RIC
Ich fluchte leise vor mich hin. Der eiskalte Dezemberwind nahm mir fast den Atem. Ich stellte den Kragen auf und zog die Schultern hoch, um mich einigermaßen gegen die Kälte zu schützen. Mein Haar war voller Schnee, und immer noch fielen mir einzelne Flocken ins Gesicht.
Kaum zu glauben, dass vor wenigen Stunden der Himmel fast wolkenlos gewesen war. In kurzer Zeit hatte sich die Welt völlig verändert. Die Zweige der Bäume waren dick verschneit, der Wind blies den Schnee zu Hügeln hoch.
Ich kam nicht mehr weiter und war jetzt auf Hilfe angewiesen.
Zum dritten Mal klopfte ich an die Haustür. In dem Farmhaus musste doch jemand sein. Ich hatte vorhin Licht durch die Vorhänge schimmern sehen, als ich auf der Straße mit meinem Motorrad stecken geblieben war. Ich lauschte. Nur der Wind rauschte in den Bäumen.
Der Abend brach allmählich herein, und mir war kalt. Die fünf Kilometer bis zur nächsten Stadt Jefferson würden kein Spaziergang werden. Ich musste mir ehrlich eingestehen, dass ich noch nicht einmal wusste, ob ich das noch schaffen würde.
So hatte ich mir meine Ferien nicht vorgestellt.
Meine Schwester Pamela und ihre Familie erwarteten mich. Weihnachten stand vor der Tür. Ich freute mich immer sehr, wenn ich meine Nichte und meinen Neffen am Weihnachtsmorgen beobachten konnte und in die glücklichen Kinderaugen voll Glauben und Hoffnung sah.
Ich blies in die kalten Hände, um sie ein wenig zu wärmen, und trat von einem Bein auf das andere. Da wurde die Tür des alten Farmhauses langsam geöffnet. Durch den Spalt fiel Licht. Dann hörte ich auch schon eine Frauenstimme fragen: „Kann ich Ihnen helfen?“
Ich trat in den Lichtschein, damit die Frau mich sehen konnte. Sie aber blieb weiter im Schatten der Tür. Ich zeigte mit kalten Fingern auf meine Harley, die sich in einer Schneewehe befand und nur noch halb zu sehen war.
„Mein Motorrad steckt fest.“
Sie schwieg, sehen konnte ich sie immer noch nicht. „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern Ihr Telefon benutzen und einen Abschleppdienst anrufen“, bat ich. Einige Sekunden war Stille.
Dann öffnete die Frau die Tür weit. Ich wartete nicht lange auf eine weitere Aufforderung, sondern reinigte meine Schuhe auf der Matte und betrat das Haus. Die nassen Lederhandschuhe nahm ich in die Hand.
Die Frau schloss die Tür hinter mir. Wärme umfing mich, und ich spürte tief in mir ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Bis jetzt hatte ich kaum einen Blick auf die Frau werfen können. Plötzlich unterbrach ein lautes Getöse die Stille.
Die Frau wurde blass und rannte los. „Entschuldigen Sie mich.“
Ich stand einen Moment still und überlegte, was ich tun sollte. Ihr meine Hilfe anbieten?
„Verflixt“, hörte ich einen leisen Aufschrei.
Ich überlegte nicht lange und rannte in die Richtung, die die Frau genommen hatte.
Als ich durch das Wohnzimmer lief, folgte noch einmal ein Geschepper. Ich spurtete los und fand die Frau in der Küche auf dem Boden hockend, um sie herum waren Blechdosen verstreut.
Ein großer weißer Hund hatte seine Pfote siegessicher auf eine bunte Tasche gelegt. Er hatte entfernte Ähnlichkeit mit einem Collie.
„Ist alles in Ordnung?“, wandte ich mich an die junge Frau.
Sie drehte sich erschrocken um. Blondes Haar fiel ihr ins Gesicht, aber ich konnte ihre großen Augen sehen, in denen ein trauriger Ausdruck lag.
In diesem Augenblick fing der Hund an zu knurren und stellte sich auf die Hinterbeine.
„Schneeflocke …“, warnte die Frau und stieß einen Seufzer aus.
Der große Hund, offensichtlich eine Kreuzung zwischen einem Collie und einer undefinierbaren Rasse, lief hoheitsvoll auf mich zu. Ich blieb auf der Stelle stehen.
„Er bellt zwar, aber er beißt nicht und tut keiner Seele etwas zuleide.“ Mit dieser Bemerkung richtete die junge Frau sich auf.
„Hey du“, sagte ich, hielt dem Hund ruhig eine Hand entgegen und hoffte, dass die junge Frau recht hatte. Schneeflocke knurrte pflichtbewusst und schnüffelte an meiner Hand.
„Hey, benimm dich, Schneeflocke.“
Das Tier schaute seine Herrin an und setzte sich. Dann gab er mir die Pfote, die ich schüttelte.
„Mein Beschützer“, sagte sie und kraulte den Hund liebevoll, als er sich wieder an ihre Seite legte. „Sie sind schließlich bis in die Küche gekommen, ohne dass er etwas gemerkt hätte … Er glaubt, Sie sind sein bester Freund.“
Schneeflocke hatte den Kopf auf die Pfoten gelegt und sich zufrieden neben seiner Herrin ausgestreckt.
„Offensichtlich hat er gespürt, dass Sie nicht in Gefahr sind“, vermutete ich.
Keine Antwort.
„Und damit hat er recht“, fügte ich hinzu.
Die junge Frau wischte sich die Hände an ihren Oberschenkeln ab. Sie trug cremefarbene Leggings.
Erst jetzt bemerkte ich, wie attraktiv meine Retterin war. Ihr blondes Haar bildete einen auffallenden Kontrast zu ihren dunkelbraunen Augen. Sie war eher klein und zart, außerdem hatte sie schön geformte weibliche Rundungen. Unwillkürlich fragte ich mich, wie lange ich Frauen eigentlich schon ignoriert hatte?
„Ric“, stellte ich mich vor und streckte ihr die Hand entgegen. Sie war überrascht, nahm dann aber meine eiskalt gefrorene Hand in ihre warmen Hände. Ihre Wärme durchflutete mich und ließ mich den Schnee und den Winterwind vergessen. Vielleicht hatte ich jetzt tatsächlich Schutz gefunden vor dem Unwetter draußen.
Ihre kleine zarte Hand verschwand fast in meiner, und ich hatte das Bedürfnis, sie viel länger festzuhalten, als die höfliche Geste es erforderte.
Die großen ausdrucksvollen Augen waren das Auffallendste an ihr, fand ich, und brachten mich auf erotische Ideen. Es schien, als hätte sie meine Gedanken gespürt, denn ich bemerkte, dass sie noch zurückhaltender wurde. Ich rief mich zur Ordnung und erinnerte mich an den Zweck meines Hierseins. Ich musste unbedingt ein Hotel finden und mich auf den Weg machen, bevor der Sturm noch schlimmer wurde. „Darf ich Ihr Telefon benutzen?“
Sie zeigte auf ein kleines Tischchen aus Eichenholz. „Bitte, dort ist es.“
Die junge Frau trat zur Seite, und ich nahm mir einige Zeit, um meine Motorradbrille abzunehmen. Dabei beobachtete ich sie unbemerkt und genoss ihre unauffällige Schönheit.
Diese Frau strahlte eine Gelassenheit und Ruhe aus, die sie ganz ungewöhnlich anziehend machte. Sie war keine Titelblattschönheit, aber sie war etwas Besonderes. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit, die mich außerordentlich anzog. Das überraschte mich. Bisher hatte ich mich bevorzugt mit Frauen eines ganz anderen Typs eingelassen und auch eine fast geheiratet.
Ich verdrängte diese aufkommenden Gedanken. Ich ging zum Telefon, legte meine Handschuhe auf den Tisch und blätterte durch das Telefonbuch, um einen Abschleppdienst zu finden. Ich wählte die Nummer, hörte einen einzigen Ton, dann war Stille.
„Die Leitung ist tot.“
Sie holte tief Luft und kreuzte die Arme. Ihr pinkfarbener Sweater straffte sich durch diese Geste und lag eng an ihre Brüste geschmiegt. Ich schluckte. Es war für mich nicht zu fassen, wie anziehend diese Frau auf mich wirkte. Abrupt drehte ich mich um und legte den Hörer zurück, um diesen aufregenden Anblick zu ignorieren.
Durch das Küchenfenster sah ich den wirbelnden Schnee. Den Gedanken, wieder hinaus in die Kälte zu müssen, fand ich nicht ermutigend.
Ich drehte mich wieder zu ihr und sah sie an. „Vielleicht kann Ihr Mann mir helfen, meine Harley zu reparieren.“ Einige Sekunden war Schweigen zwischen uns. „Ich habe keinen Ehemann.“
Das durfte doch nicht wahr sein! Sie lebte hier allein und öffnete ihre Tür fremden Menschen? Das war ja unglaublich. Aber ich verstand mich selbst nicht mehr. Wieso interessierte es mich, wie eine fremde Frau sich verhielt?
„Aber ich habe eine Pistole“, erklärte sie.
Ich schaute sie überrascht an.
„Ich habe sogar die Erlaubnis, sie zu benutzen.“
„Ich verstehe.“ Ich lächelte sie an. Sie lächelte zögernd zurück, aber ihr Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war. Ich beobachtete sie interessiert. Auf ihrem Gesicht spiegelten sich die Emotionen und waren offen zu lesen. Sie überlegte. Aus wachen braunen Augen schaute sie mich an.
„Ihnen muss kalt sein“, sagte sie leise und zurückhaltend.
„Ich bin halb erfroren“, gab ich zu. „Ich wollte heute noch bis zum Abend nach Conifer kommen.“
„Das können Sie auch noch. Ich werde Sie fahren. Mein Auto steht in der Garage.“ Sie hörte sich etwas atemlos an. Anscheinend war sie erleichtert, eine Lösung gefunden zu haben. Während sie noch sprach, griff sie schon nach ihrem Mantel, als meine Worte sie aufhielten.
„Es ist eingeschneit.“
Sie sah mich nachdenklich an.
„Ist es in der Garage an der Hausseite?“, fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach. Sie nickte.
„Ich habe es gesehen, als ich daran vorbeilief“, erklärte ich.
Die junge Frau ließ die Hand sinken. Ich nahm den Handschuh und grinste etwas unglücklich. „Ich danke jedenfalls für Ihre Hilfe.“ Ich zog die kalten nassen Lederhandschuhe wieder an und ging Richtung Haustür.
„Einen Augenblick.“ Sie sprach so leise, dass ich nicht sicher war, ob ich sie wirklich gehört hatte.
Ich blieb stehen und sah sie mit aufregenden blauen Augen an.








