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AURORA - Jenseits der letzten Welt

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Summary

AURORA – Jenseits der letzten Welt Die Menschheit feiert den Aufbruch zu einer neuen Welt. Commander Althea Vega glaubt, ihren Auftrag zu kennen. Die AURORA soll einen fernen Planeten untersuchen und herausfinden, ob dort eines Tages Menschen leben könnten. Eine Forschungsmission. Eine Hoffnung für eine erschöpfte Welt. Doch schon vor dem Start merkt Althea, dass ihr Informationen vorenthalten werden. Warum sind Teile der Missionsdaten gesperrt? Warum besitzt die AURORA Systeme, die für Jahre ausgelegt sind? Und warum erhält selbst ihre Kommandantin nicht auf alles Zugriff? Nathan Ward kennt einige der Antworten. Der ehemalige Systemarchitekt der AURORA wurde aus dem Projekt entfernt, nachdem er zu viele Fragen gestellt hatte. Seine Berechnungen zeigen ihm längst, dass das Schiff für weit mehr gebaut wurde als für eine kurze Erkundungsmission. Und während die Erde unter neuen Krisen, Krankheiten und Versorgungsausfällen immer weiter zerbricht, trifft Nathan eine Entscheidung: Er wird die AURORA nicht ohne seine Kinder starten lassen. Mit Sienna und Finn schmuggelt er sich an Bord – und bringt damit Altheas sorgfältig geplante Mission ins Wanken. Doch die drei blinden Passagiere sind bald nicht mehr ihr größtes Problem. Denn je näher die AURORA ihrem Ziel kommt, desto deutlicher wird: Die Regierung hat nicht nur über den Zweck der Mission gelogen. Und auf dem fremden Planeten wartet etwas, das beweist, dass die Menschheit dort niemals die Erste war.

Genre
Scifi
Author
DragonLady
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Die Stille vor dem Sprung

Ich wache immer vor dem Wecker auf.

Das war schon vor AURORA so. Aber in den letzten Tagen ist es lächerlich geworden. Ich liege im Dunkeln, starre an die Decke meines Quartiers und weiß genau: Mein Körper hat mich wieder aus dem Schlaf gerissen, bevor der Alarm überhaupt eine Chance hatte. Als wollte er sagen: Du hast keine Zeit mehr zu verlieren.

Vielleicht hat er recht.

Es ist kurz vor fünf, als ich den Sicherheitskorridor des internationalen AURORA-Komplexes betrete. Draußen ist es noch stockdunkel. Die Sonne braucht noch über eine Stunde, bis sie über die Betonmauern und Antennenmasten klettert, die dieses Gelände umgeben wie eine zweite, künstliche Küstenlinie.

Der Korridor selbst ist fast leer. Nur das Surren der Belüftung, das Summen der Leuchtstoffröhren über mir, meine eigenen Schritte auf dem grauen Verbundboden. Ich trage meine Uniform, wie jeden Tag, seit ich vor über einem Jahr für dieses Programm ausgewählt wurde. Meine Zugangskarte hängt an einer Kordel über meiner Brust, sichtbar. Man hat uns beigebracht, dass Sichtbarkeit hier mehr zählt als Bequemlichkeit.

Ich bin daran gewöhnt, gesehen zu werden, ohne wirklich gesehen zu werden. Man kennt mein Gesicht hier. Man kennt meinen Namen. Trotzdem winkt mich niemand einfach durch. Niemand macht eine Ausnahme. Das war mir wichtig, als ich diesen Job angenommen habe. Ausnahmen sind der erste Riss in jedem Sicherheitssystem. Und ich habe zu oft gesehen, wohin Risse führen.

Die erste Schleuse liegt am Ende des Korridors, dort, wo der Gang sich verengt und in mattes blaues Licht getaucht ist. Ich trete vor die Kamera, halte still, spüre den kurzen, fast unmerklichen Blitz des Scanners auf meinem Gesicht. Ein Piepton. Grün.

_Vega, Althea. Commander. Zugriff bestätigt._

Die zweite Schleuse ist unangenehmer, auch wenn ich mich seit Monaten daran gewöhnt habe. Hand auf die Sensorfläche. Leichter Druck am Handgelenk. Das Gerät misst Temperatur, Puls, Sauerstoffsättigung. Ich warte. Wie jeden Morgen, seit medizinische Kontrollen zum festen Bestandteil des Alltags geworden sind. Nicht nur hier. Überall, wo Menschen noch geregelte Abläufe haben.

Über der Schleuse hängt ein Hinweisschild. Ich habe es so oft gelesen, dass ich es kaum noch wahrnehme:

*PERSONEN MIT NEUROLOGISCHEN AUFFÄLLIGKEITEN IST DER ZUTRITT ZU DIESEM GELÄNDE UNTERSAGT. BEI VERDACHT MELDEN SIE SICH UMGEHEND BEIM SICHERHEITSDIENST.*

So nüchtern formuliert. So bürokratisch harmlos, dass man leicht vergisst, wofür es eigentlich steht. Neurologische Auffälligkeiten. Ein Euphemismus, hinter dem sich das verbirgt, wovor die halbe Welt inzwischen Angst hat, auch wenn kaum jemand es laut ausspricht.

Das grüne Licht blinkt auf. Ich gehe weiter.

Hinter der Glasscheibe des Kontrollraums sitzt ein Sicherheitsbeamter, den ich schon oft gesehen habe, ohne je seinen Namen zu erfahren. Er trägt eine Maske, obwohl für gesundes Personal seit Monaten offiziell keine Maskenpflicht mehr besteht. Ich bemerke es, wie jeden Morgen. Sage aber nichts dazu. Man gewöhnt sich daran, Dinge wahrzunehmen, ohne auf jede einzelne davon zu reagieren. Emotionale Reaktionen kosten Energie. Und Energie ist etwas, das ich mir in den kommenden Monaten nicht mehr leisten kann.

Ich nicke ihm kurz zu. Er nickt zurück, ohne ein Wort zu sagen.

Auf einem Wandbildschirm neben dem Kontrollraum läuft eine Nachrichtensendung ohne Ton. Ich bleibe nicht stehen, aber mein Blick streift die Bilder im Vorbeigehen. Wie jeden Tag. Eine abgesperrte Innenstadt, Barrieren aus Metall und Stacheldraht, Einsatzfahrzeuge mit rotierenden Lichtern. Darunter eine Schlagzeile in kleiner weißer Schrift über einem roten Balken:

*ERNEUTER LOKALER AUSBRUCH VON NVC-26 – BEHÖRDEN BESTÄTIGEN QUARANTÄNEMASSNAHMEN.*

Eine zweite Meldung folgt fast unmittelbar. So läuft das inzwischen. Eine Nachricht jagt die nächste, jede so alarmierend wie die vorherige, bis sich alles zu einem einzigen grauen Rauschen verdichtet. Diesmal geht es um Ausschreitungen vor einer Quarantänestation irgendwo im Landesinneren. Menschen, die Zäune einreißen wollen. Menschen, die glauben, ihre Angehörigen seien dort gefangen, obwohl die Behörden beteuern, es handle sich um medizinische Versorgung.

Die Nachrichtensprecherin – ich kann ihre Lippen lesen, auch ohne Ton – formt die immer gleichen Worte: _Die Behörden weisen erneut Berichte über sogenannte „Zombie-Angriffe“ zurück._

Ich verdrehe innerlich die Augen. Zombies. Als hätten wir es hier mit auferstandenen Leichen zu tun, mit etwas Übernatürlichem, das man in einem drittklassigen Film sehen würde. Dabei ist es das genaue Gegenteil von übernatürlich. Es ist eine Krankheit. Ein Erreger, der sich in menschlichem Gewebe einnistet und dort etwas verändert, das so tief in uns liegt, dass wir kaum Worte dafür haben. Etwas im Gehirn, das Menschen zu Fremden im eigenen Körper macht. Orientierungslosigkeit. Aggressivität. Ein Verlust des Schmerzempfindens, der die Betroffenen gefährlicher macht, als es jede Verletzung könnte.

Keine Untoten. Kranke Menschen. Lebende, atmende, leidende Menschen, deren Gehirn nicht mehr das ist, was es einmal war.

Für mich sind das keine Monster. Das sind Patienten, die niemand heilen kann.

Ein kurzer Handyclip flackert über den Bildschirm, verwackelt, aus der Hand eines Umstehenden gefilmt. Ein Mann wird von mehreren Einsatzkräften zu Boden gebracht, seine Bewegungen ruckartig, unkontrolliert. Ich sehe nicht, was genau geschieht – das Bild springt schon wieder weg, zu einer Wetterkarte, als hätte nichts von alldem eine größere Bedeutung als die Regenwahrscheinlichkeit für morgen.

Ich bleibe nicht stehen. Ich habe heute Wichtigeres vor als Nachrichten, die sich seit Monaten im Kreis drehen. Immer dieselben Bilder, immer dieselben Dementis, immer dieselbe erschöpfte Wut in den Gesichtern der Menschen vor den Absperrungen.

Heute findet die letzte vollständige Missionsbesprechung vor dem Start statt.

Wenn ich daran denke, spüre ich etwas, das ich nur schwer benennen kann. Nicht ganz Angst, nicht ganz Vorfreude, sondern etwas dazwischen. Eine Schwere, die sich in meiner Brust festsetzt wie ein Stein, den ich noch nicht abgelegt habe.

Zwei Techniker kommen mir auf dem Gang entgegen, beide in den blauen Overalls der Technik, beide mit Klemmbrettern unter dem Arm. Sie sehen mich und richten sich unwillkürlich etwas gerader auf. Ich habe diese kleine Veränderung in der Körperhaltung schon so oft beobachtet, dass ich kaum noch registriere, wie seltsam es eigentlich ist, dass ein Titel das bewirken kann.

„Commander Vega.“ Der Jüngere nickt mir zu, fast ehrfürchtig.

„Guten Morgen.“ Ich verlangsame meinen Schritt nicht, aber ich bleibe kurz stehen. Höflichkeit kostet nichts. Und Respekt in beide Richtungen ist mir wichtiger, als manche glauben.

„Stimmt es wirklich, dass Sie in wenigen Tagen starten?“ Seine Stimme klingt nervöser, als er beabsichtigt hat. Ich sehe, wie seine Finger sich enger um das Klemmbrett schließen.

„Der Startplan ist unverändert“, antworte ich knapp. Es ist die Wahrheit, soweit ich sie kenne. Und ich habe mir angewöhnt, keine Aussagen zu machen, für die ich mich später rechtfertigen müsste.

„Dann... viel Glück.“ Er meint es ernst. Ich sehe es in seinem Gesicht, in der Art, wie er kurz die Lippen zusammenpresst, bevor er es ausspricht.

„Ich hätte lieber funktionierende Systeme als Glück.“ Ich sage es ohne Lächeln, aber auch ohne Kälte. Es ist einfach die Wahrheit. Glück ist unzuverlässig. Systeme, richtig gewartet und richtig getestet, sind es nicht.

Der zweite Techniker lacht kurz, ein echtes, überraschtes Lachen. „Deshalb hat man wahrscheinlich genau Sie ausgesucht.“

Ich nicke ihm knapp zu und gehe weiter. Ihre Stimmen werden leiser, verschwinden im Summen der Belüftung.

Ein paar Meter weiter führt der Korridor an einem großen Panoramafenster vorbei, das den Blick auf das äußere Startgelände freigibt. Ich habe diesen Anblick schon Dutzende Male gesehen, seit ich für dieses Programm hierher versetzt wurde. Und trotzdem bleibt mein Blick jedes Mal daran hängen, als sähe ich es zum ersten Mal.

Die AURORA.

Von hier aus sehe ich nur einen Teil von ihr – die gewaltige Außenhülle, die hinter einem Gerüst aus Stahlträgern, Tankanlagen und Wartungsarmen aufragt, beleuchtet von Flutlichtern, die die Nacht in ein kaltes, weißes Zwielicht tauchen. Dampf steigt von irgendeinem der Betankungssysteme auf, treibt in dünnen Schwaden über das Gelände, verschwindet in der Dunkelheit über uns.

Selbst für mich, die ich in meiner Ausbildung mehr Fluggeräte gesehen habe, als ich zählen kann, ist der Anblick noch immer überwältigend. Die AURORA ist größer als jedes bemannte Raumfahrzeug, in dem ich je gesessen habe. Sie wurde nicht gebaut, um ein paar Tage im Orbit zu verbringen, nicht um einen kurzen Ausflug ins All zu unternehmen und dann wieder heimzukehren wie ein Flugzeug, das zu seinem Flughafen zurückkehrt.

Sie wurde gebaut, um die Erde zu verlassen. Für sehr lange Zeit.

Ich bleibe diesmal tatsächlich stehen. Meine Hand legt sich unwillkürlich auf das kalte Glas des Fensters, während ich hinaufsehe zu diesem gewaltigen, stählernen Körper, der bald mein Zuhause sein wird. Für Monate. Vielleicht länger, wenn irgendetwas schiefgeht, das wir nicht vorhergesehen haben.

Trotz all meiner Ausbildung, trotz all der Jahre, in denen ich gelernt habe, unter Druck ruhig zu bleiben, spüre ich einen kleinen, unangenehmen Druck in meiner Brust. Es ist kein Zweifel – zumindest rede ich mir das ein – aber es ist etwas, das dem Zweifel zumindest verwandt ist. In wenigen Tagen wird zwischen mir und der Erde irgendwann nichts mehr liegen als Dunkelheit. Kein Funksignal, das schnell genug ist, um ein Gespräch zu führen. Keine Möglichkeit, einfach umzukehren, wenn mir etwas nicht gefällt. Nur wir, das Schiff, und ein Ziel, das noch immer mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet.

Ich zwinge mich, den Gedanken nicht weiterzuverfolgen. Zweifel sind erlaubt – das habe ich mir selbst schon oft genug gesagt, in stillen Momenten wie diesem. Aber nicht in dem Moment, in dem sie beginnen, Entscheidungen zu beeinflussen. Nicht jetzt, wenige Tage vor dem Start, wenn es ohnehin zu spät wäre, etwas zu ändern.

Ich löse meine Hand vom Glas und gehe weiter.

Ich habe noch keine zehn Schritte zurückgelegt, als über die Lautsprecher des Korridors eine neue Sicherheitsmeldung kommt. Die mechanische, immer gleiche Stimme des automatisierten Systems, die inzwischen so vertraut klingt wie das Rauschen der Belüftung.

„Achtung. Wegen eines Verdachtsfalls von NVC-26 außerhalb des Geländes wurde die nördliche Zufahrtsstraße bis auf Weiteres gesperrt. Mitarbeiter werden gebeten, das Gelände bis zur Aufhebung der Sperrung nicht zu verlassen.“

Um mich herum reagieren die wenigen Menschen im Korridor unterschiedlich. Ein Mann seufzt hörbar und murmelt etwas von einem längeren Arbeitstag. Eine Frau in Laborkleidung bleibt kurz stehen, die Sorge deutlich in ihrem Gesicht, bevor sie weitergeht. Ich merke, wie normal solche Durchsagen inzwischen für mich geworden sind. Vor fünf Jahren hätte die Sperrung eines ganzen Stadtbereichs wochenlang die Schlagzeilen bestimmt, Krisensitzungen ausgelöst, Menschen auf die Straße getrieben.

Heute fragt man vor allem, wie lange der Umweg dauert.

Ich frage mich manchmal, ob das der eigentliche Erfolg dieser Krankheit ist. Nicht die Zahl der Infizierten, sondern die Art, wie sie uns alle langsam abgestumpft hat. Wie erschöpft eine Gesellschaft werden kann, wenn sie lange genug mit dem Ausnahmezustand lebt, bis er zum Normalzustand wird.

Ich schiebe den Gedanken beiseite, so wie ich es mit den meisten Gedanken tue, die mich von meiner Aufgabe ablenken könnten, und gehe weiter zum Aufzug, der mich in den unterirdischen Missionsbereich bringt.

Die Türen schließen sich hinter mir mit einem leisen, pneumatischen Zischen. Für einen Moment bin ich allein, eingeschlossen in diesem kleinen, stählernen Raum, während der Aufzug nach unten gleitet. Auf dem kleinen Display neben der Tür erscheinen die verschiedenen Ebenen des Komplexes, eine nach der anderen, in nüchterner weißer Schrift: Forschung. Flugkontrolle. Biotechnologie. Personal. Sicherheit.

Und dann, weiter unten in der Liste, eine Bezeichnung, die ich schon oft gesehen habe, ohne je eine Erklärung dafür zu bekommen:

*ARCHIV – AUTORISIERUNG OMEGA.*

Ich habe für diese Ebene keine Zugriffsberechtigung. Ich habe nie danach gefragt, was genau sich dort unten befindet, weil ich – wie die meisten Menschen in einem Programm dieser Größenordnung – gelernt habe, dass nicht jede Information für jeden bestimmt ist. Ich habe angenommen, es handle sich um einen militärischen Bereich, der mit meiner eigentlichen Mission nichts zu tun hat. Eine Altlast vielleicht, aus einer früheren Phase des Programms, bevor ich überhaupt Teil davon wurde.

Trotzdem bleibt mein Blick einen Herzschlag zu lange auf diesen vier Wörtern hängen, bevor der Aufzug mit einem sanften Ruck zum Stehen kommt und sich die Türen wieder öffnen.

Ich schiebe den Gedanken beiseite. Ich habe heute Wichtigeres zu tun.

Der Aufzug öffnet sich direkt in einen stark gesicherten Konferenzbereich, dessen Wände aus mattem, fast militärisch wirkendem Grau bestehen. Zwei bewaffnete Wachen stehen zu beiden Seiten der Tür, unbeweglich, die Blicke geradeaus gerichtet. Ich zeige meinen Ausweis, obwohl sie mich beide erkennen, weil auch das zum Protokoll gehört, das ich selbst mit ausgearbeitet habe.

Im Raum warten bereits mehrere Menschen – Wissenschaftler in weißen Kitteln, Militärvertreter in Uniformen verschiedener Nationen, Mitglieder des internationalen Konsortiums, deren Zugehörigkeit ich nur erahnen kann. Nicht alle tragen eine erkennbare Kennzeichnung. Einige wirken wie gewöhnliche Regierungsbeamte, mit Anzügen, die zu teuer aussehen für einen einfachen Beamten, und mit einer Art, sich im Raum zu bewegen, die von Macht spricht, ohne sie ausdrücklich zu benennen. Andere gehören offensichtlich zu Geheimdiensten oder Militärorganisationen, erkennbar an einer bestimmten Wachsamkeit in ihren Augen, an der Art, wie sie den Raum scannen, bevor sie sich setzen.

Ich kenne bei mehreren der Anwesenden nicht einmal ihre genaue Funktion. Das stört mich, auch wenn ich es mir nicht anmerken lasse. Bei einer wissenschaftlichen Erkundungsmission dieser Größenordnung würde ich erwarten, dass zumindest innerhalb der eigenen Führungsebene Transparenz herrscht. Dass ich weiß, mit wem ich es zu tun habe, wenn Entscheidungen über meine Crew, mein Schiff, meine Mission getroffen werden.

Ich sage nichts davon. Ich setze mich an meinen Platz, mitten im Halbkreis der Anwesenden, dort, wo mein Name auf einem kleinen Schild vor mir steht, als könnte irgendjemand hier vergessen haben, wer ich bin.

An der Stirnseite des Raumes hängt ein großer Bildschirm, auf dem das Bild unseres Zielplaneten schwebt. Eine gewaltige, blau-grün schimmernde Kugel vor dem samtenen Schwarz des Weltraums, umgeben von einem dünnen Ring aus Atmosphäre, der das Licht eines fernen Sterns bricht.

Noch trägt er lediglich seine wissenschaftliche Kennung, eine Zeichenfolge, die mehr nach einem Katalogeintrag klingt als nach einem Ort, an dem Menschen jemals leben könnten. Daneben laufen Datensätze in kleiner weißer Schrift: Atmosphärendruck, Zusammensetzung der Gase, mittlere Oberflächentemperatur, Wasseranteil, Oberflächengravitation.

Fast alle Werte liegen erstaunlich nahe an denen der Erde.

Ich habe diese Daten bereits Dutzende Male studiert, in stillen Nächten in meinem Quartier, auf jedem verfügbaren Bildschirm, bis ich jede Zahl auswendig kenne. Und trotzdem empfinde ich jedes Mal, wenn ich sie wieder vor mir sehe, dasselbe unbestimmte Unbehagen.

Der Planet sieht beinahe zu gut aus.

Nicht unmöglich gut – die Wissenschaftler haben mir ausführlich erklärt, warum ein Planet in dieser Entfernung von seinem Stern, mit dieser Zusammensetzung, durchaus solche Werte aufweisen könnte, ohne dass es sich um ein Wunder handelt. Aber irgendetwas in mir, etwas, das tiefer sitzt als rationale Argumente, findet es zu passend, zu bequem, dass ausgerechnet der eine Ort, den wir gefunden haben, so nahtlos in unsere Bedürfnisse passt. In einer Zeit, in der die Erde selbst immer weniger danach aussieht.

Der Missionsdirektor erhebt sich von seinem Platz am Kopf des Tisches und begrüßt mich mit einem knappen Nicken, das ebenso viel Respekt wie professionelle Distanz ausdrückt. Er ist ein Mann Mitte fünfzig, mit grauem, kurz geschnittenem Haar und den müden Augen eines Menschen, der zu viele Krisensitzungen in zu wenigen Jahren überstanden hat.

„Commander Vega. Danke, dass Sie pünktlich sind.“ Er wartet, bis ich mich vollständig gesetzt habe, bevor er fortfährt. „Wie Sie wissen, ist dies die letzte vollständige Einsatzbesprechung vor dem Start.“

Ich nicke, sage aber nichts. Ich habe gelernt, in solchen Situationen zuzuhören, bevor ich spreche.

Er wiederholt meinen offiziellen Auftrag, wie er es bei jeder dieser Besprechungen tut, als müsse er sich selbst noch einmal vergewissern, dass die Worte noch dieselben sind wie beim letzten Mal. Die AURORA soll den Planeten erreichen. Meine Crew und ich sollen Atmosphäre, Wasser, Boden, Mikroorganismen und mögliche Gefahren untersuchen. Wir sollen feststellen, ob eine dauerhafte menschliche Besiedlung dort grundsätzlich möglich wäre.

„Ich möchte betonen“, sagt er, und seine Stimme nimmt einen fast beschwörenden Unterton an, „dass diese Mission ausdrücklich keine Kolonisierung ist. Niemand soll dort eine Siedlung errichten. Niemand wird Menschen von der Erde nachholen. Sie sollen Daten sammeln, Commander. Sie sollen eine Empfehlung abgeben. Nichts weiter.“

Ich habe diesen Satz schon oft genug gehört, dass ich ihn beinahe mitsprechen könnte. Und trotzdem stelle ich, wie ich es bei jeder Besprechung tue, dieselbe Frage, weil ich hoffe, dass sich die Antwort irgendwann ändern wird.

„Was geschieht, wenn meine Empfehlung positiv ausfällt?“

Der Missionsdirektor sieht mich einen Moment zu lange an, bevor er antwortet. „Das wäre eine politische Entscheidung, die zu gegebener Zeit getroffen wird. Das liegt nicht in Ihrem oder meinem Verantwortungsbereich, Commander.“

Es ist eine ausweichende Antwort. Genau wie beim letzten Mal, und beim Mal davor. Ich registriere, wie zwei der Regierungsvertreter am anderen Ende des Tisches kurz die Blicke tauschen – ein kaum wahrnehmbarer Moment, ein Zucken der Augenbrauen, ein Senken des Blicks, der schneller vorbei ist, als die meisten Menschen ihn bemerkt hätten.

Ich bemerke ihn. Ich sage nichts dazu.

Ich habe gelernt, dass es Momente gibt, in denen es klüger ist, eine Information zu speichern, als sie sofort zu benutzen.

Die Besprechung geht weiter. Ich zwinge mich, mich auf die technischen Details zu konzentrieren, die für den Start selbst relevant sind – Startfenster, Wetterbedingungen, letzte Systemchecks, die Verteilung der Verantwortlichkeiten während der ersten kritischen Stunden nach dem Abheben.

Irgendwann, während einer der Wissenschaftler eine Grafik zur Antriebsleistung erläutert, erwähnt jemand beiläufig, dass A.I.D.A. während der gesamten Reise sämtliche zentralen Schiffssysteme überwachen wird – Navigation, Lebenserhaltung, Energieversorgung, medizinische Systeme, Sicherheitsprotokolle.

Der Name fällt wie selbstverständlich. A.I.D.A. Unsere Künstliche Intelligenz. Das Rückgrat der AURORA.

„Und Sie, Commander“, sagt der Missionsdirektor, „erhalten als Kommandantin die höchste menschliche Autorisierungsebene an Bord.“

Die höchste menschliche Autorisierungsebene.

Ich registriere die Formulierung, ohne in diesem Moment ihre volle Bedeutung zu erfassen. Für mich klingt es zunächst wie eine Selbstverständlichkeit, wie eine bloße Bestätigung dessen, was ich ohnehin erwartet habe. Das Wort _menschlich_ in diesem Satz fällt mir nicht sofort auf. Es ist nur ein Adjektiv unter vielen, eine sprachliche Präzisierung, die mir in diesem Moment keinen Anlass zur Sorge gibt.


Gegen Ende der Besprechung, als die meisten der praktischen Details bereits geklärt sind und ich spüre, wie sich die Anspannung im Raum langsam löst, ergreife ich noch einmal das Wort.

„Ich möchte die endgültige Missionsdatenbank noch einmal einsehen, bevor wir starten“, sage ich, so ruhig wie möglich, obwohl ich weiß, dass diese Bitte nicht neu ist. Ich habe sie schon mehrfach geäußert, in unterschiedlicher Form, bei unterschiedlichen Gelegenheiten.

Ein Regierungsvertreter, ein schmaler Mann mit randloser Brille, dessen Namen ich mir nie richtig gemerkt habe, antwortet ohne zu zögern, als hätte er die Frage bereits erwartet. „A.I.D.A. wird Ihnen nach dem Start Zugriff auf zusätzliche Dateien gewähren, Commander. Das ist so vorgesehen.“

„Warum kann ich diese Dateien nicht jetzt einsehen?“ Meine Stimme bleibt neutral, aber ich lasse die Frage bewusst im Raum stehen.

„Einige Daten unterliegen internationalen Sicherheitsvereinbarungen“, erklärt er, mit der glatten, geübten Sachlichkeit eines Menschen, der solche Sätze schon oft gesagt hat. „Sie sind bis zum Verlassen der Erde gesperrt. Das betrifft nicht nur Sie, Commander. Das ist Standardprotokoll für Missionen dieser Klassifizierungsstufe.“

Ich nicke, als würde mich das zufriedenstellen. Innerlich frage ich mich, wie viele andere „Standardprotokolle“ es noch gibt, von denen ich nichts weiß, bis der Moment kommt, in dem ich sie zu spüren bekomme.

Die Besprechung endet kurz darauf, mit den üblichen Formalitäten, Handschlägen, knappen Wünschen für einen erfolgreichen Start. Die Anwesenden erheben sich nach und nach, sammeln ihre Unterlagen ein, verlassen den Raum in kleinen Gruppen, ihre Stimmen ein gedämpftes Murmeln, das langsam verklingt.

Ich bleibe noch einen Moment sitzen, während der Raum sich leert, und blicke erneut zu dem großen Bildschirm an der Stirnseite, auf dem das Bild des fremden Planeten noch immer schwebt. Blau, grün, ruhig, beinahe einladend.

Ein perfekter Planet. Vielleicht zu perfekt.

Und zum ersten Mal, seit ich vor über einem Jahr Teil dieses Programms wurde, denke ich mit einer Klarheit, die mich selbst überrascht:

Man erzählt mir nicht alles über den Ort, zu dem man mich schicken will.

Man hat mir nie alles erzählt.

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