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Ein Tag mit der Yoni

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Summary

Lena hat einen Plan für ihren freien Freitag: Die Yoni muss raus. Viel zu lange war sie drinnen eingesperrt, viel zu lange hat sich niemand richtig um sie gekümmert. Ein Tag, fünf Kapitel und eine Frau, die ganz genau weiß, was sie sagt.

Status
Complete
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
16+

Guten Morgen, Yoni

Es gibt Frauen, die morgens vom Wecker geweckt werden. Es gibt Frauen, die von einem Mann geweckt werden, was meistens schlimmer ist, weil Männer um sechs Uhr früh entweder schnarchen oder Ideen haben. Und dann gibt es mich. Mich weckt die Yoni.

Die Yoni besitzt keine Uhr, aber einen beängstigend präzisen inneren Rhythmus. Um Viertel nach sechs wird sie unruhig. Um halb sieben macht sie sich bemerkbar. Und wenn ich um sieben immer noch so tue, als würde ich schlafen, wird sie, sagen wir, fordernd.

Als ich heute um zwanzig vor sieben die Augen aufschlug, war die Yoni schon wach. Unter der Decke, genau zwischen meinen Beinen, wo es am wärmsten ist. Ein kleiner Heizofen mit Fell, mit sich und der Welt ausgesprochen zufrieden.

„Guten Morgen“, sagte ich.

Die Yoni antwortete mit einem leisen Schnurren, das bis in die Oberschenkel vibrierte. Es gibt schlechtere Arten, in einen Freitag zu starten.

Das war nicht immer so harmonisch zwischen uns. Letztes Jahr gab es eine Phase, da lag die Yoni morgens nur noch lustlos herum. Das lag an Tobias. Tobias war acht Monate lang mein Freund und in dieser Zeit fest davon überzeugt, dass er mit der Yoni umgehen kann. Er konnte es nicht. Er hat sie gestreichelt wie jemand, der beim TÜV die Reifen prüft: zügig, gründlich und völlig ohne Gefühl. Wenn ich ihm gesagt habe, er solle es langsamer angehen, hat er gefragt, ob es dazu ein Tutorial gibt.

Die Yoni hat das acht Monate lang höflich ertragen. Als Tobias dann ausgezogen ist, hat sie, glaube ich, vor Erleichterung eine ganze Woche durchgeschlafen. Seitdem kümmere ich mich wieder selbst um sie, und ehrlich gesagt ging es ihr lange nicht mehr so gut. Nur ein bisschen einsam ist sie manchmal. Sie ist eben ein geselliges Wesen.

Wir haben unsere Rituale, die Yoni und ich. Morgens die Pflege, abends das Sofa. Sie liegt dann ganz still bei mir unter der Wolldecke, während ich Serien schaue. Bei Naturdokus schläft sie ein. Bei Krimis ist sie angespannt. Und bei romantischen Szenen, wenn der Typ mit dem offenen Hemd endlich durch den Regen gerannt kommt, wird sie unruhig und will beachtet werden. Da ist sie ganz wie ich.

Ich kraulte sie durch die Decke hindurch. Dann schlug ich die Decke zurück und betrachtete sie in ihrer ganzen Pracht: dunkel, ein bisschen zerzaust, das Fell in sämtliche Himmelsrichtungen, wie das eben so ist nach einer langen Nacht.

„Na, du siehst ja aus“, sagte ich. „Da müssen wir aber dringend was machen.“

Die Yoni hat dichtes, dunkles, leicht lockiges Fell, das schneller wächst, als mir manchmal lieb ist. Sie lässt sich gern anfassen, aber nur von Leuten, die wissen, was sie tun. Fellpflege ist bei uns deshalb Chefsache, jeden Morgen, ohne Ausnahme. Manche Frauen machen morgens Yoga. Ich mache die Yoni.

Ich setzte mich im Schneidersitz aufs Bett und legte mir ein Handtuch unter. Die Yoni kennt das Ritual und liegt dabei immer ganz ruhig und erwartungsvoll da. Heute war allerdings mehr fällig als nur Bürsten.

Also holte ich den Waschlappen. Warmes Wasser, ein Tropfen von dem milden Pflegeschaum, den mir die Frau in der Drogerie empfohlen hat, und dann ganz behutsam, Strich für Strich, immer mit dem Fell, nie dagegen.

Ich gebe zu, ich habe es ein wenig übertrieben. Ich war gründlich. Sehr gründlich. Die Yoni wurde zwischen meinen Beinen immer feuchter, und irgendwann lag sie da wie nach einem Sommergewitter, das Fell glänzend und platt, und schnurrte so laut, dass der Nachbar unter mir vermutlich dachte, ich hätte mir einen neuen Föhn gekauft.

Manche mögen es ja überhaupt nicht, wenn man sie nass macht. Die Yoni schon. Die Yoni findet das herrlich.

Hinterher tupfte ich sie mit dem Handtuch trocken, sanft und in kleinen Kreisen, so wie sie es am liebsten hat. Danach nahm ich die Bürste, die mit den weichen Borsten. Die Yoni ist da eigen. Zu fest, und sie ist beleidigt. Zu zaghaft, und sie langweilt sich. Es gibt genau ein richtiges Maß, und ich habe Jahre gebraucht, es zu finden. Tobias hat es in acht Monaten nicht gefunden, aber Tobias hat auch drei Anläufe gebraucht, um ein Billy-Regal aufzubauen.

Nach zwanzig Minuten war sie fertig. Gepflegt, flauschig, sie roch nach Mandeln. Ich betrachtete sie zufrieden.

„So“, sagte ich. „So kann man dich wieder unter Leute lassen.“

Allerdings, und das musste ich mir ehrlich eingestehen, war das Fell einfach zu lang geworden. Der Sommer war lang, ich war faul, und die Yoni sah inzwischen ein bisschen aus wie ein Plattencover aus den Siebzigern. Gut, dass ich für heute Nachmittag einen Termin hatte.

In der Küche setzte ich Kaffee auf. Die Yoni war nach der Pflege noch ganz entspannt und hatte es nicht eilig.

Während der Kaffee durchlief, fiel mir das Sonntagsessen bei meinen Eltern ein. Es hatte Rouladen gegeben, Rotkohl und Klöße, alles wie immer. Wir waren gerade beim Nachtisch, als meine Mutter sich die Serviette zurechtlegte und mit ihrer freundlichsten Stimme fragte: „Und, Lena, wie geht’s eigentlich der Yoni?“

Mein Vater legte den Löffel hin. Sehr langsam. Dann stand er auf, sagte „Ich guck mal nach dem Ölstand“ und verließ das Esszimmer. Erst klappte die Haustür, dann die Garagentür, dann war Ruhe. Er kam erst nach vierzig Minuten zurück, mit ölverschmierten Händen. In der Zwischenzeit hatte er offensichtlich sehr gründlich über sein Leben nachgedacht.

„Gut“, hatte ich zu meiner Mutter gesagt. „Sie ist nur manchmal ein bisschen einsam.“

„Das arme Ding“, sagte meine Mutter und schob mir noch ein Stück Bienenstich hin.

Den Ölstand hat mein Vater, soweit ich weiß, noch nie in seinem Leben geprüft.

Ich aß mein Müsli im Stehen und schrieb Mira.

Heute nehme ich die Yoni mit raus. Park, dann Mittag mit dir, dann Friseur.

Mira antwortete nach vier Sekunden. Sie ist Ärztin im Schichtdienst, aber für mich hat sie immer Zeit, vor allem, wenn sie mich ausschimpfen kann.

- Bitte nicht in der Öffentlichkeit.

Sie braucht frische Luft. Sie war viel zu lange drinnen eingesperrt.

- Du redest seit drei Monaten von nichts anderem als deiner Yoni.

Weil sich sonst keiner um sie kümmert.

- Was ist mit dem Typen von der Weinprobe?

Der hat sie nicht mal angeschaut.

- Vielleicht war er schüchtern.

Er hat den ganzen Abend von seiner Steuererklärung erzählt. Die Yoni ist eingeschlafen.

Eine längere Pause. Die drei Pünktchen erschienen und verschwanden, erschienen und verschwanden. Vermutlich saß sie gerade in ihrem Pausenraum und rang mit sich.

- Ich hasse dich. 12:30 im Café Linde. Und benimm dich.

Ich? Die Yoni ist doch die Wilde von uns beiden.

- LENA.

Ich schickte ihr ein Herz und das Emoji mit dem Heiligenschein.

Um halb neun brachte ich den Müll runter. Im Treppenhaus traf ich Herrn Brandt aus dem Erdgeschoss, achtundsiebzig Jahre alt, Witwer, immer in Strickweste, egal ob Juli oder Januar.

„Guten Morgen, Frau Lena! Und, wie geht es der Yoni?“

„Frisch gewaschen“, sagte ich. „Sie hat heute einen großen Tag.“

Herr Brandt lächelte versonnen und stützte sich auf seinen Gehstock. „Meine Gerda, Gott hab sie selig, die hatte auch so eine Muschi. Rotes Fell, ganz weich. Aber wild war die! Wenn man die falsch angefasst hat, hat sie gefaucht wie ein Teekessel.“

„Und wenn man sie richtig angefasst hat?“, fragte ich.

Er bekam einen ganz verklärten Blick. „Dann hat sie geschnurrt, bis die Fenster gewackelt haben.“

Wir schwiegen einen Moment in gegenseitigem Respekt. Dann sagte Herr Brandt: „Fünfzig Jahre hab ich mich um die gekümmert. Und es hat mir keinen Tag leidgetan.“

„Das ist das Schönste, was ich je gehört habe, Herr Brandt.“

Er beugte sich ein Stück vor und senkte verschwörerisch die Stimme. „Einen Rat, Frau Lena. Man darf sie nicht zu lange drinnen lassen, sonst wird sie launisch. Und man darf nicht geizig sein mit der Zuneigung. Die merken das, wenn man sie nur aus Pflichtgefühl krault.“

„Ich kraule nie aus Pflichtgefühl“, sagte ich.

„Sie wirken auch viel entspannter als letztes Jahr“, sagte er. „Da hatten Sie doch diesen jungen Mann mit dem Kombi.“

„Tobias.“

„Der hat immer so gehetzt geguckt.“

„Er hat auch so gestreichelt“, sagte ich. Herr Brandt nickte wissend und schlurfte zurück in seine Wohnung.

Ich wollte gerade wieder hoch, als der Paketbote die Haustür aufdrückte, ein junger Kerl mit Lockenkopf und einem Karton unter dem Arm. Er warf einen Blick auf das Etikett, dann auf mich, dann wieder auf das Etikett.

„Lena Hoffmann?“

„Die bin ich.“

„Ich hab hier, äh …“ Er drehte den Karton ein Stück, damit ich den Aufdruck sehen konnte. Pflegeset Deluxe. Für sensibles Fell und empfindliche Stellen. Darunter, in Schnörkelschrift: Weil sie es verdient hat.

„Das ist für meine Yoni“, sagte ich.

„Ah“, sagte er. „Klar.“ Die Frage, wer die Yoni ist, lag ihm sichtbar auf der Zunge. Er schluckte sie tapfer herunter.

„Die Bürste im Set hat Ziegenhaarborsten“, erklärte ich hilfsbereit. „Die sind besonders weich. Die alte war ihr zu kratzig.“

„Ziegenhaar“, wiederholte er tapfer.

„Sie ist da sehr eigen.“

„Verstehe.“ Er hielt mir das Lesegerät hin, ich unterschrieb mit einem Schnörkel, und er war schneller wieder draußen, als ich „Schönes Wochenende“ sagen konnte.

Ich sah ihm nach. Er hatte schöne Hände. Ein bisschen schade eigentlich.

Oben packte ich den Karton aus. Bürste, Pflegeöl, ein kleiner Kamm, alles einzeln in Seidenpapier eingeschlagen wie Schmuck. Auf der Rückseite der Verpackung stand eine Anleitung: Für ein seidiges Ergebnis empfehlen wir die tägliche Pflege, idealerweise in entspannter Atmosphäre und ohne Zeitdruck. Bei empfindlichen Exemplaren zunächst mit sanftem Druck beginnen und die Intensität langsam steigern. Ich las das meiner Yoni laut vor. Sie widersprach in keinem Punkt.

Ich stellte das Set ins Badezimmer, ganz vorn ins Regal, gleich neben die guten Handtücher. Heute Abend würden wir es ausprobieren. Vielleicht. Je nachdem, wie der Tag lief.

Danach stand ich eine Weile vor dem Kleiderschrank. Es musste etwas Bequemes sein Die Jeans sortierte ich sofort aus. Meine Yoni hasst Jeans, besonders die enge, die ich mir im Frühjahr in einem Anfall von Selbstüberschätzung gekauft habe. Ich entschied mich für das weite Sommerkleid und eine Strickjacke für später, falls sie friert. Die Yoni hatte, wie immer, keine Meinung dazu, war aber sichtlich gespannt.

Draußen schien die Sonne über dem Stadtpark. Es war einer dieser goldenen Oktobertage, an denen alle noch einmal rausgehen, bevor der Winter kommt. Jogger, Hundebesitzer, Rentner auf Bänken, Pärchen mit Coffee-to-go. Lauter Menschen mit freien Händen.

Ich sah an mir herunter. „Heute“, sagte ich feierlich zur Yoni, „wirst du gestreichelt.“

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