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Made of Dust and Distance - Miles

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Summary

Miles Bradford kommt nach seinem Schulabschluss auf die Pine Hollow Ranch, um dort als einfacher Ranchhand zu arbeiten. Für alle anderen ist er nur der neue Junge, der mit anpacken, lernen und sich seinen Platz verdienen muss. Was niemand weiß: Miles stammt selbst aus einer Rancherfamilie – und aus einer Welt, die größer ist, als irgendjemand auf Pine Hollow ahnt. Eigentlich soll sein Aufenthalt nur eine weitere Lektion auf dem Weg in seine eigene Zukunft sein. Dann trifft er Sadie Donnovan. Sadie kennt Pine Hollow besser als so mancher, der dort geboren wurde. Zwischen ihrem Tiermedizinstudium, der Arbeit auf der Ranch und einem Vater, der seit dem Tod ihrer Mutter immer weiter den Halt verliert, bleibt wenig Platz für Veränderungen. Außerdem ist da Preston – ihr Freund seit anderthalb Jahren und der Sohn des Ranchbesitzers. Miles weiß deshalb von Anfang an, dass Sadie tabu ist. Also werden sie Freunde. Sie arbeiten zusammen, streiten, lachen, reiten kilometerweit durch die Weite Montanas und erzählen einander Dinge, die sonst niemand hört. Und je vertrauter sie werden, desto schwieriger wird es zu ignorieren, dass zwischen ihnen längst mehr entstanden ist. Doch diese Geschichte handelt nicht von einer großen Lüge, einer dramatischen Flucht oder zwei Menschen, die sich lieben und trotzdem ständig voneinander weglaufen. Sie handelt vom Erwachsenwerden. Von Entscheidungen, die das eigene Leben verändern, bevor man sich überhaupt bereit dafür fühlt. Von Familien, die einen auffangen – und solchen, die erst wieder lernen müssen, wie das geht. Von harter Arbeit, staubigen Boots, Pferden, endlosen Weiden und der Frage, was einen guten Rancher wirklich ausmacht. Und von zwei jungen Menschen, die feststellen, dass Liebe manchmal nicht bedeutet, für den anderen seine Zukunft aufzugeben. Sondern einen Weg zu finden, auf dem beide Platz haben. Made of Dust and Distance ist eine bodenständige Montana-Ranch-Romance über Freundschaft, erste große Liebe, Familie, Verantwortung und ein Zuhause, das man sich nicht schenken lassen kann – sondern gemeinsam aufbaut. 🤎

Genre
Young Adult
Author
Mermi
Status
Complete
Chapters
51
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Pine Hollow


KAPITEL 1

Pine Hollow

POV: Miles

Meine Mutter umarmt mich, als würde ich nicht knapp zwei Stunden Richtung Osten fahren, sondern für die nächsten zehn Jahre nach Europa auswandern.

„Mom.“

„Ich weiß.“

Ihre Arme bleiben trotzdem um meinen Nacken.

„Du weißt offensichtlich gar nichts.“

„Doch.“ Sie löst sich gerade weit genug von mir, um mich anzusehen, und streicht mir mit beiden Händen über die Schultern, obwohl an meinem T-Shirt nichts ist, das glattgestrichen werden müsste. „Ich weiß, dass du achtzehn bist. Ich weiß, dass du ein Telefon besitzt. Ich weiß, dass Pine Hollow innerhalb desselben Bundesstaates liegt. Und ich weiß, dass du wahrscheinlich spätestens morgen vergessen wirst, vernünftig zu essen.“

„Das ist eine ziemlich beleidigende Zusammenfassung meiner Fähigkeiten.“

„Du hast letzte Woche zum Mittagessen eine halbe Packung Beef Jerky gegessen.“

„Da war Frühstück dabei.“

„Miles.“

Ich grinse und sehe über ihre Schulter hinweg zu Dad, der ein paar Schritte entfernt neben meinem Pickup steht. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und trägt diesen Ausdruck, den er immer bekommt, wenn Mom aus einer Verabschiedung eine Familienveranstaltung macht und er genau weiß, dass jeder Versuch, sie zu beschleunigen, das Gegenteil bewirken würde.

Hinter ihm liegt Stone Ridge im frühen Morgenlicht.

Das Haupthaus. Die Stallgebäude. Die langen Zäune, die sich über das offene Land ziehen. Weiter hinten erkenne ich die Dächer der Maschinenhallen und darüber nichts als diesen riesigen Himmel, unter dem ich mein ganzes Leben verbracht habe.

Es ist seltsam, einen Ort anzusehen, den man so gut kennt, dass man normalerweise gar nicht mehr richtig hinsieht.

Heute tue ich es.

Vielleicht, weil ich weiß, dass ich heute Abend nicht hier sein werde.

Mom lässt mich endlich los und zieht die Lippen zusammen. „Wenn Hank Sawyer dich verhungern lässt, rufst du mich an.“

„Ich glaube nicht, dass der Foreman fürs Kochen zuständig ist.“

„Dann rufst du mich an, bevor du verhungerst.“

„Ich werde es in Erwägung ziehen.“

„Das heißt bei dir Nein.“

„Das heißt, dass ich nicht plane zu verhungern.“

Dad schnaubt.

Ich werfe ihm einen Blick zu. „Du könntest mir helfen.“

„Wobei?“

„Bei der Flucht.“

„Du bist derjenige, der gehen wollte.“

„Stimmt.“

Und das stimmt wirklich.

Ich werde nicht nach Pine Hollow geschickt, weil Dad mich loswerden will. Auch nicht, weil ich auf Stone Ridge nichts kann oder weil irgendjemand beschlossen hat, dass harte Arbeit eine erzieherische Maßnahme für mich wäre.

Ich will Rancher werden.

Nicht irgendwann auf einem Papier, auf dem Bradford neben meinem Namen steht. Nicht nur, weil ich hier geboren wurde und Dad irgendwann einen Teil der Verantwortung abgeben wird.

Ich will es können.

Stone Ridge ist groß genug, dass viele Probleme mit einem Telefonat gelöst werden können. Wenn eine Maschine ausfällt, gibt es meistens eine zweite. Wenn ein Teil kaputt geht, wird es bestellt. Wenn zusätzliche Hände gebraucht werden, finden wir sie. Es gibt Abteilungsleiter, Vorarbeiter, Mechaniker, Buchhaltung, Leute für Pferde, Leute fürs Vieh und Leute, deren einzige Aufgabe darin besteht, den Überblick über Dinge zu behalten, von denen kleinere Ranches wahrscheinlich nicht einmal eigene Kategorien haben.

Dad sagt seit Jahren, dass genau darin die Gefahr liegt.

Man kann auf einer Ranch wie unserer sehr lange glauben, man könne führen, obwohl man eigentlich nur gelernt hat, Ressourcen zu verteilen.

Pine Hollow ist anders.

Kleiner. Weniger Personal. Ältere Maschinen. Weniger Geld, das man auf Probleme werfen kann.

Und Thomas Griffin führt sie noch immer so, dass sie seit Generationen funktioniert.

Deshalb fahre ich hin.

Dad stößt sich vom Pickup ab und kommt zu mir. „Thomas weiß, wann du ungefähr ankommst.“

„Ungefähr?“

„Ich habe ihm gesagt, irgendwann heute Vormittag.“

„Großartig. Professionell.“

„Wenn du einen Termin mit Empfangskomitee wolltest, hättest du Kyle werden müssen.“

„Kyle hätte selbst eins organisiert.“

„Kyle hätte Eintritt verlangt“, sagt Mom.

Das bringt mich zum Lachen.

Mein Bruder hat mir gestern Abend noch eine Nachricht geschickt.

Falls du nach drei Tagen feststellst, dass du körperliche Arbeit überschätzt hast, kann ich dir einen guten Vertrag für deine Kapitulation aufsetzen.

Ich habe ihm ein Foto meines Mittelfingers geschickt.

Er hat daraufhin gefragt, ob Dad wisse, dass seine zukünftige Führungskraft so unprofessionell kommuniziert.

Normale Geschwisterliebe.

Dad bleibt vor mir stehen und mustert mich einen Moment. Seine grauen Augen sind meinen so ähnlich, dass Mom manchmal behauptet, sie könne schon an meinem Blick erkennen, wie ich mit achtundvierzig aussehen werde.

„Du weißt, warum du hingehst.“

Es ist keine Frage.

Ich nicke trotzdem. „Ja.“

„Thomas wird dich nicht wie meinen Sohn behandeln.“

„Soll er auch nicht.“

„Hank erst recht nicht.“

„Noch besser.“

Ein Mundwinkel bewegt sich.

Bei Dad zählt das fast als breites Grinsen.

„Du kannst mich anrufen, wenn du Rat brauchst.“

„Mach ich.“

„Rat“, wiederholt er. „Nicht Lösungen.“

„Schon verstanden.“

„Und wenn du Mist baust, erzählst du es mir trotzdem.“

Ich sehe ihn an. „Wann hab ich das nicht gemacht?“

„Mit zwölf.“

Ich runzle die Stirn. „Was war mit zwölf?“

„Der Zaun.“

Ich brauche zwei Sekunden.

Dann stöhne ich. „Das zählt nicht. Kyle war beteiligt.“

„Kyle hat dir gesagt, du sollst es lassen.“

„Er hätte mich aufhalten können.“

„Du bist mit dem ATV durch einen Zaun gefahren.“

„Der Boden war matschig.“

„Der Zaun stand.“

Mom lacht hinter uns.

Ich schüttele den Kopf. „Elf Jahre später und du bringst das immer noch.“

„Sechs.“

„Was?“

„Du warst zwölf. Du bist jetzt achtzehn. Das sind sechs Jahre.“

Ich starre ihn an.

Er hebt eine Augenbraue.

„Agribusiness“, sage ich. „Nicht Mathematik.“

Diesmal lacht sogar Dad richtig.

Es nimmt dem Abschied genau genug Schwere, dass ich endlich die Fahrertür öffnen kann, ohne das Gefühl zu haben, etwas Bedeutendes sagen zu müssen.

Mom küsst mich noch einmal auf die Wange.

Dad greift kurz an meinen Nacken, drückt einmal zu und lässt wieder los.

Mehr braucht es zwischen uns nicht.

„Arbeite ordentlich“, sagt er.

„Mach ich.“

„Hör auf Hank.“

„Mach ich.“

„Und glaub nicht, nur weil du etwas auf Stone Ridge auf eine bestimmte Art gelernt hast, wäre es die einzige richtige.“

Ich nicke.

Das ist vermutlich der wichtigste Satz.

„Bis bald.“

„Bis bald, Junge.“

Ich steige ein.

Mom bleibt stehen, Dad neben ihr, und als ich den Motor starte, hebt sie noch einmal die Hand. Ich fahre langsam den breiten Weg vom Haupthaus hinunter, vorbei an einem der Pferdeställe, dann an der Abzweigung zu den Mitarbeiterhäusern.

Stone Ridge verschwindet nicht sofort hinter mir.

Eine Ranch dieser Größe tut einem nicht den Gefallen.

Noch kilometerweit fahre ich an Land vorbei, das zu meiner Familie gehört.

Weiden.

Rinder.

Zäune.

Ein Pickup unserer Mannschaft kommt mir entgegen, und der Fahrer hebt zwei Finger vom Lenkrad. Ich erwidere die Geste automatisch.

Erst am großen Tor mit dem dunklen Schriftzug STONE RIDGE verändert sich etwas.

Ich fahre hindurch.

Und zum ersten Mal fühlt es sich tatsächlich an, als würde ich wegfahren.

Pine Hollow erkennt man nicht an einem gewaltigen Eingangstor.

Man erkennt es daran, dass die Straße irgendwann schmaler wird, der Asphalt in Schotter übergeht und mein Pickup eine Staubwolke hinter sich herzieht, die so dicht ist, dass ich im Rückspiegel kaum noch etwas sehe.

Links erstreckt sich eine Weide mit Rindern. Rechts zieht sich ein Zaun an einer Baumlinie entlang. Dahinter steigen sanfte Hügel an, trocken vom Sommer, gelbbraun unter dem klaren Himmel.

Die Ranch taucht Stück für Stück vor mir auf.

Keine beeindruckende Zufahrt.

Keine perfekt aufeinander abgestimmten Gebäude.

Ein großes Wohnhaus mit breiter Veranda. Mehrere Stallungen. Scheunen. Ein langer niedriger Bau, der wahrscheinlich Werkstatt und Maschinenunterstand gleichzeitig ist. Pickups stehen in verschiedenen Winkeln herum. Ein älterer Traktor ist neben einem offenen Tor abgestellt. Weiter hinten entdecke ich kleinere Unterkünfte und noch mehr Zäune.

Es ist nicht klein.

Nur im Vergleich zu Stone Ridge.

Und es wirkt benutzt.

Nicht heruntergekommen.

Benutzt.

An einem Stalltor ist das Holz heller, weil offensichtlich irgendwann ein Brett ausgetauscht wurde. Ein Zaunpfosten steht etwas schiefer als die anderen. Vor der Werkstatt liegen zwei Reifen und ein ausgebautes Metallteil, das ich aus der Entfernung nicht zuordnen kann.

Nichts davon wirkt inszeniert.

Hier wird gearbeitet.

Ich parke dort, wo zwei andere Pickups stehen, steige aus und werde sofort von trockener Hitze getroffen.

Staub knirscht unter meinen Stiefeln.

Irgendwo schlägt Metall gegen Metall.

Ein Pferd wiehert aus einem der Ställe.

Und aus Richtung der Werkstatt dringt das gleichmäßige Rattern eines Motors, der klingt, als würde er nur aus Trotz noch laufen.

„Miles.“

Ich drehe mich um.

Thomas Griffin kommt von der Veranda herunter.

Ich kenne ihn.

Nicht gut, aber oft genug, dass wir uns nicht die Hände schütteln müssen wie zwei Fremde. Er war mehrfach auf Stone Ridge, Dad war hier, und bei größeren Viehgeschäften oder Veranstaltungen läuft man sich ohnehin über den Weg.

Thomas sieht genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung habe: kompakt, robust, dunkelbraunes Haar, das inzwischen ein wenig von der Sonne ausgebleicht wirkt, und die schmale Narbe an seiner Stirn.

Er bleibt vor mir stehen und sieht kurz zu meinem Pickup.

„Mehr hast du nicht?“

Auf der Ladefläche stehen zwei Taschen, ein Karton mit Büchern und mein Sattelzeug.

„Mom wollte noch ungefähr die Hälfte unseres Hauses einpacken.“

„Und?“

„Dad hat sie aufgehalten.“

Thomas nickt ernst. „Guter Mann.“

Ich muss grinsen.

Dann reicht er mir die Hand.

Sein Griff ist fest.

„Willkommen auf Pine Hollow.“

„Danke.“

Sein Blick bleibt einen Moment auf mir.

„Dein Vater hat dir gesagt, wie das hier läuft?“

„Ich arbeite da, wo ich gebraucht werde.“

„Du wohnst bei den anderen.“

„Ja.“

„Hank sagt dir, was du machst.“

„Okay.“

„Wenn Hank dir sagt, du machst etwas falsch, diskutierst du nicht erst zwanzig Minuten darüber, wie ihr es auf Stone Ridge macht.“

„Dad hat ungefähr dasselbe gesagt.“

„Deshalb verstehe ich mich mit ihm.“

„Er hat mir allerdings nicht gesagt, dass ich nicht widersprechen darf.“

Thomas’ Mundwinkel zuckt. „Darfst du. Wenn du einen guten Grund hast.“

„Das klingt fair.“

„Ist es meistens.“

Er dreht sich halb Richtung Stall.

Ich bleibe einen Moment stehen. „Und wegen…“

Thomas sieht zurück.

Ich tippe mit zwei Fingern gegen meine Brust. „Dem Rest.“

Er weiß sofort, was ich meine.

Bradford.

Stone Ridge.

All das, was hier niemanden etwas angehen muss.

„Was soll damit sein?“

„Dad meinte, Sie wissen Bescheid.“

„Natürlich weiß ich Bescheid.“

„Und Hank?“

„Weiß, dass du von einer Ranch kommst und ein paar Jahre Erfahrung sammeln willst.“

„Preston?“

Thomas’ Gesicht verändert sich kaum.

Aber etwas in seinem Blick tut es.

„Nein.“

„Gut.“

„Miles.“

„Hm?“

„Ich werde niemanden anlügen.“

„Will ich auch nicht.“

„Wenn mich jemand direkt fragt, ob du Jacks Sohn bist, werde ich nicht so tun, als hätte ich noch nie von deiner Familie gehört.“

„Das erwarte ich nicht.“

„Aber ich sehe auch keinen Grund, hier herumzugehen und deinen Lebenslauf zu verteilen.“

„Genau so hatte ich mir das vorgestellt.“

Thomas nickt einmal.

Damit ist das Thema erledigt.

Keine Geheimoperation.

Keine erfundene Vergangenheit.

Ich bin einfach nur nicht hier, um mit meinem Nachnamen Türen aufzumachen.

Thomas hebt die Stimme. „Hank!“

Von irgendwo hinter dem Stall kommt eine Antwort.

„Was?“

„Dein Neuer ist da.“

Eine kurze Pause.

„Dann schick ihn her.“

Thomas schaut mich an.

„War nett, dich zu sehen.“

Ich starre ihn an. „Das war die komplette Begrüßung?“

„Du wolltest keine Sonderbehandlung.“

„Stimmt.“

„Da drüben.“

Er zeigt Richtung Stall.

Ich schnappe mir meinen Hut vom Beifahrersitz, setze ihn auf und schließe die Tür.

„Meine Sachen?“

„Laufen nicht weg.“

„Auch gut.“

Thomas geht zurück Richtung Haus.

Ich sehe ihm einen Moment nach.

Dann gehe ich arbeiten.

Hank Sawyer sieht aus wie ein Mann, der schon schlechte Laune hatte, bevor ich geboren wurde.

Nicht wirklich.

Aber fast.

Er steht neben einem offenen Stalltor, die Ärmel seines ausgewaschenen Hemdes hochgeschoben, die Unterarme voller alter Tattoos und heller Narben. Schwarzes Haar, an den Schläfen bereits grau. Sein Gesicht ist wettergegerbt, und seine braunen Augen wandern einmal von meinem Hut bis zu meinen Stiefeln.

„Bradford?“

„Miles.“

„Ich hab nicht nach deinem Vornamen gefragt.“

Ich brauche eine Sekunde.

Dann sehe ich den winzigen Zug um seinen Mund.

„Dann ja.“

Er reicht mir keine Hand.

Stattdessen drückt er mir eine Mistgabel in die Finger.

Ich sehe auf das Ding.

Dann zu ihm.

„Problem?“, fragt er.

„Ich hatte irgendwie mit Papierkram gerechnet.“

Hank mustert mich.

„Du studierst doch Management.“

„Ab nächster Woche.“

„Dann kannst du später aufschreiben, wie viel Scheiße du heute bewegt hast.“

Hinter uns lacht jemand.

Ich drehe den Kopf.

Ein großer blonder Typ lehnt mit einer Schulter am Stallrahmen und grinst mich an, als hätte er gerade das Unterhaltungsprogramm für den Vormittag gefunden. Neben ihm steht ein deutlich kleinerer Mann mit hellbraunem Haar, der weniger amüsiert aussieht und mich einfach nur ruhig betrachtet.

„Jake“, sagt der Blonde und deutet mit einem Daumen auf sich. Dann auf den anderen. „Cole. Wenn Hank dich in den ersten zwei Stunden zum Heulen bringt, sag Bescheid. Ich hab irgendwo Taschentücher.“

„Sind sie weich?“

Jake blinzelt.

„Was?“

„Die Taschentücher. Wenn ich schon weine, möchte ich keine Hautreizungen.“

Cole senkt den Kopf.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ein Lachen unterdrückt.

Jake dagegen grinst breiter. „Okay. Vielleicht darfst du bleiben.“

„Gut“, sagt Hank trocken. „Jetzt, wo die Aufnahmeprüfung abgeschlossen ist, könnt ihr beide wieder arbeiten.“

Jake richtet sich sofort auf.

„Ich habe gearbeitet.“

Hank sieht ihn an.

„Schon gut“, murmelt Jake. „Ich arbeite ja.“

Ich beiße mir auf die Innenseite der Wange.

Hank zeigt auf eine Reihe Boxen. „Drei müssen komplett raus. Danach neue Einstreu. Tränken prüfen. Die in Nummer sieben hängt manchmal. Wenn sie wieder klemmt, sagst du Bescheid.“

„Okay.“

„Kannst du misten?“

„Ja.“

„Pferde führen?“

„Ja.“

„Traktor?“

„Ja.“

„Rinder?“

„Ja.“

Er hebt eine Augenbraue.

Ich begreife.

„Das klingt gerade wahrscheinlich schlimmer, als es gemeint ist.“

„Was ist gemeint?“

„Dass ich weiß, dass ich nicht alles weiß.“

Zum ersten Mal sieht Hank mich länger an.

Dann nickt er knapp.

„Gut. Dann fang mit dem Mist an.“

Damit geht er.

Jake kommt neben mich und sieht ihm nach.

„Das war fast ein Liebesgeständnis.“

„Welcher Teil?“

„Das Nicken.“

Cole nimmt eine Schaufel. „Jake.“

„Was? Ich helfe ihm, die Kultur hier zu verstehen.“

„Du könntest ihm helfen, die Boxen zu machen.“

Jake seufzt dramatisch. „Ihr seid beide schrecklich.“

Trotzdem greift er nach einer zweiten Mistgabel.

Und damit beginnt mein erster Arbeitstag auf Pine Hollow.

Nicht mit einer Besprechung.

Nicht mit Thomas.

Nicht mit irgendeiner Einführung.

Mit Pferdemist.

Dad wäre begeistert.

Zwei Stunden später klebt mein Shirt zwischen meinen Schulterblättern, Staub sitzt auf meinen Unterarmen und Jake hat mir bereits ungefähr zwölf Dinge über Pine Hollow erzählt, von denen vermutlich höchstens acht stimmen.

„Die Stute da hinten beißt“, sagt er.

Ich werfe einen Blick zur letzten Box.

Eine junge Fuchsstute steht mit gespitzten Ohren am Gitter.

„Sie sieht nicht aus, als würde sie beißen.“

„Das denken sie alle.“

Cole schiebt die Schubkarre an uns vorbei. „Sie beißt nicht.“

Jake sieht ihm nach. „Du ruinierst mir jeden Spaß.“

„Gern.“

Ich grinse und nehme die Tränke in Box sieben auseinander.

Sie klemmt tatsächlich.

Nicht schlimm. Eine Ablagerung am Ventil, wahrscheinlich kombiniert mit einem Teil, das seine besten Jahre hinter sich hat.

„Neue?“, frage ich.

Jake lacht.

Ich sehe auf.

„Was?“

„Du bist wirklich neu.“

Cole stellt die leere Schubkarre ab. „Hank repariert sie.“

„Die kostet nicht die Welt.“

Jake stützt beide Arme auf den Boxenrand. „Das sagst du jetzt noch.“

„Was soll das heißen?“

„Dass du spätestens in zwei Wochen anfängst, alte Schrauben nach Größe zu sortieren, weil Hank dir beigebracht hat, dass Wegwerfen eine Charakterstörung ist.“

„Ich werfe keine brauchbaren Schrauben weg.“

„Oh.“ Jake schaut zu Cole. „Der Junge hat Potenzial.“

„Junge? Du bist fünf Jahre älter als ich.“

„Sechs Monate auf Pine Hollow zählen wie drei zivile Jahre.“

Cole ignoriert uns.

Ich schraube das Ventil wieder fest und probiere die Tränke.

Wasser läuft.

„Geht.“

„Dann sag Hank nicht, dass du sie ohne ihn repariert hast“, sagt Jake.

„Warum?“

„Er könnte lächeln. Das erschreckt die Pferde.“

„Walker.“

Hanks Stimme kommt vom Stalltor.

Jake schließt kurz die Augen.

„Siehst du? Der Mann hat übernatürliche Fähigkeiten.“

Hank kommt herein und wirft einen Blick in die Boxen. Er kontrolliert nicht demonstrativ jeden Handgriff. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ihm nichts entgeht.

Sein Blick landet auf der Tränke.

„War sie fest?“

„Ja.“

„Was?“

„Ventil. Kalk und Dreck. Ich hab’s sauber gemacht und wieder eingesetzt.“

„Läuft?“

„Ja.“

Er geht hin, prüft es selbst.

Dann nickt er.

Schon wieder dieses Nicken.

Jake hebt hinter ihm beide Daumen.

Ich ignoriere ihn.

„Mittag in zwanzig Minuten“, sagt Hank. „Danach Zaun auf der Nordweide.“

„Welcher Abschnitt?“, fragt Cole.

„Beim Bach.“

Cole nickt.

Hank sieht zu mir. „Reitest du ordentlich?“

„Ja.“

„Das sagen auch Leute, die einmal im Urlaub auf einem Pferd saßen.“

„Ich bin auf einer Ranch aufgewachsen.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

Ich kann nicht anders.

„Ich bleibe meistens oben.“

Jake verschluckt sich beinahe an seinem Wasser.

Hank sieht mich ausdruckslos an.

Eine Sekunde.

Zwei.

Dann sagt er: „Wir finden’s raus.“

Und geht.

Jake wartet, bis er außer Hörweite ist.

„Ich mag dich.“

„Wir kennen uns seit zwei Stunden.“

„Ich bin schnell mit Gefühlen.“

Cole schnaubt.

Diesmal höre ich es eindeutig.

Mein Zimmer ist ungefähr halb so groß wie mein Schlafzimmer zu Hause.

Vielleicht weniger.

Ein Bett steht an einer Wand, daneben ein schmaler Nachttisch. Gegenüber eine alte Kommode. An der Wand hängt ein Brett mit vier Haken. Ein kleines Fenster zeigt auf einen eingezäunten Paddock und die Hügel dahinter.

Das war’s.

Ich stelle meine Taschen ab und sehe mich um.

„Luxussuite“, sagt Jake hinter mir.

Ich drehe mich um. „Wo ist der Whirlpool?“

„Gemeinschaftsdusche. Zweiter Hahn von links. Wenn Cole gleichzeitig spült, hast du sogar Druckmassage.“

„Du wohnst zwei Türen weiter“, sagt Cole, der hinter ihm vorbeigeht. „Er kann dich nachts ersticken.“

„Miles würde das nicht machen.“

„Warum?“

Jake sieht mich erwartungsvoll an.

Ich lehne mich an den Türrahmen. „Ich würde warten, bis ich weiß, wo Hank die Leichen vergräbt.“

Cole bleibt stehen.

Jake starrt mich an.

Dann lacht er so laut, dass irgendwo draußen ein Hund anschlägt.

„Oh, du bleibst definitiv.“

Ich werfe meine Tasche aufs Bett.

Ehrlich gesagt gefällt mir das Zimmer.

Nicht weil es schön ist.

Es ist funktional.

Und es gehört für die nächste Zeit mir.

Kein Blick auf das Haupthaus von Stone Ridge. Kein riesiges Schlafzimmer, das Mom seit Jahren verändern will und ich seit Jahren nicht verändern lasse. Keine Tür, hinter der jeder weiß, dass dort Jack Bradfords jüngster Sohn wohnt.

Nur ein Bett.

Ein Schrank.

Staub auf der Fensterbank.

Und draußen Arbeit.

„Essen“, sagt Cole.

„Wo?“

Jake legt mir einen Arm um die Schultern, als wären wir seit Jahren Freunde. „Komm, Kleiner. Wir bringen dir alles bei.“

Ich stoße ihn weg. „Nenn mich noch einmal Kleiner und ich werfe dich in die Tränke.“

„Du bist achtzehn.“

„Und?“

„Ich hab Stiefel, die älter sind als du.“

Cole sieht auf Jakes Füße. „Die riechen auch so.“

Ich lache.

Jake wirkt persönlich verletzt.

„Das war unnötig.“

„War wahr.“

„Das macht es schlimmer.“

Wir gehen zusammen nach draußen.

Vielleicht ist es genau da, irgendwann zwischen meinem winzigen Zimmer und Jakes empörter Diskussion über seine Stiefel, dass sich der Knoten in meinem Bauch löst, von dem ich bis dahin nicht einmal gemerkt habe, dass er da ist.

Stone Ridge fehlt mir.

Natürlich tut es das.

Aber ich will hier sein.

Wir essen an einem langen Tisch in einem einfachen Raum neben der Küche der Ranchhands. Sandwiches, Kartoffelsalat, eine Schüssel mit irgendetwas, das Jake großzügig als Gemüse bezeichnet und Cole als „Mais aus der Dose“.

Hank sitzt am anderen Ende und redet mit zwei älteren Männern über die Nordweide.

Ich höre mehr zu, als ich rede.

Das Gelände ist anders als bei uns. Kleinere Weideabschnitte. Andere Wege. Andere Wasserstellen. Weniger Leute, die Aufgaben übernehmen können.

Man merkt es schon an den Gesprächen.

Auf Stone Ridge wird vieles verteilt.

Hier redet jeder über mehrere Dinge gleichzeitig, weil jeder mehrere Dinge gleichzeitig macht.

„Du starrst“, sagt Jake.

„Ich höre zu.“

„Das sieht bei dir aus wie Starren.“

„Dann hör auf, interessant zu sein.“

Er nickt langsam. „Du hast eindeutig zu viel Selbstvertrauen für einen Achtzehnjährigen.“

„Das sagt der Mann, der seine eigenen Stiefel für historisch relevant hält.“

Bevor er antworten kann, öffnet sich die Tür.

„Dad?“

Ich kenne die Stimme nicht.

Der Typ, der hereinkommt, ist ungefähr in meinem Alter, vielleicht ein paar Monate älter. Groß, dunkelbraunes Haar, sportlich gebaut. Er trägt Jeans, saubere Stiefel und ein Hemd, das nach deutlich weniger Arbeit aussieht als unsere.

Preston Griffin.

Ich habe ihn auf Fotos gesehen und vielleicht einmal aus der Entfernung bei einer Veranstaltung.

Thomas’ Sohn.

Derjenige, der Pine Hollow irgendwann übernehmen soll.

Er lässt den Blick durch den Raum wandern und bleibt kurz an mir hängen.

„Du bist der Neue.“

Keine Frage.

Ich lege mein Sandwich ab. „Sieht so aus.“

Jake senkt den Blick auf seinen Teller.

Ich weiß nicht, ob er grinst.

Preston kommt näher. „Woher?“

„Andere Ranch.“

Sein Mundwinkel hebt sich. „Das hatte ich mir fast gedacht.“

Ich lächle freundlich zurück. „Dann sind wir schon zwei.“

Jetzt hustet Jake.

Cole trinkt einfach weiter.

Preston mustert mich noch einen Moment.

Nicht offen feindselig.

Mehr so, als versucht er herauszufinden, wo er mich einsortieren soll.

„Miles“, sage ich.

„Preston.“

„Weiß ich.“

„Ach ja?“

„Dein Name steht auf der Ranch.“

Jake räuspert sich. „Griffin steht auf der Ranch.“

„Na ja“, sage ich. „Nah genug dran.“

Preston sieht zwischen uns hin und her.

Dann hört man draußen Pferdehufe.

Er dreht sich sofort zur Tür.

Und sein Gesicht verändert sich.

Nicht extrem.

Nur genug.

„Sadie.“

Ich sehe automatisch ebenfalls hin.

Das Mädchen, das gerade vom Hof hereinkommt, ist klein. Deutlich kleiner als ich. Lange honigblonde Haare sind zu einem lockeren Zopf gebunden, aus dem sich mehrere Strähnen gelöst haben. Ihre Haut ist sonnengebräunt, Sommersprossen ziehen sich über Nase und Wangen, und ihre Jeans haben einen dunklen Staubfleck am Oberschenkel.

Sie führt ein braunes Pferd am Zügel.

Und noch bevor ich ihr Gesicht richtig sehe, lacht sie über irgendetwas, das Thomas draußen zu ihr sagt.

Es ist dieses Lachen, das zuerst hängen bleibt.

Offen.

Warm.

Unangestrengt.

Dann hebt sie den Kopf.

Blaue Augen.

Verdammt.

Sie ist hübsch.

Nicht auf diese perfekte Art, bei der einem sofort auffällt, wie viel Mühe dahintersteckt.

Eher auf eine Art, die mich einen Moment länger hinsehen lässt, als ich sollte.

Preston geht bereits auf sie zu.

Er nimmt ihr die Zügel ab und beugt sich zu ihr herunter, um sie kurz zu küssen.

Okay.

Freundin.

Thema erledigt.

So einfach ist das.

Und weil ich kein Idiot bin, wende ich mich wieder meinem Essen zu.

„Wer ist das?“, fragt Sadie trotzdem wenige Sekunden später.

„Der Neue“, sagt Preston.

Ich sehe auf.

Sie steht neben ihm.

Aus der Nähe sind ihre Augen noch heller.

„Miles“, ergänze ich.

„Sadie.“

Sie streckt mir die Hand entgegen.

Ihre Finger sind staubig.

Meine auch.

Ich gebe ihr die Hand.

„Willkommen auf Pine Hollow.“

„Danke.“

„Hank hat ihn schon aufgenommen“, sagt Jake.

Sadie schaut zu Hank.

„Er lebt noch.“

„Knapp“, sage ich.

Hank hebt nicht einmal den Kopf. „Ich kann das ändern.“

Sadie lacht.

„Dann scheint alles normal zu laufen.“

Preston legt einen Arm um ihre Taille.

Es ist eine selbstverständliche Bewegung.

Vertraut.

Und sie lehnt sich ebenso selbstverständlich kurz gegen ihn.

Da ist nichts, was nach einer schlechten Beziehung aussieht.

Kein Abstand.

Kein sichtbarer Streit.

Nur zwei Menschen, die offensichtlich schon eine Weile zusammen sind.

Gut.

Ich habe auch andere Dinge zu tun, als mich für die Freundin von Thomas’ Sohn zu interessieren.

Sehr viele andere Dinge.

Zum Beispiel herauszufinden, warum Jake mich gerade angrinst.

Ich sehe ihn an.

Sein Grinsen wird breiter.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

Er schüttelt nur unschuldig den Kopf.

Arschloch.

„Wie lange bleibst du?“, fragt Sadie.

„Wenn sie mich nicht vorher rauswerfen? Ein paar Jahre.“

„Ein paar Jahre?“

„Das ist jedenfalls der Plan.“

„Ausbildung?“

Ich nicke. „Praktisch hier und nebenbei Studium.“

Sofort verändert sich etwas in ihrem Blick.

Interesse.

Echtes Interesse, nicht nur Höflichkeit.

„Was studierst du?“

„Agribusiness. Mit Schwerpunkt Ranchmanagement, wenn alles so läuft, wie ich es geplant habe.“

„Online?“

„Ja. Teilzeit.“

Sie lächelt. „Dann viel Spaß.“

„Das klingt nicht besonders ermutigend.“

„Ich fange nächste Woche mit Tiermedizin an.“

Ich lehne mich etwas zurück. „Okay. Dann nehme ich das ernst.“

„Solltest du.“

„Wie willst du das mit der Ranch gleichzeitig machen?“, frage ich.

Preston antwortet, bevor sie es tut.

„Sadie schafft sowieso immer fünf Sachen gleichzeitig.“

Er sagt es lachend und zieht sie ein wenig näher.

Sadie verdreht die Augen. „Das ist keine Antwort.“

„Aber wahr.“

„Leider.“

Sie sieht wieder zu mir. „Ich werde weniger hier sein als bisher. Studium geht vor. Aber wenn ich Zeit habe, arbeite ich weiter mit.“

„Du arbeitest richtig hier?“

„Schon ewig.“

„Sadie kennt manche Pferde wahrscheinlich besser als ich“, sagt Jake.

„Manche?“

„Fast alle.“

„Schon besser.“

Hank steht auf.

„Wenn ihr mit eurem Studentenclub fertig seid, wir haben einen Zaun.“

Sadie grinst. „Ich bin nicht eingeteilt.“

„Dann geh studieren.“

„Studium beginnt erst nächste Woche.“

Hank nimmt seinen Hut vom Tisch. „Dann genieß die letzte Woche deines Lebens.“

Sie lacht wieder.

Und ich ertappe mich dabei, wie ich ebenfalls grinse.

Dann steht Preston neben ihr und küsst sie noch einmal auf die Schläfe.

Freundin.

Ganz eindeutig.

Ich schiebe meinen Teller weg und stehe auf.

„Nordweide?“

Hank nickt.

„Nordweide.“

Am Nachmittag sitze ich auf einem braunen Wallach namens Cooper und folge Cole einen schmalen Weg entlang.

Jake reitet hinter mir.

Hank vorne.

Die Hitze flimmert über dem trockenen Gras, Grillen zirpen irgendwo zwischen den Sträuchern und der Geruch von warmem Pferd, Leder und Staub hängt in der Luft.

Pine Hollow sieht vom Pferderücken anders aus.

Weiter.

Wilder.

Nicht annähernd so sauber aufgeteilt wie Stone Ridge.

Der Zaun an der Nordweide ist tatsächlich beschädigt. Ein umgestürzter Ast hat zwei Drähte heruntergedrückt, ein Pfosten sitzt locker.

Nichts Großes.

Aber genug, dass Vieh irgendwann eine Gelegenheit daraus machen würde.

Wir steigen ab.

„Bradford“, sagt Hank.

„Hm?“

„Was würdest du machen?“

Ich sehe mir den Abschnitt an.

Der Pfosten ist nicht gebrochen. Nur aus dem aufgeweichten Boden gezogen und anschließend schief getrocknet.

„Raus damit. Loch neu setzen. Wenn das Holz unten noch gut ist, denselben wieder rein. Drähte spannen.“

„Und wenn der Pfosten unten angefault ist?“

„Ersetzen.“

„Gut.“

Jake legt sich eine Hand aufs Herz. „Er kennt Zäune.“

„Soll ich dich damit erschlagen?“, frage ich.

„Da ist er wieder, dieser jugendliche Übermut.“

Hank drückt mir den Pfostenheber in die Hand.

„Dann zeig mal.“

Also zeige ich es.

Nicht perfekt.

Der Boden ist härter, als er aussieht, und beim zweiten Versuch rutscht mir das Werkzeug weg. Meine Schulter bekommt einen Schlag ab, der morgen wahrscheinlich blau sein wird.

Cole sagt nichts.

Hank auch nicht.

Sie warten einfach.

Ich setze neu an.

Diesmal klappt es.

Wir arbeiten fast zwei Stunden.

Als wir fertig sind, brennt mein Nacken trotz Hut, meine Hände sind dreckig, und irgendwo in meinem rechten Handschuh hat sich ein kleiner Splitter ins Leder gedrückt.

Ich bin müde.

Auf die gute Art.

Auf dem Rückweg reitet Jake neben mir.

„Also?“

„Was?“

„Erster Tag.“

Ich sehe über das Land.

Die Hügel liegen inzwischen dunkler vor uns. Lange Schatten ziehen über die Weiden. In der Ferne stehen Rinder dicht an einer Wasserstelle.

„Frag mich morgen.“

„So schlimm?“

„Nein.“

Ich ziehe meinen Hut etwas tiefer gegen die Sonne.

„Genau deshalb.“

Jake schaut mich einen Moment an.

Dann grinst er.

„Du bist komisch.“

„Danke.“

„War kein Kompliment.“

„Nehm ich trotzdem.“

Als wir den Hof erreichen, steht Sadie beim Paddock.

Sie hat das Pferd von vorhin abgesattelt und fährt gerade mit einer Bürste über dessen Hals. Preston sitzt oben auf dem Zaun und erzählt irgendetwas. Ich höre die Worte nicht, aber Sadie lacht.

Dann sieht sie kurz zu uns.

Unsere Blicke treffen sich.

Sie hebt die Hand.

Ich hebe meine ebenfalls.

Nicht mehr.

Keine Musik.

Kein merkwürdiger Moment.

Kein Blitzschlag.

Ein Mädchen, das ich heute kennengelernt habe.

Die Freundin eines anderen.

Und trotzdem merke ich mir ihre blauen Augen.

Keine Ahnung, warum.

„Miles!“

Hank ruft vom Stall.

Ich drehe mich sofort um.

„Was?“

„Wenn du heute noch essen willst, bringst du dein Pferd weg.“

Jake reitet an mir vorbei. „Romantik ist tot.“

Ich starre ihn an. „Welche Romantik?“

„Keine Ahnung.“

Er grinst.

„Du guckst nur schon wieder.“

„Ich habe zum Paddock gesehen.“

„Da stand zufällig Sadie.“

„Und ein Pferd.“

„Klar.“

Ich lenke Cooper Richtung Stall. „Ich kenne dich seit weniger als einem Tag und finde dich bereits anstrengend.“

„Warte eine Woche.“

„Drohung?“

„Versprechen.“

Ich schüttele den Kopf.

Am Stall nehme ich Cooper den Sattel ab, kontrolliere seinen Rücken, bürste den Staub aus seinem Fell und bringe ihn in die Box. Niemand muss mir sagen, dass ich das Zeug danach wegräume. Niemand muss mich daran erinnern, die Trense auszuwaschen.

Hank bemerkt es trotzdem.

Natürlich tut er das.

Er lehnt am Stalltor, während ich den Sattel auf den Bock lege.

„Morgen fünf.“

Ich sehe ihn an. „Morgens?“

Er bleibt vollkommen ernst.

„Nein, abends. Wir schlafen hier bis Mittag.“

Ich grinse.

„Fünf.“

„Frühstück vorher.“

„Wie viel vorher?“

„Wenn du langsam isst, dein Problem.“

„Verstanden.“

Er dreht sich weg.

„Hank?“

Er bleibt stehen.

„War das heute alles?“

Seine Augen wandern über mich.

„Hast du noch Energie?“

Ich überlege.

„Ein bisschen.“

„Gut.“

Er zeigt auf eine Schubkarre neben der Stallwand.

„Die muss noch weg.“

Ich sehe auf die volle Ladung Mist.

Dann wieder zu ihm.

„Das war eine Falle.“

„Du lernst schnell.“

Er geht.

Ich muss lachen.

Und schiebe die Schubkarre weg.

Als ich später in meinem neuen Zimmer liege, ist das Fenster offen.

Von draußen kommen gedämpfte Stimmen.

Jake lacht irgendwo.

Ein Pferd scharrt über den Boden.

Weiter weg läuft noch ein Motor, erst laut, dann leiser, bis er schließlich verstummt.

Mein Körper fühlt sich schwer an.

Nicht erschöpft genug, um sofort einzuschlafen, aber genug, dass ich jeden Muskel merke, als ich mich auf den Rücken drehe.

Auf dem kleinen Schreibtisch neben dem Fenster steht mein Laptop.

Daneben der Karton mit meinen Unterlagen.

Agribusiness.

Nächste Woche geht es los.

Tagsüber Ranchhand.

Abends Studium.

Und irgendwann soll aus all dem der Mann werden, dem Dad tatsächlich einen Teil von Stone Ridge anvertrauen kann.

Mein Handy vibriert.

Mom: Angekommen?

Ich tippe zurück.

Ich: Nein. Bin versehentlich nach Wyoming gefahren.

Drei Punkte erscheinen sofort.

Mom: Miles Bradford.

Ich grinse.

Ich: Bin da. Zimmer ist gut. Leute auch. Habe gegessen.

Die Antwort kommt wenige Sekunden später.

Mom: ❤️

Danach eine Nachricht von Dad.

Nur eine.

Dad: Erster Tag?

Ich starre kurz darauf.

Dann schreibe ich:

Ich: Hab Mist geschaufelt, eine Tränke repariert und Zaun gemacht. Hank hält mich wahrscheinlich für mäßig brauchbar.

Die Antwort dauert länger.

Dad: Guter Anfang.

Ich lese die zwei Worte zweimal.

Von Dad ist das ziemlich viel.

Ich lege das Handy auf meine Brust.

Draußen zieht Wind über das Gelände und bringt den Geruch von trockenem Gras, Pferden und Staub durch das offene Fenster.

Pine Hollow klingt anders als Stone Ridge.

Kleiner.

Direkter.

Man hört einzelne Menschen. Einzelne Tiere. Jede Maschine, die irgendwo noch läuft.

Hier verschwinden Probleme wahrscheinlich nicht irgendwo in einer großen Struktur.

Wenn eine Tränke kaputt ist, steht man davor.

Wenn ein Zaun fällt, fährt man raus.

Wenn Arbeit liegen bleibt, macht sie nicht automatisch jemand anders.

Ich glaube, ich verstehe langsam, warum Dad mich ausgerechnet hierher geschickt hat.

Und ich bin erst einen Tag da.

Morgen um fünf geht es weiter.

Hank wird vermutlich noch genug Möglichkeiten finden, mir zu zeigen, was ich nicht weiß.

Jake wird mich dabei wahrscheinlich ununterbrochen nerven.

Cole wird mich weiterhin ansehen, als müsste er erst entscheiden, ob ich bleiben darf.

Thomas wird genau beobachten, was ich tue, ohne mich anders zu behandeln als die anderen.

Preston…

Keine Ahnung.

Und Sadie ist einfach Sadie.

Prestons Freundin.

Die angehende Tierärztin mit den honigblonden Haaren, den Sommersprossen und diesem offenen Lachen.

Mehr nicht.

Ich drehe mich auf die Seite und ziehe das Kissen zurecht.

Draußen schlägt irgendwo eine Stalltür.

Dann wird es langsam still.

Mein erster Tag auf Pine Hollow ist vorbei.

Und zum ersten Mal in meinem Leben schlafe ich auf einer Ranch ein, auf der der Name Bradford überhaupt keine Rolle spielt.

Genau deshalb bin ich hier.

Chapters
1. Kapitel 1 - Pine Hollow
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Good Writing

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Compelling Plot

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Great Character

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Strong Dialog

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