Kapitel 1 : Der Anfang der Geschichte
Soranel - die Stadt über den Wolken. Eine gefährliche Stadt, denn sie war über Klippen und Abhängen gebaut. An steilen Berghängen, die über die Wolken hinausragten. Brücken verbanden alle Gebäude und bildeten ein unübersichtliches Netz. Die Stadt bestand aus mehreren Ebenen. An jedem steilen Berg hingen mehrere Häuser auf unterschiedlichen Höhen. Das Erstaunliche war, dass man jedoch schnell lernte, wie man von A nach B kam. Es gab viele kleine Gassen und Wege, die ein schnelles Vorankommen ermöglichten. Das anfänglich sehr verwirrende Netz aus Straßen war eigentlich auf seine eigene Art und Weise geordnet. Junge Anwohner der Stadt kannten auch so einige Abkürzungen - sehr zum Leiden der Eltern. Denn diese Abkürzungen waren schnell mal geprägt von Herum klettern und herum springen. Und da kam die Gefahr - wenn man von den Brücken von Soranel heruntersah, sah man nur weißen Nebel, der den Boden verschluckte. Keiner wusste, wo der Boden war und keiner wollte es herausfinden. Die, die gefallen waren, schrieen immer lang - zu lang, als dass man sich die Mühe machte, herabzusteigen und sie zu suchen. Aber ... diese Gefahr ignorierte man oft und erzählte Neuankömmlingen nicht davon, dass hier regelmäßig Leute verschwanden.
Dennoch war die Stadt wunderschön. Bunte Gebäude mit schwarzen oder grauen Dächern und hellgraue Pflastersteine zierten die Stadt. Auf dem Höchsten Berg, der gleichzeitig der Äußerste war, befand sich eine Akademie. Sie thronte über der Stadt in ihren schillernd roten Farben und grauen Dächern. Wie ein kleines Schloss - naja eher ein großes. Hinter der Akademie befand sich nur das endlose Meer. Bei gutem Wetter sah man aber das Gebirge im Norden des Landes - riesige, schneebehangene Felsen, die Ephora von seinem Nachbarland trennte. Eltern erzählten ihren Kindern, dass hinter den Bergen Ungeheuer hausten, die Menschen fraßen. Was wirklich dahinter war, wusste niemand. Eigentlich wollte das auch niemand wissen - zu groß waren die Probleme im eigenen Land.
Soranel war keineswegs eine kahle oder kalte Stadt, die Natur hatte sich angepasst. Bäume wuchsen an den Berghängen und boten Vögel Nistplätze. Ranken kletterten die Wände entlang. So hatten begeisterte Kletterer immer einen Weg aus der Stadt heraus auf die Bergspitzen. Nur Blumen gab es selten. Vereinzelt blühten kleine weiße Blumen an Sträucher, aber mehr natürliche Farbe gab es kaum. Aber Soranels Bürger hatten das “farblose” Problem auf ihre eigene Art gelöst. Viele Händler brachten Blumen aus anderen Teilen Ephoras in die Stadt. Überall standen Blumenkübel mit den verschiedensten Blumen und Pflanzen in allen Größen und Farben. Auch bunte Tücher waren in Soranel beliebt. Diese schmückten Häuser und Menschen. Die Einwohner von Soranel waren ein fröhliches, abgehärtetes Volk. In den Höhen musste man eine dicke Haut haben, um nicht ständig zu frieren. Der Wind wehte ständig. Nur im Sommer flaute er etwas ab. Dann war es heiß, weil keine Wolken vor der Sonne schützten. Aber dann wurden Tücher über den Straßen gespannt, sodass die beliebten Feste weiterhin stattfinden konnten. Denn in Soranel war fast jede Woche ein anderes Fest. Die Menschen liebten Feste, Feiern und Tanzen. Immer spielte Musik und begleitete die Menschen im Alltag. Eystaeya mochte die Stadt irgendwie. Sie fühlte sich wohl unter den Menschen hier. Egal, was sie machte, keiner schenkte ihr Beachtung und bemerkte, dass sie nicht ganz in die Menschen passte. Sie liebte es, wie sie unsichtbar in den Menschenmassen werden konnte. Sie mochte auch die Musik, fröhliche Musik, die die Menschen ablenkte. Und sie mochte ihr Zuhause, einer der wenigen Orte, wo sie sich wirklich wohl fühlte. Wo sie nicht den Drang hatte, unsichtbar zu sein.
Gerade war Eystaeya bei ihrem Vater im Laden. Murrend sortierte sie die verschiedenen Kräuter in die Behälter. Wiedermal musste sie ihrem Vater ungeplant aushelfen, dabei wollte sie gerade überall sein, aber sicherlich nicht hier. Sie wollte ihrem Vater aus dem Weg gehen. Eigentlich wollte sie allen Menschen aus dem Weg gehen. Aber das wollte das Schicksal nun mal nicht.
Eystaeya’s Vater war ein stattlicher Mann. Er war groß gebaut und hatte viele Muskeln. Er schrieb gerade mal 43 Sommer und trotzdem war sein Haar schneeweiß. Er hielt in einem Zopf, der bis zu seinen Schultern reichte. In diesem Zopf befanden sich 2 Goldene Strähnen, die er jedes Mal wieder mit ein flocht. Dennoch sah ihr Vater nicht alt aus. Keine einzige Falte war in seinem Gesicht. Als hätte er aufgehört zu altern. Adlige kamen oft nur in den Teeladen, um zu fragen, welche Mittel er gegen seine Falten nahm. Und dann war dieser Muskelklotz Teehändler, der viel zu gerne feines Geschirr sammelte und mal ein langes Pläuderchen mit den Stammkunden hielt. Die zierlichen Teetassen sahen winzig in seinen Händen aus.
Mürrisch betrachtete Eystaeya ihren Vater, wie er mit einer alten Dame über die neusten Geschehnisse plauderte, während sie im hinteren Bereich des Ladens Teesorten sortieren musste. Während der eintönigen Arbeit ließ sie ihren Blick schweifen. Der Laden war in zwei Teile geteilt - der Verkaufsbereich mit ein paar Sitzflächen und dem Hinterteil, wo nur sie und ihr Vater hindurften. Hier wurden Kräuter getrocknet, zerkleinert und zu neuen Teesorten gemixt. Deswegen hing hier immer ein starker Geruch in der Luft, der zum Glück nicht zu sehr in den vorderen Teil zog. Sonst würde jeder Kunde nur hustend den Laden wieder verlassen. Hinten waren Regale bis an die Decke, vollgestopft mit allem möglichen Kram - auch Zeug, dass nichtmal in einen Teeladen gehörte. Hier und da sah Eystaeya zusammengerolltes Pergament - vermutlich Rezepte. Eine ewig lange Papierrolle hing an der Wand neben dem Fenster. Diese rollte sich über eine Kiste unter ihr bis auf den Boden aus, wo sie nichtmal ganz entrollt endete. Weder Eystaeya noch ihr Vater wussten, wie lang das Stück Papier wirklich war. Und neben der Rolle waren Körbe und Kisten voll mit Pflanzen und Kräutern. An jeder freien Ecke und an jedem Hacken hingen Kräuter- und Blumensträuche und das Fenster war mit einem alten, dreckig weißen Stofffetzen zu gehangen. Nur spärlich drang das Licht in den engen Raum. Eigentlich war das Hinterzimmer größer als der vordere Teil, aber naja, man musste ziemlich Klettern um hier irgendwas zu erreichen. Für Eystaeya war das sehr hilfreich, dank der vielen Kisten und Schränke konnte sie selbst die obersten Regale erreichen.
Dennoch mochte sie den vorderen Bereich lieber. Dort roch es immer nach frisch gebrühtem Tee. Der Raum wurde durch eine kleine Theke in zwei Teile unterteilt. Hinter der Theke befand sich ein Regal mit vielen verzierten Glasbehältern, in denen verschiedenste Teemischungen waren. Kein Glas war transparent, jedes hatte eine andere Farbe und ließ kein Licht ins Innere. Hinter der Theke war auch ein Kessel, in dem immer Wasser kurz vorm Kochen war - deswegen war der Laden immer warm. Besonders gut in den Höhen von Soranel, wo immer ein Wind wehte. Vor der Theke waren zwei kleine runde Tische mit verzierten, gusseisernen Beinen und dazu passend standen je Zwei Stühle daran. Auf den Tischen standen jeden Tag andere Blumen, die Eystaeya immer selbst in ihrem Garten pflückte. Auch hier waren die Fenster zu gehangen, aber nicht mit ekligen Stofffetzen, sondern feinen Tüchern in verschiedenen Farben. Das spärliche Licht traf auf bunte Kristalle, die ihr Vater im ganzen Laden verteilt hatte und verteilte so farbige Lichtflecke überall im Laden. Die Kristalle hingen überall, in den Fenster, an der Decke und am Regal, vereinzelt lagen sie auch herum. An den Fenstern lagen Kissen und kleine Tabletts, damit man sich auch dort niederlassen konnte. Wenn man leicht die Tücher zur Seite schob, hatte man eine super Aussicht auf Soranels geschäftige Straßen. Der Teeladen lag ganz oben. Höher war nur noch die Akademie. Diese konnte man aber nicht sehen, da ein weiterer Berg sie verdeckte. Aber alles andere konnte man beobachten - den Schmied, der ganz unten auf der anderen Seite lag, den Marktplatz, der scheinbar in der Mitte schwebte, die Adelhäuser, die den Rand der Akademie säumten. Einfach alles - auch das Meer, welches in der Ferne auftauchte, wenn sich der Nebel über den Wasser lichtete.
Eystaeya war mittlerweile fertig mit dem Sortieren und ging nun zu ihrem Vater. Sanft legte sie ihm eine Hand auf die Schulter.
“Ich gehe raus.” Ihr Vater nickte. Eystaeya schaute die Kundin an - eine ältere Dame mit lockigem weißen Haar und müden, braunen Augen. Eine Stammkundin, aber den Namen hatte sie vergessen. Also verabschiedete sie sich mit einem Nicken und ging dann Richtung Tür. Einige der dunkelbraunen, massiven Dielen knarzten unter ihren Schritte. Früher wusste sie, welche Bretter Geräusche von sich gaben, so konnte sie sich einfach raus schleichen, aber mittlerweile waren es zu viele, als dass sie alle kennen konnte. Die Flucht von Zuhause trat sie nun anders an, nämlich über das Fenster aus ihrem Zimmer. Ein wenig gefährlich, da sie über einen Abgrund klettern musste, aber noch lebte sie.
Das Knarzen verstummte, als sie durch die massive Holztür verschwand und sich unter die Menschenmengen auf Soranels Straßen mischte.
Viele Leute waren draußen und feierten. Herrliche Musik erschallte durch die Berge. Überall hingen bunte Banner und Blumen wurden gepflanzt. Eystaeya ging am Rand der Straße, da wurde weniger gedrängt. Sie konnte sich nicht wirklich entscheiden, ob sie Menschen mochte oder nicht, aber das fröhliche Lachen und Tanzen ließ sie nicht kalt. Irgendwie fühlte sie sich trotzdem wohl in den Menschenmassen, obwohl sie lieber alleine war. Geschickt schlängelte sie sich durch die Massen. Hier und da fiel ihr zufällig eine Gold oder Silbermünze in die Finger. Menschen waren unachtsam, wenn sie fröhlich waren. Geschickt glitten ihre Finger in die Taschen der Fremden, während sie sich einen Weg zum Marktplatz suchte. Heute schien ein besonders guter Tag - die Sonne schien extra hell und der Wind wehte extra mild. Schon bald stieß Eystaeya auf vertraute Gesichter. Auf dem Marktplatz gesellte sie sich zum Stand des Schmiedes.
“Na? Wie geht’s? Hast schon Feierabend oder wie?“, wurde sie von Ikyad gefragt, der Sohn des Schmiedes. Schwarze, aufmerksame Augen blitzen sie an.
“Naja, bin weg. Vater hat sich nur wieder mit der Locken-Lady unterhalten.” Eystaeya betrachtete den Schmied vor ihr mehr. Er hatte bronzene Haut und schwarze, glänzende Haare. Von der schweren Arbeit war sein ganzer Körper muskelbepackt.
“Ah Lady Flowell - sie ist Stammkundin bei euch. Du solltest dir ihren Namen merken.” Der Schmied packte ein weiteres Schwert aus und legte es auf die Verkaufstheke. Dort lagen schon einige Waffen, aber auch Alltagsgegenstände wie Löffel und Gabeln.
“Ah Lady Flower.“, murmelte Eystaeya während sie einen Dolch in die Hände nahm. Die Klinge war gut geschmiedet, dünn und biegsam, aber sie brach nicht so schnell. Blinzelnd hielt Eystaeya die Waffe gegen die Sonne und betrachtete die Shilluette. “Wann hast du Schluss? Dahfiv und ich wollen später zur alten Bank.” Die alte Bank war eine wirklich alte Holzbank an einer der Klippen hinter beziehungsweise unter der Akademie. Aber von dort hatte man eine tolle Aussicht auf das Meer und das Gebirge.
“Dahfiv darf dahin?” Der Schmied schaute die kleine Besucherin skeptisch an.
“Ihr Vater ist mit den Fest-Vorbereitungen beschäftig. Als Stadtführer hat man sicherlich alle Hände voll zu tun mit Hände schütteln.” Eystaeya legte die Waffe zurück und schaute den Schmied herausfordernd an.
“Ich hab in 3 Stunden Schluss. Kommt Noye auch?” Ein weiteres Schwert landete auf dem Verkaufsthresen. Diese Waffe war fast so lang wie Eystaeya und bestimmt doppelt so schwer.
“Weiß nicht, wollte ihn jetzt suchen gehen.” Der Schmied nickte und wandte sich wieder seiner Waffenkiste zu, Eystaeya nahm das als Zeichen, dass das Gespräch beendet war und macht sich auf dem Weg zu einem weiteren Stand. Sie brauchte ein wenig, bis sie den Tuchhändler fand. Aber auf dem Weg dahin trainierte sie ihre Finger weiter - eigentlich brauchte sie kaum noch Training. Geschickt verschwanden ihre kleinen Hände in den Taschen der herumwuselnden Leute und zogen einen Gegenstand nach dem nächsten heraus - ihre eigenen Taschen wurden immer schwerer.
Kaum war sie am gewollten Stand angekommen, begrüßte sie der Händler
“Ach, du bist’s. Genießt du das Fest? Ein wunderschöner Tag, wenn du mich fragst. Es könnte -” Eystaeya unterbrach den Redeschwall, der auf sie einprasselte.
“Wissen Sie, wo Noye ist?” Eystaeya war keine große Freundin von vielen Worten. Also das genaue Gegenteil von dem Händler ihr gegenüber.
“Ah ja, mein Sohn ist gerade eine weitere Kiste Stoff holen. Willst du vielleicht neuen für euren Laden kaufen? Ihr behängt doch die Fenster immer so schön.” Eystaeya hörte dem Tuchhändler gar nicht mehr zu, wie er ihr von ihrem Laden erzählte und versuchte, ihr Geld aus der Tasche zu locken.
“Tschuldigung, das besprechen sie am besten mit meinem Vater.” Dann machte sich Eystaeya auf und begann ihren Freund zu suchen. Geschwind lief sie den schnellsten Weg zum Wohnhaus der Tuchhändler. Mitten auf dem Weg traf sie auf Noye, der eine schwere Kiste auf seinen Schultern trug. Die Menschenmassen spalteten sich vor dem Riesen. Keiner wollte von der Kiste erschlagen werden. Geschickt schlängelte sich das kleine Mädchen zu ihrem Freund, welcher sie strahlend begrüßte. Er winkte ihr zu und die Kiste begann, bedrohlich zu wackeln. Schnell nahm der Händler wieder beide Hände zum Halten. Eystaeya sprang auf ihn zu. Grinsend winkte sie ihm.
“Na, du? Hart am Arbeiten.” Ein tiefes Lachen ertönte als Antwort.
“Muss ja, Vater schafft diese Kisten nicht alleine.” Noye lief weiter und erwartete, dass Eystaeya ihm folgte. Sie musste aber Menschen ausweichen und bekam so seine Antwort kaum mit.
“Wann hast du frei?” Wieder wich sie einer Frau aus, die stürmisch zur Musik tanzte und sich nicht stören ließ.
“Noch drei Kisten. Verkaufen kann mein Vater besser.” Geschickt schlängelte sich Eystaeya vor den Jungen und lief nun rückwärts vor ihm.
“Naja, du versuchst das Zeug los zu werden. Dein Vater will den Leuten das Geld aus der Tasche angeln.” Noye lachte wieder tief.
“Jaja. Übrigens, Mutter wartet auf dich am Haus. Sie hat besonders schönen Stoff für dich zurückgelegt.” Eystaeya’s Augen leuchteten auf. Die Stoffe von Noye’s Familie waren teuer und edel - sie und Vater konnten sich diese nur selten leisten. Aber Noye’s Mutter war eine gute, aufmerksame Frau - sie hatte bemerkt, wie sehr Eystaeya die Stoffe liebte und legte deswegen hin und wieder ein paar Tücher zurück. Aber das tat sie nur, wenn ihr Mann nicht da war - damit dieser nicht sah, wie seine Waren verschenkt wurden. Eystaeya rief ein Danke, winkte kurz, dann kletterte sie über den Brückenrand und sprang auf die darunter liegende Brücke. Dort war schon weniger los und trotzdem erschreckte sich eine alte Frau, als das Mädchen leichtfüßig neben ihr Landete und dann geschwind weiterlief. Die schwarzen Haare wehten hinter ihr her.
Eystaeya hörte noch “Heutzutage regnet es junge Leute vom Himmel, zu meiner Zeit -“, dann war sie zu weit weg. Innerlich kicherte sie. Die Alten waren immer so verklemmt.
Es dauerte nicht lange, dann kam sie an Noye’s Haus an. Sie sah seine Mutter, wie sie die letzte Kiste schloss. Glücklich sprang Eystaeya auf die Frau zu. Noye’s Mutter war eine Frau im mittleren Alter. Wegen des vielen Stress hatten sich ihre langen Haare schon grau gefärbt und fielen in einem geflochtenem Zopf den Rücken herunter. Mit eingeflochten in den Zopf waren ein paar Tücher, wodurch das graue Haar nicht zu alt aussah. Die Frau trug auch ein grünes Kopftuch, passend zu ihrem grünen Kleid. Als sie Eystaeya entdeckte, winkte sie und holte aus ihrem Korb ein seidenes, hell blaues Tuch hervor.
“Ich sehe, du hast Noye schon getroffen.” Lachend wurde sie begrüßt. Eystaeya nickte lachend. Ihre schwarzen Augen blitzten vor Aufregung.
“Guten Tag. Ja, das habe ich.” Noye’s Mutter reichte ihr lächelnd den Stoff. Bewundert faltete Eystaeya das Tuch auseinander und betrachtete es staunend. Der Rand des sanften hellblauen Tuches war mit gestickten Blumen verziert. Bewundernd strich sie über die feinen Verzierungen.
“Das ist so schön, aber es muss so teuer sein. Das kann ich nicht annehmen.” Die Frau vor ihr lachte laut auf. Ihr Lachen klang wie das ihres Sohnes, nur heller.
“Solange mein Mann das nicht mitbekommt, ist es okay. Ich wette mit dir, er hat mittlerweile den Wert des Tuches anderen schon aus den Taschen Anderer geleiert.” Eystaeya nickte und lächelte sanft. Sie faltete das Tuch wieder zusammen und verstaute es sicher in einer ihrer Jackentaschen.
“Ich warte hier auf Noye.“, berichtete sie während sie auf eine Fensterbank kletterte.
“Soll ich dir noch was bringen? Wasser oder Kaffee?” Noye’s Mutter sah kurz von ihrem Korb auf. Eystaeya schüttelte kurz den Kopf und meinte, dass sie schon zurecht kam. Sie unterhielt sich noch kurz mit der Mutter ihres Freundes, bis diese sich dann auf zum Marktplatz machte. Eystaeya strich sich ihre schwarzen Haare aus dem Gesicht. Die vorderen Partien waren zu lang geworden und fielen ihr nun ständig ins Gesicht. Ihre Haare waren Eystaeya’s ganzer Stolz. Sie hatte eine lange schwarze Mähne, die ihr in natürlichen Wellen über den Rücken fielen. Eystaeya liebte es, kleine Strähnen in ihre Haare zu flächten und diese mit Perlen zu verzieren. Aber es war an der Zeit, dass sie wiedermal einen Haarschnitt bekommen sollte.
Das Mädchen betrachtete die Straßen. Auch hier waren noch relativ viele Menschen unterwegs. Manche wurden von ihren Haustieren begleitet. Einmal sah sie eine Stadtwache mit deren Höllenhunden. Die Hunde waren groß und gingen einem ausgewachsenem Mann manchmal bis zu den Ellenbogen. Ihre Körper waren quasi nur Muskeln über die sich Haut spannte. Den Namen Höllenhunde hatten sie bekommen, weil ihre Köpfe wie Schädel aussahen. Die Augenhöhlen waren leer. Man könnte fast meinen, dass die Schwärze aus dem Inneren des Schädels fast heraustropfte und bald den ganzen Hund zu einem Skelett verwandeln würde. Der Schädel hatte eine lange Schnauze, mit langen spitzen Zähnen und die einzigen Hautfetzen, die ein Höllenhund am Kopf hatte, waren seine zwei ledrigen Ohren. Eystaeya mochte die Hunde nicht wirklich. Das waren Tiere, die in Albträumen erschienen.
Wenig später kam Noye auch schon die letzte Kiste holen. Eystaeya betrachtete die Menschen weiter - ein paar kleine Kinder rannten vorbei. Hinter ihnen eine andere Hundeart. Dieser war ein Welpe mit 6 Beinen. Die Pfoten waren noch relativ groß und der kleine Hund stolperte mehrmals über sie. Die Langen Ohren flatterten im Wind und einmal verdeckten sie die großen Augen des Welpen. Dieser erschrak sich, weil seine Welt plötzlich ganz dunkel war. Die Kinder kamen zurück und sammelten ihren verwirrten Hund ein. Dann war die Rasselbande wieder weg. Sie wartete noch ein paar Minuten, dann kam ihr Freund wieder und zusammen machten sie sich auf zum Rand der Stadt. Auf dem Weg dahin begegneten sie ein paar Pfogje-Wachen. Also Stadtwachen auf großen Pferde-ähnlichen Wesen. Diese hatten lange, mit Fangzähnen besetzte Mäuler, die sich fast schon zu einem boshaften Lächeln verzogen. Knochige Hörner wuchsen aus dem Schädel und die Tiere hatten rote, stechende Augen, denen nichts entging. Die Pfogje waren schmaler gebaut als normale Pferde, aber sie waren deutlich kräftiger und schneller. Bei manchen Exemplaren konnte man die Rippen sehen. Die langen, kräftigen Beine endeten in Klauen-ähnlichen Füßen, wodurch die Tiere perfekt klettern konnten. Das Tier hatte überall, außer am Kopf, dichtes Fell. Mähne und Schweif bestanden aus längerem Fell und durch die Magie in ihnen, flogen diese wie Feuer durch die Luft.
Die Stadtwachen waren zum Glück, schnell wieder weg. Die Luft um die Pfogje war kalt und eisig, als würden die Tiere dir deine Lebensenergie entziehen und dich bis auf die Knochen ausziehen. Eystaeya fühlte sich sehr unwohl bei den Tieren. So war sie froh, als Pfogje und Reiter die beiden Freunde hinter sich ließen.
Schon bald erreichten die Beiden einen großen Busch. Sie krabbelten unter diesem entlang und erreichten den Pfad, der zu ihrem Treffpunkt führte. Dieser Weg hangelte sich am Rand des äußersten Berges entlang. Der Weg war eng und an manchen Stellen bröckelte er schon weg, wenn man den Fuß darauf setzte. Sollte man einen Fuß falsch setzen, stürzte man in die Tiefe. In den dichten Nebel und vielleicht irgendwann in das Meer. Oder man prallte auf den Boden. Eystaeya wusste nicht, wo das Meer begann.
Ohne große Probleme erreichten die Beiden ihren Treffpunkt. Schon von Weitem sahen sie ein Mädchen in einem wunderschönen, roten Samtkleid auf der alten Holzbank sitzen. Vor der Bank befand sich eine kleine Plattform von etwa 1,5 Pferde in die Breite und Länge. Das Mädchen hatte schon eine karierte Decke ausgebreitet und einen Korb, gefüllt mit Essen aufgestellt. Als sie die beiden Neuankömmlinge sah, sprang sie freudig auf und kam ihnen entgegen.
“Taeya, Noye! Ich habe ewig gewartet!! Vor 20 Minuten war ausgemacht.” Eystaeya lachte leise.
“Vor 10 Minuten.“, korrigierte sie ihre Freundin. Dahfiv war immer überpünktlich - es gab keine Ausnahme, wo sie mal nicht 10 Minuten zu früh da war. Die Drei warteten noch eine Stunde auf den Letzten der Runde. Währenddessen aßen sich schon etwas von dem Kuchen, den die Jüngste von ihnen gebacken hatte. Man hörte die Musik aus der Stadt noch leise im Hintergrund, aber das fröhliche Musizieren wurde oft übertönt von den Gohja. In diesen Regionen gab es die Todesvögel viel zu häufig. Quasi die Eulen der Hexer. Der ganze Vogel war ledrig und hatte Fledermaus-ähnliche Flügel. Durch eine Falte am Nacken sah es so aus, als wären die Flügel eine Art Tuch, die über dem schmutzig braunen Körper des Vogels lag. Der Schnabel der Gohja glich eher einem Hautfetzen, der über dem eigentlichen Schnabel hing. Und sollte eins der Viecher einen angreifen, sollte man sich vor der langen, mit zähnen besetzten Zunge in Acht nehmen. Diese nutzten die Vögel, um ihre Beute zu erwürgen um sie dann in ihren Magen zu ziehen. Kein schöner Anblick und bestimmt auch keine schöne Erfahrung. Aber Soranel’s Himmel waren nicht nur voll mit diesen hässlichen Vögeln. Am Himmel kreisten auch bunte Paradiesvögel - die Fue. Die Tiere gab es in allen Farben und deren Kombinationen des Regenbogens. Fue hatten vier Flügel und aus ihrem Schwanzgefieder kamen immer drei längere Federn heraus. Diese endeten in verschiedensten Formen. Die gleichen Formen befanden sich im Kopfgefieder. Die Vögel hatten wilde Muster auf ihren Flügeln, die das Licht reflektierten. Wegen ihrer Schönheit waren dies die Lieblingshaustiere der Adligen. Auch Dahfiv hatte einen. Ihr “Sir Asedlof” oder wie sie ihn immer nannte “Sir Assel” war ein weißes Exemplar mit blauen und grünen Mustern. Im Winter verfärbten sich Sir Assel’s Federspitzen grau. Der Vogel war um einiges zu fett, aber er schaffte es immer noch, sich in die Luft zu heben. Ein Wunder.
Ungefähr eine Stunde, nachdem die drei mit dem Kuchen fertig waren, trafen Ikyad und Sir Assel ein. Der Vogel ließ sich auf Dahfiv’s Schulter nieder, welche sogleich angestrengt aussah und ihr Haustier auf den Boden setzte. Selten hatte Eystaeya einen so dicken Vogel gesehen, der noch fliegen konnte. Die Vögel der adligen Teehaus-Besucher waren wahrscheinlich noch fetter, denn diese mussten oft von Bediensteten durch die Gegend getragen werden.
Ikyad ließ sich neben Eystaeya nieder und regte sich auf, dass kein Stück Kuchen übrig geblieben war. Eystaeya betrachtete ihre Freunde nur und beteiligte sich nicht am Gespräch. Der fette Vogel kam zu ihr gewatschelt und ließ sich auf ihrem Schoß nieder. Glücklich gurrte er, als sie anfing, sein Gefieder zu streicheln.
Diese Gruppe war bunt zusammengewürfelt, dachte sich Eystaeya.
Dahfiv war ein fröhliches Mädchen, sie zählte 16 Winter. Sie hatte braune, glänzende Haare, in denen immer Goldschmuck baumelte. Sie war vermutlich die Reicheste der Vier, da ihr Vater Bürgermeister war. Deswegen hatte sie fast jeden Tag ein anderes Kleid an. Der kleine Sonnenschein der Gruppe war eine begnadete Köchin und Bäckerin. Sie versorgte ihre Freunde jeden Tag mit kleinen Naschereien, die sich auch in die verschiedenen Läden brauchte. Ein Wunder, dass diese Gruppe nicht so dick wie der Vogel war.
Noye war schon 23 Winter alt und damit der Älteste. Und ein echter Tollpatsch und sanfter Riese. Ikyad war genauso alt wie Eystaeya. Beide waren fast am gleichen Tag vor 19 Wintern auf die Welt gekommen.
“Hey, Taeya! Nicht träumen.” Dahfiv stieß sie sanft an. Eystaeya blinzelte verwirrt, dann fing sie sich. Noye wiederholte seine Frage, ob sie dieses Jahr endlich die Prüfung machte. Die Prüfung, wegen der dieses Fest überhaupt stattfand. Eine Prüfung, die man bestehen musste, um in der Gesellschaft angenommen zu werden. Normalerweise legte man sie mit 16 ab, aber Eystaeya drückte sich davor.
“Ich muss ja.“, murmelte sie und sah auf den Vogel in ihrem Schoß. Jedes Jahr hatte sie eine andere Ausrede gefunden. Nur dieses Jahr hatte sie die Akademie-Leute nicht überzeugen können. Diese veranstalteten das jährliche Spektakel und die, die hervorragende Ergebnisse in einer der Teilprüfungen erbrachten, wurden in die Akademie aufgenommen und dort weiter geschult. Diese Leute hatten dann bessere Chancen auf ein gutes Leben. Solche Akademien gab es in jeder größeren Stadt in Ephora und man konntest einfach zwischen diesen wechseln und umher reisen - solange man dort unterrichtet wurdet. Und dafür musste man die Prüfung erstmal herausragend bestehen.
“Ach komm, so schlimm wird es schon nicht werden. Jeder kann Magie wirken.“, versuchte ihr Kindheitsfreund sie aufzuheitern. Eystaeya lächelte Noye traurig an und wollte etwas erwidern. Aber Dahfiv unterbrach sie. Das Mädchen hatte gemerkt, dass Eystaeya eher weniger über das Thema reden wollte.
“Was hast du heute alles mitgehen lassen?” Dankbar lächelte die Angesprochene ihre Freundin an, dann hob sie Sir Assel aus ihrem Schoß und begann, ihre Taschen zu lehren.
“2 Silberstücke, 5 Goldmünzen. 2 Würfel, nochmal 6 Silberstücke. Ein Apfel und 3 Kohlestifte. Ach nein, 4 Kohlestifte.” Die Freunde begannen zu lachen. Eystaeya drückte Noye 4 Goldstücke und 5 Silberstücke in die Hand. “Für das Tuch.“, antwortete sie auf seinen verwirrten Blick. Ihr Freund gab ihr 3 Goldstücke und die Silberstücke zurück.
“Nein, nein. Das war eigentlich ein Geschenkt.“, widersprach er. Eystaeya zog seine Hand wieder zu sich und ließ 1 Goldstück und die Silberstücke wieder rein fallen. Dann sprang sie auf und rannte weg, damit der Tuchhändler ihr das Geld nicht wieder geben konnte. Dieser sprang auf und verfolgte die Schwarzhaarige über die kleine Plattform
“Du weißt, dass du der schlechteste Händler im ganzen Land bist, oder?“, rief Dahfiv lachend den Beiden hinterher. Nach einer Weile hin und her, gab Noye endlich auf und ließ sich wieder nieder. Eystaeya quetschte sich zwischen Dahfiv und Ikyad, um möglichst weit weg von dem Händler zu sitzen. Glücklich krächzend krabbelte der Vogel auf sie zu. Achtlos latschte er über seine Besitzerin und plusterte sich dann lautstark in Eystaeya’s Schoß wieder auf.
“Warum liebt der dich mehr als ich? Ich gebe ihm Essen.” Dahfiv schmollte und schaute verärgert auf ihren Vogel, der sich gerade auf den Rücken gedreht hatte und sich nun Bauchkraulen einforderte.
“Vielleicht gibst du ihm zu viel Essen. Das Vieh ist schon fast zu dick zum fliegen.“, warf Ikyad ein und war sichtlich froh, dass der Vogel nicht bei ihm war. Er hatte es nicht so mit Tieren. Die Freunde unterhielten sich noch lange. Die Sonne war schon Stunden hinter dem Horizont verschwunden, da fingen sie erst an, zusammen zu packen. Dahfiv hatte Laternen mitgebracht. Diese hatte sie ihrem Vater gestohlen. Es waren schöne, verzierte Glasbehälter mit Kerzen im Inneren. In den Händen der Jungs sahen die Laternen winzig aus. Aber bei Dahfiv sahen sie fast schon zu groß aus. Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg und einer nach dem anderen verabschiedete sich. Eigentlich wollte Eystaeya Dahfiv nach Hause begleiten, aber diese blinzelte nur nett eine der Stadtwachen an und schon sprang diese auf und geleitete sie nach Hause. So gingen Eystaeya schweigend alleine nach Hause. Im Teehaus brannte noch Licht. Oft war sie oder ihr Vater bis zum nächsten Morgen wach, weil Gäste nicht gehen wollten oder Künstler in ihrem Laden Unterschlupf und Inspiration suchten.
Das Haus war verwinkelt, das sah man selbst von außen. Ihr Zuhause hatte mehrere Etagen. Eystaeya hatte ihr Zimmer direkt unter dem Dach. Der Laden war ganz unten. Direkt über dem Laden war die Küche und das Wohnzimmer. Das Zimmer ihres Vaters befand sich im dritten Stock, wo auch eine kleine Bibliothek befand. Dort sammelte die kleine Familie Bücher über Pflanzen, sowie Märchen und Geschichten aus allen Ecken Ephoras. Viele Schreiber brachten Exemplare ihrer Werke vorbei, weil sie im Teeladen von der schlagende Idee getroffen wurden. Schnell schlüpfte sie in den warmen Laden und lief zu ihrem Vater. Dieser sah sie nur dankbar an und ging in den hinteren Bereich. Eystaeya betrachtete die Gäste, die noch da waren. Drei Adelige Damen saßen an einem Tisch und unterhielten sich lautstark über Gott und die Welt. In der Ecke saß ein junger Mann, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und las ein Buch. Ein paar Bücher waren im Laden verteilt, sodass Besucher sich beschäftigen konnten. Wahllos verteilt lagen überall Bücher herum. Jedes Buch war voll mit Lesezeichen, die Stammkunden rein gelegt haben. Respektvoll ließ jeder Leser diese drinnen und legte vielleicht sein eigenes Lesezeichen hinzu.
Eine der Damen hob die Hand und rief “Eine Traummischung.“. Nichtmal ein Bitte oder so, dachte sich Eystaeya und rollte mit den Augen. Schnell füllte sie heißes Wasser in eine Kanne und fügte einen Filter mit der gewünschten Mischung hinzu. Vorsichtig lief sie zu den Damen und stellte die heiße Kanne in der Mitte des Tisches ab. Die erkaltete Teekanne nahm sie wieder mit.
“Das die Königin gestorben ist, ist eine Schande.“, sagte die eine Frau. Ihr Busen war unmenschlich weit hochgepresst. Eine Bewegung zu viel und die Dinger würden aus dem Korsett fallen. Eystaeya horchte auf. Sie wunderte sich, wie alt die Neuigkeiten waren. Normalerweise dauerte es Wochen, bis etwas in Soranel ankam. Die Stadt lag recht ungelegen und Händler brauchten ewig auf den schmalen, geschwungenen Straßen durch die Berge. Aber diese Neuigkeit erschien ihr als eine sehr wichtige Nachricht, wahrscheinlich war sie nur 2 oder 3 Tage alt. Höchstwahrscheinlich wurde sie mit Fue im ganzen Land verteilt. Die schönen Vögel waren nicht nur repräsentative Haustiere, sie waren auch wie Brieftauben im ganzen Land unterwegs. Wegen ihrer vier Flügel waren sie schneller als Tauben. Zusätzlich hatten sie ein hervorragendes Gedächtnis und konnten sich auch Ortsnamen und Gesichter merken.
“Ja, nicht?“, rief die zweite Frau. Sie trug einen riesigen Hut mit viel zu vielen Blumen. “Der arme Prinz, er wird so leiden ohne Mutter.” Eystaeya schnaubte leise. Es gab auch andere, die ohne Mutter überlebt hatten, dachte sie sich und wandte sich den Teemischungen zu. Dennoch lauschte sie den Damen weiter. Doch diese unterhielten sich nur noch über nutzlosen Kram und ihre eigenen Kinder. Eystaeya trug gerade ein paar Tassen von der Spüle ins Regal, da rief Lady Hut lautstark nach ihr. Vor Schreck ließ sie die Tassen fallen, welche sogleich auf dem Boden zersprangen. Schnell bückte sie sich und begann, die Scherben aufzusammeln, dabei schnitt sie sich und rotes Blut quoll aus der Wunde. Erschrocken versteckte sie ihre Hand. Wenige Sekunden später kam ihr Vater nach vorne gestürzt und verdeckte sie. Dankbar rannte sie in den hinteren Bereich und suchte nach Verbandsmaterial. Wenig später kam Eystaeya’s Vater und half ihr beim Desinfizieren und verbinden. Die Wolle verfärbte sich schnell rot.
“Wir wechseln das später nochmal. Bleib erstmal hier oder geh hoch.“, sagte ihr Vater und ging dann wieder nach vorne, um die Gäste zu bedienen. Emotionslos betrachtete Eystaeya das rote Blut. Der Grund des ganzen Übel. Rotes Blut war verhasst. Es bedeutete, dass man keine Magie wirken konnte. Die meisten Menschen hatten violettes oder lila Blut, sie konnten normal viel Magie wirken. Der Adel und die Königsfamilie hatten blaues Blut und waren damit die mächtigsten Leute im Land. Aber rotes Blut hatte niemand, nur normale Tiere.
Etwas strich sie am Bein und holte sie aus den Gedanken. Es war Kasd, eine Streunerkatze, die sie vor ein paar Jahren gesund gepflegt hatte. Kasd war aus der alten Sprache und bedeutete nur Katze. Das Tier war zierlich gebaut und flauschig wie ein Pfogje. Ihr Fell war hellgrau und sie hatte schwarze Pfoten. Kasd hatte große Ohren, die in feinen schwarzen Fellbüscheln endeten. Und zwei lange dünne Hörner thronten zwischen den Fledermaus-Ohren. Die Katze grinste sie an und kleine spitze Zähne wurden sichtbar. Eystaeya hätte gerne gesagt, dass sie von Kasd angestarrt wurde, aber die Katze hatte einfach keine Augen. Eystaeya hatte mal gefühlt, ob im Schädel des Tieres Augenhöhlen waren, aber sie konnte nichts finden. Also hatte sie sich einfach damit abgefunden, dass das Tier nur Fell und Mund im Gesicht hatte und trotzdem starren konnte wie eine normale Katze.
“Ach Kasd, wie soll das mit der Prüfung nur werden?” Die magische Katze miaute nur und kletterte auf Eystaeya’s Schultern. Gemeinsam kletterten sie in das Obergeschoss des Teehauses. Jeder Stock des Hauses war nur über eine schmale, verwinkelte Treppe zu erreichen. Eystaeya’s Vater musste sich oft bücken oder seitwärts gehen, um die Treppe nutzen zu können. Auch das Wohnzimmer war ungefähr genauso vollgestopft wie der Laden unten, aber es war dennoch wohnlich. Überall waren Pflanzen und Blumen. Eine Ranke, die Eystaeya groß gezogen hatte seit sie drei Winter zählte, hatte sich über die ganze Decke ausgebreitet. Nun wuchsen schon Ableger der Pflanze Richtung Boden. Eystaeya hatte angefangen, die Ableger als Halter für leichte Laternen und Kerzen zu nutzen. Sie wickelte die Ranken einfach um die Kerzen oder durch Ringe und ließ die Ableger dann wieder nach oben wachsen. Dies hatte sie fast in jedem Raum des Hauses gemacht, da die Pflanze unglaublich schnell wuchs. Oft musste sie schon schweren Herzens Ableger kürzen. Eystaeya kletterte weiter hoch und verschwand in ihr Zimmer. Als sie ihre Jacke auf einen Stuhl legte und die Taschen entleerte, merkte sie, dass Noye ihr alle Gold- und Silberstücke wieder untergemogelt hatte. Sie lächelte und legte das Geld auf ihren Schreibtisch. Dann ging sie zu ihrem Bett. Dieses war genau vor dem Fenster. Eystaeya liebte es, abends die erleuchtete Stadt zu beobachten. Nun sah sie missmutig aus dem Fenster und dachte nach, wie sie die Prüfung bestehen sollte. Ihre Gedanken flogen an ihr vorbei und hielten sie wach, bis die Sonne fast schon wieder aufging. Kasd war derweilen auf ihrem Schoß eingeschlafen. Aber Eystaeya konnte nicht schlafen, zu unruhig waren ihre Gedanken. Bei Sonnenaufgang fielen ihr endlich die Augen zu. Und zum Klang des Windes, der an ihrem Fenster rüttelte, kuschelte sie sich in ihre Decke und fiel endlich in einen traumlosen Schlaf.