Prolog
Manche Kriege begannen wegen Land, andere wegen Macht.
Dieser Krieg begann wegen einer Frau ...
Vor einigen Jahren hatte der Alpha eines kleinen Wald-Rudels eine Entscheidung getroffen, die das Schicksal des Rudels verändern sollte.
Die Tochter eines mächtigen Lykaner-Fürsten hatte Anspruch auf den Platz an seiner Seite erhoben. Aus Sicht ihres Vaters war die Verbindung längst beschlossen gewesen. Eine Vereinigung zweier Blutlinien. Ein Bund, der beiden Gruppen Stärke und Einfluss verschaffen würde.
Doch der Alpha hatte abgelehnt.
Nicht aus Hass oder aus Arroganz, sondern weil sie nicht seine von der Mondgöttin bestimmte Gefährtin war.
Für Werwölfe war die Gefährtenbindung ein Geschenk und heiliger als jede politische Verbindung. Er würde keine gewählte Luna akzeptieren, solange diejenige, die für ihn bestimmt war, vielleicht noch irgendwo auf ihn wartete.
Die Ablehnu traf den alten Lykaner-Fürsten bis ins Mark. Nach seiner Ansicht, war seine Tochter gedemütigt worden, seine gesamte Familie hatte ihr Gesicht verloren.
Was als Streit begann, wurde zu Feindschaft. Aus Feindschaft wurde Hass. Und Hass hatte die Angewohnheit, über Jahre zu wachsen, bis er schließlich nicht mehr aufzuhalten war.
In jener Nacht erreichte er sein Ziel.
Der Mond stand hoch über den Baumwipfeln.
Sein silbernes Licht fiel durch die Äste des Waldes und ließ die Lichtung wie einen fremden Traum erscheinen ...
Normalerweise herrschte um diese Zeit Ruhe im Revier. Das Rudel schlief oder bewachte seine Grenzen. Heute jedoch trug der Wind den Geruch von Blut und Tod.
Ein markerschütterndes Heulen durchschnitt die Nacht.
Dann noch eines.
Und noch eines.
Die kleine Hütte am Rand des Rudelgeländes erbebte, als die Tür aufgestoßen wurde.
„Sie sind durch die westliche Grenze gebrochen!“, keuchte ein Krieger. Blut lief ihm über die Schläfe. „Alpha, wir können sie nicht mehr aufhalten!“
Der Alpha erhob sich sofort. Seine goldenen Augen begegneten denen seiner Gefährtin. Keine Worte waren nötig. Beide wussten, was dies bedeutete. Die Lykaner waren gekommen. Sie hatten ihre Drohung wahr gemacht.
„Bring Leonora fort“, sagte er ruhig.
Seine Gefährtin presste ihre Tochter fester an die Brust. „Nein.“
„Du musst gehen.“
„Und du?“
Er lächelte schwach. „Ich bin ihr Alpha.“
Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Draußen wurden die Kampfgeräusche lauter. Schreie. Knurren. Das Krachen berstenden Holzes. Dann das Heulen eines sterbenden Wolfes.
Der Alpha trat vor seine Gefährtin und legte eine Hand an ihre Wange. „Hör mir zu.“ Seine Stimme blieb ruhig. Fast unnatürlich ruhig. „Wenn wir beide fliehen, werden sie uns verfolgen.“
„Luc...“
„Wenn einer bleibt, suchen sie hier.“
Tränen liefen über ihre Wangen. „Bitte nicht.“
Er drückte einen Kuss auf ihre Stirn. „Bring unsere Tochter in Sicherheit.“
Die kleine Leonora schlief friedlich in den Armen ihrer Mutter. Zu jung, um die Schreie zu verstehen. Zu jung, um die Angst zu spüren. Zu jung, um zu wissen, dass ihre Welt gerade zerbrach.
Ein donnerndes Geräusch hallte über die Lichtung. Die Verteidigungslinie war gefallen. Der Alpha schloss für einen Moment die Augen. Dann nahm er seine Wolfsgestalt an. Mächtig. Groß. Unerschütterlich.
Noch ein letzter Blick. Dann stürmte er hinaus in die Nacht. Seine Gefährtin blieb zurück. Und lauschte auf die Kampfgeräusche.
Auf das Knurren. Auf das Heulen. Auf die Schreie. Bis sie plötzlich sein Heulen hörte. Laut. Wild. Unbeugsam.
Dann brach es abrupt ab. Die Welt stand still. Ein Teil ihres Herzens starb mit diesem Laut. Doch für Trauer blieb keine Zeit. Nicht jetzt. Nicht solange ihre Tochter sie brauchte.
Mit zitternden Armen wickelte sie Leonora fester in die Decke und verließ die Hütte durch den Hinterausgang. Der Wald war voller Schatten. Überall lag der Geruch von Blut.
Mehr als einmal musste sie sich verstecken. Mehr als einmal glaubte sie, entdeckt worden zu sein. Doch sie lief weiter. Für ihre Tochter. Nur für ihre Tochter.
Stunden später erreichte sie den Waldrand. Vor ihr erstreckten sich Felder. Menschenland. Sie stolperte auf die Knie. Erschöpft. Am Ende ihrer Kräfte.
Ein Weidenkorb stand verlassen an einer alten Scheune. Mit zitternden Händen legte sie ihr Baby hinein. Leonora öffnete verschlafen die Augen. Für einen Moment schien die Welt still zu werden.
Die Mutter strich ihr über die Wange. „Es tut mir leid.“ Ihre Stimme brach. „Es tut mir so leid, mein kleiner Stern.“ Frische Tränen liefen über ihr Gesicht. Hinter ihr knackte ein Ast. Zu nah. Viel zu nah.
Sie hatten ihre Spur aufgenommen. Verzweifelt schloss sie die Augen. In ihrem Inneren regte sich ihre Wölfin. Erschöpft. Verwundet. Dem Tod bereits näher als dem Leben.
Die Mutter legte beide Hände auf den Korb. „Kleine Wölfin...“ Ein Windhauch strich über die Felder. „Beschütze mein Baby.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Ihr darf nichts geschehen.“
Die Wölfin antwortete mit einem schwachen Laut. Fast einem Versprechen. „Hörst du mich?“ Ein weiteres, leises Jaulen. „Beschütze sie.“ Wieder. „Beschütze sie, bis sie stark genug ist, allein zu stehen.“
Die Mutter beugte sich hinunter und küsste ihre Tochter ein letztes Mal auf die Stirn. Dann erhob sie sich. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte.
Aber jede Minute, die sie den Verfolgern schenkte, würde Leonoras Überlebenschancen erhöhen.
Noch einmal blickte sie zurück. Auf den Korb. Auf ihr Kind. Auf alles, was von ihrem Leben geblieben war. Dann verschwand sie im Wald. Keine Stunde später fand ein Farmer den Korb zwischen den Feldern.
Darin lag ein friedlich schlafendes Mädchen mit dunklen Haaren und einer ungewöhnlich warmen Decke.
Niemand wusste, woher sie kam.
Niemand wusste, wer sie war.
Man brachte sie in ein Waisenhaus und gab ihr den Namen Leonora. Der Name war in die Decke gestickt. Deshalb hatte man vermutet, das dies ihr Name ist und den sollte sie auch behalten.
Tief in ihrem Inneren hielt eine kleine Wölfin immer ihr Versprechen.
Tag für Tag.
Jahr für Jahr.
Während Leonora aufwuchs.
Während sie zur Schule ging.
Während sie ihre Ausbildung bei Argentum Global Solutions begann.
Während sie ihren festen Platz im Schreibbüro fand.
Und während sie glaubte, ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein.
In der Menschenwelt wusste niemand etwas von einem ausgelöschten Wolfsrudel.
Und bei den Werwölfen geriet diese Geschichte mit den Jahren in Vergessenheit.
Vierundzwanzig Jahre lang wartete das Schicksal.
Bis zu jenem Morgen, an dem Leonoras Weg schließlich den des Alphas des Hauses Veyron kreuzen sollte.








