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Wenn die Dunkelheit begehrt - Eine Liebe. Zwei Abgründe.

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Summary

Manche Geheimnisse warten im Dunkeln. Andere tragen ein menschliches Gesicht. Matthias liebt Susanne, seit sie klein war. Er hat sie zurückgewiesen, seine Gefühle begraben und jahrelang geschwiegen. Dann kommt der Biss. Alles gerät außer Kontrolle. Aus unterdrückter Liebe wird Besessenheit. Susanne gehört ihm. Allein ihm. Für immer. Wer es wagt, sich zwischen sie zu stellen, spielt mit seinem Leben. Dann taucht Lennox auf. Gefährlich. Unberechenbar. Ein Vampir, der gegen sein eigenes Blut kämpft. Er rettet Susanne – und entfacht eine Anziehung, die keiner ignorieren kann. Für Matthias wird Lennox unweigerlich zum Rivalen. Und Lennox denkt längst nicht mehr daran, zurückzuweichen. Susanne gerät zwischen eine Liebe, die sie festhalten will, und eine Anziehung, der sie sich nicht entziehen kann. Doch während ihre Gefühle alles ins Wanken bringen, gerät auch Jamie, ihr bester Freund, in einen Strudel aus Geheimnissen und Loyalitätskonflikten. In ihm erwacht eine Kraft, die alles verändern könnte. Zugleich könnte ihn die Freundschaft zu Lennox eines Tages zwingen, gegen den Mann anzutreten, den er ins Herz geschlossen hat. Verflochtene Schicksale. Unauflösbare Bindungen. Entscheidungen ohne Rückweg. Denn manchmal ist nicht die Dunkelheit das Gefährlichste – sondern das, was wir aus Liebe zu tun bereit sind.

Genre
Romance
Author
Agi07
Status
1d ago
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Irgendwann

🌑 Ich-Perspektive: Susanne



Irgendwann.

Das Wort stand seit Wochen zwischen Matthias und mir. Irgendwann erzähle ich es dir. Irgendwann reden wir darüber. Irgendwann wirst du alles verstehen. Und irgendwann kam nie.

Der Wecker hatte längst geklingelt. Draußen hing der Nebel zwischen den Häusern, schwer und grau, als hätte jemand eine Decke aus feuchter Asche über die Stadt gelegt und ihr jede Farbe genommen.

Ich lag auf dem Rücken und griff zum dritten Mal nach meinem Handy. Keine Nachricht. Kein verpasster Anruf. Nichts.

„Oh, komm schon.“

Trotzdem entsperrte ich den Bildschirm erneut. Mein Daumen wusste längst, was ihn erwartete. Leere. Natürlich. Warum konnte ein Mensch, der einen so gut kannte, gleichzeitig derjenige sein, der einem am meisten wehtat?

Ich setzte mich auf und fuhr mir durchs Gesicht. Meine Augen brannten. Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen und auf das Display gestarrt, als könnte reines Hoffen eine Nachricht erscheinen lassen.

Vergeblich.

Matthias und ich kannten uns seit einer Zeit, in der die Welt noch einfach gewesen war. Ein Stück Schokolade. Ein geheimes Versteck. Fünf Minuten Ruhe. Mehr hatte es nicht gebraucht, um jeden schlechten Tag zu retten. Damals hatte ich nie rätseln müssen, was in ihm vorging. Ich hatte es gewusst.

Gestern Abend hatte er vor meiner Tür gestanden. Zum ersten Mal seit Langem nicht wie jemand, der nur kurz vorbeischaute, um seine Pflicht zu erfüllen. Er war geblieben. Nicht lange. Er hatte den Blick gesenkt und mit dem Daumen über den Reißverschluss seiner Jacke gestrichen.

„Nichts.“

Aber lange genug.

Er hatte gefragt, wie mein Tag gewesen war. Und tatsächlich zugehört. Kein Blick zur Uhr. Keine halbherzige Ausrede. Kein ständiges inneres Wegdriften. Als ich ihm von einer absurden Szene in der Redaktion erzählt hatte, hatte er gelacht. Nicht höflich. Nicht aufgesetzt. Echt. Dieses seltene Lachen, das seine Augen zuerst erreichte. Für einen Moment hatte ich vergessen, wie schwierig alles zwischen uns geworden war. Dann hatte ich bemerkt, dass er mich ansah. Einfach nur ansah.

„Was?“

Sein Blick war einen Augenblick zu lange geblieben. Dann hatte er die Augen gesenkt.

„Nichts.“

Es hatte nicht nach nichts ausgesehen. Ich wartete. Auf ein Wort. Auf einen Satz. Auf irgendetwas. Stattdessen betrachtete er meine Kaffeetasse.

„Du trinkst ihn immer noch viel zu heiß.“

Ich schnaubte leise. Jahrelang konnte er schweigen wie ein Grab. Aber solche Details vergaß er nie.

„Und du kommentierst immer noch Dinge, die dich nichts angehen.“

Da war es. Dieses kleine, schiefe Lächeln. Das Lächeln, das früher jedes Problem kleiner gemacht hatte. Unwillkürlich lächelte ich zurück.

Für einen gefährlichen Moment glaubte ich, der Abend würde anders enden als sonst. Vielleicht hoffte ich deshalb jetzt noch immer auf etwas, das er mir längst nicht mehr geben wollte. Nähe. Offenheit. Eine Antwort.

Ich wollte nicht die Frau sein, die aus seinen Blicken ganze Gespräche zusammensetzte. Die jedes Lächeln sammelte wie Brotkrumen und Schweigen mit Bedeutung füllte, weil sie Angst hatte, darin gar nichts zu finden. Und trotzdem hatte ich gefragt:

„Willst du noch bleiben?“

Sein Blick war zu meiner Hand gewandert, die sich um die Tasse geklammert hatte. Er hatte den Mund geöffnet. Für einen einzigen Herzschlag war ich sicher gewesen. Jetzt. Jetzt sagt er es. Dann zog er den Reißverschluss höher.

„Ich muss früh raus.“

Ein bitteres Lächeln zuckte an meinen Lippen.

„Das hast du schon gesagt.“

„Susanne ...“

Mehr war nicht gekommen. Er hätte sich nur setzen müssen. Nur einen Schritt auf mich zu machen. Ich hätte keine große Erklärung verlangt. Nicht einmal die ganze Wahrheit. Nur Ehrlichkeit. Nur das Gefühl, dass er bleiben wollte. Doch stattdessen griff er nach seinen Schlüsseln. An der Tür blieb er noch einmal stehen. Seine Hand lag am Rahmen. Mein Blick hing an ihm. Ich hasste mich dafür, dass ich noch immer wartete.

Vielleicht würde er sich umdrehen. Vielleicht würde er doch sprechen. Vielleicht würde er endlich aufhören wegzulaufen. Dann ließ er los.

„Schlaf gut, Liebes.“

Der vertraute Kosename traf mich härter, als er sollte.

„Du auch.“

Ich schloss die Tür nicht sofort. Erst als seine Schritte im Treppenhaus verklungen waren, bewegte ich mich. In der Küche war der Kaffee kalt geworden. Ich goss ihn in die Spüle und setzte die Maschine erneut in Gang.

„Verdammter Feigling“, murmelte ich.

Die Worte klangen nicht wütend. Nur müde. Vielleicht war genau das das Problem. Wut verschwand irgendwann. Enttäuschung blieb. Während die Maschine rumpelte, trat ich ans Fenster und lehnte die Stirn gegen die Scheibe. Das Glas war eiskalt. Ich schloss kurz die Augen und ließ die Kälte über meine Haut ziehen. Sie war ehrlich. Sie versprach nichts.

Hinter den flachen Dächern des Industriegebiets lag der Wald. Der Nebel verschluckte die Baumkronen und ließ sie wie Schatten wirken. Irgendetwas daran erschien mir heute anders. Näher. Als hätte sich der Wald in der Nacht unbemerkt vorgeschoben. Als würde er warten. Ich schüttelte den Gedanken ab. Zu wenig Schlaf. Zu viel Grübeln.

Unter mir blieb es still. Die Schreinerei hatte noch nicht geöffnet. Kein Kreischen von Sägen, kein Hämmern, keine Stimmen. Sogar der vertraute Geruch nach Holzstaub fehlte. Für einen Moment wirkte die ganze Straße, als halte sie den Atem an. Dann piepte die Kaffeemaschine. Die Welt setzte sich wieder in Bewegung. Ich musste zur Arbeit. Heute würde ich nicht über Matthias nachdenken. Nicht über sein Schweigen. Nicht über die Art, wie er mich angesehen hatte. Nicht über dieses verdammte Wort. Irgendwann. Das war jedenfalls der Plan.

Eine halbe Stunde später stand ich vor dem Spiegel. Enge Jeans. Weißes Hemd. Schwarzer Blazer. Die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Etwas Mascara musste reichen, um die Nacht unsichtbar zu machen. Ich betrachtete mein Spiegelbild.

„Wird schon.“

Die Frau im Spiegel sah aus, als würde sie mir nicht glauben. Und ehrlich gesagt konnte ich es ihr nicht verdenken.

In der Redaktion empfingen mich klingelnde Telefone, klappernde Tastaturen und das übliche Stimmengewirr. Normalerweise mochte ich diesen Lärm. Er bedeutete Bewegung. Leben. Geschichten. Heute fühlte sich jedes Geräusch an, als würde es direkt hinter meinen Augen entstehen.

Bianca entdeckte mich, noch bevor ich den Blazer ausgezogen hatte. Sie saß an ihrem Schreibtisch, die Lesebrille tief auf der Nasenspitze, und beobachtete mich über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg.

„Kindchen.“

„Nein.“

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Aber du wolltest.“

Ein Mundwinkel hob sich. „Das stimmt.“

„Siehst du.“

„Ändert trotzdem nichts daran, dass du aussiehst, als hättest du die halbe Nacht mit einem Dämon verhandelt.“

„Ich habe nur schlecht geschlafen.“

„Natürlich.“ Sie nahm einen Schluck Kaffee. „Und ich bin ein Einhorn.“

Trotz allem musste ich lachen. Ein kleines, widerwilliges Lachen.

„Das würde einiges erklären.“

„Na bitte.“ Sie zeigte mit ihrer Tasse auf mich. „Da ist sie ja noch.“

„Wer?“

„Die Version von dir, die ihre Kollegen nicht anfaucht.“

„Die hat heute frei.“

„Schade. Ich mochte die.“

Wieder dieses Lächeln. Bianca besaß die seltene Fähigkeit, Menschen gleichzeitig zu durchschauen und ihnen trotzdem das Gefühl zu geben, sicher zu sein.

„Ich bin nur müde.“

„Mhm.“

Dieser Laut sagte eindeutig: Ich glaube dir kein Wort. Zum Glück ließ sie es dabei. Vorläufig.

Ich flüchtete an meinen Schreibtisch. Dort warteten zwei unfertige Artikel, drei Interviewanfragen und ein Stapel Notizen. Eigentlich genug Arbeit für einen ganzen Tag. Ich öffnete die erste Datei und las den ersten Absatz. Beim zweiten Satz verlor ich den Faden. Ich begann von vorn, kam wieder nicht weiter und schloss die Augen. Meine Hand wanderte zum Handy. Ich zog sie zurück, bevor ich es berührte. Was hatte ich erwartet? Dass sich plötzlich alles änderte, nur weil ich lange genug darauf wartete? Ich zwang mich, weiterzuarbeiten. Telefonate, Korrekturen, Besprechungen. Der Vormittag verging, ohne dass viel davon bei mir ankam. Als Bianca mir einen Ordner reichte, musste sie ihre Frage zweimal wiederholen.

„Sue.“

„Hm?“

„Bist du sicher, dass alles okay ist?“

Ihre Stimme war diesmal ernst. Ich hob den Blick. Für einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken, einfach die Wahrheit zu sagen. Dass Matthias gestern da gewesen war. Dass er fast etwas gesagt hätte. Und wieder geschwiegen hatte. Stattdessen schüttelte ich den Kopf.

„Nur müde.“

Bianca sah mich einen Herzschlag länger an. Dann nickte sie.

„Wenn du meinst.“

Sie glaubte mir genauso wenig wie meinem Spiegelbild am Morgen.

Kurz nach Mittag kam ich von einem Außentermin zurück. Kaum betrat ich die Redaktion, blieb ich stehen. Auf meinem Schreibtisch stand ein großes weißes Paket. Makellos verpackt. Mit einer schwarzen Schleife. Es wirkte so fehl am Platz zwischen Aktenstapeln, Kaffeebechern und halb geleerten Wassergläsern, dass ich zunächst dachte, jemand hätte es versehentlich dort abgestellt.

„Wurde vorhin abgegeben.“

Biancas Stimme kam von hinten. Ich wandte mich um.

„Von wem?“

Sie hob eine Schulter. „Der Bote wollte nichts sagen.“

„Oder konnte nicht“, warf Benny ein.

„Oder durfte nicht“, ergänzte Nele grinsend.

„Klingt direkt geheimnisvoll.“

Innerhalb weniger Sekunden waren die ersten Kollegen herübergekommen. Wie Möwen. Sobald irgendwo etwas Interessantes auftauchte, erschienen sie zuverlässig.

„Bestimmt Blumen.“

„Zu offensichtlich.“

„Pralinen.“

„Heiratsantrag.“

„Erpressung.“

„Steuerprüfung“, sagte Phil im Vorbeigehen.

Betretenes Schweigen.

„Okay“, meinte Benny. „Das ist tatsächlich schlimmer als Erpressung.“

Gelächter. Ich brachte keines zustande. Irgendetwas an dem Paket ließ meinen Magen sich zusammenziehen. Vielleicht, weil die Hoffnung schneller da war als jeder vernünftige Gedanke. Matthias. Natürlich dachte ich sofort an Matthias. Was ich hasste. Und dennoch tat. Ich zog an der schwarzen Schleife. Langsam. Löste den Deckel.

Rosen. Dunkelrot. Perfekt.

Dicht an dicht gebettet. Ihr Duft stieg sofort auf. Schwer. Süß. Fast überwältigend. Für einen Moment erinnerte er mich an etwas. An einen Raum ohne Fenster. An etwas Schönes, das zu lange eingeschlossen gewesen war.

Zwischen den Blüten lag eine kleine schwarze Karte. Das Gemurmel um mich herum verstummte.

„Wow“, sagte Nele leise.

„Das ist mal ein Statement.“

Ich griff nach der Karte. Mein Herz schlug plötzlich schneller. Vielleicht hoffte ein Teil von mir immer noch. Vielleicht war ich dumm genug, genau das zu tun.

Hör auf zu fragen.

Hör auf zu zweifeln.

Du gehörst mir. Gestern, heute, immer.

Der Boden schien für einen kurzen Moment nachzugeben. Nicht wirklich. Nur dieses seltsame Gefühl von Unwirklichkeit. Ich las die Zeilen erneut. Dann ein drittes Mal. Die Worte wurden nicht besser. Nicht klarer. Nicht weniger falsch. Meine Finger schlossen sich fester um die Karte. Die Kante schnitt in meine Haut.

„Sue?“

Biancas Stimme drang wie durch Wasser zu mir durch. Ich antwortete nicht sofort. Mein erster Gedanke galt Matthias. Gestern hatte er vor meiner Tür gestanden. Heute waren die Rosen gekommen. Vielleicht wollte er sich entschuldigen. Vielleicht wollte er etwas ausdrücken, das er nicht aussprechen konnte. Doch schon im nächsten Augenblick wusste ich, wie verzweifelt dieser Gedanke war. Diese Worte passten nicht zu ihm. Nicht zu dem Mann, den ich kannte. Nicht zu dem Jungen von damals. Nicht einmal zu dem verschlossenen Menschen, zu dem er geworden war.

Und trotzdem suchte ein Teil von mir nach einer Verbindung. Nach irgendeiner Erklärung, nach etwas, das Sinn ergab. Doch ich fand nichts.

„Von wem sind die?“, fragte Mia.

„Ich weiß es nicht.“

„Und es steht kein Name dabei?“

Ich drehte die Karte um. Die Rückseite war leer. Kein Absender. Kein Hinweis. Nichts.

„Mysteriös“, murmelte Benny.

„Romantisch“, korrigierte Nele.

„Besitzergreifend“, sagte Bianca.

Der Raum wurde still. Ich hob den Blick. Biancas Gesicht war ruhig, doch in ihren Augen lag etwas Waches. Etwas Prüfendes. Sie hatte denselben Satz gelesen wie ich. Und offenbar dieselbe Reaktion darauf.

Du gehörst mir.

Irgendetwas daran störte mich. Vielleicht hätte ich mich geschmeichelt fühlen sollen. Vielleicht hätte ich lachen sollen. Vielleicht war das nur eine missglückte Formulierung. Aber die Worte fühlten sich nicht wie ein Kompliment an. Sie fühlten sich an wie eine Behauptung. Als wäre längst entschieden worden, was ich denken sollte. Was ich fühlen sollte. Wem ich gehörte.

„Willst du sie behalten?“, fragte Bianca.

Ihre Stimme war leiser geworden. Ich blickte auf die Rosen. Sie waren wunderschön. Perfekt. Zu perfekt.

„Ich weiß es nicht.“

Zum ersten Mal hörte ich selbst, wie unsicher ich klang. Ich hob den Kopf, mehr um dem Gespräch zu entkommen als aus einem konkreten Grund.

Mein Blick wanderte zum Fenster. Dann blieb er hängen. Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann. Mitten zwischen Passanten, die an ihm vorbeiströmten. Er bewegte sich nicht. Stand einfach da. Die Hände tief in den Taschen. Den Reißverschluss der Jacke bis zum Kinn geschlossen. Mein Atem stockte.

Aus dieser Entfernung hätte ich solche Details gar nicht erkennen dürfen. Und trotzdem erkannte ich sie. Sofort. Matthias.

Mein Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Für einen Moment verschwanden die Stimmen um mich herum. Die Telefone. Die Tastaturen. Der ganze Raum. Es gab nur noch ihn.

„Matthias“, flüsterte ich.

So leise, dass vermutlich niemand es hörte. Und doch hob er den Kopf. Als hätte er es. Unsere Blicke trafen sich durch die Scheibe hindurch. Er lächelte nicht. Er winkte nicht. Er stand einfach nur da und sah mich an. Genau wie gestern Abend. Genau wie früher. Mit diesem Blick, in dem immer Worte lagen, die er niemals aussprach. Unwillkürlich trat ich näher ans Fenster. Mein Herz schlug jetzt so heftig, dass es beinahe wehtat.

Warum war er hier?

Warum schrieb er nicht einfach?

Warum kam er nicht hoch?

Warum machte er immer alles komplizierter, als es sein musste?

Für den Bruchteil einer Sekunde hob sich sein Mundwinkel. Kaum sichtbar. Aber genug, damit Hoffnung wieder in mir aufflackerte. Diese verdammte Hoffnung.

Dann glitt sein Blick nach unten. Zur Karte in meiner Hand. Ich bemerkte die Bewegung erst, als ich ihm die Karte automatisch ein Stück entgegenhielt. Sein Gesicht veränderte sich. Nur minimal. Doch ich sah es. Die Spannung im Kiefer. Das plötzlich Verhärtete seiner Züge. Das flüchtige Aufflammen von etwas, das wie Ärger aussah. Oder Sorge. Oder beides. Mein Herz stolperte.

Er kannte die Karte. Oder?

Hatte er die Rosen geschickt?

War er deshalb hier?

Ich wartete darauf, dass er losging. Die Straße überquerte. Zu mir kam. Endlich mit mir sprach. Endlich aufhörte davonzulaufen. Eine Sekunde. Zwei. Drei.

Dann zog er eine Hand aus der Tasche. Mein Atem stockte. Jetzt. Jetzt kommt er. Sein Gewicht verlagerte sich nach vorn. Und im selben Moment wusste ich, dass ich ihm entgegengehen würde. Sofort. Ohne Zögern. Ohne Stolz. Ohne Vernunft. Weil ich müde war. Müde von all dem Schweigen. Müde von den halben Antworten. Müde davon, ständig auf irgendwann zu warten.

Doch Matthias blieb stehen. Etwas änderte sich in seinem Gesicht. Etwas verschloss sich. Wie eine Tür, die zufällt. Langsam senkte er den Blick. Dann wandte er sich ab. Und ging. Einfach so. Weg.

Die Luft schien aus meinen Lungen zu entweichen.

„Nein.“

Das Wort kam leise. Fast lautlos. Ich wusste nicht einmal, wem es galt. Ihm. Mir. Der Situation. Vielleicht allem zusammen.

Ich blieb am Fenster stehen und sah ihm nach. Wartete darauf, dass er sich noch einmal umdrehte. Dass er stehen blieb. Dass er sich umentschied.

Tat er nicht. Zwischen den Menschen auf dem Gehweg wurde seine Gestalt kleiner. Dann verschwand er. Einfach so. Als wäre er nie dort gewesen. Nur das unangenehme Gewicht in meiner Brust blieb zurück.

„Sue?“

Bianca trat neben mich. Diesmal klang ihre Stimme vorsichtig. Fast behutsam.

„Kennst du den Mann?“

Ich schluckte. „Ja.“

Das Wort kam sofort. Alles andere nicht. Wie sollte ich erklären, wer Matthias für mich war?

Mein bester Freund?

Meine größte Enttäuschung?

Der Mensch, den ich am längsten kannte?

Derjenige, der immer wieder zurückkam und doch nie wirklich blieb?

Keine dieser Antworten passte. Also schwieg ich. Bianca bohrte nicht nach. Wahrscheinlich sah sie mir an, dass das Thema bereits genug Schaden anrichtete.

Langsam kehrte ich zu meinem Schreibtisch zurück. Die Rosen standen noch immer dort. Dunkelrot. Makellos. Bedrohlich schön. Ich legte die Karte neben die Schachtel. Dann griff ich nach meinem Handy. Ohne genau zu wissen, weshalb. Vielleicht Gewohnheit. Vielleicht Hoffnung. Vielleicht Selbstzerstörung. Der Bildschirm leuchtete auf. Eine neue Nachricht. Mein Herz machte einen Satz. Matthias. Natürlich. Wer sonst? Meine Finger waren plötzlich kalt. Ich öffnete die Nachricht, ohne nachzudenken.

Happy Birthday, Liebes.

Drei Worte. Nur drei. Und dennoch trafen sie mich härter als alles andere an diesem Tag. Er hatte daran gedacht. An meinen Geburtstag.

Natürlich hatte er das. Matthias vergaß solche Dinge nie. Nicht meinen Geburtstag. Nicht meinen Lieblingskaffee. Nicht die Tatsache, dass ich Rosen eigentlich zu kitschig fand. Er vergaß alles Mögliche. Nur nie die Dinge, die etwas bedeuteten. Und genau deshalb tat es so weh. Weil er sich erinnerte, aber nichts erklärte. Weil er auftauchte, aber nicht blieb. Weil er mich ansah, aber nichts sagte.

Mein Daumen schwebte über dem Antwortfeld. Ich könnte einfach Danke schreiben. Ein einziges Wort. Ich könnte fragen, warum er draußen gestanden hatte. Warum er gegangen war. Warum er immer wieder diese Mauern zwischen uns hochzog. Warum er mich auf Abstand hielt und gleichzeitig nie ganz verschwinden konnte. Ich könnte hundert Fragen stellen. Und bekam vermutlich keine einzige Antwort.

Mein Daumen berührte beinahe das Display. Dann zog ich die Hand zurück und sperrte das Handy. Der Bildschirm wurde schwarz. Wie ein Gespräch, das nie stattgefunden hatte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Bianca.

Ich legte das Handy neben die Tastatur.

„Ich muss weiterarbeiten.“

Es war keine Antwort. Aber sie genügte. Zumindest fürs Erste. Bianca nickte langsam. Dann ließ sie mich allein. Ich starrte noch einen Augenblick auf das dunkle Display. Drei Worte. Mehr brauchte Matthias nicht, um die Hoffnung in mir wieder zum Leben zu erwecken, obwohl er mir gerade erst gezeigt hatte, wie wenig ich von ihm erwarten durfte.

Ich hasste mich dafür. Und trotzdem wusste ich, dass ich morgen wieder auf mein Handy sehen würde. Vielleicht sogar heute Abend. Denn die Hoffnung, die mich seit Wochen wach hielt, verlor immer wieder gegen die Wirklichkeit. Aber sie gab nicht auf. Und ich wusste nicht, ob das meine größte Stärke war. Oder meine größte Schwäche.

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