Die Entführung
Mit einem pochendem Schädel erwachte ich langsam. Das Erste was ich sah war ein schwach beleuchtetes Zimmer. Doch es war definitiv nicht mein Zimmer. Sofort wollte ich mich aufsetzen, doch ich kam nicht einmal dazu – ich war gefesselt .An Armen, Beinen Bauch und Oberkörper fixiert lag ich auf dem Rücken in einem fremden Bett, unfähig mich zubewegen.
Ängstlich sah ich mich um. Was ist passiert? Und warum bin ich gefesselt? So langsam kamen mir die Erinnerungen in meinen schmerzenden Kopf zurück. Ich war bei Anna. Dann bin ich heim gelaufen. Die Männer und das komische Tuch. Siemussten mich wohl betäubt haben.
Fuck. Meldete sich meine innere Stimme zu Wort. Ja fuck. Ich stecke richtig in der Scheiße. Wie komme ich jetzt hier wieder raus? Hilfe suchen sah ich mich im schwach bedeuteten Zimmer um. Da der Mond, welcher durch das kleine Fenster schien, nicht gerade die beste Lichtquelle war, konnte ich erst kaum etwas erkennen, doch dann schienen ich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt zu haben und ich konnte den Inhalt des Zimmers erkennen.
Der Raum war spärlich eingerichtet; eine kleine Kommode, ein Tisch mit Stuhl und das Bett, in dem ich mich befand. Nicht gerade viel. Aber im Moment hatte ich andere Sorgen. Erstmal musste ich mich von dieser Fesselung befreien. An den Seilen ziehend rutschte ich im Bett herum und hoffte dass sich irgendwas lösen würde, wenn ich mich nur gut genug dagegen stämmte. Einige Minuten versuchte ich noch mich gegen dieses Konten zu wehren, gab es dann aber auf. Es hatte keinen Sinn. Ich war hier gefangen bei drei fremden Männern, von denen ich nicht einmal wusste, was sie von mir wollen. Bloß nicht in Panik verfallen, Lucie. Sprach ich mir selber zu und es schien zu funktionieren, denn auf einmal hatte ich eine gute Idee.
Ich würde meine Entführer einfach mit Hilfe schreien hierher rufen und dann könnte ich sagen, dass ich aufs Klo muss und dann abhauen. So schlecht fand ich den Plan gar nicht, also begann ich auch gleich damit ihn in die Tat umzusetzen.
Kurz räusperte ich noch meine trockene Kehle bevor ich begann das gesamt Haus zusammen zu schreien. “HILFE!HÖRT MICH JEMAND? HALLO? HILFEE” Ich schrie so laut ich konnte und kurz darauf wurde auch schon die Türe abrupt aufgerissen. Wow. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht.
Doch mein innerliches Grinsen verging mir als ein braunhaariger Typ mit schnellen Schritten auf mich zu kam und mir erst mal gewaltig Eine klatschte. Von dem Schlag überrascht und vom Schmerz geschockt schossen mit Tränen in die Augen. “HASTDU SIE EIGENTLICH NOCHALLE MITTEN IN DER NACHT RUMZUSCHREIEN?? Wenn ich noch einen Ton von dir höre, dann schwöre ich dir werde ich dich so lange in den Kerkerstecken bis du nur noch aus einem Skelett bestehst. Niemand raubt mir meinen Schlaf und erst recht keine verdammte Sklavin du ungezogenes Gör!”
Eingeschüchtert blickte ich den wutentbrannten Jungen an. “Hast du mich verstanden du Hurentochter?!“, der Brünette musterte mich aus zusammengekniffenen Augen, und das war ein ganz schön angsteinflößender Anblick. Mir gefiel seine Beleidigung zwar nicht aber da ich Angst hatte nochmal eine Backpfeife zu kassieren nickte ich hastig. Daraufhin brummelte der Typ etwas, was sich wie “gut” anhörte und verließ mit dem zuknallen der Zimmertür den Raum.
Ich zuckte vom plötzlichen Lärm zusammen und starrte immer noch geschockt auf die Türe. Was war denn das gewesen? Ein Typ der anscheinend seine Tage hatte kommt hier rein weil ich seinen Schönheitsschlaf gestört habe, knallt mir eine, droht mir mit dem Tod und geht dann wieder? Na das kann ja noch was werden..
Ich versuchte meine Muskeln zu entspannen und den pochenden Schmerz in meiner Wange zu vergessen. Wieso hatte mich der Typ eigentlich Sklavin genannt? Hätte das eine Beleidigung sein sollen, oder war ich hierin Menschenhandel reingeraten? Ich konnte nur hoffen das letzteres nicht stimmte, denn sonst wäre ich richtig am Arsch..
Prompt wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als plötzlich die Zimmertüre mit einem leisen knarren aufging. Ich drehte meinen Kopf und konnte zu meiner Erleichterung feststellen, dass es nicht der Brünette Schreihals, sondern ein schlanker blonder Junge war, ich schätzte ihn auf Mitte 20 ein.
“Bist du wach?“, fragte seine melodische Stimme durch die Dunkelheit.“Mhm.” bestätigte ich seine Frage leise, woraufhin er die Türe wieder schloss und auf mich zu kam. Nachdem er mich mit einem kurzen Blick gemustert hatte, schnappte er sich einen Stuhl und setzte sich neben mein Bett. Komischer Typ.
“Ich in Jin, und du?“, versuchte er ein lockeres Gespräch anzufangen. Ungläubig sah ich ihn an. Er war einer der Typen die mich verfickt nochmal entführt und ebenfalls an ein scheiß Bett gefesselt hatten und jetzt wollte dieser Jin mit mir allen ernstes einen ganz normalen Smalltalk führen?!
“Mein Name ist Lucie und ich bin äußert erfreut darüber mit meinem Entführer Bekanntschaft zumachen!“, gegen Ende nach meinem von Ironie nur so triefenden Satzes funkelte ich ihn böse an. Ihm jedoch entlockte das nur ein leichtes Seufzen. “Hör mal zu Lucie, wir alle haben keinen Bock darauf und mit einem trotzigen, pubertierendem Gör ein Jahr lang herum zu schlagen, aber es geht nun mal nicht anders...“Verwirrt sah ich ihn an. Wovon redete er? Ein Jahr? Der Blondhaarige bemerkte meinen Blick und wank sofort ab: „Mach dir darüber jetzt erst mal keine Gedanken. Joonie wird dich morgen über alles aufklären. Ruh dich jetzt noch ein wenig aus und versuch zu schlafen.”
Fast schon väterlich zog er eine Wolldecke unter dem Bett hervor und deckte mich damit zu. Als er sich gerade von mir verabschieden, und gehen wollte, fiel mir plötzlich mein Plan ein, den ich noch nicht in die Tat umgesetzt hatte.
„Jin?” Der Ältere drehte sich zu mir um. „Ähm, ich müsste mal aufs Klo.” Einen Moment lang sah er mich einfach nur an, als wollte er meine Aussage überprüfen, fast schon, wie wenn er etwas ahnen würde. Doch dann nickte er knapp und kam zu mir um mich von den Fesseln zu befreien. Zweifelnd sah ich Jin dabei zu wie er die kompliziert aussehenden Knoten mit einer Leichtigkeit auflöste. Würde ich wirklich von hier einfach so abhauen können?
„Komm mit.“, befahl mit Jin schlicht und so folgte ich ihm aus dem Zimmer hinaus. Der Gang, auf dem wir nun liefen, bestand aus altem Gemäuer. Es war weder isoliert, noch verputzt. Doch an dem alten Gemäuer waren altmodische Lampen angebracht, die den Weg etwas belichteten. Allerdings waren auf der linken Seite Fenster, durch die ich im vorbeigehen neugierig hinausspähte. Draußen war es dunkel, doch dank des Vollmondes war der tiefschwarze Wald, der sich scheinbar bis zum Horizont ausstreckte gut zu erkennen. Außerdem konnte ich noch feststellen, dass wir uns anscheinend in einer Art alten Burg befinden mussten, den draußen waren ein großer Hof, einige Nebengebäude und sogar zwei Türme zu entdecken.
Wieso zum Teufel hatte man mich auf eine Burg entführt? „Jin?“, fragte ich vorsichtig den Älteren. „Ja, Lucie?“, fragte er mit gelassener Stimme. „Sind wir hierauf einer Burg oder so?” Ich wollte meine Vermutung bestätigt haben, denn wenn es so ist, würde ich hier wahrscheinlich nicht so leicht heraus kommen. „Da liegst du richtig. Unser Boss hat sie uns geschenkt, damit wir hier arbeiten können.“, erklärte er. Nun war meine Neugier geweckt. „Und was arbeitet ihr hier so?“, fragte ich einfach ins Blaue hinein. „Wie gesagt, morgen wirst du alles weitere erfahren.” Er hielt vor einer dunkelbrauen Holztüre an. „Hier ist die Toilette. Bitte beeile dich ich bin ein wenig müde und will wieder ins Bett.” Ich nickte und ging ins Bad. Als ich abschließen wollte, fiel mit etwas auf. Es gab kein Türschloss. Na super, dann musste ich jetzt also abhauen und er konnte dabei jeder Zeit hineinkommen? Das kann ja was werden...
Mit schnellen Schritten lief ich durch das altmodisch eingerichtete Bad zum Fenster. Doch als ich durch das Glas hinunterschaute wurde mit schnell klar, dass eine Flucht unmöglich war. Ich befand mich schätzungsweise im dritten Stock, also hoch genug um mir alle Knochen zu brechen, wenn ich springen würde. Am Gemäuer hinunterzuklettern war ebenfalls viel zu riskant, mal davon abgesehen, dass ich nicht abschließen konnte und Jin meine Abwesenheit bestimmt bemerken würde. Mit einem Seufzen beschloss ich meine Fluchtpläne auf später zu verschieben und ging zurück zur Tür.
Jin sah mich überrascht an, als ich auf dem Bad ging. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem schelmischen Grinsen. „Willst du denn gar nicht abspülen oder dir die Hände waschen?” Oh. Ich hatte bei meinen Fluchtplänen ganz vergessen, dass ich ihn ja mit dem aufs Klo gehen angeschwindelt hatte. Betreten sah ich auf meine Füße. „Ist schon ok. Es ist offensichtlich, dass du abhauen wolltest. Aber wie gesagt. Wenn du dich wehrst wird alles nur noch schlimmer, also gib dich deinem Schicksal hin” Jin legte mir mitfühlend eine Hand auf die Schulter und sah mich eindringlich an. „Einfach nicht wehren, verstanden?” Ich nickte, halbherzig. Wenn ich so durchschaubar war, wäre es vielleicht wirklich besser auf ihn zu hören. Allerdings änderte das nichts daran, dass ich unbedingt von hier weg wollte...
Nachdem Jin mich wieder zurück in mein Zimmer gebracht und mich - sehr zu meinem bedauern - wieder gefesselt hatte schlief ich relativ schnell ein.