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Basswood Lane

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Summary

Um ganz neu zu starten, zieht Jett Duchamp in die fünftausend-Seelen-Gemeinde Red Rock in Ohio. Das Haus, das er übernimmt, hat seit Jahrzehnten niemand mehr bewohnt. Es ist ruhig hier, nah am Wald, ein Paradies für Vögel. Eigentlich könnte es der perfekte Ort sein, wären da nicht Stimmen in Red Rock, die Jett vor zwei Männern warnen - und einer davon stellt sich als sein Nachbar heraus. Die ersten Begegnungen verlaufen tatsächlich nicht gerade erfreulich. Trotzdem kommt Jett nicht an Ryan vorbei. Dann beginnen sich merkwürdige Vorgänge zu häufen, und allmählich hat er den Eindruck, dass er besser nie in die Basswood Lane gezogen wäre.

Status
2h ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

I.


Das Erste, womit ihn sein neues County begrüßte, war schlechtes Wetter. Hinter Chillicothe begann es zu regnen.

Auf halber Strecke zwischen Chillicothe und Athens konnte man schon gar nicht mehr von Regen sprechen.

Jett schaltete die Scheinwerfer ein. Vor ihm zog sich die Interstate 50 durch eine Landschaft, die eigentlich noch offen und weitläufig wirkte, mit Kornfeldern, Wiesen und vereinzelten Waldflecken. Aber jetzt hingen stahlgraue Wolken optisch bis auf die Erde herunter.

Wetterleuchten flackerte auf. Es regnete immer heftiger.

Die zweispurige Straße verschwand in schrägen Wasservorhängen und Dunst.

Highway to hell, dachte Jett. Wenigstens gab es - theoretisch - alle fünf bis zehn Meilen irgendeine Häuseransammlung. Am Gefühl der Verlorenheit änderte sich dadurch nichts.

Er starrte an den wild arbeitenden Scheinwerfern vorbei in das Mittelgrau, Dunkelgrau und Schwarz, das auf ihn wartete. Alle Gebäude an der Interstate lagen längst außer Sicht. Andere Autos hatte er seit Chillicothe auch nicht mehr angetroffen.

Jett schaute auf die Uhr. Es war kurz nach sechs.

„Toll“, murmelte er. „Ganz toll.“

Er hatte noch gute vierzig Meilen zu fahren, in diesem Mistwetter, das dafür sorgte, dass der Abend viel zu früh hereinbrach.

Beide Hände fest ums Lenkrad geschlossen, konzentrierte sich Jett auf den Tacho. Selbst ohne diesen Weltuntergangsregen hätte er sich nicht getraut, schneller zu fahren.

In Beavercreek hinter Dayton hatte er an einer Tankstelle Halt gemacht, um zu tanken und seine Ankunft in Ohio irgendwie zu würdigen. Immerhin war er in einen neuen Lebensabschnitt unterwegs, einen Haufen Bücher, eine Handvoll Einrichtungsgegenstände und ein Quantum Hoffnung im Gepäck.

‚Junger Mann.‘ Ein gedrungener, älterer Tankstellenmitarbeiter hatte Jett angesprochen. „Sie sollten mal unter Ihren Wagen gucken.‘

,Wieso?’

,Da läuft was aus. Würd’ mich stark wundern, wenn das keine Bremsflüssigkeit ist.’

Bremsflüssigkeit war es dann auch gewesen. Der Mitarbeiter, ein Mechaniker der Tankstelle, hatte die defekte Leitung glücklicherweise ersetzt. Doch Jett hatte eine geschlagene Stunde in seiner Werkstatt herumgestanden und sich hinterher auch noch anhören müssen, dass sein Auto demnächst eine Generalüberholung brauchen würde und er ab sofort lieber fuhr ,wie in Watte gepackt’.

Also war er jetzt im Schneckentempo nach Osten unterwegs.

Etwa dreißig Meilen hinter Chillicothe tauchte die Interstate in einen größeren Waldflecken ein, den Jett nur deshalb als solchen erkannte, weil ein Straßenschild vor Wildwechsel warnte.

Von der Umgebung erkannte er praktisch überhaupt nichts mehr, höchstens Dinge, über die sein Scheinwerferlicht glitt, und ein tieferes Schwarz im allgemeinen Schwarz, vermutlich der Wald. Es wurde schnell dunkel.

Der Regen prasselte aufs Auto, die Scheibenwischer quietschten. Den Gedanken, das Radio einzuschalten, verwarf Jett sofort wieder. Er wollte sich nicht von der Fahrt ablenken.

Er schaffte es bis Athens. Hier lenkte er den Wagen an den Straßenrand beim Ortseingang. Es war an der Zeit, sich die Route für die letzten Meilen noch einmal vorzunehmen. Die Uhr zeigte zehn nach sieben.

Ein Navigationssystem hatte sein alter Nissan nicht. Daher rief Jett den Kartendienst des Handys auf. Hinter Athens musste er nach Norden in Richtung Glouster von der Interstate abbiegen. Red Rock, sein Ziel, lag drei Meilen vor Glouster, am Südrand des Wayne National Forest.

Der Regen wurde noch stärker. Jett lehnte sich zurück und lauschte dem aggressiven Getrommel. Danke für den netten Empfang, Ohio, dachte er.

Plötzlich knickte seine Entschlossenheit ein.

Wann er Red Rock erreichte, war egal. Niemand wartete auf ihn, bloß ein Haus, das er fast blind gekauft hatte - ein Haus mitten im Nirgendwo.

Er konnte versuchen, für die Nacht in Athens unterzukommen, und morgen früh weiterfahren. Am helllichten Tag würde sich die Ankunft anders anfühlen.

Der Rückspiegel erstrahlte in Weiß. Jett schaute vom Handy auf.

Ein Lastwagen dröhnte an seinem parkenden Auto vorbei. Er hatte sich aus derselben Richtung durch die Waschküche gekämpft und verschwand binnen Sekunden in der Dunkelheit vor Athens.

Er spürte, wie die Entschlossenheit wiederkam. Nein, er würde nicht schlappmachen. Nicht so dicht vor dem Ziel.

Kurz darauf hatte er Athens durchquert und begann, nach der Abzweigung zu suchen. Das Haus, hatte der Immobilienmakler ihm versichert, war teilmöbliert - mit Sachen von vor Jahrzehnten, aber es gab eine funktionierende Küche, ein funktionierendes Bad und so weiter.

Die Vorstellung von einem Kaffee und einer Dusche erhielt Jett die nächste halbe Stunde über aufrecht.

Der Regen legte nochmal an Stärke zu. Die Sichtverhältnisse verschlechterten sich weiter. Hinter der Abzweigung war aus der Interstate eine enge Landstraße geworden.

Jetts Scheinwerfer betasteten die Stämme von Bäumen. Ein Ortsschild glitt durch den Lichtkreis.

,Red Rock. Athens County, Einwohnerzahl 5278’

„Nummer Fünftausendzweihundertneunundsiebzig im Landeanflug“, sagte Jett gedämpft.

Die Gemeinde tauchte auf.

Red Rock lag am Waldrand, offen unter dem Himmel. Fern im Osten, am Horizont, war es tatsächlich noch nicht ganz dunkel. Dank der Restdämmerung erkannte Jett einzelne Häuser und Gebäudegruppen an den Hängen und im flachen Tal unterhalb seiner Position. Ein Mal überquerte er eine Straße, die ins Ortszentrum verlief. In einiger Entfernung sah er gehäufte Lichter, von Schaufenstern oder einem Diners sicherlich.

Ansonsten wirkte Red Rock wie ausgestorben. Obwohl Jett sich denken konnte, dass hier - wie in den meisten kleinen Gemeinden - schon früh am Abend die Bürgersteige hochgeklappt wurden, hatte der Ort zusammen mit der Dunkelheit und dem Regen etwas Abweisendes.

Er konzentrierte sich auf seine Route. Laut der Karte musste er dieser Straße nordostwärts am Hang entlang folgen. Da, wo die Straße zu einem Waldpfad wurde, sollte die Basswood Lane abzweigen. Das klang nicht wirklich kompliziert.

Er fand die Abzweigung auch. In der Gegend, durch die er jetzt fuhr, standen nur ganz wenige Häuser, meistens tief unter Bäumen versteckt. Und hier verschluckte plötzlich ein Waldstück die Straße.

Irritiert hielt Jett an. Die Straße sah nicht nach etwas aus, an dem man wohnen konnte. Sie sah auch nicht nach etwas aus, in das man bei so miserablen Lichtverhältnissen hineinfuhr - eher wie ein pechschwarzer Tunnel durch eine finstere, amorphe Masse aus Bäumen.

Der Kartendienst blieb bei seiner Meinung. Jett trat aufs Gas.

Für Minuten hatte er den Eindruck, ernsthaft durch einen Tunnel zu fahren. Dann wurde es allmählich wieder heller. Er blendete auf. Die Bäume standen gar nicht so dicht wie gedacht. Vorn wartete ein Hang, bestimmt mit einen direkten Blick auf Red Rock.

Ein Fleck erschien vor der Kühlerhaube.

Jett zuckte zusammen. Er trat mit Wucht auf die Bremse.

Der Wagen schlingerte in den Halt. Seine Scheinwerfer bestrahlten den bleichen Fleck, der sich ebenfalls nicht mehr bewegte.

Es war ein Reh. Jett starrte das Tier an, den hoch erhobenen, schmalen, schönen Kopf mit den aufgestellten Tütenohren, die schwarzen Augen, das Fell, das im künstlichen Licht ein staubig-helles Braun hatte und vor Feuchtigkeit dampfte.

Das Tier duckte sich. Dann huschte es davon wie ein Geist, nach links in die Dunkelheit.

Erst jetzt wurde Jett bewusst, dass er die Luft angehalten hatte. Er atmete durch.

„Scheiße, verflucht nochmal!“ Sein Puls raste.

Wassertropfen trommelten ein chaotisches Stakkato aufs Wagendach. Auch im Wald regnete es heftig. Jett verwarf die Idee, die Kühlerhabe zu überprüfen. Dem Reh war nichts passiert, und immerhin wusste er jetzt, dass seine Bremsen funktionierten.

Trotzdem konnte er sich nicht sofort zum Weiterfahren entschließen.

Hinter ihm wurde es auf einmal hell. Aus dem Waldtunnel näherte sich ein anderes Auto. Das rot-blau-weiße Licht auf seinem Dach räumte mit allen Zweifeln auf.

Im Rückspiegel verfolgte Jett, wie der Wagen hinter seinem Wagen hielt, ein menschlicher Umriss ausstieg und herankam. Jemand klopfte an sein Fahrerfenster. Er blinzelte in den Strahl einer Taschenlampe.

Als er das Fenster herunterließ, stäubte Regen herein.

„Sir?“ Der Mann trug dunkle Kleidung mit einem grauen Schlips und Knöpfen als einzige hellere Punkte, und einen breitkrempigen Hut. „Sind Sie in Ordnung?“

Jett räusperte sich. „Ja. Danke, Sheriff.“

„Falsch“, sagte der Mann. Er klang nüchtern, aber nicht unbedingt unfreundlich. „Ich bin bloß der Deputy. Kann ja sein, dass Sie in Ordnung sind. Nur - Ihr Auto steht mitten im Wald.“

„Ich hätte beinahe ein Reh angefahren..“

Der Mann nahm die Taschenlampe weg. Sein Umriss zog sich vom Fenster zurück, als er nach vorn ging. Fast sofort war er wieder da. „Da haben Sie wohl Glück gehabt.“ Jetzt bückte er sich und spähte Jett ins Gesicht. „Was machen Sie auf dieser Straße? Sie sind nicht aus Athens County. Und die Basswood Lane ist eine Sackgasse.“

„Ich habe das Haus oben an der Straße gekauft.“ Es war gut möglich, dass ein Deputy über solche Veränderungen im Ort Bescheid wusste. „Ich bin Jett Duchamp.“

„Das Haus, das leer steht“, ergänzte der Mann. „Stimmt, ich erinnere mich. Na, dann willkommen in Red Rock, Mr. Duchamp.“

„Danke.“

„Quinton Blake“, stellte der Deputy sich vor. „Gut, ich bringe Sie hin.“

Jett stutzte. Das war entweder nett gemeint oder ein Hinweis auf eine vorsichtige oder sogar misstrauische Haltung. „Nicht nötig.“

„Sicher ist sicher.“ Damit verschwand Blake. Eine Autotür schlug zu.

Der Wagen der Athens County Police rollte an Jetts Wagen vorbei, fuhr ein paar Meter und hielt mit laufendem Motor. Er betätigte den Fensterhebel. Irgendwie war ihm die Sache nicht ganz geheuer.

Blake fuhr in gemäßigtem Tempo voraus. Die Rücklichter seines Wagens strahlten durch die Dunkelheit.

Wie Jett schon vermutet hatte, führte die Straße hinter dem Wald an einem flach ansteigenden Hang entlang. Ein Mal zog ein eckiger Umriss vorbei, vielleicht ein Schuppen. Weiter unten am Hang blinkten Fenster.

Minuten später bremste der Polizeiwagen. Seine Rücklichter erloschen. Rechts ragte ein Haus im Grauschwarz auf. Blake war bis an die Vorderveranda herangefahren, und sein Wagen stand auf etwas, das Jett als seinen eigenen Vorhof ausmachte.

Er stieg aus dem Nissan. Der Regen hatte sich zu einem Nieseln herabgestuft. Die Luft roch frisch, nach nassem Gras und nach Wald.

Als Jett mit ihm zusammentraf, sagte Blake nichts. Er fasste das Haus in Augenschein.

Richtig einsam konnte man seine Lage nicht nennen. Bis ins Tal brauchte man vielleicht eine halbe Stunde zu Fuß. Die Aussicht nahm Jett gefangen - der Ort, die Ebene, die Weite.

„Was ist mit den Schlüsseln?“, erkundigte sich Blake.

„Man hat mir gesagt, dass sie in einem Kästchen unter der Vordertreppe liegen“, sagte Jett.

Er fand das Kästchen und drei Schlüssel an einem Ring. Er drehte sich zu Blake um. „Ich glaube, ab hier komme ich allein zurecht.“

Blake kehrte nicht zu seinem Wagen zurück. „Probieren Sie die Schlüssel aus.“

Natürlich, er vertrat die Gemeinde und wollte sichergehen, dass der Neuankömmling wirklich der war, als der er sich ausgab. Andernfalls hätte Jett nicht auf die Anweisung reagiert.

Blake folgte ihm die Vordertreppe hinauf. Das Verandalicht sprang an.

Es zeigte, dass Blake ungefähr in seinem, Jetts, Alter war, groß und schlank, mit hellbraunen, nackenlangen, welligen Haaren. Er hatte ein schmales Gesicht, an dem die starke, leicht gebogene Nase und hohe Wangenknochen auffielen.

Jett wandte ihm den Rücken zu, steckte den größten Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Es klickte. Die Tür öffnete sich knarrend.

Wie auf ein Zeichen hin tippte sich Blake an den Hut. „Noch einmal willkommen in Red Rock. Gute Nacht, Mr. Duchamp.“

„Danke für den Geleitschutz“, sagte Jett. „Gute Nacht.“

Blake musterte ihn für ein paar Sekunden. Schließlich lächelte er dünn.

Jett verfolgte, wie er zu seinem Wagen zurückkehrte.

Er hatte keine Erfahrung mit den gesetzlichen Vertretern von Gemeinden wie Red Rock. Wahrscheinlich erfüllte Blake seine Pflicht, weiter nichts. Und wenn man so erschöpft war wie ein gewisser Mr. Duchamp, konnte man die Vibes einer Begegnung leicht fehlinterpretieren.

Der Polizeiwagen wendete. Die roten Rücklichter schrumpften und versickerten in der Dunkelheit.

Langsam zog Jett den Schlüssel aus dem Schloss. Dann betrat er das Haus.





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