Kapitel 1: Ungewollt Beschworen
Im Königreich Solaria saß der König auf seinem Thron und beobachtete die Vorbereitungen des Rituals. Er wandte sich an seinen obersten Hofmagier Kryptan: „Glaubt Ihr, dass der beschworene Held wirklich stark genug sein wird, um uns gegen die Bedrohung der Orks und ihren Feldzug beizustehen?“
Der Hofmagier, ein Mann in seidenen Gewändern und mit einem mindestens einen Meter langen, weißen Bart, blickte dem König ernst in die Augen. „Nun, Sire, die alten Schriften besagen, dass diejenigen, die aus anderen Welten beschworen werden, unglaubliche Macht erlangen. Wenn uns der beschworene Held nicht helfen kann, dann gibt es keine Hoffnung mehr für uns.“ Der König seufzte schwer. „Dann hoffen wir, Kryptan, dass die alten Schriften uns nicht anlügen.“
Währenddessen, in einer völlig anderen Welt, spazierte ein Familienvater namens Paul Reinlich mit seinen beiden Kindern durch ein hell erleuchtetes Einkaufszentrum. Er liebte es, wie seine beiden achtjährigen Zwillinge, Sabine und Michael, jedes Mal große Augen machten, wenn sie an den bunten Spielzeugläden vorbeikamen. Seit dem viel zu frühen Tod seiner geliebten Frau dachte Paul oft daran, wie viel Glück im Unglück er hatte. Diese beiden Kinder waren sein Ein und Alles – sein einziger Grund, jeden Tag weiterzumachen.
„Papa, Papa, schau!“, rief Sabine, zeigte auf eine Puppe im Schaufenster und zog stürmisch an seinem Hosenbein. „Sabine, mein Schatz. Hast du nicht schon genug Puppen in deinem Zimmer? Wenn ich dir jetzt noch eine kaufe, dann platzen die Wände und dein Zimmer explodiert!“ Dabei machte er eine kleine Explosionsgeste mit den Händen, was Michael zum Kichern brachte. Doch Sabine sah ihn nur mit ihren riesigen Augen an – diesem unwiderstehlichen Hundeblick, gegen den jeder Vater machtlos war. Paul seufzte ergeben, aber mit einem Lächeln. „Ach, Sabine, meine Kleine…“ Er kaufte ihr die Puppe. Kurz darauf bekamen beide noch ein großes Eis spendiert und hüpften fröhlich neben ihrem stolzen Vater her.
In Solaria wurde zur selben Zeit der letzte Strich des gewaltigen Beschwörungskreises gezogen. Er sollte endlich den sehnlich erwarteten Helden bringen, der sie vor dem Untergang und der unweigerlichen Ork-Invasion retten würde. Als sich die königlichen Magier unter der Anleitung von Kryptan an den verschiedenen Ecken des Kreises versammelten, begannen sie mit der monotonen Rezitation der uralten Formeln. Der Kreis begann augenblicklich zu pulsieren, und knisternde Funken tanzten in der Luft darüber.
„Papa, Papa, ich muss mal!“, sagte Michael plötzlich und trat unruhig auf der Stelle. „Ich auch, Papa!“, pflichtete Sabine bei und führte denselben hastigen Pippi-Tanz auf wie ihr Bruder. „Ist ja schon gut, kommt mit, da drüben sind die Toiletten“, lachte Paul und führte die beiden zu den öffentlichen Waschräumen.
Nachdem die Zwillinge ihr Geschäft verrichtet hatten, standen die drei vor dem großen Spiegel, um sich die Hände zu waschen. Plötzlich zog Sabine an der Hose ihres Vaters und deutete nach unten. „Papa, was ist das?“ Paul blickte auf den Fliesenboden. Zu seiner großen Verwunderung begann dieser intensiv zu leuchten. „Äh, das ist… äh…“
Weiter kam er nicht. Mit einem Mal gab der Boden unter ihnen nach. Die Welt kippte, und die drei fielen in ein endloses, leuchtendes Nichts. Panisch ruderte Paul mit den Armen und versuchte verzweifelt, seine Kinder zu greifen, um sie an sich zu drücken. Doch es gelang ihm nicht. Seine Fingerspitzen streiften nur noch Sabines Jacke, als eine unsichtbare Kraft sie unerbittlich auseinanderzog. Der letzte Anblick, bevor Paul das Bewusstsein verlor und ihm schwarz vor Augen wurde, waren die schreienden Gesichter seiner Kinder, die in der Dunkelheit verschwanden.
Währenddessen war das Ritual im Thronsaal von Solaria auf seinem Höhepunkt angelangt. Mit einem ohrenbetäubenden Blitzschlag entlud sich die magische Energie. Als sich der Rauch lichtete, lag tatsächlich eine Person in der Mitte des Kreises – reglos auf dem kalten Steinboden.
Der König sprang vor Freude von seinem Thron und jubelte: „Hurra, Kryptan! Es hat funktioniert, es hat wirklich funktioniert!“
Kryptan strich sich über seinen langen Bart, während sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen formte. „Ja, Sire. Habt Ihr etwa je an mir gezweifelt?“
Der König schritt näher an den Mann heran, der noch immer benommen auf dem Steinboden lag. Dieser rappelte sich mühsam auf und murmelte vor sich hin: „Meine Kinder… Wo sind meine Kinder?“
Zwei Hofmagier eilten herbei und halfen Paul auf die Beine, der sich vollkommen verwirrt im prunkvollen Saal umschaute.
Der König straffte die Schultern und begann mit der erhabenen Rede, an der er gedanklich gefeilt hatte, seit der Beschwörungskreis zu leuchten begonnen hatte: „Willkommen, Beschworener!“
Paul hob langsam den Kopf und starrte die Gestalt in den königlichen Gewändern an.
„Du wurdest in diese Welt gerufen, weil du unsere letzte Hoffnung bist!“, fuhr der König fort. „Eine Grausame Orkarmee fällt in unser Land ein, verwüstet unsere Felder und brennt unsere Städte nieder!“
Paul, den die Situation völlig überforderte, hörte gar nicht richtig zu. Er fuhr herum, drehte sich panisch im Kreis und schrie aus voller Kehle: „Sabine! Michael! Wo seid ihr?!“
Der König blickte verwirrt zum obersten Hofmagier. Doch Kryptan, der genau so ratlos schien, zuckte nur mit den Schultern.
„Verzeiht… wer sind Sabine und Michael?“, fragte der König vorsichtig.
Paul starrte ihn mit weit aufgerissenen, ungläubigen Augen an. „Meine Kinder! Sie waren eben noch bei mir, aber dann…“ Er stockte, während die Puzzleteile in seinem Kopf langsam zusammengestemmt wurden. „Da war dieses Leuchten auf dem Boden. Und plötzlich bin ich hier aufgewacht…“
Dem König wich augenblicklich alle Farbe aus dem Gesicht. Hatte er gerade tatsächlich einen Vater von seinen eigenen Kindern getrennt? Wie konnte so etwas Furchtbares geschehen? Er liebte seine eigenen Nachkommen doch über alles.
Kryptan sah dem König an, wie sehr dieser mit der Situation haderte, und ergriff rasch das Wort: „Werter Beschworener! Wenn die Kinder gemeinsam mit Euch beschworen wurden, sind sie vermutlich nur an einem anderen Ort gelandet als Ihr. Wir werden sofort alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu finden und—“
„Ihr wart das…“, fiel Paul ihm ins Wort. Seine Stimme war gefährlich leise, bevor sie vor reinem Entsetzen zitterte. „Ihr habt mich von meinen Kindern getrennt?!“
Der König und Kryptan sahen sich betreten an. „Nun… hätten wir gewusst, dass der Zauber Euch von Eurer Familie reißt, hätten wir niemals—“
Doch Paul sah längst nur noch rot.
„Meine Kinder sind erst acht Jahre alt!“, brüllte er, sodass seine Stimme von den hohen Wänden des Thronsaals widerhallte. „Und ihr verdammten Arschlöcher erzählt mir, dass sie ganz alleine irgendwo da draußen gelandet sind?!“
Er sank auf die Knie, vergrub das Gesicht in den Händen und schrie sich die Seele aus dem Leib.
Wie konnte das geschehen? Wie verdammt noch mal konnte die Welt in einem einzigen Augenblick so komplett zerbrechen?









Na zumindest tut es den König und dem Magier leid. Und vielleicht konnten sie ja auch wirklich nichts dafür. Interessant ist allerdings, warum die Kinder woanders gelandet sind. Und dann noch im Orkkrief 🥺