Kapitel 1
I.
Als er die Bühne betrat, wurde es stiller im ,Shangri’. Er ging bis dorthin, wo der Mikrofonständer in einem Lichtkegel aufragte.
Aseem hatte ihm gesagt, er solle sich auf seine extravagante Optik verlassen, auf den Anstrich des Unverbrauchten, Rebellischen, auf Authentizität. ,Zeig, dass du mehr wert bist als deine Kollegen. Ein bisschen Öl ins Feuer zu gießen, schadet nie. Dabei springen die besten Trinkgelder raus.’
Nach dem Stehenbleiben also, mit geradem Rücken, die Hände vor dem Schritt übereinander gelegt, hob Seth das Kinn.
„Binjawl“, sagte er ins Mikrofon. „Mein Name ist Jahid.“ Er lauschte. Nein, den Abfall des Geräuschpegels hatte er sich nicht eingebildet. Die Gäste sprachen leiser miteinander.
Die Neulinge im ,Shangri’ behaupteten oft, dass die Klientel in irgendeiner besonderen Art auf sie reagierte - aber das war bloß ein Weg, um das Unbehagen zu überspielen. Viele zitterten vor Nervosität, bevor sie das Treppchen zur Bühne hinaufstiegen. Später standen sie in den Umkleideräumen zusammen und flüsterten sich zu, das Publikum habe den Atem angehalten, habe sie mit einer Sprechmodulkamera fotografiert, habe sich gegenseitig überboten, um sie zu mieten.
Es war Blödsinn. Natürlich gab es kleine Berühmtheiten unter der lebenden Ware. Nach manchen von Seths Kollegen - und auch nach ihm - wurde ein halbes Dutzend Mal pro Nacht gefragt, so oft, dass es sie gefährdete und Aseem gezwungen war, die Interessenten abzuweisen. Trotzdem musste man schon sehr dumm oder eben sehr neu in der Branche sein, um zu denken, dass sich ein Spender wirklich von der breiten Masse unterschied.
Die Stadt sorgte für Nachschub. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung, schätzte der Rat für Krankheitskontrolle, eigneten sich als Spender. Bei mindestens elf Millionen Bürgern aus der untersten Klasse fielen genug Verzweifelte ab, um Bars wie das ,Shangri’ oder billige Spenderhallen zu füllen.
Seth wartete. Trotz seiner äußerlichen Lässigkeit war er nicht immun gegen den Schrecken der Bühne.
Als er den Mund näher ans Mikrofon brachte, spürte er Feuchtigkeit zwischen seinen Schulterblättern. „Mein Alkoven hat das Zeichen Netjer.“
Das Mikrofon roch nach dem Speichel von hundert verschiedenen Menschen. Beim ersten Schritt zurück warf Seth einen schnellen Blick nach vorn. Er musste Gewissheit haben. Und tatsächlich passierte dasselbe wie gestern.
Das brutale Scheinwerferlicht sorgte für einen blendenden, dumpf-weißen Nebel. Von dieser Warte aus etwas zu erkennen, sollte unmöglich sein. Seths Sinne kümmerten sich nicht um Unmöglichkeiten. Er sah sie, die Scharen, die ihn abtaxierten. Er sah Umrisse von Gästen an niedrigen Tischen, Einzelne, die sich gegen Stützpfeiler oder Geländer lehnten, Bewegungen, Farbpunkte von Gläsern, das feuchte Glänzen ihrer Augen, angedeutete Gesichter.
Jede Sekunde würde sich Bishal, Aseems rechte Hand, in ein verborgenes zweites Mikrofon räuspern, weil die vorgeschriebene Zeit längst vorbei war. Wenn er dann nicht reagierte, würden sie seinen Lohn einbehalten - vielleicht mit einer netten Tracht Prügel als Zugabe. In so einem Fall blieb ihm nur die Straße.
Seth kehrte dem Zuschauerraum den Rücken zu. Der Weg zum Treppchen zog sich lächerlich in die Länge. Er schwitzte jetzt wirklich. Auf dem Treppchen stieß er um ein Haar mit seiner Ablösung zusammen.
„Pass auf, wo du hintrittst, Mann!“, zischte Hayato.
Anstatt auszuweichen, erstarrte Seth. Denn Hayato, der sonst penibel auf seine Körperhygiene achtete, stank plötzlich vielen verschiedenen Dingen - altes Haaröl, Schweiß, Hautfett, Gewürztee, Waschpulver, Schminke, eine Spur Urin.
Er stieß Seth mit der Schulter beiseite. Bühnenbretter dröhnten. Die Gäste murmelten.
Unten rettete sich Seth in die Zone zwischen dem Barraum und dem Korridor, der zu den Alkoven und den Funktionsräumen führte. Die Zone deutete den Zweck der hinteren Barbereiche schon an. Sie war mit roten und goldenen Tüchern ausgekleidet, die einen Großteil der Wandapparaturen versteckten.
Den Korridor betraten nur Spender, Angestellte und Kunden nach der Auswahl. Dafür sorgten Aseems Rausschmeißer. Einer von ihnen stand am Eingang des Korridors. Er blinzelte Seth träge entgegen. Vielleicht hatte er Sarmatwa oder Sumpfweiß konsumiert.
Die Trägheit täuschte. Aseems Leute waren handverlesen und zu gut geschult, um ihre Arbeit durch übertriebenen Drogenkonsum zu riskieren.
„Beweg deinen Hintern, Kleiner“, sagte der Rausschmeißer zu Seth. „Dein Kunde wartet schon auf dich.“
Seth gehorchte. Er rechnete mit noch einer Geruchsattacke. Sie wiederholte sich nicht. Ihm schwirrte der Kopf. Der Vorfall auf dem Treppchen war ihm ein Rätsel. Jetzt wirkte die Welt - dieser elende Ausschnitt davon - wieder ins Lot gerückt.
Links zweigte ein Seitengang vom Hauptkorridor ab. Er mündete in einen Warteraum, an dem neben fünf anderen Alkoven auch Seths Alkoven lag. Seth bog in den Seitengang ein und straffte sich. Die Zeit der Vorbereitung auf das Treffen mit einem Kunden reichte nie ganz aus, um ,Jahid’ zu werden.
Unterwegs glättete er das weiße Hemd, das er zu einem Ledermantel, Lederhosen und Schnürstiefeln trug. Die unterschiedliche Aufmachung der Spender sicherte dem ,Shangri’ seinen Erfolg. Hier zeigten sich auch die dünnen Grenzen zwischen einer quasi-medizinischen Dienstleistung und Prostitution.
Den Kunden gefiel es, unter vier Dutzend Spendern wählen zu können. Es gab fast nur männliche Spender in Aseems Bar, aber praktisch jede Ethnie, jeden Typus und jeden Kleidungsstil - ein buntes Sammelsurium aus synthetischen Charakteren, wie Avatare in einem Videospiel. Man hatte sogar einen Katalog erstellt.
Als Bonus bekam der Kunde eine kleine Show geboten, eine Szene, einen Tanz, eine musikalische Vorführung, in Ausnahmefällen einen Ausflug. Diese Inszenierungen halfen Seth. Er konnte sich hinter ihnen verstecken, konnte Abstand halten. Denn manchmal fühlte er nicht nur die Kälte einer echten Notlage oder Verachtung, sondern den leisen, geheimen Kitzel der Neugier.
Heute fühlte er nichts Deutliches. Heute zerrte irgendetwas an ihm, von unten her, von der Seite her. Er dachte abwesend an das grelle Bühnenlicht und musste sich zum Weitergehen überwinden. Er würde sein Zimmer verlieren, wenn er die Miete bis Monatsende nicht zusammenkriegte, und er hatte gerade genug Pulver für einen Schuss in der Hosentasche.
In letzter Zeit wirkte das Kuffa kaum noch. Für einen wirklichen Rausch war er inzwischen auf eine doppelt so hohe Dosis angewiesen. Falls das so blieb, zwang ihn die Sucht zu Sonderabsprachen mit Aseem.
Der Barbesitzer nutzte Spender, die ihn um Kredit baten, gnadenlos aus. Er hatte Seths Kollegen schon zu ,Gefälligkeiten’ überredet, hatte ihnen Kunden in den Alkoven geschickt, denen es um sehr viel mehr ging als um die Spende.
Seth atmete durch.
Der Warteraum war rund, mit einer Medi-Konsole in der Mitte, Sitzgelegenheiten und sechs durch Vorhänge abgetrennten Einzelzimmern. Aseem hatte den ganzen Bereich dekorieren lassen.
Die Vorhänge waren farbig gemustert, damit man die medizinischen Geräte dahinter nicht sah. Die Stoffe und die indirekte Beleuchtung verwandelten den Warteraum in ein überdimensionales Wüstenzelt - oder in eine geschmückte Vorhölle, je nachdem.
Bis auf den Überwacher, einen schwarz gekleideten Mann, der neben der Medi-Konsole saß, hielt sich niemand direkt hier auf. Aber aus einem Alkoven drangen Stimmen, untermalt von den Klängen einer Gaylang-Geige. Chee hatte die Vergabe schon hinter sich und erfreute den Kunden mit Musik.
Kurz war der Impuls, sich umzudrehen und sich einen Weg an Aseems Handlangern vorbei ins Freie zu bahnen, so massiv, dass Seth nach Luft schnappte.
Es hatte gar keinen Sinn. Er brauchte das Geld. Zögernd schob er den Vorhang vor seinem Alkoven auf.
Sein Kunde wartete tatsächlich schon auf ihn. Er hatte sowohl den Diwan als auch die Medi-Liegen ignoriert. Stattdessen stand er an der Wand neben dem Getränke-Sideboard.
Während er den Vorhang hinter sich zufallen ließ, musterte Seth den Mann. Irgendetwas unterschied ihn von anderen Kunden. Er trug einen grauen Anzug, war groß, kräftig gebaut, dunkelhaarig und glattrasiert. Obwohl sich unter dem Anzug ein Bauchansatz abzeichnete, machte seine Statur nicht den Eindruck von verlebter Schlaffheit, eher von gezügelter Kraft.
Er hatte ein attraktives, regelmäßiges Gesicht und war schätzungsweise doppelt so alt wie Seth, also um die Fünfzig. Irritiert begann Seth, seinen Ledermantel auszuziehen.
Der Mann hob die Hand.
„Einen Augenblick“, sagte er. Sein Akzent war schlecht einzuordnen. „Wir werden nicht hierbleiben. Ich habe mit deinem Geschäftsherren einen Bonus ausgehandelt. Wenn du einverstanden bist, nehme ich dich mit.“
Seth stutzte. Der Part mit dem Ausflug überforderte ihn.
„Oben an der Straße wartet mein Gleiter“, fuhr der Kunde fort. „Er ist für Blutspenden ausgestattet. Ich habe dich für zwei Stunden gemietet. Du wurdest mir empfohlen, weil man sich mit dir unterhalten kann. Achtzig Cisma. Was meinst du zu so einem Geschäft?“
Seths Erstarrung löste sich.
„Ich denke selten über Geschäfte nach“, sagte er. „Bei meiner Arbeit ist das nicht schlau.“ In seinen Ohren klang er halb dümmlich, halb abweisend.
Den Kunden schien das nicht zu stören. „Falls ich dich beleidigt haben sollte, tut es mir leid. Also, begleitest du mich?“
Seine Vernunft riet Seth davon ab - dringend. Nach Obdachlosen und Prostituierten waren Spender die häufigsten Opfer von Entführungen. Sie endeten manchmal tödlich. Jeden Morgen stolperten Abfallkolonnen über schlimm zugerichtete Leichen. Sie lagen in Müllhaufen, an den Ufern der zwei großen Flüsse der Metropole, in Kellerlöchern und auf den Hintertreppen verrufener Lokale.
Doch der Mann kam Seth nicht wie ein Psychopath vor, mal davon abgesehen, dass er in spätestens zwölf Stunden auf Entzug sein würde und noch nie jemand achtzig Cisma für eine Sitzung mit ihm geboten hatte.
„In Ordnung“, hörte er sich antworten.
„Hervorragend.“ Der Kunde verließ seinen Platz bei der Alkovenwand, ging an ihm vorbei und verschwand durch den Vorhang.
Er musste wirklich alles mit Aseem abgeklärt haben. Sie durchquerten die Bar, ohne dass ihr Weg mehr provozierte als prüfende Blicke der diensthabenden Rausschmeißer.
Seths Kunde kümmerte sich kaum um den dichten Betrieb. Interessanterweise hatte er es nicht nötig, Menschen beiseite zu schieben. Vor ihm öffnete sich wie von selbst ein Pfad durch die Menge. Auf der Treppe zur Straße hinauf verstärkte die Tatsache, dass er die Stufen mühelos nahm, den Eindruck heimlicher Kraft.
Seth versuchte, nachzudenken. Es funktionierte nicht besonders gut. Die Erfahrung auf der Bühne hatte ihn aus dem Tritt geworfen. Vielleicht bewertete er die Situation völlig falsch. Mit Glück war der Mann vor ihm eine Atempause, eine Chance. Mit Pech lief er gerade in sein Verderben.
Am Oberende der Treppe warf der letzte Rausschmeißer Seth einen höhnischen Luftkuss zu. Und schließlich waren sie draußen auf der Straße, in Sulaya, Khandais berüchtigtem Halbwelt- und Vergnügungsviertel.
Die späte Stunde änderte nichts am schwülwarmen Klima. Der Bürgersteig glänzte feucht von Regen, von Putzwasser, vom dauernden Pseudoniederschlag einer Region, die sich aufführte wie ein vollgesogener Schwamm. Zwischen den sechs- bis siebenstöckigen Häusern zu beiden Seiten der engen, vierspurigen Straße quälte sich zweigeteilter Verkehr voran. Ebenerdig fuhren Wagen, Motorroller und Rikschas, eine Ebene höher flogen Gleiter und Lufteinsitzer. Neonschilder und Laternen spiegelten sich überall dort im nassen Asphalt, wo der Schmutz nicht so dicht lag.
Seths Kunde wurde von einem wuchtigen Mann im Anzug in Empfang genommen, bestimmt einem Chauffeur. Der Gleiter war enorm, silbergrau, gepanzert, und schwebte erwartungsgemäß einen Meter über dem Boden.
Jetzt stockte Seths Schritt doch noch einmal. Eigentlich hatte er keine Wahl mehr. Lehnte er das Angebot ab, war ihm zusätzlich zum Verlust von achtzig Cisma das Ende seiner Anstellung sicher.
Khandai drang ihm in die Nase. Sulaya hatte seinen eigenen Geruch - erhitztes Blech, Abgase, verbrauchte Luft aus Sauerstoffverteilern, metallische Elektrizität, Beton, Müll, Gewürze und Kräuter, Bratfett, durchweichte Kleidung, Schweiß, und darüber etwas Diffuseres, immer Präsentes. Man nannte es den Dunst der ewigen Verheißung, den Atem der Großen Stadt.
Die Geschäftsviertel Bindidi und Hanra mit ihren Edellokalen, ihren Türmen und zutrittsbeschränkten Plätzen konnte man von Sulaya aus innerhalb einer Stunde zu Fuß erreichen. Und auch wenn es gegen den Makel einer niedrigen Geburt kein Heilmittel gab, hieß es, dass in Khandai alles möglich war, einfach alles.
Darum nickte Seth, als ihn der Chauffeur mit einer herrischen Geste zum Gleiter beorderte. Ohne sich nach dem ,Shangri’ umzuschauen, stieg er ein.


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