Kapitel 1
Die erste Nacht
Maya Linnea war seit genau einer Woche in der Klinik.
Seit einer Woche arbeitete sie hier. Und seit zwei Wochen lebte sie in dieser fremden, anonymen Stadt.
Niemand hier kannte ihre Vergangenheit. Genau so hatte sie es geplant: Ein neuer Ort. Ein neuer Job. Ein völlig neues Leben. Ein sauberer Schnitt.
Es war kurz vor Mitternacht, als Maya die Station betrat. Die Flure lagen bereits in einer bleiernen Stille. Nur das gedämpfte, gelbliche Licht der Nachtbeleuchtung warf lange, welke Schatten an die kahlen Wände.
Am Stationsstützpunkt saß eine ältere Frau und blätterte durch eine dicke Akte. Elise. Sie war seit Jahren hier und hatte Maya in den letzten Tagen bereits mehrfach eingearbeitet.
Elise sah auf, als Mayas Schritte auf dem Linoleum hallten.
„Da bist du ja.“
Maya zwang sich zu einem freundlichen, professionellen Lächeln. „Pünktlich.“
„Knapp.“ Elise deutete auf die digitale Wanduhr. „Für mich sind zwei Minuten bereits eine Verspätung.“
Maya stellte ihre Tasche hinter dem Tresen ab. „Dann bin ich froh, dass du nicht meine Mutter bist.“
Elise schmunzelte leise und schob die Übergabeunterlagen über den Tisch. „Glaub mir, die würde dich wahrscheinlich auch noch wegen dieser zwei Minuten ausschimpfen.“
Maya nahm den Klemmordner und überflog die Notizen der Spätschicht. „Irgendwelche Besonderheiten für heute Nacht?“
„Eigentlich nicht. Bis jetzt jedenfalls.“ Elise stand auf, zog ihre schwere Strickjacke an und verharrte kurz. Ihr Blick wanderte zu Maya, plötzlich vollkommen ernst. „Du bist heute Nacht in Sektor C eingeteilt.“
„Verstanden.“
Elise deutete mit dem Kinn in Richtung des angrenzenden, abgetrennten Trakts. „Sektor D lässt du komplett aus. Kein Kontrollgang, keine Ausnahmen.“
Maya hob die Brauen. „Warum?“
Elise zögerte. Ein Schatten flog über ihr Gesicht. „Du kennst seine Akte bestimmt.“
Maya brauchte keinen Namen zu hören. Dieser eine Name brannte sich jedem neuen Mitarbeiter vom ersten Tag an tief ins Gedächtnis ein.
Lucien Vance.
„Genau der“, sagte Elise düster. „Wenn du mich fragst: Du hast in C mehr als genug zu tun. Halt dich von D fern.“ Sie griff nach ihrer Tasche. „Und wenn du mir morgen Früh erzählst, du hättest meine Warnung vergessen, glaube ich dir kein einziges Wort.“
„Das würde ich niemals tun“, versuchte Maya die aufkeimende Anspannung mit einem Lächeln abzuwenden.
„Das sagen sie alle, Kind.“
Mit diesen Worten wandte sich Elise ab und verschwand in der Dunkelheit des Treppenhauses.
01:07 Uhr.
Maya ging durch Sektor C. Zimmer für Zimmer. Routine.
Alles war ruhig. Das leise, metallische Schnappen der schweren Sicherheitstüren, das monotone Brummen der Belüftung – nachts war die forensische Psychiatrie ein völlig anderer Ort. Ein Ort, der zum Nachdenken verleitete.
Zu viel Zeit zum Nachdenken.
Maya rief die Patientendaten auf ihrem Tablet auf, während sie durch die Flure schritt. Doch die stumme Dunkelheit drückte auf ihre Brust. Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit stiegen wie kalter Rauch in ihr auf. Sie schob sie gewaltsam beiseite.
Nicht heute Nacht.
Sie bog um die nächste Ecke – und stockte abrupt.
Am Ende des Korridors stand eine massiv gepanzerte Zwischentür sperrweit offen. Maya runzelte die Stirn und blickte irritiert auf ihr Tablet. Hier sollte um diese Uhrzeit absolut alles verriegelt sein.
Mit vorsichtigen Schritten trat sie näher. Das rote Warnschild an der Wand schlug ihr wie ein physischer Schock entgegen:
SEKTOR D – HOCHSICHERHEIT
Verdammt.
Elises Warnung hallte in ihren Ohren wider. Sektor C, Maya. Halt dich von D fern.
Sie hätte umdrehen müssen. Sofort den Alarm auslösen oder zurück zum Stützpunkt gehen. Doch ihr Pflichtbewusstsein war stärker. Wenn eine Sicherheitstür offenstand, lag eine Gefahrenquelle vor – sie musste zumindest prüfen, was geschehen war.
Maya schlich weiter vorwärts. Die Luft hier drüben war spürbar kälter. Stickiger.
Am Ende des Trakts stand eine weitere massive Zellentür einen Spalt breit offen. Raum 17.
Maya blieb stehen. Ihr Atem stockte. Sie lugte durch den schmalen Spalt in die Dunkelheit des Raums. Er war leer.
„Lucien?“, rief sie leise in die Finsternis. Herbeigerufene Professionalität stritt mit einem feinen Zittern in ihrer Stimme.
Keine Antwort.
Plötzlich ließ ein schleifendes Geräusch hinter ihr das Blut in ihren Adern gefrieren.
Schritte. Ruhig. Bedächtig. Unmenschlich kontrolliert.
Maya wirbelte auf der Stelle herum.
Ein Mann trat aus dem tiefen Schatten einer Flurnische. Groß – erdrückend groß. Schwarzes, leicht gewelltes Haar hing ihm strähnig in die Stirn. Unter dem einfachen Insassen-Shirt zeichneten sich breite, athletische Schultern ab. Eine markante, helle Narbe zog sich quer durch seine linke Augenbraue – ein stummes Zeugnis davon, dass Gewalt in seinem Leben kein Fremdwort war.
Lucien Vance.
Der Mann aus der verschlossenen Akte. Der Patient, über den das Personal selbst in den Pausenräumen nur mit gesenkter Stimme sprach. Ein Mann, dessen Name mit brutalsten Gewalttaten und mehreren Todesfällen verknüpft war. Maya wusste nicht, welche Schauergeschichten davon der Wahrheit entsprachen. Aber sie wusste, dass niemand ohne triftigen Grund in Raum 17 isoliert wurde.
Lucien blieb nur wenige Meter vor ihr stehen.
Seine Augen lagen auf ihr. Sie waren eiskalt, durchdringend und vollkommen frei von menschlicher Wärme – der Blick eines Raubtiers, das seine Beute abschätzt. Doch als sein Blick langsam über ihr Gesicht wanderte, veränderte sich etwas in seinen Zügen. Seine Pupillen verengten sich schlagartig.
Er fixierte ihre Augen. Grün. Durchsetzt mit winzigen, goldenen Sprenkeln.
Eine fast schon physische Intimität lag in dieser Fixierung. Ein eisiger Schauder lief Maya über den Rücken. Unwillkürlich wanderten ihre Finger an den Gürtel ihrer Kasack-Jacke.
Der Notfallknopf.
Ihre Fingerspitzen berührten das kühle Plastik. Sie wich einen halben Schritt zurück – nur so viel, wie nötig war, ohne Panik zu signalisieren. Wenn sie jetzt rannte, hatte sie bereits verloren.
Lucien entging die feine Bewegung an ihrem Gürtel nicht. Ein feines, gefährliches Lächeln stieg in seinen Mundwinkeln auf.
„Wie bist du aus deinem Raum gekommen?“, fragte Maya und zwang ihre Stimme zu einer unumstößlichen Härte.
Er brauchte ein paar Sekunden, um zu antworten. Sein Blick blieb unbarmherzig auf ihren Augen verankert. „Ich habe meine Wege.“
„Das ist keine Antwort.“
„War auch keine für dich gedacht.“
Maya warf einen schnellen, alarmierten Blick zur offenen Tür von Raum 17, dann wieder direkt zu ihm. „Du gehst jetzt sofort zurück.“
Lucien machte einen langsamen, fließenden Schritt auf sie zu. Er übertrat die Schmerzgrenze des Sicherheitsabstands ohne mit der Wimper zu zucken.
„Und was ist, wenn ich nicht möchte?“, raunte er.
Mayas Herz hämmerte wie wild gegen ihre Rippen. Aber sie wich keinen Millimeter weiter zurück. Sie hob trotzig das Kinn und sah ihm direkt in die finsteren Augen.
„Dann drücke ich diesen Knopf. Und das Sicherheitspersonal ist in zwei Minuten hier.“
Lucien trat noch näher. Seine körperliche Überlegenheit war beinahe erdrückend. Er neigte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete sie wie ein faszinierendes, unerforschtes Subjekt.
„Zwei Minuten?“, wiederholte er leise, beinahe zärtlich. „Ich brauche zwei Sekunden.“
Maya schluckte das aufsteigende Entsetzen hinunter. Dieser Mann vor ihr war keine gewöhnliche Bedrohung. Er war ein Soziopath durch und durch – hochintelligent, gefährlich und absolut unberechenbar.
„Versuch es“, entgegnete sie leise, aber eisern.
Ein tiefes, dunkles Lachen drang aus seiner Kehle. Amüsiert. Eiskalt.
„Du bist mutig.“
„Oder dumm“, konterte Maya trocken.
Für einen Bruchteil einer Sekunde blitzte echtes Amüsement in seinen scharfen Zügen auf. Dann verfinsterte sich sein Blick wieder zu undurchdringlicher Nacht.
„Wie heißt du?“
„Warum sollte ich dir das sagen?“
„Weil ich deinen Namen wissen will.“ Es klang nicht wie eine Bitte. Es war ein klarer, unumstößlicher Machtanspruch.
Maya musterte ihn kühl. Sie spürte, dass sie ihm in diesem Moment eine eiserne Grenze setzen musste, um die Kontrolle nicht vollends zu verlieren.
„Maya.“
„Nur Maya?“
„Für einen Patienten in Sektor D reicht das vollkommen.“
Lucien betrachtete sie schweigend. Dann formten seine Lippen ihren Namen. Langsam. Genüsslich. Silbe für Silbe.
„Maya.“
Es klang, als würde er sich das Wort tief in sein Bewusstsein einbrennen. Als würde er Besitz davon ergreifen.
Maya deutete mit dem Tablet auf die Schildnummer an der Wand. „Und du bist nicht Patient Nummer siebzehn, richtig?“
Lucien zog eine Augenbraue hoch. „Nein.“
„Dachte ich mir.“ Maya hielt seinem brennenden Blick unerschütterlich stand. „Du bist Lucien.“
Für einen Moment erstarrte die gefährliche Dynamik zwischen ihnen. Seine Schultern spannten sich minimal an.
„Du hast meinen Namen gelesen.“
„Ja.“
„Und du benutzt ihn trotzdem.“
„Warum sollte ich dich wie eine Nummer behandeln?“, fragte Maya ruhig, obwohl ihr Puls in den Schläfen dröhnte.
Lucien sah sie lange an. Das spöttische Lächeln verschwand vollständig aus seinem Gesicht. Seine Blick veränderte sich schleichend. Er sah sie nicht mehr nur als Störfaktor. Nicht mehr nur als eine weitere Pflegerin im System.
Sondern als etwas, das er nicht auf Anhieb durchschauen oder brechen konnte.
„Das tun die meisten hier“, sagte er leise.
„Ich bin nicht die meisten.“
Plötzlich zerriss ein schrilles, mechanisches Alarmsignal die Stille von Sektor D. Das fahle Licht im Verbindungsgang schaltete augenblicklich auf ein stechendes, rotes Warnlicht um.
Beide blickten kurz zur Decke. Doch während in Maya die Anspannung explodierte, wandte sich Lucien ihr vollkommen gelassen wieder zu. Keine Hektik. Keine Panik.
„Maya.“
„Geh in deinen Raum. Jetzt!“, forderte sie erschrocken.
„Sag ihn noch einmal.“
Maya zog die Stirn kraus. „Was?“
„Meinen Namen.“
Maya hielt seinem brennenden, obsessiven Blick stand. Sie spürte die unberechenbare Gefahr, die von ihm ausging – aber da war auch diese düstere, unheimliche Gravitation.
„Lucien“, sagte sie fest. „Geh zurück.“
Ein dunkles, vollkommen zufriedenes Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Gut.“
Das Warnsignal ertönte ein zweites Mal. In der Ferne hallten bereits die schweren Schritte des Sicherheitspersonals durch die Korridore.
Lucien wandte sich langsam ab, ohne auch nur den Anschein von Eile zu erwecken. Wie ein Schatten glitt er zurück in die Dunkelheit des Flurs.
Maya blieb allein im pulsierenden, roten Warnlicht zurück. Ihre Finger zitterten jetzt spürbar am Gürtel. Sie starrte in die Finsternis, in der er verschwunden war.
Und obwohl sie ihn erst seit wenigen Minuten persönlich erlebte hatte, wusste sie ganz genau:
Diese Nacht würde sie niemals vergessen.
Und Lucien Vance auch nicht.









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