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Der Geruch von Linoleum, feuchten Jacken und billigem Reinigungsmittel lag schwer in den Fluren. Ein Geruch, der mir sofort die Kehle zuschnürte, sobald ich die schwere Eingangstür aufdrückte. Meine Knie fühlten sich bei jedem Schritt wie Wackelpudding an. Ich schob mit den Fingerspitzen meine Brille nach oben. Sie rutschte ständig. Angstschweiß. Meine blonden, feinen Haare hatte ich mir extra tief ins Gesicht gekämmt. Ein blasser, strähniger Vorhang, der mich vor der Welt da draußen beschützen sollte. Ich sah nur den Boden vor meinen Füßen.
Ich wollte einfach nur unsichtbar sein. Im Erdboden versinken.
„Hey! Bleib stehen, Hässliche!“, ertönte die Stimme hinter mir.
Eine Stimme, die ich seit dem Kindergarten kannte. Zehn Jahre lang mein persönlicher Feind. Er war der Albtraum, aus dem ich morgens nicht aufwachen konnte, weil er direkt neben meinem Klassenzimmer auf mich wartete.
Ich blieb nicht stehen. Ich beschleunigte meine Schritte, drückte meinen Rucksack fest an die Brust. Doch es nützte nichts.
Ein starker Ruck. Jemand riss meinen Kopf an den Haaren nach hinten. Der Schmerz brannte auf der Kopfhaut. Mir entwischte ein leiser, erstickter Laut.
„Hörst du schlecht, du Missgeburt?“, raunte er mir ins Ohr. Sein Atem roch nach kaltem Rauch und Kaugummi. Ein grober Schubs. Ich knallte gegen den Spind. Das Metall dröhnte laut auf. Mir raubte es den Atem.
Um uns herum blieben die ersten Mitschüler stehen. Niemand griff ein. Einige lachten kichernd, andere starrten einfach nur zu, als wäre ich eine billige Nachmittagsshow.
„Gib her!“ Er riss an meiner Schultasche. Die Träger schnitten tief in meine Schultern, bis der Reißverschluss aufbrach.
Er wühlte darin herum, zog mein Pausenbrot heraus, das meine Mutter mir morgens eingepackt hatte, und warf es ungeöffnet auf die dreckigen Fliesen. Mit der Sohle seines Turnschuhs trat er genüsslich darauf.
„So was Ekliges frisst du also?“, spottete er. Er griff nach meiner Geldbörse, fischte die wenigen D-Mark-Münzen für den Heimweg heraus und schnappte sich mein Federmäppchen. Vor den Augen aller schüttete er den Inhalt aus. Stifte, Lineal und Füller polterten über den Boden. Ein kräftiger Tritt mit dem Absatz. Das Plastik zerbrach mit einem harten Knacken.
„Mach sauber, du Stück Dreck.“ Er schubste mich noch einmal nach hinten und ging mit seinen Kumpels davon. Ihr hämisches Lachen hallte durch den Flur.
Ich kniete mich auf den kalten Boden. Meine Finger zitterten so stark, dass ich Mühe hatte, die zerbrochenen Stiftteile aufzusammeln. Tränen brannten heiß in meinen Augenwinkeln. Aber ich durfte sie nicht laufen lassen. Nicht hier.
Als es zur Pause gongte, hielt ich es kaum noch aus. Mein Unterleib brannte, ich musste dringend auf die Toilette. Aber der Flur zum Mädchenklo war eine Todesfalle. Ich glitt leise durch die Tür, in der Hoffnung, dass die Luft rein war.
Die Tür fiel ins Schloss. Im selben Moment spürte ich die Hand an meiner Schulter. Ein heftiger Ruck.
Eines der Mädchen aus der Parallelklasse drückte mich mit voller Wucht gegen die kühlen Kacheln der Wand. Die Kanten bohrten sich schmerzhaft in meinen Rücken. Zwei andere Mädchen stellten sich direkt neben sie. Der Weg war versperrt.
„Was willst du denn hier, du Opfer?“, zischte sie. Ihre Finger gruben sich tief in meinen Oberarm.
„Ich... ich wollte nur...“, stammelte ich.
Klatsch.
Die Ohrfeige kam ohne Vorwarnung. Sie traf mich hart. Meine Brille flog seitlich ab, knallte gegen das Waschbecken und fiel auf die Fliesen. Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Wange. Die Welt um mich herum wurde augenblicklich unscharf.
„Haben wir dir nicht gesagt, dass du hier nichts zu suchen hast?“ Ihr Gesicht war so nah, dass ich ihr Parfüm riechen konnte. „Du redest mit niemandem. Du baust mit keinem Mädchen hier eine Freundschaft auf. Du bist nichts. Wenn wir mitkriegen, dass du deinen Müll irgendeinem anderen Mädchen erzählst, bist du tot. Hast du mich verstanden?“
Ich nickte panisch. Tränen liefen mir nun ungehemmt über die heißen Wangen.
„Antworte!“
„Ja... ja, ich hab’s verstanden“, flüsterte ich und zitterte am ganzen Körper.
Sie ließ mich los wie ein Stück Abfall. Ich sackte auf die Knie, tastete nach meiner Brille und setzte sie mit verschwommenem Blick wieder auf. Ein Glas hatte einen feinen Sprung.
Auf dem Nachhauseweg nahm ich die Welt gar nicht mehr wahr. Ich rannte fast, während der Schweiß mir auf der Stirn stand. Die Blicke der Passanten fühlten sich wie Nadelstiche an. Für sie war ich nur das merkwürdige, ungepflegte Mädchen, das immer den Kopf einzog.
Zu Hause wartete nur die Stille. Meine Eltern waren wie gewohnt nicht da. Keine Stimme, die mich begrüßte. Kein Wort des Trostes. Niemand, der mich fragte, warum meine Wange rot gezeichnet war oder wo meine Sachen abgeblieben waren. Ich war völlig allein.
Ich schloss die Zimmertür ab und ließ mich an ihr nach unten gleiten. Da saß ich nun auf dem Teppich. Die Stille im Raum war so laut, dass sie mir in den Ohren dröhnte. Ich zog die Knie fest an die Brust, vergrub mein Gesicht im Stoff meiner Jeansjacke und schrie meine Not stumm hinein.
Eine dunkle, lähmende Leere breitete sich in mir aus. Es gab Nächte, in denen ich auf mein Fensterbrett starrte und dachte: Wenn ich jetzt einfach springe, merkt es überhaupt jemand? Wäre die Welt ohne mich nicht einfach ein Stück einfacher?
Am späten Nachmittag, als die Dämmerung mein Zimmer in schummriges Licht tauchte, setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Es war der einzige Ort, an dem ich mir selbst entkommen konnte.
Auf dem Tisch stapelten sich die Zeitschriften: BRAVO, Girl, Mädchen. Ich hatte die Kleinanzeigen mit einem Kugelschreiber sorgfältig eingekreist. Suchanzeigen von Leuten aus ganz Deutschland, die Brieffreundschaften suchten.
Ich nahm ein frisches Blatt Briefpapier und meinen Füller. Meine Hände hörten auf zu zittern, sobald die Feder das Papier berührte. Ich schrieb mir regelrecht die Finger wund.
Hallo Helena,
ich habe deine Anzeige in der BRAVO gelesen. Bitte, lass uns schreiben! Wie geht es dir? Wie war dein Tag heute? Hoffentlich hattest du einen schönen Tag.
Bei mir ist es... na ja. In der Schule läuft es gar nicht gut. Die anderen sind so gemein zu mir. Sie schubsen mich und nehmen mir alles weg. Ich weiß oft nicht mehr, was ich tun soll. Ich wünsche mir einfach so sehr jemanden, der mir zuhört. Jemand, der mich versteht.
Hast du nicht vielleicht Lust, mich mal zu besuchen? Wir könnten zusammen Musik hören oder einfach reden. Bitte antworte mir. Bitte...
Deine Alexandra
Ich klebte Umschlag um Umschlag zu. Dreißig Brieffreundschaften hatte ich mir so gesucht. Ich schüttete fremden Menschen mein Herz aus, bettelte zwischen den Zeilen förmlich um ein kleines bisschen Liebe. Um Aufmerksamkeit. Um ein Lebenszeichen aus einer Welt, die mich nicht hasste. Beim Schreiben flüchtete ich in Fantasiewelten, in denen ich hübsch war, lachte, Freunde hatte und keine Angst haben musste.
Doch wenn der Postbote am nächsten Morgen kam, lag meistens nichts für mich im Kasten. Und wenn doch mal ein Brief zurückkam, schrieben sie über das Wetter, über Star-Poster oder Hausaufgaben. Niemand ging auf meine Hilferufe ein. Niemand fragte nach. Die Mauern um mich herum blieben unüberwindbar.
Ein normales Tagebuch konnte ich nicht führen. Ich hatte es versucht, aber die Worte darin zu lesen, fühlte sich an, wie eine frische Wunde immer wieder aufzureißen. Es tat zu weh, meine eigene Traurigkeit schwarz auf weiß zu sehen.
Ich strich mit der Hand über den Stapel geschriebener Briefe, die am nächsten Tag zur Post sollten, und starrte ins Dunkel meines Zimmers. Ich war sechzehn Jahre alt, verloren in einem tiefen, schwarzen Loch, und ich wusste nicht, wie ich jemals wieder herauskommen sollte.


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