Kapitel 1: Der NPC vor der Tafel
Montagmorgen, 07:55 Uhr. Wenn die Hölle einen Geruch hatte, dann schmeckte sie nach abgestandenem Lufterfrischer, feuchten Turnbeuteln und dem billigen Energiespar-Kaffee aus dem Lehrerzimmer.
Eduard Halen stand mit dem Rücken zur Klasse und schrieb in schwungvollen Buchstaben „Johann Wolfgang von Goethe – Die Leiden des jungen Werthers“ an die verharzte Labortafel des Raums 204. Er trug ein dunkelblaues Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Unterarmen hochgekrempelt hatte, eine schlichte Jeans und weiße Sneaker, die zumindest versuchten, dynamisch auszusehen. Mit seinen einunddreißig Jahren bildete er sich immer noch ein, nicht wie ein typischer Pauker auszusehen.
Er drehte sich um und stützte sich mit beiden Händen auf das Pult. Vor ihm saßen siebzehn Teenager der 9b. Siebzehn individuelle Energiesparmodi im Übergang von der Tiefschlafphase ins Wachkoma.
„So, Leute“, begann Eduard und bemühte sich um einen Tonfall, der irgendwo zwischen verständnisvollem Kumpel und resolutem Pädagogen lag. „Werther. Ein Klassiker der Sturm-und-Drang-Zeit. Es geht um unerfüllte Liebe, emotionale Ekstase und die Frage, wie man mit Gefühlen umgeht, die einen schier erdrücken.“
In der ersten Reihe schnaufte Shania verachtlich. Sie hielt ihr Smartphone unter der Tischkante so geschickt schräg, dass der Display-Schatten genau von ihrer Federtasche verdeckt wurde. Mit perfekt nachgezogenen Lippen und zwei ellenlangen, acrylverstärkten Fingernägeln tippte sie in rasender Geschwindigkeit eine Nachricht.
„Shania“, sagte Eduard mild. „Handy weg, bitte.“
Shania hob nicht einmal den Kopf, sondern rollte nur die Augen in einer Choreografie, die vermutlich Jahre des Trainings erfordert hatte. „Herr Halen, ehrlich jetzt. Ich hab grad 'ne Story gepostet und muss die Engagement-Rate checken. Werther ist gefühlt zweihundert Jahre alt. Der Dude hat einfach null Rizz gehabt, sonst hätte er Lotte gedated und sich nicht die ganze Zeit selbst bemitleidet. Das ist vertikaler Cringe.“
Eduard blinzelte. Vertikaler Cringe? Gibt es auch horizontalen? Er schluckte den Impuls runter, nachzufragen, um seine Ahnungslosigkeit nicht wie eine weiße Fahne vor sich herzutragen.
Ganz links in der dritten Reihe meldete sich eine Hand. Die Finger waren pfeilgerade gestreckt, der Oberkörper kerzengerade aufgerichtet. Filipp – von allen ausschließlich Fips genannt – wartete nicht einmal, bis Eduard ihn aufrief.
„Wenn ich kurz korrigieren darf, Herr Halen“, hob Fips mit einer Stimme an, die klang wie ein Dozent kurz vor der Emeritierung. Er rückte seine randlose Brille auf der Nase zurecht. „Die Begrifflichkeit 'Rizz' leitet sich vom englischen Charisma ab und beschreibt die Fähigkeit zur romantischen Seduktion. Goethe beabsichtigte jedoch keineswegs, Werther als pragmatischen Verführer darzustellen, sondern als Prototyp des empfindsamen Subjekts. Zudem ist die syntaktische Struktur Ihres Tafelanschriebs fehlerhaft, da Sie das Komma vor dem Partizipialsatz vergessen haben.“
Eduard atmete tief durch die Nase ein. Er unterrichtete Deutsch, Englisch, Sport und Musik. Er liebte seine Fächer. Aber Fips schaffte es in regelmäßigen Abständen, dass Eduard spontan darüber nachdachte, eine Umschulung zum Forstwirt zu beginnen.
„Danke für die... rhetorische Bereicherung, Fips“, sagte Eduard und griff nach der Kreide, um das Komma nachzuziehen. „Und Werthers Emotionen sind vielleicht extrem, aber –“
Rummms.
Ein dumpfes Geräusch schallte aus der letzten Reihe. Daniel war mit dem Kopf von seiner aufgestützten Hand abgerutscht und bretterte mit der Stirn auf das aufgeschlagene Deutschbuch.
Der Riese aus der letzten Reihe – zwei Köpfe größer als alle anderen, aber mit dem Aufmerksamkeitsspannen-Volumen einer Eintagsfliege – blinzelte verwirrt um sich. Seine Haare standen ungekämmt nach allen Seiten ab. Daniel lag in Deutsch regelmäßig auf einer stabilen 5+, was aber nicht an mangelnder Intelligenz lag, sondern daran, dass seine Gehirnfunktionen vor 13:00 Uhr schlichtweg im Standby-Modus verharrten.
„Daniel!“, rief Eduard. „Schön, dass du auch unter uns weilst. Haben wir dich geweckt?“
„Bro, ich schwöre, ich war wach“, murmelte Daniel mit dröhnender Stimme, rieb sich die rote Stelle auf der Stirn und gähnte ungehemmt. „Ich hab nur ... nachgedacht. Über Werther.“
„Ach ja?“, fragte Eduard überrascht. „Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“
„Der Typ ist ein absoluter NPC“, brummte Daniel, stützte das Kinn wieder auf beide Fäuste und starrte ins Leere. „Steht nur in der Gegend rum und kriegt nichts auf die Kette. Richtiger Bot-Move.“
In der Klasse ging ein leises Kichern durch die Reihen. Shania nickte zustimmend und tippte weiter, Fips schüttelte verächtlich den Kopf über so viel banale Jugendsprache, und Eduard stand an der Tafel wie ein Fels in der Brandung, der langsam von der Gischt der Unverständlichkeit zersetzt wurde.
NPC. Bot. Rizz. Vertikaler Cringe.
Eduard war einunddreißig. Er ging am Wochenende in Clubs, hörte Rock und Indie, spielte seit fünfzehn Jahren E-Gitarre und hielt sich für absolut am Puls der Zeit. Aber hier, vor diesen siebzehn Jugendlichen, fühlte er sich plötzlich wie ein Schwarz-Weiß-Fernseher in einem Raum voller VR-Brillen. Für die 9b war er kein junger, cooler Lehrer. Er war einfach nur der nächste Erwachsene im Anmarsch. Ein Stativ. Ein Statist. Ein NPC.
„Gut“, sagte Eduard und klatschen laut in die Hände, um die Truppe aus ihrer Lethargie zu reißen. „Da die Begeisterung für Dichter und Denker gerade schäumt wie abgestandenes Mineralwasser: Aufschlagen Seite 45. Wir lesen die Briefe vom 10. Mai. Und wer sein Handy nicht innerhalb von drei Sekunden in der Tasche hat, darf mir nachher beim Notieren der Hausaufgaben helfen. Das gilt besonders für dich, Shania.“
Shania seufzte dramatisch, schob das Smartphone langsam in die Handtasche und flüsterte laut genug für die ersten drei Bankreihen: „Minus zehntausend Aura für diesen Unterricht, ehrlich.“
Eduard drehte sich wieder zur Tafel. Er nahm das Lehrbuch in die Hand, blickte auf die vergilbten Seiten und stellte sich zum hundertsten Mal in diesem Schuljahr die eine Frage: Wie zum Teufel soll ich an diese Köpfe rankommen?




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