr sieht.

Für vier Minuten und zwölf Sekunden bin ich nur eine Frau in einem viel zu warmen Kellerclub, die ein Lied hört, das niemand für sie ausgewählt hat.

Nach circa 50 Minuten verschwindet die Band von der Bühne.

Sofort beginnen die Rufe nach einer Zugabe. Ich halte das für ein abgesprochenes Ritual, bis Nicolas allein zurückkommt.

Ohne Gitarre setzt er sich an das alte Klavier am Bühnenrand, das mir zuvor nicht aufgefallen ist.

Die ersten Töne sind unsicher. Nicht schlecht - nur suchend.

Der Raum wird still.

„Das ist neu“, sagt Paige.

Nicolas spielt dieselbe kurze Folge zweimal und verändert beim dritten Mal den letzten Ton. Dann schüttelt er über sich selbst den Kopf.

„Mehr habe ich davon noch nicht“, sagt er ins Mikrofon. „Aber Caleb behauptet, wenn ich sie oft genug vor Zeugen spiele, muss ich sie irgendwann fertig schreiben.“

„Ich habe gesagt, du sollst üben“, ruft Caleb aus dem Dunkel hinter der Bühne.

Gelächter geht durch den Club. Nicolas grinst, doch seine Finger bleiben einen Moment auf den Tasten liegen. Die unfertige Melodie ist schlicht und seltsam vertraut. Ich spiele in Gedanken eine Antwort dazu - drei Töne, die sich unter seine Folge legen könnten.

Dann steht er auf, nimmt wieder die Gitarre und die ganze Band kommt für zwei letzte Lieder zurück.

Als nach etwas mehr als einer Stunde der letzte Akkord verklingt, schmerzen meine Füße. Meine Haare kleben im Nacken, mein Getränk steht seit einer Ewigkeit unberührt hinter uns, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so lange nicht auf mein Telefon gesehen habe.

Ich habe erst beim letzten Lied gemerkt, dass ich lächle.

Nicht das kleine, kontrollierte Lächeln, das meine Mutter für Fotos geeignet findet. Ein echtes. Es spannt ungewohnt in meinen Wangen und verschwindet sofort, als das Licht wieder angeht.

„Du kommst mit“, sagt Paige.

„Wohin?“

„Backstage.“

„Nein.“

„Ich habe uns schon auf die Liste setzen lassen.“

„Natürlich hast du das.“

Sie nimmt mir das halbleere Glas aus der Hand und stellt es auf einen Tisch. „Neunzig Minuten sind noch nicht vorbei.“

Der Backstagebereich besteht aus einem schmalen Flur, einem Raum mit abgewetzten Sofas und einer offenen Tür, hinter der Kabel, Kisten und Instrumente gestapelt sind. Die Band ist noch voller Bühnenenergie. Der blonde Schlagzeuger mit den verwuschelten Haaren redet gleichzeitig mit drei Menschen.

Ein Mann mit Bass diskutiert ruhig mit einem Techniker. Paige begrüßt Mason, der sie nach kurzem Zögern erkennt, und zwei andere Bekannte, als wäre sie hier zu Hause.

Ich stelle meine Handtasche offen auf einem niedrigen Flightcase ab, um meinen Mantel auszuziehen. In dem Raum ist es noch wärmer als vor der Bühne. Logan kommt rückwärts durch die Tür, weil er gemeinsam mit einem Techniker einen Teil seines Schlagzeugs trägt. Er stößt gegen einen Stapel aus Kabeltaschen und losen Papieren.

„Vorsicht“, sagt Ethan.

„Alles unter Kontrolle“, behauptet Logan in genau dem Moment, in dem etwas Schwarzes vom Case rutscht.

Ich fange nur meinen Mantel auf, bevor er den Boden berührt.

Mason zieht Logan lachend weiter, jemand stellt zwei Wasserflaschen neben meine Tasche, und innerhalb eines Augenblicks ist der kleine Zwischenfall vergessen. Ich sehe nicht, dass das schwarze Notizbuch zwischen dem weichen Schal und meinem Portemonnaie landet.

Ich stehe daneben und werde wieder zu der Frau, die ich kenne.

Gerader Rücken. Ruhige Hände. Höfliche Distanz.

„Du siehst aus, als würdest du gleich den Laden kaufen.“

Die Stimme kommt von rechts.

Nicolas lehnt im Türrahmen. Aus der Nähe sehe ich, dass seine Augen tatsächlich verschieden sind. Auf seinem linken Unterarm verlaufen wenige schwarze Linien unter der Haut.

Schweiß hat sein Haar noch chaotischer gemacht.

„Ist er denn zu verkaufen?“, frage ich.

„Alles ist zu verkaufen. Sagen Leute mit teuren Mänteln jedenfalls.“

Mein Blick fällt auf seine Gitarre. „Die offenbar nicht.“

Er sieht an sich hinunter. „Guter Punkt.“

Er kommt näher, ohne mich einzuengen. Sein Blick streift meinen Ring, bleibt aber nicht daran hängen. Die meisten Menschen entscheiden in dem Moment, in dem sie ihn sehen, wie sie mit mir sprechen müssen. Respektvoller. Vorsichtiger.

Manchmal interessierter.

Nicolas wirkt nur neugierig.

„Nicolas“, sagt er.

„Ich weiß.“

„Das ist ein seltsamer Einstieg für ein Gespräch.“

„Ihr Name wurde angekündigt.“

„Mein Name. Nicht Ihr.“

Ich hebe eine Braue. „Soll ich Sie duzen, weil Ihr Shirt keine Ärmel hat?“

Für eine Sekunde ist es still zwischen uns.

Dann lacht er. Laut, überrascht und so ansteckend, dass mir ebenfalls ein Lachen entwischt.

Ich erkenne den Klang kaum.

Nicolas hört sofort auf zu lachen. Nicht weil ich etwas Falsches getan habe. Er sieht mich einfach an, als hätte sich vor ihm eine Tür geöffnet, von der er nicht wusste, dass sie existiert.

„Da bist du ja“, sagt er leise.

Mein Lächeln verschwindet. „Wo sollte ich sonst sein?“

„Keine Ahnung.“ Sein Blick geht über mein Gesicht, nicht über meinen Mantel, meinen Ring oder den teuren Mantel. „Aber eben warst du noch nicht hier.“

Paige ruft meinen Namen. Der Fahrer schreibt mir, dass es zehn Uhr vierzig ist. Die Welt holt mich innerhalb eines Atemzugs zurück.

„Ich muss gehen.“

„Natürlich.“ Nicolas tritt zur Seite. Kein Drängen. Keine Bitte.

„Dann war es nett, dich kurz kennenzulernen, Camille.“

Nicht Mrs Wexler.

Nicht Miss Calloway.

Camille.

Auf der Fahrt nach Hause spricht Paige fast ununterbrochen.

Ich höre kaum zu. Vor den Fenstern gleitet Los Angeles vorbei, voller Lichter und Leben, das sich nicht um meinen Kalender kümmert.

Erst als ich meine Handtasche im Schlafzimmer öffne, entdecke ich das schwarze Notizbuch auf dem Boden zwischen meinem Portemonnaie und einem Lippenstift.

Der Einband ist abgegriffen. Ein Gummiband hält lose Seiten zusammen. Auf der ersten Seite steht in einer schrägen Handschrift ein Name.

Nicolas Jeremy Hayes.

Ich sollte es Paige geben. Oder dem Fahrer. Ich sollte es morgen an den Club schicken lassen.

Stattdessen halte ich das Buch in beiden Händen und denke an einen Mann, der meinen Namen gesagt hat, als würde er mir gehören.

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