Dunkles Land

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Summary

Vor vielen Jahrhunderten viel Dunkelheit über Tallând. Seither bringen Dämonen Tod und Verderben über das Land. Nun setzen zwei Fremde aus, um die Schrecken der Nacht zu bekämpfen. Vor vielen Jahrhunderten verschlang eine Säule lebendiger Schwärze die Sonne. Von jenem Tag an sollten Wolken den Himmel bedecken.  ​Doch mit der großen Sonnenfinsternis legte sich nicht nur Dunkelheit über das Land: Dämonen fielen in Tallând ein und brachten seinen Bewohnern Tod und Verderben.  ​Verängstigt und geschlagen suchten die letzten Überlebenden Zuflucht in Höhlen und Wäldern. ​Jahrhunderte später ist der blaue Himmel von einst vergessen, die Sonne ist nur noch Teil alter Legenden. Und die Schrecken der Nacht ziehen weiterhin durchs Land, stets auf der Suche nach neuen Opfern.

Status
Ongoing
Chapters
10
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog

379 a.C. (anno Caliginis);

Zeitrechnung der Wanderer

152. Nacht,

Zeit der mittleren Nachtwache

Irgendwo in der Stadt der Toten

Wenn Licht einst ist vergangen, oh, fürchtet die Schatten in der Dunkelheit!

-Unbekannt

Die Überreste der Stadt lagen wie abgenagtes Gerippe in der Dunkelheit. Hie und da zeugten sorgsam behauene Quader und Verzierungen von der einstigen Pracht der Gebäude. Doch die neuen Bewohner, die nun spinnengleich durch die Ruinen kletterten, interessierten sich nicht für die Kunst der Menschen. Chaos und Zerstörung hatten Einzug in die Stadt gehalten. Trümmer versanken im Morast. Kot und andere undefinierbare Ausscheidungen besudelten die Gedenkstätten vergessener Götter. Und auf dem zentralen Platz, einst Bühne für Marktschreier und Schausteller, erhob sich ein gespenstisch weißes Bauwerk, zu dessen Füßen Nebelschwaden glommen.

In der Nähe des verlassenen Marktplatzes drückte sich eine Gestalt in die Schatten, die nicht gänzlich zu den restlichen Bewohnern der Stadt passen wollte. Vom Alter dunkles Leder auf ebenholzfarbener Haut verwischte die Umrisse des Besuchers in der Schwärze der Nacht. Wie ein Dieb auf Beutejagd drückte sich die Gestalt in den Winkel einer halb verfallenen Mauer. Zu anderer Zeit hatte sie wohl ein edles Herrenhaus umzäunt, nun versteckte sie den Eindringling vor aufmerksamen Blicken.

In der Stadt herrschte eine unnatürliche Hitze. Sie musste magischen Ursprungs sein, denn das Land war zuletzt vor Jahrhunderten von Sonnenstrahlen erwärmt worden und hätte längst von Eis überzogen sein müssen. Dieses jedoch sah man nur im Gebirge, dessen Gipfel einen ewigen Kampf mit schweren Wolkenmassen ausfochten. Zu welcher Zeit man den Blick auch zum Horizont wandte, stets leckten Blitze an den steinernen Kronen.

Die Hitze der Stadt ließ auch den ungeladenen Gast nicht unbeeindruckt. Schweiß drückte sich aus seinen Poren und vermischte sich mit einer stinkenden Paste aus Todeswurz und Wirrkraut. Der Verwesungsgeruch, der ihm entsprang, sollte die feinen Nasen der Kreaturen täuschen, die ihre spitzen Zähne nur allzu gern im Fleisch unvorsichtiger Beute versenkten. Der Lederharnisch, welche noch zu groß für die schmale Brust war, hätte ihnen nur wenig entgegenzusetzen. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass ehrliche Sorge die noch kindlichen Augen verdunkelte.

Er war am Arsch. Und er war selbst schuld.

Statt mehr oder weniger sicher in einer Astgabel zu liegen und Bucheckern zu knacken, kauerte er hier an dieser verfallenen Mauer und befand sich viel tiefer in feindlichem Territorium, als er geplant hatte. Sollte er versuchen unbemerkt ein Stück des Weges zurück zu schleichen? Alles hinschmeißen? Zweifelnd runzelte er die Stirn. Dafür war es längst zu spät. Die Wirkung der Todeswurzpaste würde bald nachlassen und dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Dämonen ihn zehn Meter gegen den Wind rochen. Vermutlich würde er nicht einmal zurückfinden. Dass sein Orientierungssinn in der Stadt ähnlich gut war wie der eines blinden Ebers, hatte sich ja schon gezeigt. Es gab genau zwei Möglichkeiten: Er konnte als Krieger sterben oder er konnte als Feigling sterben. Starb er im Kampf, nahm er wenigstens ein paar dieser abscheulichen Kreaturen mit in den Tod.

Wenige Schritte vor ihm zog sich ein Riss durch die Mauer, der sich trichterförmig nach oben ausweitete. Das Fundament lag hier höher als die Straße. Wenn er es geschickt anstellte und den richtigen Moment abwartete, könnte er sich von dort auf einen der Dämonen stürzen, die durch die unheilige Stadt patrouillierten. Er schluckte hart. Todesangst rüttelte an seinen Gliedern. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen.

Ein fremdartiges Gurgeln erregte seine Aufmerksamkeit. Sein Herz klopfte hart in seiner Brust. Mühsam kämpfte er den Drang nieder, die Beine in die Hand zu nehmen und als trauriges Beispiel für Dummheit in die Geschichte einzugehen. Genauso hatte es geklungen, als seine Mutter mit aufgeschlitzter Kehle zu sprechen versucht hatte. Und genauso klangen die Ash’Khanarr. Einer oder mehrere von ihnen näherten sich. Plötzlich war sein Kopf wie leer gefegt. Jetzt oder nie. Er sprang.

Die Wucht des Aufpralls trieb den kleinen Dolch, mit dem er sonst Hasen das Fell über die Ohren zog, tief in das Gehirn seines Opfers. Der unglückliche Besitzer war ein Greckal, eine besonders widerwärtige Art der Ash’Khanarr. Ein Kreischen ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Ohne seinem Dolch noch einen weiteren Gedanken zu schenken, wirbelte er herum. Ein weiterer Greckal stand vor ihm. Er hatte das Maul weit aufgerissen und ermöglichte dem Jungen so einen ungehinderten Blick auf enge Reihen spitzer Zähne, die sich bis in den Rachen fortsetzten. Ausgetrockneten Würmern gleich waren die Lippen der Kreatur weit zurückgezogen, zu verschrumpelt, um sich je wirklich schließen zu können. Das grausame Grinsen dieser Dämonen hatte den Jungen schon oft bis in seine Alpträume verfolgt.

Im Zentrum der Fratze fand sich ein fleischig rotes Loch - für eine Nase hatte oberhalb des Mauls wohl einfach der Platz gefehlt. Stinkende Pusteln und Abszesse übersäten fahle Haut, die die Farbe zu lange nicht gewaschener Leinen hatte. Der Greckal vor ihm war etwas größer als jener, der eben still zusammenbrach. Wie üblich für diese Art der Ash’Khanarr wirkte der haarlose Kopf etwas zu groß und schwer für den Körper. Wie eine solch magere Brust Ursprung eines derart durchdringenden Kreischens sein konnte, hatte er sich schon oft gefragt. Vermutlich informierte der Greckal gerade die anderen, dass ein Menschling in der Stadt war.

Gerade schloss der Greckal sein Maul und fixierte den kleinen Menschling vor ihm. Die gespaltene Zunge, die eben noch wie von einem eigenen Willen beseelt umher getanzt war, hing schlaff zwischen den spitzen Zähnen heraus. Reflexartig versenkte der Junge seinen Langdolch in der hässlichen Gestalt vor ihm und zog mit der anderen Hand einen weiteren kleinen Dolch aus dem Waffengürtel, den er sich erst vor wenigen Stunden um die Hüfte gebunden hatte.

Sie kamen aus allen Richtungen.

Die Spinnendämonen erreichten ihn zuerst. Sie waren schnell. Acht muskulöse, von Widerhaken besetzte Glieder trugen sie in Windeseile über jedes Hindernis. Er war überrascht, als er die Dämonen auf sich zu kommen sah, ihre schwarzgraue Haut musste sie auf dem Hinweg für seine Blicke unsichtbar gemacht haben. Hätte er versucht, die Stadt zu verlassen, wäre er ihnen blind in die Kieferzangen gelaufen.

Auf ihre Hinterbeine aufgerichtet, hackten sie mit klauenbewehrten Vorderläufen nach ihm. Doch so schnell und kraftvoll ihre Angriffe auch waren, er war schneller. Nicht umsonst war er im Trupp für seine waghalsigen Sprints und Klettermanöver im Wald bekannt. Geschickt duckte er sich unter den Hieben hinweg, rollte außer Reichweite und sprang zielsicher auf Mauerreste und umgestürzte Statuen, nur um sich von dort sogleich auf einzelne Gegner zu stürzen. Dennoch musste er vorsichtig sein. Sobald er einem der Spinnendämonen zu nahe kam, schnappten Kieferzangen nach ihm, die in ansonsten seltsam menschlich wirkenden Gesichtern prangten.

Immer mehr Dämonen kamen heran und zu seinem Pech handelte es sich bei den wenigsten um Schlüpflinge, die ihm gerade Mal zu den Knien reichten. Die meisten der Kreaturen waren ausgewachsen und überragten ihn nicht selten um mehr als Haupteslänge. Längst hatte er begriffen, dass er den Kampfplatz nicht lebend verlassen würde. Mit schwindenden Kräften würde er immer ungeschickter und langsamer werden und nur seinem Geschick verdankte er es, dass er überhaupt noch stand.

Leises Bedauern versetze ihm einen Stich. Vor wenigen Stunden hatte er wohl das letzte Mal Bäume erklommen. Er würde es vermissen, sich von Ast zu Ast zu schwingen und den Wind in seinen Haaren zu spüren. Wieder sauste eine Klaue auf in herab. Schon jetzt wurden seine Bewegungen langsamer und der Abstand zwischen Klaue und ihm immer kleiner. Beißender Schmerz ließ ihn aufstöhnen. Eines der Jungtiere hatte die Ablenkung genutzt und sich in seiner Wade verbissen. In einer fließenden Bewegung wirbelte er herum, riss das attackierte Bein hoch und donnerte es einem heranstürmenden Greckal mitsamt dem Zusatzgewicht in die hässliche Fratze. Das überraschte Quietschen, das der Getroffene von sich gab, als der Schlüpfling in seinem Gesicht zerplatze, brachte den Jungen fast zum Lachen.

Immer mehr Dämonen strömten herbei. Es dauerte nicht lange, bis sie dicht an dicht standen und ihm den Platz für größere Ausweichmanöver raubten. Er konnte sich unter den Klauen und Krallen nur noch hinwegducken und versuchen, die Angreifer mithilfe seiner Dolche auf Abstand zu halten. Hektisch fuchtelte er mit seinen Waffen herum und zerschnitt dabei mehr Luft als Fleisch. Dennoch tränkte immer mehr Dämonenblut den Boden. Er selbst verursachte zwar nur wenige Treffer, doch in ihrer blinden Raserei achteten die Ash’Khanarr nicht darauf, wen oder was sie verletzten und trafen dabei nicht selten ihre Brüder und Schwestern.

Mittlerweile bereute er, dass er die viel zu große Lederrüstung angezogen hatte. Ihr Gewicht war ungewohnt und zerrte zusätzlich an seinen Kräften. Immer häufiger trafen ihn Schläge, denen er sonst mit Leichtigkeit ausgewichen wäre. Wieder sauste ein Hieb auf ihn hinab, dem er nur um Haaresbreite entkam. Er keuchte heftig, seine Bewegungen erlahmten. Die Ash’Khanarr zischten siegessicher. Auf ihren Fratzen breitete sich ein triumphierendes Grinsen aus. Stinkender Geifer tropfte von den Kieferzangen der Spinnendämonen, die lilafarbenen Zungen der Greckals schlugen erwartungsfroh durch die Luft.

Der Kreis der dunklen Leiber verengte sich zusehends und jeder Ausfall, jedes Ducken, jede Bewegung erschöpfte ihn mehr. Kraft rann wie Wasser aus seinem Körper. Verzweifelt rang er nach Atem, aber seine Lungen schmerzten und rasselten nur. Ein Schlag traf ihn hart an der Seite, reißender Schmerz nahm ihm die Sicht, blind schlug er nach seinen Angreifern. Reiß dich zusammen, Sidus, dachte er und biss sich auf die Unterlippe. So ein armseliger Treffer, würde ihn doch nicht umhauen! Der schwarze Schleier lichtete sich. Die Dämonen standen in sicherer Entfernung still um ihn herum. Kein Wunder, dass die kurzen Waffen fehlgegangen waren. Was sollte das denn jetzt?

»Kommt schon her, ihr Arschgranaten!«, brüllte er und hob die Dolche kampfbereit. »Oder habt ihr schon genug? War das alles, was ihr drauf habt? Ha! Pissnelken! Habt ihr jetzt Schiss oder wa...«

Schwindel erfasste ihn. Scheiße, was war hier los? Wieso drehte sich alles? Der Treffer eben hatte doch sicher keinen großen Schaden angerichtet. Er hatte doch extra die Lederrüstung angezogen. Irgendeinen Zweck musste die doch haben! Noch immer standen die Dämonen still um ihn herum. Langsam wanderte sein Blick nach unten. Dunkles Blut spritzte im Takt seines Herzens aus einer tiefen Wunde unter seinem Brustkorb. Die Lederrüstung war dort völlig zerfetzt. Sein Darm lag frei. Auch ein Teil der Rippen war zu sehen. Bei dem ganzen Blut, war schwer zu erkennen, was Rüstung, was Gedärm war.

Das war‘s dann wohl, dachte er. Angst verspürte er keine mehr, stattdessen senkte sich eine seltsame Ruhe über ihn. Nichts, was er tat, konnte seinen Tod jetzt noch abwenden. Die Würfel waren gefallen und seine Dolche taten es ihnen gleich. Schmatzend landeten sie im Morast. Unbeteiligt beobachtete er, wie sich seine Hände auf die Wunde legten. Der Schmerz war wie fortgespült. Gleich würden die Ash’Khanarr sich auf ihn stürzen, ihre reißenden Zähne in ihn schlagen, und durstig sein Blut trinken. Vermutlich würde der ein oder andere noch im Kampf um die schmackhaftesten Stücke fallen, doch dann wären seine Knochen schnell abgenagt und die Greckals Würden sich mit kleinen Splittern Haut- und Fleischreste aus den Zähnen pulen.

Nichts dergleichen passierte, die Dämonen blieben still. Wollten die ihm jetzt beim Verbluten zusehen oder wie? Irritiert und fast ein wenig ungeduldig riss er sich vom Anblick des Blutes los, das zwischen seinen Fingern hervorquoll. Die dunklen Leiber der Spinnendämonen fügten sich nahtlos in die schwarze Nacht und verschwammen zu einer einzigen unförmigen Masse. Lediglich ihre schwach glimmenden Augen und die schmutzig weiße Haut der Greckals stachen aus der körperlosen Dunkelheit hervor.

Eine Bewegung ging durch die Kreaturen. In Richtung des Marktplatzes bildete sich ein schmaler Gang. Sie machten Platz für einen sonderbaren Dämon. Sein Körper war, wie der von den Greckals, menschenähnlich, allerdings größer und muskulöser. Und statt eitriger Beulen überzogen ihn rot glimmende Narben, die auf der hellen Haut ein hypnotisierendes Muster bildeten. Im Zentrum einer höhnisch grinsenden Fratze befanden sich amphibienhafte Schlitze, die wohl die Nase der Kreatur darstellen sollten.

Grimmig knirschte der Junge mit den Zähnen. All sein Denken drehte sich darum, den letzten verbliebenen Dolch aus dem Gürtel zu ziehen und ihn in das Herz der herannahenden Kreatur zu stoßen. Die Welt vor seinen Augen drehte sich, ein Strudel drohte ihn mit sich zu nehmen. Ardvinna, noch nicht! Er musste nur noch ein bisschen durchhalten! Mit einem gequälten Stöhnen trieb er seine Finger in die Wunde. Der aufflammende Schmerz riss ihn noch einmal zurück von der Schwelle des Todes. Entschlossen fixierte er die Augen der Kreatur vor ihm und bereute es sofort.

Der Blick des Dämons schien ihn ausziehen, ihm die Haut von seinem Körper, die Muskeln von seinen Knochen zu schälen. Er las in ihm, spürte seinen Hass auf die Ash’Khanarr, die Wut ob der Feigheit seines Trupps, die Eifersucht auf Lek und die Trauer, die er so tief unter alldem begraben hatte.

Der Dämon nickte zufrieden. Was er sah, schien ihm zu gefallen. Breit grinsend jagte er flüssiges Feuer durch Adern und Nervenbahnen seines Opfers, versenkte brennende Klauen in dessen Seele, bis er hatte, was er wollte. Kontrolle. Er suhlte sich in der Trauer des Jungen, missbrauchte sie, befeuerte mit ihr Eifersucht, Wut und Hass. Gequälte Schreie durchschnitten die Luft. Die Stille, die folgte, war umso tiefer.

Der Schmerz war vergangen. Stattdessen pulsierte reinster Hass in seinen Adern. Noch immer unfähig, den Blick von den grausamen Augen vor ihm zu lösen, setzte der einsame Kämpfer mühsam einen Fuß vor den anderen. Der Dämon war fast in Reichweite. Nur noch wenige Schritte trennten den Jungen von seinem Ziel. Weiter. Nur noch ein bisschen durchhalten. Gestank nach Tod, Galle und faulen Eiern kroch ihm in die Nase. Gleich, gleich ist es vorbei. Seine Finger legten sich um den Griff des unscheinbarsten Dolches im Gürtel.

Erneut vernebelte sich sein Blick. Er taumelte. Unaufhörlich strömte Blut aus der Wunde an seiner Seite. Halt suchend ergriff er mit der freien Hand die ledrige Schulter des ungewöhnlichen Dämons. Mit letzter Kraft hob er den Dolch und setzte dessen Spitze auf den Brustkorb vor ihm. Ein freudloses Grinsen legte sich auf seine Lippen. Woher er wusste, wo das Herz des Ash’Khanarr lag und wo die Haut besonders empfindlich war, hinterfragte er nicht. Auch nicht, warum sein Gegenüber ihn einfach gewähren ließ und seine Augen noch immer amüsiert funkelten. Stattdessen verstärkte er den Druck des Messers, die gute Laune würde der Arschgranate schon noch vergehen.

»Stirb!«, presste er hasserfüllt hervor und drückte zu. Wie durch weiche Butter glitt die Klinge durch Haut und fraß sich hungrig in das schlagende Herz. Das unheimliche Grinsen des Ash’Khanarr waren das Letzte, was der Junge sah. Dann schlug tiefe Schwärze über ihm zusammen. Er merkte nicht mehr, dass er im gleichen Augenblick wie sein Opfer auf dem von Blut schleimigen Boden aufprallte.

***

Speichel sammelte sich unter seiner Zunge. Er konnte den Duft des frischen Fleisches nicht länger ignorieren. Hunger. Warm schmiegte es sich an seine Haut. Blut rann an seiner Wirbelsäule herab, kitzelte ihn, machte es ihm unmöglich, nicht an den leckeren Happen auf seinem Rücken zu denken. Fleisch. Fleisch. FLEISCH. Dabei hatte er es sich extra über die Schulter geworfen, die saftigen Fasern aus seinem Blickfeld entfernt. Trotzdem lief er nun bei jedem Schritt Gefahr, seine Zähne in dem Fleisch zu versenken. Nur gucken. Er verdrehte die Augen in den Höhlen. Die Muskeln in seinen Armen spannten sich an, bereit, die dampfende Beute nach vorne zu reißen. Seine Zunge schnellte vor, kostete die vom Fleischgeruch würzige Luft. Nur probie-

Er jaulte auf. Gleißender Schmerz fraß sich in sein Hirn.

»Wage es nicht, Kreatur!«

Knurrend bleckte er die Zähne in Richtung der Gestalt, die sich mit arroganter Miene schon wieder abwandte. Frick hasst dummen Raët! Frick sollte Hunger mit Raëts neuer Hülle stillen! Sie sah schwach aus, die Hülle. Es wäre ein Leichtes, sie zu zerfetzen. Erneut drehte Raët sich um, wieder hatte er ein höhnisches Grinsen auf den Lippen, wieder taumelte Frick vor Schmerz. Dieses Mal war er stark genug, um den Greckal sein Vorhaben vergessen zu lassen. Zunächst.

Endlich erreichten sie ihr Ziel. Raët bildete die Spitze ihrer kleinen Prozession. Sein erhobener Kopf, die stolzgeschwellte Brust passten zu dem großen Krieger, als der er das Nest bei Anbruch der Nacht verlassen hatte, bei der nun ausgemergelten Gestalt wirkte es unpassend, lachhaft. Frick verstand nicht, warum Raët diese Hülle auserwählt hatte. Obwohl er zugeben musste, dass der Winzling überraschend viele von seinen Brüdern und Schwestern getötet hatte.

Frick störte das nicht. So gab es mehr Fleisch, mehr Fressen. Vielleicht blieb ja dieses Mal etwas für ihn übrig. Er und seine Geschwister hatten ihre Blicke starr auf den Boden gerichtet. Die pudrige Schicht zu ihren Füßen blieb an ihrer noch feuchten Haut kleben. Einst war der Staub weiß gewesen, mittlerweile hatten vergangene Fütterungen ihn weitflächig grau und braun gefärbt. Nur nahe der Wände war die einst hell weiße Färbung noch zu erahnen. Ein metallischer Geschmack lag in der Luft und ließ Fricks Magen erneut protestieren. Ein klirrendes Säuseln ließ ihn frösteln und seinen Hunger vergessen.

»Ichhh ssssehe, ihrrrr bringt mirrr Fleischh, meine Kinderrr. Und du, Raëth ças Morrrrhh, hasssst eine neue Hüllllee gewählt. Eine sseltsame Wahl. Ssie wirrrkt etwas schwächlichh, mein Sohn.«

»Sie sieht recht, Mutter. Das habe ich. Die Gestalt vor Ihr war ein Wanderer. Sein Wissen wird uns helfen, die Wege der Wanderer zu verstehen. Wir werden sie endgültig vernichten.«

Die Mutter der Ash’Khanarr zischte leise und blickte forschend zu Raët. Auf ihr Zeichen hin traten die Niederen vor und legten ihr die noch warme Last vorsichtig zu Füßen.

»So ssselbstlos, Raëth ças Morrrrhh.«

Sie zischte erneut, ungeduldiger dieses Mal. Noch immer standen die Niederen um sie herum. Erst als der Letzte die Halle verlassen hatte, sprach sie weiter.

»Ssseid ihrrr sssicher, dassss dies derrr einnnzige Grunnd führ Eure Wahl issst?«

»Wie immer, zeigt Ihr einen scharfen Verstand, Mutter. So armselig diese Gestalt auch wirken mag, sie hat erstaunlich viele deiner Kinder erschlagen. Ich bin neugierig, wie stark sie in ihrer Blüte sein wird.«

Noch während er sprach, erhob sich die Mutter sich und trat mit eleganten Bewegungen zu Raët. Die Leichen ihrer Kinder beachtete sie dabei nicht, sie stieg einfach über sie hinweg.

Nun stand sie vor Raët und betrachtete seine magere Gestalt forschend. Lange sagte sie nichts, trat um ihn herum, schnupperte an ihm, ließ ihre Finger über seine neue Hülle streichen, leckte über angetrocknetes Blut, das Wunden erahnen ließ, die sich bereits geschlossen hatten.

»Ich ssssehe, wasss du meinssst, mein Sohhhn. Etwasss isssst besonderrrrs an dem Jüngggling.«

Sie trat zurück und ließ ihren Blick ein weiteres Mal wandern. Raët sagte nichts, er wusste, die Mutter war noch nicht fertig. Stattdessen betrachte er seinerseits die Gestalt vor sich. Die einst ebenmäßigen Züge waren seltsam verschoben. Es würde ihn nicht wundern, wenn hinter ihrem linken Ohr ein Kobald saß, der seine spitzen Nägel in die Haut krallte und daran zerrte. Vom linken Auge und rechten Mundwinkel ausgehend breiteten sich Flecken verbrannter Haut aus, rot und nässend, nur durchbrochen von eitrigen Stellen, an denen sich Maden tummelten. Löcher in ihrer linken Wange legten verrottende Zähne frei. Fasziniert wanderte sein Blick weiter, über eine zierliche Nase, hin zum rechten Auge, das ihn unter langen Wimpern hindurch betrachtete.

Er fühlte den Ekel, den ihr Anblick in seiner Hülle erzeugte, ihn jedoch erregte er. Und der Ekel des Jungen verlieh seiner Erregung eine bittersüße Note. Er hätte viel früher einen Menschen wählen sollen. Es machte die ganze Sache deutlich interessanter. Er stellte sich vor, wie er diese weichen Hände in die Brüste der Mutter krallte. Er würde seine Zunge von ihrem narbigen Hals zu den schwarzen Höfen wandern lassen, die stets säuerliche Milch absonderten. Tief blickte er in ihre Augen und leckte sich über die Lippen. Seine Lenden brannten vor Verlangen.

Ein verdorbenes Schmunzeln legte sich auf die vollen Lippen der Mutter. Ohne Hast trat sie vor und griff in seinen Schritt.

»Vielleicht wirrrd dein Wunschhhh einst in Errrfüllung gehen, Raëth ças Morrrrhhh. Wennnn deine Hülle mehrrr zu bietennn hattt.« Sie drehte sich um. »Du wirrrst mirrr berichtenn über die Entwicklungg deinerrr Hülle«, langsam sank sie auf die Knie und versenkte knochige Finger in dem toten Ash’Khanarr vor ihr. Bevor sie weiter sprach, warf sie einen durchdringenden Blick zu Raët und leckte sich die blutigen Finger einzeln ab. Eine Drohung. Und ein Versprechen. Erneut entflammte seine Begierde.

»Nun errrzähle, wasss sich in derrr Stadt zuhgetragenn hat. Und dannnn teile meinnn Mahl mit mirrr. Essss issst genug fürrr unsss beide da.«

Ein verärgertes Zischen aus Richtung eines der Eingänge ließ Raët grinsen. Frick würde wohl auch heute wieder leer ausgehen.