Prolog – Der Koch von Keilwen
Prolog – Der Koch von Keilwen
Mein Name ist Webstor.
Ich wurde in Galnoch geboren, einer alten Stadt am großen Fluss, wo die Mauern den Wind der Geschichte kannten und die Straßen nach Holzfeuer und nassem Pflaster rochen. Ich war das siebte von elf Kindern eines angesehenen Kaufmanns, mehr hungrig als heldenhaft. Mein Vater war ein strenger Mann, dem Geld und Glaube gleich wichtig waren. Und so geschah es, dass er mich im zarten Alter von sechs Jahren Gott weihte und ins Kloster von Keilwen brachte. Dort lernte ich lesen und schreiben, beten und schuften. „Ora et labora“ – so sagten die Brüder. Und sie meinten es ernst. Zwölf Stunden Licht, zwölf Stunden Dunkelheit. (Obwohl ich bis heute finde, dass der Sommer da unfair bevorzugt wird.) Viele Jahre vergingen zwischen Pergamenten und Stallarbeiten, zwischen Psalmen und Schweinefutter. Doch dann wurde mir ein Amt angeboten, das mein Herz höherschlagen ließ: Ich wurde Küchenchef. Kochen war schon immer meine Leidenschaft, gutes Essen mein Laster. Wein und Bier hingegen konnten mir nie viel anhaben. Eines Tages, auf dem Markt von Keilwen, begegnete ich einem kleinen, schwarz-braunen Straßenhund. Ich streichelte ihn und gab ihm heimlich ein dickes Stück Fleisch. Damals wusste ich noch nicht, dass ich meinem ersten großen Freund begegnet war. Ich nannte ihn Ryan. Er fand bald einen Weg ins Kloster, durch ein Loch hinter dem Brombeerstrauch an der alten Mauer. Anfangs wurde er heimlich gefüttert, versteckt, geschmuggelt. Doch er hatte ein Talent, das selbst Heilige entwaffnete: Er wickelte alle um die Pfote, selbst den Abt. Bald durfte er bleiben. Von da an waren wir unzertrennlich. Er schlief bei mir, folgte mir auf den Markt, in den Garten, ja sogar zum Morgengebet. Als seine Zeit kam, trugen wir ihn mit Tränen und Würde zum kleinen Klosterfriedhof. Ich glaubte, mein Herz würde nie wieder ganz. Doch das Leben ist voller Überraschungen, manche kommen auf vier Pfoten. Die Brüder schenkten mir einen neuen Hund: Pepi. Der Abt brachte kurz darauf einen weiteren: Sam. Und als wäre das nicht genug, lief mir auch noch ein rotgetigerter Kater zu. Er wurde von einem Mönch Caramelum genannt, nach der dunklen Süße, die beim Verbrennen von Zucker entsteht. Im Alltag blieb davon nur ein Name: Caramel. Dickköpfig und charmant, wie Katzen nun mal sind. So wurde ich Koch, Tierpfleger, Gärtner und Bruder in einem. Die Schweine hörten auf meine Stimme. Die Ziegen kannten meine Schritte. Und die Brüder wussten: Beim Zubereiten des Abendbrots war ich ganz in meinem Element.
Es war im Frühling, als Pepi plötzlich an einem Fieber erkrankte. Ein paar Tage später musste ich auch sie zu Grabe tragen. Seitdem höre ich ihr Bellen immer noch in meinen Träumen. Dann, an einem gewöhnlichen Sommertag, geschah das Ungewöhnlichste: Ein Brief. Vom Papst. Für mich. Für den Koch. Der Inhalt? Ich solle nach Ashbridge reisen …auf Lebenszeit. Im Dienst der Kirche. Als Werkzeug im Kampf des Glaubens. Exkommuniziert. Per Dekret.
Ashbridge. Ich kannte den Namen nur aus alten Schriften. Ein einsamer Ort am Rand der Welt. Ein Bollwerk gegen die Hexen von Damnara. Eine Legende. Und nun, meine neue Heimat? Ich fragte mich, was ich verbrochen hatte. War ich in Ungnade gefallen? Warum ein Mönch? Warum ich? Doch das Zögern half nichts. Der vom Vatikan entsandte Vierspänner samt Kutscher erreichte pünktlich das Kloster. Sam sprang ohne Zögern hinein. Caramel legte sich auf meinen Schoß. Ich ließ das Kloster, mein Zuhause, zurück und fuhr dem Ungewissen entgegen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dort nicht nur Feinde finden würde…
sondern Abenteuer,…
Freundschaft,…
wahre Liebe,…
und eine Aufgabe, die größer war als ich selbst.








