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Schattenerbe

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Summary

„Leise sein, still sein, nicht auffallen. Nicht mit Fremden sprechen, den Kopf einziehen und rennen, bevor er uns findet – jener böse, dunkle König, vor dem Mummy solche Angst hat.“ Mit gerade einmal sechs Jahren besteht Noahs Leben aus nichts anderem als Flucht. Wovor genau seine Mutter und er durch ganz Amerika rennen, versteht er nicht – für ihn ist es ein schreckliches Spiel von Gut gegen Böse. Doch als der ständige Druck seine Mutter innerlich zerbricht, fasst Noah einen verzweifelten Entschluss: Er muss handeln, um sie zu retten. Er ahnt nicht, dass der gefürchtete König nur darauf wartet, seinen verloren geglaubten Sohn einzufordern. Und als Noah schließlich vor dem mächtigen Capo Lorenzo Moretti steht, beginnt ein verhängnisvoller Schicksalsweg, aus dem es kein Zurück mehr gibt.  Ein düster-emotionaler Coming-of-Age-Roman über Schuld, bedingungslose Liebe und das schwere Erbe eines Namens.

Genre
Drama
Author
Jazzy1991
Status
11h ago
Chapters
7
Rating
n/a
Age Rating
13+

Das silberne Raumschif

Guten Abend an alle, die sich auf meine Seite verirrt haben! :D

Ich schicke heute ein Projekt ins Rennen, das mir unglaublich am Herzen liegt – auch wenn es ein echtes Experiment für mich ist.Die gesamte Geschichte ist ausschließlich aus der Sicht eines Kindes geschrieben.

Kleiner Disclaimer vorab: Wenn ihr nach einer klassischen Liebesgeschichte sucht, seid ihr hier leider falsch. Euch erwartet ein intensiv geschriebenes, psychologisches Coming-of-Age-Drama. Wir begleiten den kleinen Protagonisten hautnah durch eine Welt voller Geheimnisse, Ängste und familiärer Abgründe.

Danke für deine Zeit!

--------------------------------------------------------------

Mein Magen knurrte laut und ich schlich mich leise aus dem Bett. Ich passte auf, dass die Decke nicht raschelte. Mum schlief noch. Sie war lange weg gestern Nacht. Manchmal hörte ich sie erst heimkommen, wenn der Himmel schon ganz blass wurde. Dann roch es im Flur nach schwerem Parfum, das mir in der Nase brannte, und sie hatte rote Lippen, die gar nicht echt aussahen, sondern wie angemalt mit einem Lippenstift.

Auf dem Stuhl neben der Eingangstür lag dann ihr feines Kleid, das sie sonst nie anhatte, und auf dem Tisch in der Küche lagen manchmal mehrere Geldscheine unter dem Salzstreuer. Ich mochte es nicht, wenn sie so seltsam roch. Dann roch sie nicht mehr nach sich.

Ich öffnete ganz langsam eine Schublade, damit das Holz nicht quietste, und holte zwei Scheiben Toast hervor und bestrich beide dünn mit Erdnussbutter. Ich nahm extra wenig von der Erdnussbutter, damit das Glas länger hielt. Bald bekam sie wieder die bunten Essensmarken und wir konnten damit einkaufen. Das war toll, denn dann durfte ich mir auch immer was aussuchen.

Ich kaute langsam auf dem harten Toast, während ich mich auf die Zehenspitzen stellte, um aus dem kleinen Küchenfenster zu schauen. Unser Zuhause war eigentlich gar kein echtes Haus, sondern ein langer, silberner Kasten mit Rädern, die tief im trockenen Dreck steckten. Alle hier nannten es einen Trailer, aber für mich war es ein riesiges Raumschiff, das nur vergessen hatte, wegzufliegen. Und manchmal stellte ich mir vor, dass wir damit wegflogen. So wie die Vögel. Sie das ja auch immer machten.

Drinnen war alles ganz nah beieinander. Wenn ich vom Küchentisch einen Schritt nach links machte, stand ich schon im Wohnzimmer, wo das alte Sofa stand, dessen Stoff an der Seite aufgeplatzt war, sodass der gelbe Schaumstoff herausschaute wie ein versteckter Bauch. Mum hatte ein buntes Tuch darübergelegt, damit man es nicht sah. Über dem Fernseher hing ein schiefes Bild mit Bergen, die spitz in den blauen Himmel stachen, und wenn draußen die großen Laster vorbeidonnerten, wackelte der ganze Boden unter meinen Socken, als würde das Raumschiff gleich abheben. Doch da tat es nie. Egal, wie oft es ich es mir wünschte.

Mein Zimmer war winzig klein, kaum breiter als mein Bett, und das Fenster konnte man nie ganz aufmachen, weil der Riegel klemmte.

Jetzt im Sommer stank es im Gang immer ein bisschen nach heißem Blech und schwerem, süßem Deo, das Mum benutzte, aber ich kannte jede schiefe Diele im Flur, die knarrte, wenn man nicht aufpasste. Ich mochte unser Raumschiff. Nur wenn der Wind nachts ganz laut gegen das Blech hämmerte und Mum lange weg war, kroch ich in ihr Bett. Sie ließ mich öfter alleine. Früher hatte sie mich manchmal bei Menschen abgegeben, zu denen ich keinen Namen hatte und die Gesichter waren verblasst.

Ich drückte das Gesicht an die kalte Fensterscheibe und sah den anderen Kindern nach, wie sie lachend zur großen Straße rannten, um in den großen, gelben Bus zu klettern. Sie trugen bunte Rucksäcke auf dem Rücken. Sie fuhren in die Schule, während ich noch nie in einer echten Schule gesessen hatte. Mum sagte immer, das sei nicht nötig, weil wir Nomaden sind – wir bleiben nie lange an einem Ort, und Nomaden brauchen keine Klassenzimmer. Stattdessen brachte sie mir das Lesen abends am wackeligen Küchentisch bei, wenn das Licht der Lampe flackerte. Manchmal wünschte ich mir trotzdem, ich hätte auch so einen bunten Rucksack, statt nur meine Kiste mit dem wenigen Spielzeug, und jedes Mal, wenn das Wort Weiterziehen fiel, kribbelte es in meinem Bauch: teils vor Angst, weil wir wieder flüchten mussten, teils, weil ich neugierig war, was hinter dem nächsten Hügel lag.

Immer wenn ich sie fragte, warum wir flohen, sagte sie: „Mach dir keine Sorgen mein Liebling. Sie dürfen nur nicht wissen, wo wir sind.“

Und doch machte ich mir Sorgen um Mum. Manchmal sah sie mich seltsam an, wenn sie mir über die Wange streichelte und es war seltsam für mich, dass mich außer ihr niemand Noah nennen durfte.

Ich sollte draußen immer Max sagen. Dabei mochte ich Noah viel lieber. Doch Mama sagte immer, niemand dürfe meinen ersten Namen wissen.

Ich mochte das Umziehen nicht mehr. Früher war es spannend, und nun war es einfach blöd. Nie fand ich wirklich Freunde, und noch nie war ich auf einem Geburtstag eingeladen. Ich wollte gerne mal auf einen Geburtstag gehen – Kuchen essen und mit anderen Kindern lachen. Aber wir hatten ja keinen, der uns einlud. Es gab nur uns zwei. Sie und mich.

Wenn ich sie früher nach Papa gefragt hatte, strich sie mir immer über die Haare und sagte mit dieser leisen, traurigen Stimme: „Dein Papa ist ein sehr gefährlicher Mann, Noah. Deswegen müssen wir uns verstecken, und deswegen gibt es auf der ganzen Welt nur dich und mich. Er ist ein dunkler König Noah. Du darfst nicht zu ihm.“ Damals verstand ich das nicht richtig. Ich wusste nur, dass ich keinen Papa vermisste, solange ich sie hatte.

Ich krabbelte zu ihr ins Bett. Sie schlief noch tief, als ich mich vorsichtig über sie beugte. Ich sah blaue Flecken an ihrem Oberarm. Das hatte sie häufig. Ich berührte sie nicht, um sie nicht zu erschrecken. Plötzlich keuchte sie trotzdem auf und zuckte so heftig zusammen, als hätte man sie geschlagen. Sie starrte mich an, und bevor sie ganz wach war, flüsterte sie mit erstickter Stimme: „Lorenzo…“

Verwirrt sah ich sie an. Erst da schien meine Mummy richtig zu begreifen. Sie setzte sich auf, und erschrocken sah ich, wie Tränen in ihren Augen standen. Ich hasste es, sie weinen zu sehen, und sofort brannten auch meine eigenen Augen. Ich rückte ganz nah an sie heran und legte meine kleine Hand auf ihren Arm.

„War das ein böser Mann, Mummy?“ Ich kannte das schon. Manchmal hatte sie morgens geweint, wenn sie nach Hause kam. Sie stieg nachts zu fremden Leuten in die Autos, und weil sie diesen Namen sonst nie sagte, wenn sie von den Autos erzählte, musste dieser Lorenzo einer dieser komischen Bekannten sein, von denen sie mir nie erzählte.

„Oh, Noah“, flüsterte Mummy. Sie strich mir über die Wange. Ihr Blick war so traurig und gleichzeitig so fest, als sie mich liebevoll anlächelte. Ich verstand nicht was los war, aber als sie mich umarmte und ich ihren Herzschlag an meiner Wange spürte, war für mich alles okay.

Mum atmete tief aus, strich sich das zerknitterte Haar aus dem Gesicht und lächelte dieses müde, feste Lächeln, das immer bedeutete: Alles ist gut. Sie machte sich fertig für den Tag. Zähneputzen, Haare kämmen, anziehen. Was man halt so machen musste. Dann schnappte sie sich die Geldscheine, die unter dem Salzstreuer lagen, steckte sie in ihren Anorak und nahm meine Hand. Gesprochen hatte sie an diesem Morgen wieder wenig. Sie sprach nie viel, wenn sie die Abende bei ihren Bekannten war.

Wir verließen das schmale Raumschiff und liefen die staubige Schotterstraße entlang, vorbei an anderen rostenden Trailern, bei denen im trockenen Gras Plastiktüten hingen. Die Luft schmeckte nach heißem Staub und Abgasen. An der Hauptstraße, wo die großen Laster mit lautem Dröhnen vorbeirasten, stand der kleine Laden. Er hatte ein schiefes Schild, auf dem in verblasster roter Farbe Dollar General stand. Das Glas der Eingangstür war mit einem breiten Klebeband über Kreuz festgeklebt, weil ein Riss hindurchging.

Als wir hineingingen, schlug uns sofort der Geruch von kaltem Neonlicht, billiger Seife und altem Karton entgegen. Es war eng zwischen den Regalen, die bis oben hin vollgestopft waren mit bunten Pappschachteln, Plastiktüten und Konservendosen. Keine frischen Äpfel oder grüner Salat – hier gab es nur Sachen, die lange halten mussten.

Sie hatte alles Wichtige eingepackt und ging direkt zu dem Mann hinter der Theke, der eine graue Arbeitsjacke trug und ein kleines Radio auf dem Tresen stehen hatte, aus dem leise Musik quäkte. Sie legte die abgegriffenen Scheine aus der Nacht auf die abgegriffene Theke. Der Mann musterte sie kurz mit einem kühlen Blick, sagte nichts, sondern zählte das Geld mit langsamen, groben Fingern nach. Mum wirkte in diesem Moment so winzig und dünn neben der großen Kasse, und ich drückte ihre Hand ein bisschen fester. Ich sah genau hin, wie viele Scheine übrig blieben.

„Du darfst dir was aussuchen, Max“, flüsterte sie leise herunter und strich mir über die Schulter.

Ich sah sie kurz fragend an, ob das wirklich okay war. Dann ließ ich ihre Hand los und sauste zu den Regalen. Meine Augen wanderten gierig über die bunten Verpackungen. Neben den grauen Dosen gab es eine ganze Abteilung mit Süßigkeiten, die in schreiendem Rot, Blau und Gelb leuchteten. Ich blieb vor einem kleinen Karton stehen, in dem die runden Lutscher steckten. Sie hatten Muster wie bunte Wirbelwinde und waren eingepackt in durchsichtige Folie, die im Licht der Neonröhren glitzerte. Oder wollte ich doch lieber Schokolade? Nein! Ein Lutscher – heute mochte ich es bunt! Außerdem war der Lutscher bestimmt billiger als die Schokolade.

Ich zog vorsichtig an Mums Kleidung und zeigte mit dem Finger darauf. Sie nickte kurz, und während der Mann an der Kasse einen großen Sack Mehl und ein paar braune Konservendosen in eine Plastiktüte warf, legte er den roten Lutscher stumm dazu.

Draußen auf dem kaputten Bürgersteig packte Mum meine Hand wieder fest. Ich riss die Folie von dem Lutscher, steckte ihn mir in den Mund und schmeckte sofort künstliche Kirsche und ganz viel süßen Zucker. Der Schreck aus dem Bett war mit jedem Schritt weiter weg, während der Lutscher meine Zunge rot färbte. Ich fragte Mummy, ob meine Zunge rot sei, und sie lachte leise, als sie bejahte. So schlecht ist es hier gar nicht, dachte ich mir.

Ich half Mummy beim Tragen der schweren Plastiktüte, schaute an ihrem Bein hoch und fragte: „Können wir nicht einfach mal ganz lange hierbleiben? Unser Raumschiff ist doch eigentlich voll gemütlich.“

Sie schaute mich mit ihren warmen, hellbraunen Augen an, strich sich eine kastanienbraune Strähne aus dem Gesicht und lächelte so traurig, dass mein Bauch komisch wurde. „Ach, mein Schatz... Du weißt doch, dass das nicht geht... Er darf uns nicht finden... Niemals. Sonst nimmt er dich mir weg.“

Ich hasste diesen Satz. Ich verstand ihn nicht richtig, aber er klang so schwer wie ein dicker Stein. Wenn er uns fand, würde er mich wegtreiben wie einen Luftballon. Ich wusste nur, dass ich schreckliche Angst vor diesem Mann haben musste, obwohl ich gar nicht wusste, wer er sein sollte oder wie er guckte.

Während wir an der großen Straße standen und auf das grüne Männchen warteten, zog ich an ihrem Ärmel und fragte ganz leise: „Mummy... wer ist er denn eigentlich? Und wie sieht der böse Mann aus?“

Mum blieb auf der Stelle stehen. Das Ampelmännchen wurde grün, aber wir gingen nicht los. Sie starrte auf den grauen Asphalt, und ihre Hände, die die Plastiktüte hielten, verkrampften sich so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Sie schluckte schwer, als ob ihr etwas im Hals stecken würde, und ging erst weiter, als ein Auto hinter uns ungeduldig hupte.

Ohne mich anzusehen, sagte sie mit dieser ganz leisen, zitternden Stimme: „Er sieht aus wie ein König, Noah. Aber einer, der keine Herzen hat. Er hat Augen wie Eis und ein Lächeln, das dir sagt, dass er alles auf der Welt besitzt – auch uns. Und wenn er spricht, klingt es wie ein Befehl, dem man gehorchen muss. Deshalb dürfen wir ihm niemals zeigen, wo wir sind. Denn für ihn sind wir kein Mensch... wir sind nur etwas, das er verloren hat und zurückhaben will.“

Sie kniete sich plötzlich vor mir auf den dreckigen Bürgersteig, packte meine Schultern und schaute mir so tief in die Augen, dass mir ganz schwindelig wurde.

„Und deswegen müssen wir gehen, Darling. Wir sind nicht sicher, wenn wir lange irgendwo sind“, murmelte sie und stand auf und ich folgte ihr schnell.

„Woher kennst du diesen König?“, wollte ich wissen und stellte mir gerade einen Mann mit einer Robe und einer Krone vor.

„Das kann ich dir nicht sagen, mein Schatz“, meinte sie leise und drehte sich zu mir und sah mir in die Augen. Sie zog zitternd die Luft ein und ich hasste es, wenn sie das tat, denn Mummy sollte keine Angst haben.

Ich rannte zwei schnellen Schritten hinterher, um mit ihrem großen Tempo Schritt zu halten, während die Plastiktüte in ihrer Hand rasselte.

„Aber... wenn er ein König ist, hat er doch bestimmt ein Schloss“, platzte es aus mir heraus, während wir wieder an den rostigen Trailern vorbeikamen. „Warum wohnt er dann nicht da und wir bleiben hier?“

Mum blieb abrupt stehen. Ihre Augen wurden ganz fern und gläsern, und ihre Lippen bebten leicht, bevor sie wieder versuchte, mir ein mattes Lächeln zu schenken. Sie ging in die Knie, nahm mein Gesicht in ihre Hände – ihre Daumen strichen sanft über meine Wangen, als wollte sie mich festhalten, falls der Wind uns wegpustete.

„Er hat kein echtes Schloss, Noah“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang ganz weit weg, fast so, als würde sie mit sich selbst reden. „Sein ‚Schloss‘ ist die Stadt. Alles gehört ihm. Jede Straße, jedes Auto, jede Tür. Und wenn er einen Fehler findet, korrigiert er ihn. Wir… wir sind ein Fehler. Er glaubt du gehörst ihm, aber du gehörst nur dir Noah.“

Ich sollte jemanden gehören? Ich war doch kein Spielzeug. Und ich war kein Fehler. Ich war einfach nur Max, wenn wir draußen waren, und Noah, wenn wir ganz leise im Bett lagen. Aber ich nickte trotzdem, weil ich sah, wie weh es tat, wenn ihre Augen so glasig wurden.

„Deshalb müssen wir schnell sein, Max“, sagte sie und benutzte wieder diesen Namen, den ich so gar nicht mochte. Sie stand auf, wischte sich unauffällig mit dem Handrücken über die Augen und zog mich fester an der Hand. „Ganz schnell.“

Als wir wieder im Raumschiff waren, setzte ich mich an den wackeligen Küchentisch und wir übten das Schreiben. Lesen konnte ich bereits, auch wenn die Buchstaben manchmal noch tanzten. Am liebsten las ich selbst, oder ich ließ mir von Mummy vorlesen. Das war die beste Zeit am Tag. Wenn sie las, war die Angst aus ihren Augen verschwunden, ihre Schultern sackten nach unten und sie wirkte ganz friedlich.

Wir kuschelten uns dann auf das alte Sofa mit dem herausgeschauten Schaumstoffbauch, und es war, als würden wir in ein richtiges Raumschiff steigen und zu den Sternen fliegen. Mum konnte nämlich toll vorlesen. Sie verstellte immer die Stimmen für die verschiedenen Figuren – mal klang sie wie ein brummender Bär, mal wie eine winzige Maus. Es war so spannend, dass ich oft gar nicht merkte, wie meine Augen schwer wurden und ich einfach in ihren Armen einschlief.

Heute aber waren wir wach. Dafür war Mathe dran, und Mathe war doof. Das Plusrechnen ging ja noch, das war logisch, aber der Rest war einfach nur anstrengend. Nach einer Weile starrte ich nur noch auf die Bleistiftspitze, bis mein Kopf brummte.

„Darf ich raus zu den Schaukeln?“, fragte ich und schob das Heft weg.

Ich sah genau, wie müde Mummy war. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und als sie den Bleistift weglegte, zitterten ihre Finger ein ganz klein wenig. Sie rieb sich die Stirn, sah mich an und nickte schließlich matt.

„Aber bleib in der Nähe, Max“, flüsterte sie mit ganz leiser Stimme.

Ich hüpfte von der Holzbank, sprang die drei schmalen Metallstufen unseres Trailers hinunter und rannte rüber zu den verrosteten Schaukeln am Rand des staubigen Platzes. Die Ketten quietschten bei jeder Bewegung wie rostende Gelenke, und die orangefarbene Rutsche glühte in der Mittagssonne. Niemand sonst war da – die anderen Kinder waren in der Schule oder drinnen.

Ich setzte mich auf den kalten Gummisitz der Schaukel, stieß mich mit den Beinen ab und schwang mich so hoch ich konnte, bis der kalte Wind in meinen Haaren zerrte und das Quietschen laut durch den Trailerpark hallte. Ein Überschlag! Ich hatte mal im Fernsehen gesehen, wie Akrobaten das machten. Ich warf den Oberkörper nach hinten und versuchte, Schwung zu holen – doch der Gummisitz rutschte mir weg, und ich landete mit einem dumpfen, schmerzhaften Plumps im trockenen Dreck.

Ich schluckte kurz den Schreck herunter, klopfte mir den Staub von den Knien und atmete durch. Egal, wehgetan hatte es nicht.

Stattdessen lief ich zur Rutsche, packte die glatten Seiten und kletterte sie verbotenerweise von unten nach oben hoch, die Knie tief in den Kunststoff gedrückt. Als ich oben an der Kante ankam, zog sich mein Magen schlagartig zusammen.

Ein Stück weiter drüben, fast im Schatten eines alten, verlassenen Wohnwagens, stand ein Fremder. Er trug eine dunkle Sonnenbrille und eine schwere schwarze Jacke, obwohl es warm war, und in seinen Händen hielt er einen dicken, schwarzen Kasten mit einem langen Glasauge, das direkt auf mich gerichtet war. Eine Kamera.

Ein kalter Schreck schoss mir durch die Brust. Das Glasauge machte ein leises Klick. Mums Stimme dröhnte sofort in meinem Kopf: Niemand darf Fotos machen. Niemand. Er darf uns nicht finden.

Ich blieb wie gelähmt auf der Rutsche sitzen. Mein Herz klopfte so wild gegen meine Rippen, dass es im Hals wehtat. Der Mann hinter der Sonnenbrille machte noch einen Schritt. Ich wartete nicht ab. Ich ließ mich rückwärts von der Rutsche gleiten, landete schief im Dreck und rannte los, ohne mich noch einmal umzudrehen. So schnell mich meine Beine trugen, hetzte ich über den staubigen Boden, rannte die drei Metallstufen unseres Trailers hinunter und riss die Tür auf.

„Mum!“, rief ich atemlos, als ich hineinstürzte.

Mum lag auf dem alten Sofa, den Kopf auf dem bunten Tuch abgelegt. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen, die Arme schwer herabgehangen. Ich lief sofort zu ihr rüber und schüttelte sie an der Schulter. Erst zaghaft, dann kräftiger, weil sie nicht gleich die Augen aufmachte.

„Mummy, wach auf! Mummy!“

Sie keuchte leise auf, fuhr erschrocken hoch und riss die Augen auf. Ihr Blick war erst verwirrt, dann fixierte sie mich. Ihre Schultern blieben ganz steif.

„Max...? Was ist denn, Schatz?“, fragte sie mit rauer Stimme und strich sich über die Augen.

Ich konnte kaum stillstehen, meine Beine zitterten ein bisschen vor Aufregung. „Da war ein Mann!“, sprudelte es aus mir heraus, und ich gestikulierte wild mit den Händen Richtung Tür. „Er hat mit einem schwarzen Kasten da drüben gestanden und Fotos von mir gemacht! Auf dem Spielplatz! Ich hatte solche Angst und bin sofort weggerannt.“

Ich stoppte kurz, weil mir einfiel, was sie vorhin auf dem Bürgersteig gesagt hatte. Mein Blick wurde groß und ängstlich.

„Mummy... ist das dieser König? Von dem du mir erzählt hast? Hat er uns gefunden?“

In der Sekunde, in der diese Worte über meine Lippen rollten, schien im Trailer die Luft komplett stehen zu bleiben. Mums Gesicht verlor schlagartig jede Farbe. Ihre Augen wurden riesig, und das weiche, müde Lächeln von eben war wie weggewischt. Sie packte meine Schultern so fest, dass es fast ein bisschen wehtat, und starrte mich an, als würde sie mich durchbohren wollen.

„Du hast... er hat dich fotografiert?“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang plötzlich so unheimlich dünn und zitternd, dass mir augenblicklich das Herz in die Hose rutschte. „Genau hier? Heute?“

Sie wartete meine Antwort gar nicht ab. Sie ließ mich los, sprang vom Sofa auf, dass das Holz quietschte, und starrte wie von Sinnen aus dem kleinen Küchenfenster hinaus auf den staubigen Platz, wo eben noch der Mann gestanden hatte. Ihre Hände flogen an ihren Mund, und zum ersten Mal sah ich pure, panische Angst in ihren Augen – eine Angst, die viel schlimmer war als die Tränen heute Morgen im Bett.

„Wir müssen weg“, flüsterte sie mit erstickter Stimme, während sie sich mit zitternden Händen durch die Haare fuhr. „Sofort. Noah, wir packen.“

Ich hatte nicht einmal Zeit, traurig zu sein oder mich von meinem Spielzeug zu verabschieden. So schnell, wie Mum plötzlich handelte, wirbelte der ganze Wind der Panik durch unseren kleinen Trailer. Es gab keine Sekunde zum Nachdenken, denn wenn Mum diesen bestimmten Blick im Gesicht hatte, zählte jede einzelne Minute.

Wir hatten ohnehin nicht viel, und so war alles in ein paar schnellen Handgriffen in unsere abgewetzten Taschen gestopft. Mum rannte kurz zum Schrank über dem Spülbecken, und während ich zusah, holte sie eine kleine, zerkratzte Blechdose hervor. Darin lag ihr kostbarster Schatz: ein kleiner Stapel Fotos. Bilder von Menschen, die ich nie kennengelernt hatte. Von Grandma und Grandpa, die laut Mum schon lange im Himmel bei Gott waren, und von Leuten, die wohl mal Freunde gewesen waren – aber für mich blieben sie fremde Gesichter auf Papier, weil sie in meinem Leben nie vorkamen. Mum strich mit zitternden Fingern über den Rand der Bilder, bevor sie die Dose ganz unten in ihren Rucksack drückte.

Geld war bei uns immer knapp, aber Mum hatte irgendwo in den geheimen Ecken unseres Zuhause immer einen eisernen Notgroschen versteckt. Das musste so sein, denn oft genug mussten wir genau auf diese Weise aufbrechen: Hals über Kopf, ohne Vorwarnung, um irgendwo am Rande der Stadt ein altes, klappriges Auto zu mieten.

Wenig später saß ich hinten auf der Rückbank unseres alten rostigen Wagens. Der Sitz roch nach staubigem Teppich und billigem Lufterfrischer. Als wir den Trailerpark hinter uns ließen und das silberne Raumschiff im Rückspiegel immer kleiner wurde, bis es zwischen den anderen Schrottautos verschwand, zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen. Ich presste das Gesicht gegen die kalte Seitenscheibe und fragte mich traurig, wie unser nächstes Zuhause wohl aussehen würde. Wieder ein Kasten auf Rädern? Oder etwas ganz anderes? Oder mal wieder ein Motel? Die mochte ich nicht, denn da war es oft sehr laut.

Ich drehte mich nach vorne zu Mum, die mit starrem Blick und fest um das Lenkrad gelegten Händen die Straße beobachtete. Um sie ein wenig aufheitern und den dicken Kloß in meinem Hals wegzubekommen, lehnte ich mich nach vorne und fragte mit leiser Stimme:

„Glaubst du, wir können diesmal in einem echten Baumhaus wohnen?“

Für eine Sekunde hielt ich den Atem an. Doch zu meiner großen Erleichterung passierte etwas Wundersames: Mums angespannte Schultern zuckten plötzlich nach oben, und ein kurzes, echtes Lachen drang über ihre Lippen. Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf, warf mir über den Innenspiegel einen warmen, unendlich liebevollen Blick zu und sagte sanft: „Wer weiß, mein kleiner Schatz... Vielleicht finden wir ja eins.“

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Strong Dialog

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