Chapter 1
Tyler
Drei Jahre zuvor
„Ich liebe dich nicht mehr.“
Es gibt Sätze, bei denen man sofort weiß, dass sie einem im Gedächtnis bleiben werden.
Nicht, weil sie besonders kreativ sind. Nicht, weil sie laut ausgesprochen werden. Manchmal ist es genau das Gegenteil.
Manchmal werden sie so leise gesagt, dass man sich für den Bruchteil einer Sekunde einredet, man hätte sich verhört.
Ich starre Emily an.
Sie steht mitten in meinem Wohnzimmer, die Arme vor der Brust verschränkt, als würde sie frieren. Dabei ist es viel zu warm hier drin. Die Heizung läuft, obwohl draußen gerade erst der Herbst angefangen hat.
„Was?“
Mehr bekomme ich nicht heraus.
Ein verdammtes Wort.
Sie schaut mich nicht an.
Und das ist wahrscheinlich der Moment, in dem ich begreife, dass sie es ernst meint.
Emily sieht mich immer an.
Wenn sie sauer ist. Wenn sie lacht. Wenn sie mir erzählt, dass ich meine Socken schon wieder neben den Wäschekorb statt hinein geworfen habe. Selbst wenn wir streiten, sieht sie mir direkt in die Augen.
Heute nicht.
„Ich kann das nicht mehr, Tyler.“
Mein Herz schlägt so heftig, dass es beinahe wehtut.
„Was kannst du nicht mehr?“
Sie schweigt.
„Uns? Mich? Was genau kannst du nicht mehr?“
„Es funktioniert einfach nicht.“
Ich lache kurz auf.
Nicht, weil es lustig ist.
Sondern weil mein Gehirn offenbar keine bessere Reaktion findet.
„Seit wann?“
Wieder nichts.
„Em, gestern Abend hast du noch neben mir auf dem Sofa gelegen.“
Sie presst die Lippen zusammen.
„Wir haben darüber diskutiert, ob wir nächstes Jahr nach Spanien oder Griechenland fliegen.“
Keine Antwort.
„Du hast mir heute Morgen einen Kuss gegeben, bevor du gegangen bist.“
„Tyler …“
„Also erklär es mir.“
Jetzt sieht sie mich endlich an.
Und ich wünschte, sie hätte es nicht getan.
Weil in ihren Augen nichts mehr von dem liegt, was ich dort jahrelang gesehen habe.
Keine Wärme.
Kein Wir.
Nur diese beschissene Entschlossenheit.
„Es gibt nichts zu erklären.“
„Bullshit.“
Sie zuckt zusammen.
Ich fahre mir mit beiden Händen durchs Haar und gehe zwei Schritte zurück.
Ich will nicht schreien.
Ich will sie nicht anbetteln.
Eigentlich will ich nur verstehen, was zur Hölle gerade passiert.
Emily und ich sind seit vier Jahren zusammen.
Vier Jahre.
Ich kenne ihre Kaffee-Bestellung auswendig. Ich weiß, dass sie Horrorfilme hasst, sie aber trotzdem mit mir guckt und anschließend behauptet, sie hätte überhaupt keine Angst gehabt. Ich weiß, dass sie beim Schlafen die Decke klaut und morgens mindestens dreimal auf Snooze drückt.
Ich weiß, welche Pizza sie bestellt.
Welche Songs sie heimlich mitsingt.
Ich weiß, wann sie lügt.
Zumindest dachte ich das.
Und vor allem dachte ich, dass sie die Frau wäre, mit der ich irgendwann alt werde.
Vielleicht klingt das lächerlich.
Ich bin vierundzwanzig.
Aber ich habe nie daran gezweifelt.
Bis jetzt.
„Gibt es jemand anderen?“
„Nein.“
Die Antwort kommt sofort.
„Habe ich irgendwas gemacht?“
„Nein.“
„Dann sag mir verdammt noch mal, warum du gehst.“
Sie schließt für einen Moment die Augen.
„Weil ich es will.“
Vier Worte.
Mehr bekomme ich nicht.
Keinen Grund.
Keine Erklärung.
Nicht einmal einen richtigen Streit.
Nur vier Worte, die vier Jahre auslöschen sollen.
Ich sehe zu, wie sie ihre Tasche nimmt.
„Und das war’s?“
Meine Stimme klingt fremd.
Sie bleibt an der Tür stehen.
Für eine Sekunde hoffe ich, dass sie sich umdreht.
Dass sie sagt, dass das alles ein Fehler ist.
Dass sie weint.
Dass sie mich anschreit.
Scheiße, sie könnte mir meinetwegen einen Teller an den Kopf werfen.
Irgendetwas.
Alles wäre besser als diese Gleichgültigkeit.
Doch Emily legt nur ihre Hand auf die Türklinke.
„Es tut mir leid.“
Dann geht sie.
Die Tür fällt ins Schloss.
Und ich stehe da.
Allein.
Die erste Flasche Whiskey kaufe ich drei Stunden später.
Die zweite am nächsten Tag.
Danach höre ich auf zu zählen.
Ich erzähle jedem, dass es mir gut geht.
Natürlich.
Was soll ich auch sagen?
Hey, die Frau, von der ich dachte, dass ich sie irgendwann heiraten werde, hat mich verlassen und ich habe keine Ahnung, warum?
Nein, danke.
Also mache ich das, was Männer angeblich tun sollen.
Ich reiße mich zusammen.
Zumindest tagsüber.
Nachts ist das schwieriger.
Nachts liegt ihre Seite des Bettes leer neben mir.
Nachts frage ich mich, ob ich etwas übersehen habe.
Ob ich zu wenig da war.
Zu viel da war.
Zu langweilig.
Zu anhänglich.
Zu irgendetwas.
Ich gehe jede Unterhaltung der letzten Monate in meinem Kopf durch, als könnte irgendwo zwischen „Was wollen wir heute essen?“ und „Bringst du Milch mit?“ die Antwort versteckt sein.
Ich finde sie nicht.
Also höre ich irgendwann auf zu suchen.
Und fange stattdessen an zu trinken.
Nicht jeden Tag.
Ich bin nicht komplett bescheuert.
Aber jedes Wochenende.
Freitag.
Samstag.
Manchmal Donnerstag.
Okay.
Vielleicht bin ich doch ein bisschen bescheuert.
Meine Freunde nehmen mich mit in Clubs.
Am Anfang muss man mich überreden.
Ein paar Wochen später bin ich derjenige, der fragt, wo wir hingehen.
Denn ich entdecke etwas ziemlich Praktisches:
Wenn die Musik laut genug ist, kann man nicht nachdenken.
Wenn genug Alkohol im Blut ist, fühlt man weniger.
Und wenn morgens eine Frau neben einem liegt, bleibt zumindest für ein paar Stunden keine Zeit, darüber nachzudenken, warum die Frau, die dort eigentlich liegen sollte, gegangen ist.
Es ist erbärmlich.
Ich weiß das.
Aber es funktioniert.
Zumindest eine Zeit lang.
Ihre Namen wechseln.
Blond.
Brünett.
Rot.
Studentin.
Barkeeperin.
Die Freundin von irgendeiner Freundin.
Manchmal bei mir.
Manchmal bei ihr.
Manchmal kenne ich ihren Nachnamen nicht.
Aber eines tue ich nie.
Ich lüge nicht.
Ich verspreche keiner von ihnen eine Beziehung.
Ich sage nicht, dass ich anrufe, wenn ich es nicht vorhabe.
Und wenn eine mehr will, ziehe ich mich zurück.
Vielleicht macht mich das trotzdem zum Arschloch.
Kann sein.
Aber ich habe einmal geglaubt, dass Liebe bedeutet, jemandem vollkommen zu vertrauen.
Das Ergebnis davon steht noch immer in Form einer halb leeren Whiskeyflasche in meinem Küchenschrank.
Also beschließe ich irgendwann, dass Beziehungen nichts für mich sind.
Sex?
Gerne.
Flirten?
Jederzeit.
Eine Frau mit nach Hause nehmen?
Kein Problem.
Aber dieses ganze Ich gebe dir mein Herz und hoffe, dass du nicht darauf herumtrampelst?
Nie wieder.
Ein halbes Jahr später sitze ich an einem Sonntagmorgen auf meinem Badezimmerboden.
Ich habe keine Ahnung, warum.
Ich könnte mich genauso gut aufs Sofa legen.
Oder ins Bett.
Aber der Boden ist kalt und mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand die ganze Nacht mit einem Hammer darauf eingeschlagen.
Im Schlafzimmer schläft eine Frau.
Ich glaube, sie heißt Vanessa.
Oder Verena.
Scheiße.
Das ist schlecht.
Ich lehne den Kopf gegen die Badewanne und schließe die Augen.
Mein Mund schmeckt nach Alkohol.
Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld.
Und irgendwo zwischen Kopfschmerzen und Übelkeit trifft mich plötzlich ein Gedanke.
Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?
Nicht dieses dramatische Film-Ding.
Keine große Erkenntnis mit emotionaler Musik im Hintergrund.
Nur diese eine Frage.
Was mache ich?
Emily ist weg.
Seit sechs Monaten.
Und trotzdem bestimmt sie irgendwie noch immer mein komplettes Leben.
Nicht, weil sie da ist.
Sondern weil ich alles tue, um nicht an sie zu denken.
Das ist doch krank.
Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche.
11:37 Uhr.
Drei Nachrichten.
Eine davon von meinem besten Freund.
Lebst du?
Ich tippe zurück.
Leider.
Die Antwort kommt sofort.
Dramaqueen.
Ich muss grinsen.
Das erste echte Grinsen an diesem Morgen.
Vielleicht sogar das erste seit Tagen.
Und aus irgendeinem Grund ist genau das der Moment, an dem sich etwas verändert.
Nicht sofort.
Ich werde nicht plötzlich zum Musterknaben.
Ich gehe weiterhin feiern.
Ich trinke weiterhin.
Und ja, ich nehme weiterhin Frauen mit nach Hause.
Ich bin schließlich nicht über Nacht ein anderer Mensch.
Aber ich fange wieder an, Dinge zu tun, weil sie mir Spaß machen und nicht nur, weil sie mich ablenken.
Gaming gehört dazu.
Das hat es schon immer.
Früher konnte ich Stunden vor dem PC verbringen. Nicht dieses verbissene Ich-muss-unbedingt-gewinnen-Ding.
Okay.
Manchmal schon.
Aber meistens liebe ich einfach die Atmosphäre.
Mit Leuten reden.
Scheiße labern.
Lachen.
Mich über irgendeinen Zwölfjährigen aufregen, der mich gerade komplett zerstört und anschließend behaupten, mein Controller wäre schuld.
Eines Abends sitze ich mit ein paar Freunden im Discord.
„Du solltest streamen“, sagt einer von ihnen.
Ich lache.
„Auf keinen Fall.“
„Warum nicht?“
„Weil kein Mensch mir beim Zocken zugucken will.“
„Du redest sowieso ohne Pause.“
„Danke.“
„War kein Kompliment.“
„Klang aber wie eins.“
„Mach einfach.“
Also mache ich es.
Nicht sofort.
Zwei Wochen lang denke ich darüber nach.
Dann bestelle ich mir ein Mikrofon.
Kein besonders gutes.
Meine Kamera ist beschissen.
Mein Licht besteht aus einer Schreibtischlampe, die mich aussehen lässt, als würde ich in einem Verhörraum sitzen.
Mein erster Stream hat sieben Zuschauer.
Drei davon sind Freunde.
Einer bin wahrscheinlich ich selbst.
Und ich bin nervös.
Was vollkommen lächerlich ist.
Ich habe kein Problem damit, in einen Club zu gehen und eine wildfremde Frau anzusprechen, aber sieben kleine Namen in einem Chat bringen mich ins Schwitzen.
„Okay“, sage ich und rutsche auf meinem Stuhl nach hinten. „Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache. Falls ihr professionelles Gameplay erwartet, seid ihr definitiv im falschen Stream.“
Ein Kommentar erscheint.
Dann bin ich ja richtig.
Ich lache.
„Du wirst es bereuen.“
Zwei Stunden später sind es zwölf Zuschauer.
Als ich den Stream beende, sitze ich noch eine Weile vor dem schwarzen Bildschirm.
Und merke etwas.
Ich habe zwei Stunden nicht an Emily gedacht.
Nicht einmal.
Aus einem Stream werden zwei.
Dann vier.
Dann feste Tage.
Sieben Zuschauer werden zwanzig.
Zwanzig werden fünfzig.
Fünfzig werden hundert.
Irgendwann erkenne ich Namen wieder.
Leute kommen zurück.
Sie haben Insider.
Sie machen sich über mich lustig.
Ich mache mich über sie lustig.
Wenn jemand ein paar Tage nicht da ist, fragt der Chat, wo die Person steckt.
Es entsteht etwas, womit ich nicht gerechnet habe.
Eine Community.
Meine Community.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, wieder irgendwo anzukommen.
Nicht bei einem Menschen.
Bei mir selbst.
Natürlich ändert das nicht plötzlich alles.
Ich bin noch immer der Typ, der am Wochenende feiern geht.
Ich flirte.
Viel.
Vielleicht zu viel.
Frauen mögen den Streamer.
Oder die Vorstellung davon.
Je größer meine Community wird, desto leichter wird es.
Nachrichten.
Fotos.
Nummern.
Ein „Bist du heute auch in der Stadt?“
Ein „Kommst du später vorbei?“
Ich sage selten Nein.
Warum auch?
Ich bin Single.
Sie wissen, dass ich Single bin.
Ich habe Spaß.
Sie haben Spaß.
Niemand erwartet etwas.
Perfekt.
Genau so will ich es.
„Du wirst irgendwann an die Falsche geraten“, sagt mein bester Freund eines Abends.
Wir stehen draußen vor einem Club. Ich habe eine Zigarette zwischen den Fingern, obwohl ich eigentlich kaum rauche.
„Was soll das heißen?“
„Irgendwann lernst du eine kennen, bei der dein ganzes Keine-Beziehungen-Gelaber nicht funktioniert.“
Ich lache.
„Ganz sicher.“
„Ich mein’s ernst.“
„Ich auch.“
Er schüttelt den Kopf.
„Du glaubst wirklich, dass du nie wieder eine Beziehung haben wirst?“
„Exakt.“
„Nie?“
„Nie.“
„Du bist vierundzwanzig.“
„Und?“
„Du willst also die nächsten sechzig Jahre irgendwelche Frauen abschleppen?“
Ich ziehe an der Zigarette und denke kurz darüber nach.
„Klingt anstrengend.“
„Tyler.“
„Was willst du hören?“
Sein Blick wird ernster.
„Dass du nicht jede Frau dafür bestrafen kannst, was Emily gemacht hat.“
Das Grinsen verschwindet aus meinem Gesicht.
„Tue ich nicht.“
„Ein bisschen schon.“
„Ich verspreche niemandem irgendwas.“
„Das meine ich nicht.“
Ich werfe die Zigarette auf den Boden und trete sie aus.
„Dann erklär’s mir.“
„Du lässt niemanden mehr an dich ran.“
Ich zucke mit den Schultern.
„Funktioniert hervorragend.“
Er sieht mich noch einen Moment an.
Dann lacht er leise.
„Du bist so ein Idiot.“
„Aber ein glücklicher.“
„Das redest du dir zumindest ein.“
Ich schlage ihm gegen die Schulter.
„Komm. Ich brauch was zu trinken.“
Das Gespräch ist für mich beendet.
Zumindest tue ich so.
Später, als eine blonde Frau ihren Arm um meinen Hals legt und mir irgendetwas ins Ohr flüstert, denke ich noch einmal daran.
Du lässt niemanden mehr an dich ran.
Vielleicht stimmt es.
Wahrscheinlich sogar.
Aber was ist so schlimm daran?
Mein Leben funktioniert.
Mein Stream wächst.
Ich verdiene mittlerweile Geld damit.
Ich habe Menschen um mich herum, die mich zum Lachen bringen.
Ich wache morgens auf und denke nicht mehr als Erstes an Emily.
Manchmal vergehen Wochen, ohne dass ich überhaupt an sie denke.
Und wenn doch, tut es nicht mehr weh.
Nicht wirklich.
Es ist eher wie eine Narbe.
Man weiß, woher sie kommt.
Aber man muss sie nicht ständig ansehen.
Ich habe mein Leben zurück.
Vielleicht sieht es anders aus, als ich es mir früher vorgestellt habe.
Keine gemeinsame Wohnung.
Keine Urlaubsplanung mit einer Freundin.
Keine Diskussion darüber, welche Seite des Bettes mir gehört.
Dafür Freiheit.
Streams bis drei Uhr morgens.
Spontane Wochenenden.
Partys.
Frauen.
Keine Verpflichtungen.
Keine Erwartungen.
Und vor allem niemanden, der die Macht besitzt, mir mit vier Worten den Boden unter den Füßen wegzureißen.
So ist es besser.
Sicherer.
Ich habe nur eine Regel:
Ich verliebe mich nicht.
Nie wieder.









Was für ein Auftakt... 😜🤔🫢
Eigentlich ein armer Kerl. Ich kann ihn verstehen, gut sogar, nur das es irgendwann wirklich schmerzhaft werden kann, sein Herz zu Stein werden zu lassen... 😔
Spannend... 👌