Kapitel 1
Kapitel 1 (Leona)
Ich steige aus dem Auto und genieße die angenehme, frische Brise, die mein Gesicht streift. Noch einmal atme ich tief durch, bevor ich meinem Cousin folge. Zusammen gehen wir zu einem seiner Teamkollegen.
Meine Augen wandern durch die Menge, bis sie bei einem braunen Augenpaar stehen bleiben – bernsteinfarben, warm, intensiv. Für einen Moment verliere ich mich in diesem Blick. Doch noch bevor ich mich völlig darin verliere, holt mich die Realität zurück: Diese Augen gehören Matteo. Fast perfekt, 18 Jahre alt, Handballspieler – und manchmal so herrlich hohl, dass man ihn kaum ernst nehmen kann.
Als mir auffällt, dass ich ihn viel zu lange angesehen habe, schenkt er mir ein selbstsicheres Grinsen. Ich spüre, wie meine Wangen zu glühen beginnen. Schnell wende ich mich Robert zu, um mich abzulenken. Doch meine Gedanken schweifen immer wieder zu der Person hinter mir.
„Leona, kommst du mit rein oder willst du weiter draußen rumstehen?“, reißt mich Roberts Stimme aus meinem Kopfkino.
„Ja, ich komme ja schon“, murmle ich und folge ihm.
In der Turnhalle verabschiede ich mich von Robert, der sich fürs Spiel umziehen muss, und gehe zur Kasse. Nachdem ich meinen Eintritt bezahlt habe, lasse ich meinen Blick kurz durch die Halle schweifen. Für eine Turnhalle wirkt sie erstaunlich modern und stilvoll. Überall indirekte Beleuchtung, kleine Details, die selbst einen Mülleimer edel erscheinen lassen.
Ich laufe an einem Schild vorbei, auf dem groß Zuschauer steht, und nehme auf der Tribüne Platz.
Meine Gedanken kreisen schon wieder um Matteo. Ich versuche zu verstehen, was er mit seinen Aktionen bezweckt. Besonders seine Aussage an Fasching geht mir nicht aus dem Kopf: Er würde es mit mir versuchen wollen, wenn ich nicht zu jung für ihn wäre. Super Aussage, wirklich – dachte ich mir damals. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, ertönt ein Pfiff. Ich habe gar nicht bemerkt, dass das Spiel bereits angefangen hat.
Während ich dem Spiel folge, spüre ich plötzlich seinen Blick. Immer wieder wandert er zu mir. Anfangs denke ich mir nichts dabei – vielleicht sucht er seine Eltern in der Menge. Doch als er sein Trikot demonstrativ hochzieht, sich den Schweiß von der Stirn wischt und mich dabei frech angrinst, wird mir klar, dass es kein Zufall ist.
Wenig später macht er ein Tor – und ich ertappe mich dabei, wie ich mich ein wenig zu sehr darüber freue. Ein wenig? Du hast gejubelt.
Jaja, sei leise, innere Stimme. Ich war ja nicht die Einzige, die gejubelt hat.
Bevor ich mich mit mir selbst anlegen kann, konzentriere ich mich wieder auf das Spiel.
„Guck mal, wie die Nummer 7 das Mädchen anschaut. Die sind safe zusammen“, höre ich einen Jungen hinter mir sagen.
Ja, genau. Wir sind quasi verlobt, denke ich sarkastisch, rolle mit den Augen und versuche, den Rest ihres Gesprächs zu ignorieren.
Handballspiele machen mich immer wahnsinnig. Es ist ein ständiges Auf und Ab – erst führen wir, dann liegen wir zurück. Auch heute: 25:25, nur noch Sekunden auf der Uhr. Unsere Mannschaft hat den Ball, die ganze Halle hält den Atem an.
„Ruhig! Kein Ballverlust! Kein Gegentor!“, ruft jemand laut. Meine Hände zittern, mein Blick klebt am Spielfeld. Dann fällt das Tor. 25:26. Der Schlusspfiff. Die Spannung löst sich mit einem Schlag, als hätte jemand einen Ballon zerstochen. Ich merke erst jetzt, dass ich die Luft angehalten habe.
Wir springen auf, jubeln, feiern, als hätten wir selbst mitgespielt.
Während alle feiern, suche ich automatisch nach ihm – Matteo. Doch ich sehe ihn nicht. Kopfschüttelnd mache ich mich auf den Weg nach unten, um Robert zu gratulieren.
Unten angekommen, zieht er mich in eine Umarmung.
„Herzlichen Glückwunsch! Das war großartig.“
Er lächelt dankend – und dann grinst er plötzlich fies.
„Hast du das Matteo auch schon gesagt? Ich wette, er würde sich riesig über ein Kompliment von dir freuen.“
Ich starre ihn entgeistert an.
„Ernsthaft? Ihr gewinnt gerade gegen einen starken Gegner und das Erste, was dir einfällt, ist Matteo und ich?“
Robert hebt entschuldigend die Hände, grinst nur weiter und verschwindet.
Verwirrt über seinen Kommentar beschließe ich, wieder auf die Tribüne zu gehen. Meine Schritte wirken entschlossen, aber in mir tobt das Chaos. Plötzlich pralle ich gegen etwas – oder besser gesagt jemanden.
Eine harte Brust. Ich schaue erschrocken auf – und sehe direkt in zwei braune Augen. Durchdringend. Wach. Fast, als könnten sie sehen, was gerade in mir vorgeht.
„Alles okay?“, fragt er ruhig, fast sanft. Keine Spur von Spott, nur ehrliche Besorgnis.
Ich nicke hastig. „Ja... ich war nur in Gedanken.“
Ein flüchtiges Lächeln zuckt über seine Lippen – kaum sichtbar, aber genug, um mein Herz zum Stolpern zu bringen.
Er macht einen Schritt zurück, gibt mir Platz, aber seine Augen bleiben auf mir.
„Du solltest besser aufpassen, wohin du läufst“, sagt er leise – wie ein Geheimnis – und dreht sich dann einfach um und geht.
Zurück bleibt nur der Duft seines Parfüms – und ein Herz, das sich fragt, warum er es so leicht aus dem Takt bringen kann. Ich atme tief durch und gehe entschlossen zu meinem Platz, sammle meine Sachen und verlasse die Halle.
Am Auto angekommen, wartet Robert schon.
„Sorry, dass es etwas länger gedauert hat. Ich wurde aufgehalten“, sage ich.
Er winkt ab. „Alles gut. Wir warten eh noch auf jemanden.“
Verwirrt will ich gerade nachfragen, da höre ich eine vertraute Stimme.
„Hey, ich bin jetzt so weit. Und danke nochmal fürs Mitnehmen, Robert“, sagt Matteo mit einem schelmischen Lächeln.
Robert verstaut seine Tasche im Kofferraum. Matteo kommt näher, beugt sich zu mir runter und flüstert kaum hörbar:
„So schnell sieht man sich wieder.“ Dann dreht er sich um und steigt ins Auto.
Na großartig. Das wird ja eine interessante Fahrt.
Die ersten Minuten vergehen schweigend. Nur das leise Brummen des Motors und gelegentlich das Rascheln von Roberts Navi unterbrechen die Stille. Ich starre aus dem Fenster, bemüht, nicht zu sehr zu spüren, wie nah Matteo neben mir sitzt.
Doch dann – Stillstand. Eine endlose Kette von Bremslichtern vor uns. Robert flucht leise.
„Stau. Und zwar ein richtig großer“, murmelt er.
Ich seufze, öffne meine Tasche und ziehe mein Buch hervor – wenigstens eine Ablenkung. Während ich beginne zu lesen, spüre ich plötzlich einen Blick. Matteo hat sich leicht zu mir gedreht, liest über meine Schulter.
„Interessant“ sagt er leise, als wolle er die Stille nicht ganz zerstören. Ich nicke knapp und blättere um. Eine Weile lesen wir gemeinsam. Schweigend, aber irgendwie verbunden. Draußen steht die Welt still – aber zwischen uns bewegt sich etwas.
Fast unbewusst lehne ich mich leicht an seine Schulter. Er bleibt ruhig – fast, als hätte er genau darauf gewartet. Die Worte vor mir verschwimmen. Müdigkeit überkommt mich, der Tag war lang, der Stau zermürbend. Schließlich fallen mir die Augen zu – begleitet von seinem gleichmäßigen Atem.
Als ich wieder aufwache, ist es dunkel. Das Auto rollt durch vertraute Straßen. Mein Kopf liegt immer noch an seiner Schulter. Ich richte mich langsam auf, blinzele verschlafen.
„Willkommen zurück“, sagt Matteo leise, mit einem kaum hörbaren Lächeln in der Stimme.
Wir sind fast zu Hause. Und doch hat sich etwas verändert – leise, unaufdringlich, aber vielleicht gerade deshalb echt.








