Witches
Es war Frühling.
Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten weit oben in den Baumkronen und es wehte eine angenehme Brise.
Jungkook lief ohne festes Ziel durch das Dickicht des Waldes. Er sollte etwas Holz suchen, da die Nächte trotz dieser wundervollen Jahreszeit noch recht kühl waren, während Taehyung in ihrem kleinen Häuschen das Essen für heute Abend vorbereitete. Dieser Tag sollte etwas besonderer werden, schließlich gab es auch etwas zu feiern, denn heute vor genau zwei Jahren war der Tag, an dem sich das Paar zum ersten Mal traf.
Jungkook könnte sich noch genau daran erinnern.
Er war abermals auf der Flucht. Sein Dorf wurde immer misstrauischer und die Menschen waren immer fester der Überzeugung, dass unter ihnen eine Hexe weilen würde. Bevor es jedoch dazu hätte kommen können, dass sie seinem Geheimnis auf die Spur kamen, beschloss er, seine derzeitige Heimat zu verlassen - mal wieder.
Auf seinem Weg durchquerte er einen dichten, dunklen Wald, welcher fernab der vielen Dörfer und Städte lag.
Als er damals völlig in Gedanken versunken plötzlich ein Lagerfeuer in einiger Entfernung erblicken konnte, packte ihn die Neugier.
Er schlich sich leise an dieses heran und konnte einen Jungen mit feuerrotem Haar vor diesem Feuer erkennen, woraus er schloss, dass dieser Junge wohl ein weißer Hexer war, denn die auffällige Haarfarbe war ein Hauptmerkmal eben dieser.
Zudem bemerkte er die seltsame Form des Rauches, welcher von dem Feuer ausging.
Er hatte die Form eines Tieres, eines Vogels um genau zu sein - es sah ein bisschen aus wie eine zu schöne Gans - doch er wusste nicht, was genau es für ein Tier sein könnte.
Jungkook beschloss, den Jungen anzusprechen, immerhin schien dieser offensichtlich ebenfalls ein Hexer zu sein.
Somit ging er auf den Jungen zu, welcher sich kurz darauf erschrocken umdrehte und Jungkook mit großen Augen anstarrte.
‘Wer er sei’ und ‘Was er von ihm wolle’ fragte der Fremde ihn daraufhin panisch. Jungkook versuchte den Jungen zu beruhigen, indem er sich vorstellte und ihm erklärte, dass er keine bösen Absichten habe.
Er mochte zwar ein schwarzer Hexer sein, jedoch war er deswegen keineswegs kaltherzig oder brutal, zumindest nicht, wenn es keinen Grund dafür gäbe.
Glücklicherweise schaffte Jungkook es, den Jungen, welcher sich als Taehyung vorstellte, zu beruhigen und somit saßen sie schon schon kurze Zeit später zusammen an dem Feuer, beobachteten es und unterhielten sich.
Die beiden jungen Männer verstanden sich auf Anhieb sehr gut miteinander. Als nach einer Weile, in der sie über sich, ihre Vergangenheit und den Grund ihrer Reise sprachen, von Jungkook die Frage ausging, was Taehyung denn einige Zeit zuvor für ein Tier in dem Rauch des Feuers hatte entstehen lassen, antwortete dieser voller Freude, es sei ein Schwan gewesen, er habe zuvor in einem alten Buch über diese Tiere gelesen und sie haben ihn unheimlich fasziniert, jedoch hat er leider noch nie einen eben solchen in Wirklichkeit gesehen.
Jungkook nickte verstehend, auch er hatte ein solches Tier noch nie zuvor zu Gesicht bekommen, geschweige denn davon gelesen, schließlich war es ihm nicht vergönnt, das Lesen und Schreiben zu erlernen, doch es erfreute ihn den Rotschopf so glücklich zu sehen - er wusste selbst nicht genau, wieso, jedoch wusste er, dass er seinen Gegenüber definitiv kennenlernen wollte.
Völlig in den Erinnerungen ihres ersten Aufeinandertreffens versunken, bemerkte Jungkook erst spät, dass er schon viel zu lange unterwegs war. Es begann bereits zu dämmern, Taehyung müsste schon längst mit allem fertig sein und auf ihn warten.
Somit machte er sich auf den Weg zurück zu ihrem kleinen Häuschen, das Holz, welches er aufgelesen hatte, dabei auf seinem Arme tragend und mit dem anderen stützend. Ihr Heim mag nur eine kleine ärmliche Holzhütte sein, doch es war ihr ganzer Stolz, schließlich hatten sie es zusammen erbaut und eingerichtet. Neben dem Haus hatte das Paar einen kleinen Garten angelegt, welchen der weiße Hexer mit seinem Herzblut pflegte und liebte. Durch seine besondere, naturfreundliche Magie erblühte dieses kleine Paradies selbst im Winter und schied auch trotz Sturm und Regen nicht dahin.
Die schäbige, hölzerne Bank inmitten der farbenfrohen Pflanzen wurde jeden Tag von den beiden jungen Männern bewohnt, während sie dem Gezwitscher der Vögel lauschten, die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut genossen und den einlullenden Duft der Blumen inhalierten.
Jungkook hatte das Häuschen bereits im Blick, doch er hatte sofort das Gefühl, dass etwas nicht stimmte - die Tür stand offen und es war duster im Inneren.
Schnell überbrückte er die letzten Meter zu ihrer Unterkunft und trat durch die offene Tür hinein, jedoch konnte er Taehyung nirgends sehen. Was er hingegen sehen konnte war die Unordnung, welche im Inneren des Raumes herrschte.
Einige Stühle waren umgekippt, der Tisch verrückt und überall lagen die Scherben des Geschirrs - ja sogar Blut befand sich auf dem Fußboden!
Panik machte sich in dem jungen Mann breit, augenblicklich fiel ihm das gesammelte Holz aus den Armen und geräuschvoll auf den braunen Holzboden.
Was war hier nur geschehen?! Wo war Taehyung?!
Er rannte in die anderen Zimmer des Hauses, als ihn dort jedoch nur Leere und Stille empfing, lief er schnell aus der Hütte heraus und um dieses herum, in den Garten und noch einige Meter weiter, er rief Taehyungs Namen, doch nirgends bekam er eine Antwort.
Als er zum Haus zurück rannte, erkannte er plötzlich Spuren von Pferdehufen in der weichen Erde. Zuvor hatte er diese in seiner Hektik gar nicht bemerkt, doch als er die Abdrücke sah, wusste er, was geschehen sein musste.
Es mussten einige Menschen auf der Durchreise gewesen sein und als diese Taehyung fanden, seine feuerroten Haare sahen, mussten sie ihn überwältigt und mitgenommen haben. Das bedeutete, diese Menschen waren Ritter, und nun brachten sie Taehyung in die Stadt, um ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, so wie es mit jeder Hexe geschah, welche in die Hände der Menschen gelangte. Wären es nur Bauern oder sonstiges niederes Volk gewesen, wären sie so schnell sie könnten geflohen, da die einfachen Bürger doch viel zu große Angst vor den Hexen und ihrer Macht hatten. Doch verdammt, es waren Ritter, und nun war Taehyung auf dem besten Weg, den Tod zu finden, und das auf eine viel zu grausame Weise.
Er hatte solch ein Leid nicht verdient, er hat nie einem Wesen Leid zufügen können, da er einfach viel zu herzensgut war. Selbst wenn er gewollt hätte, könnte er es nicht, da es ihm als weißen Hexer nicht möglich war, mit seiner Kraft anderen zu schaden.
Doch Jungkook konnte es. Und verdammt, er würde seinem Zorn freien Lauf lassen und diese dreckigen Menschen mit seiner Kraft vernichten. Wie konnten sie es wagen, ihm seinen Taehyung wegnehmen zu wollen?!
Sofort begann Jungkook in Richtung Stadt zu laufen.
Er rannte. Er rannte, als hinge sein Leben davon ab, was es durchaus tat, denn Taehyung war sein Leben.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, welche er durchgehend gerannt war, sah er endlich die vielen Lichter der Stadt, welche die Dunkelheit der Nacht durchbrachen. Schwer atmend blieb er stehen und stemmte seine Hände auf seine Knie.
Nachdem weitere Minuten vergangen sind, in denen er sich sammelte und wieder an Kraft gewann, machte er sich schnell auf den Weg in die Stadt.
Als er zügig durch die engen, dreckigen Gassen ging, hörte er bereits diese scheinheiligen Menschen aufgeregt über eine bevorstehende Hinrichtung erzählen, bei welcher einer für sie der Hölle entsprungenen Kreatur erfreulicherweise der Garaus gemacht wurde.
Erneut drohten Zorn und Hass ihn zu übermannen, doch er musste sich zusammenreißen - er hatte einen Plan.
Jungkook folgte den tratschenden, lachenden Menschenmassen, welche wohl alle auf dem Weg zum Marktplatz waren, um der Hinrichtung beizuwohnen.
Schon von Weitem konnte er den riesigen Scheiterhaufen sehen, die Menschen drängten sich bereits um möglichst weit vorn stehen zu können - schließlich fand solch ein Spektakel nicht allzu oft statt.
In der Hoffnung, seinen Geliebten erblicken zu können, da er es nicht an den aneinander gepressten Massen vorbei schaffte, kletterte Jungkook auf einen Springbrunnen mittig des Marktplatzes, wofür er von den Bürgern nur vorwurfsvolle Blicke erhielt, doch das kümmerte ihn nicht im Geringsten. Seine ganze Aufmerksamkeit lag auf dem rothaarigen jungen Mann, welcher in diesem Moment gezwungen wurde, auf sein Grab zu klettern.
Er versuchte sich zu widersetzen, doch es half nicht. Je mehr er sich wehrte, desto mehr demütigen sie ihn, schlugen ihn, bespuckten ihn, bis er letztendlich unter Tränen auf den Scheiterhaufen kletterte und darauf an einem senkrechten Mast festgebunden wurde.
Jungkook beobachtete dies, sein Herz zersprang und er war den Tränen nahe, doch er musste sich konzentrieren, während er leise Worte vor sich her sagte.
Währenddessen wurde das Feuer entfacht - an vielen Stellen gleichzeitig, damit es auch ja nicht zu lange dauerte, was die Menge vorfreudig jubeln ließ.
Die Flammen fraßen sich durch das trockene Holz, immer näher kamen sie auf Taehyung zu, welchem unzählige Tränen über die Wangen liefen. Derweil murmelte er ständig etwas vor sich hin - es war für die Menschen unverständlich, doch Jungkook erkannte, dass Taehyung immer wieder seinen Namen sagte.
Dies brach Jungkook nur noch mehr das Herz, er wollte ihm das Leid so gern ersparen, doch er konnte nicht - selbst mit seinem Plan nicht.
Immer weiter drangen die Flammen zu dem Jungen vor, bis sie ihn erfassten und seine Kleidung entzündeten.
Er begann zu schreien, fürchterlich zu schreien, rief dabei nun laut aus, was er bis eben noch leise vor sich hin sagte - Jungkooks Namen.
Immer wieder schrie er diesen, er schrie um Hilfe und dass sein Kookie ihn doch bitte retten solle, während die umherstehenden Menschen nur noch lauter jubelten und ihm hasserfüllte Worte und Blicke zuwarfen.
Nun brach auch Jungkook in Tränen aus, auch er schrie vor Schmerzen. Zum Einen konnte er die schrecklichen Schreie und das Leid seines Geliebten nicht ertragen, zum Anderen zerrte der Zauber an seiner Kraft und ließ ihn ebenfalls verbrennen.
Der Himmel wurde derweil von dichten Wolken überzogen, sodass das zuvor noch sternenklare Firmament pechschwarz wurde. Lauter Donner ertönte zu den Schreien der beiden Hexer, die Menschen gerieten in Panik - was geschah hier nur für ein Spuk?
Unzählige gelbe Blitze erleuchteten den dunklen Himmel und plötzlich schlugen diese auf der Erde ein - hunderte Blitze schnellten auf sie hinzu und jeder traf einen der Menschen, die sich auf dem Markt befanden, welche lauthals schreiend ihren letzten Atemzug taten.
Als die Menschen allesamt am Boden lagen, verkohlt durch die Macht der Blitze, und die Schreie der beiden Männer bereits verstummt waren, tauchten zwei weitere Blitze am Himmel auf. Sie waren violett und jeder traf einen der verbrannten Hexer.
Langsam öffnet Taehyung seine Augen. Er blinzelt einige Male, da die freundlichen Strahlen der Sonne ihn blenden.
Nachdem er sich an das helle Licht gewöhnt hat, richtet er sich langsam auf, sodass er nun im Gras sitzt und seine Umgebung mit seinen erschöpften Augen erfassen kann.
Links neben ihm erkennt er einen großen See, das Wasser klar und rein. Er mustert diesen und plötzlich fällt sein Blick auf etwas Weißes.
Ungläubig weitet er seine Augen und beobachtet weiterhin diese weiße, anmutige Schönheit, von der er dachte, sie niemals zu Gesicht zu bekommen.
Vorsichtig richtet er sich nun gänzlich auf und läuft einige Meter, bis er am Rande des Sees zum Stehen kommt. Er muss träumen. Nein - er müsste tot sein?!
Ist dies der Himmel?
Auf einmal schlingen sich von hinten zwei starke Arme um den Körper des jungen Hexers, wodurch er sich augenblicklich sicher und geborgen fühlt und seinen Körper etwas zurücklehnt. Als er seinen Kopf etwas zur Seite dreht sieht er in Jungkooks Gesicht. Dieser hat sein Haupt auf der Schulter Taehyungs abgelegt und die Augen geschlossen. Ein leichtes Lächeln befindet sich auf seinen Lippen.
“Was ist das hier?” fragt Taehyung ihn leise, worauf das Lächeln auf den Lippen Jungkooks etwas breiter wird.
Er öffnet seine Augen und schaut mit liebevollem Blick direkt in Taehyungs, während er mit ruhiger Stimme antwortet: “Das ist unser gemeinsames Himmelreich.”
Nun findet sich auch auf Taehyungs Lippen ein Lächeln wieder. Eine keine Träne rollt ihm über die Wange, jedoch nicht aus Trauer, sondern aus Erleichterung - Erleichterung darüber, diese schreckliche Welt zurückgelassen zu haben und mit seinem Geliebten die Ewigkeit verbringen zu können. Nach einigen Momenten, in denen er Jungkook verliebt in die Augen geblickt hat, wendet er seinen Kopf nach vorn und beobachtet die Schwäne.
Jungkook verteilt derweil hauchzarte Küsse auf Taehyungs Hals, was dieser zufrieden und von Glück erfüllt genießt.
“Danke.”