Prolog
An der Plaza Nueva, dort, wo die Carrera del Darro schmal wird und sich am Fluss entlang den Hügel hinaufschiebt, standen zur Mittagszeit die Tische des Café Santa Ana in der Sonne. Es war Mitte November, und es waren sechzehn Grad.
Der Kirchturm warf seinen Schatten quer über das Pflaster, und die Kellner rückten die Tische mit, damit keiner hineingeriet. Das taten sie jeden Mittag, ein paar Zentimeter alle halbe Stunde, und wer lange genug sitzen blieb, wanderte langsam um die Kirche herum.
Über den Dächern lag die Alhambra am Berg, rötlich und ein bisschen staubig, genau wie auf den Postkarten am Ständer neben der Tür, nur ohne den weißen Rand. Die Orangenbäume an der Ecke hingen voller Früchte. Die ließ man hängen, weil sie bitter sind, und das wussten hier alle außer den Touristen, die sich auf die Zehenspitzen stellten.
Am Brunnen hatte sich ein Mann mit einer Gitarre eingerichtet und spielte dasselbe Stück zum dritten Mal, jedes Mal etwas schneller. Mopeds knatterten über das Kopfsteinpflaster in Richtung Fluss. Tauben gingen zwischen den Stühlen herum wie Kellner ohne Tablett.
Am dritten Tisch von der Ecke saß eine junge Frau allein, den Rücken zur Kirche, das Gesicht zur Sonne.
Mitte zwanzig vielleicht. Kastanienbraunes Haar, länger als schulterlang, auf diese teure Art unordentlich, die gestern beim Friseur noch glatt gewesen war. Sie strich es hinters Ohr, und es fiel wieder nach vorn, und sie strich es wieder hinters Ohr. Über den Schultern lag ein heller Mantel, den sie nicht brauchte, und im Haar steckte eine Sonnenbrille, die sie auch nicht brauchte, weil sie lieber blinzelte.
Ihr Gesicht war geschminkt wie in den Videos, die man auf dem Handy wegwischen will und dann doch zu Ende guckt. Die Haut sah poliert aus, auf den Wangenknochen lag ein Schimmer, die Wimpern standen in kleinen Bündeln. Über der Nase ein paar blasse Sommersprossen, die das Make-up nicht ganz geschafft hatte. Im Nasenflügel blitzte ein winziger Ring, wenn sie den Kopf drehte.
Der Kellner hatte sie für eine Amerikanerin gehalten, bevor sie den Mund aufmachte. Nach dem ersten Satz war es keine Frage mehr. Sie hatte in einem Spanisch bestellt, das sich große Mühe gab, mit einem Lächeln voller sehr gerader, sehr weißer Zähne, und er hatte den Latte macchiato gebracht, im hohen Glas mit dem langen Löffel, und dabei keine Miene verzogen. Hier trank man um diese Uhrzeit keinen Latte macchiato. Hier trank man um diese Uhrzeit überhaupt nichts mit so viel Milch.
Sie rührte.
Die Schichten im Glas, unten weiß, in der Mitte braun, oben Schaum, liefen ineinander und wurden ein gleichmäßiges Hellbraun, das aussah wie jeder andere Milchkaffee auf diesem Platz. Sie hatte für die Schichten bezahlt und rührte sie kaputt, ohne hinzusehen.
Dann legte sie den Löffel auf die Untertasse, nahm das Handy vom Tisch und wählte.
Es klingelte lange.
Sie hielt das Handy ans Ohr und trommelte mit der freien Hand auf die Tischplatte. Kurze, unlackierte Nägel, ein schmaler Goldreif am Ringfinger, der nach nichts Bestimmtem aussah. Sie nahm das Handy vom Ohr, sah auf den Bildschirm, hielt es wieder hin. Die Augenbrauen zogen sich schon zusammen, auf halbem Weg zum Auflegen.
Dann ging ihr ganzes Gesicht auf.
„Hiii! Yes! Hi!"
Sie lachte, obwohl noch nichts Lustiges gesagt worden war, ein Lachen wie ein Ausrufezeichen. Die beiden älteren Damen am Nebentisch sahen herüber und dann wieder auf ihre Teller.
„Is this a bad time? You took forever."
Sie hörte zu und nickte, obwohl das Nicken am anderen Ende nichts nützte.
„Okay. Okay, good. Busy is good. Busy means you're alive." Sie lehnte sich zurück. „Guess where I am. No, guess. — I'm sitting in the sun. In the *sun*. It's like sixty degrees. I'm wearing a coat for decoration."
Sie erzählte. Sie erzählte mit der freien Hand, die durch die Luft ging und zeigte, auf die Kirche, auf den Hügel, auf den Kellner, der gerade nicht hinsah. Sie erzählte vom Haus, das zu still sei, und vom Flug, auf dem ein Kind sieben Stunden lang gegen ihre Lehne getreten habe, sieben, sie habe mitgezählt. Einmal hielt sie das Handy vom Ohr weg und in Richtung Brunnen, wo der Mann mit der Gitarre gerade zum vierten Mal anfing.
„Hear that? That's my soundtrack. He only knows one song."
Sie lachte wieder. Dann setzte sie sich gerade hin, stellte beide Füße auf den Boden und legte die freie Hand flach auf den Tisch.
„So. Christmas. Are you coming or not?"
Pause.
„What does that even mean, not decided? That's a no. That's how you say no."
Kürzere Pause. Sie verdrehte die Augen, nicht böse.
„Okay, okay. Not decided. Fine. But *why* not?"
Diesmal dauerte es. Die Finger auf der Tischplatte hörten auf zu trommeln. Sie sah nicht mehr in die Sonne. Sie sah zur Seite, quer über den Platz, zu dem Mann mit der Gitarre oder ein Stück an ihm vorbei, und für einen Moment war ihr Gesicht ganz glatt.
„Something? What something? Is everything okay?"
Sie nickte schon, bevor am anderen Ende fertig gesprochen sein konnte.
„Okay. Good. Okay."
Dann war der Blick wieder in der Sonne.
„Fine. Then I'll just call you. Every day. Twice a day. Until you say yes."
Was immer am anderen Ende passierte, es gefiel ihr. Sie grinste breit, mit allen Zähnen, als hätte sie gerade eine Wette gewonnen, und rutschte auf dem Stuhl ein Stück nach unten.
„It works, though. Admit it." Sie zog das Wort in die Länge. „Pleeeease. Please, please, please." Dann, eine ganze Ecke lauter und auf Deutsch, mit einem offenen amerikanischen A, das über den Platz rollte: „Ich fahr da jetzt hin! I swear. I'll get on a plane tonight."
Die Damen am Nebentisch sahen wieder herüber. Eine von ihnen lächelte.
„I know you're not saying no. But you're not saying yes either. And everybody keeps asking me, and the flights are gonna be insane, and—"
Sie brach ab und hörte zu.
„It's in like five weeks! Five! Do you know what flights cost in five weeks? Okay, you do. Whatever. But I have to tell them *something*."
Sie zupfte an der Serviette, die unter der Untertasse klemmte, riss eine Ecke ab und rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen Kugel.
„So what am I supposed to tell them?"
Pause. Die Papierkugel lag still zwischen ihren Fingern.
„They're gonna freak. Everybody here's already mad at you, you know that, right?"
Die Antwort war kurz. Sie lachte überrascht auf, durch die Nase.
„Wow. Okay." Dann richtete sie sich auf, als wäre ihr etwas eingefallen. „Oh! Wait. I finished the paper. The one I told you about. Can I send it?"
Sie nickte.
„Tonight. Like, now. You'll actually read it? The whole thing?"
Sie lächelte, ein kleineres Lächeln als vorhin, eins ohne Zähne.
„Okay. But you call me. The second you know. Promise?"
Sie hörte zu. Die Papierkugel rollte vom Tisch, und sie sah ihr nicht nach.
„No," sagte sie, leiser jetzt, fast normal laut. „Never."
Eine kleine Pause.
„Love you."
Sie hielt das Handy noch einen Augenblick am Ohr, nachdem es still geworden war. Dann nahm sie es herunter.
Eine Weile saß sie da und sah auf den Bildschirm.
Der Kaffee war kalt geworden. Auf dem, was vom Schaum übrig war, hatte sich eine dünne Haut gebildet. Der Mann am Brunnen hatte aufgehört zu spielen und zählte die Münzen in seinem Gitarrenkoffer, und eine Taube stand auf dem Stuhl neben ihr und sah sie an, als würde sie etwas erwarten.
Sie tippte auf dem Handy herum, suchte, fand und schickte etwas ab, mit einem kleinen Schnippen des Daumens, als würde sie eine Murmel anstoßen. Dann legte sie das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch, schob die Sonnenbrille aus dem Haar auf die Nase und lehnte sich zurück, das Gesicht in der Sonne.
Die Kellner rückten die Tische ein Stück weiter. Ihren ließen sie stehen, der Schatten war noch weit weg.
Die beiden Damen am Nebentisch hatten kein Wort verstanden. Von dort aus sah es aus wie eine junge Frau, die gerade eine gute Nachricht bekommen hatte.








