Kapitel 1
Claudin
Schon seit Stunden lief ich, ohne zu wissen wohin, durch den Wald. Ich wusste nur, dass ich von dort wegmusste.
Es war bereits dunkel, als ich nach Luft ringend eine kurze Pause machte und mich an einem Baumstamm festhielt, damit ich nicht umfiel. Mir wurde fast schwarz vor Augen und es brauchte ein paar Minuten, bis ich meinen Atem wieder unter Kontrolle hatte und mich vorsichtig umsah.
Zuerst schaute ich mit immer noch rasendem Herz hinter mich, um sicherzustellen, dass mir niemand bis hierhin gefolgt war. Nachdem ich mir sicher war, allein zu sein, beruhigte ich mich und versuchte mich zu orientieren. Ich war noch nie so weit von zuhause entfernt gewesen und der Wald kam mir fremd vor. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, wohin ich gehen sollte oder was als nächstes passieren wird.
Ich schaute zum Himmel auf und beschloss dem Mond zu folgen.
Während ich aber nun nicht mehr rannte, sondern achtsam durch den Wald ging, erinnerte ich mich an das, was an diesem Tag passiert war.
Es war ein ganz gewöhnlicher Tag. Es war Sonntag und wie immer wurde ich von den Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht geweckt. Ich schaute mit schläfrigen Augen auf die Uhr in meinem Zimmer 7:43. Ich riss meine Augen auf und fuhr hoch. Verdammt, ich komme noch zu spät zum Training! So schnell wie möglich ging ich zu meiner Kommode aus Fichtenholz und suchte mir meine Trainingsklamotten zusammen. Ich zog mich an, stürmte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter, wobei ich beinahe fiel.
Ich hatte keine Zeit mehr, um richtig zu frühstücken, also schnappte ich mir eine Scheibe Toastbrot von der Theke und ging zur Tür hinaus.
Mein Onkel, der zwar nicht meine leibliche Familie war, aber sich als einziger um mich kümmerte, wartete bereits auf dem Trainingsgelände auf mich. Er stand mit dem Rücken zu mir und hatte die Arme verschränkt. Ich betete, dass ich es noch rechtzeitig geschafft hatte. Aber als er sich zu mir drehte und seinen Blick von seiner Uhr auf mich richtete, wusste ich, dass dem nicht so war.
Mein Onkel war schon in seinen 70ern und nahm mich als kleines Mädchen bei ihm auf. In der Stadt und im Rudel war er durch seine exzellenten Kampfkünste bekannt. Er hatte schon mehrere Auszeichnungen erhalten und war für das Ausbilden von den Rudel-Kriegern verantwortlich.
Ich hatte keine Eltern und lebte zuerst in einem Waisenhaus, aber nachdem ich mehrmals Ärger angerichtet hatte, wurde ich im Alter von zehn Jahren rausgeschmissen. Es mag komisch klingen, eine Minderjährige Waise rauswerfen zu dürfen, aber das konnten sie. Ein kleines Haus stand in meinem Namen und die Nachbarschaft war äußerst freundlich.
Nachdem das Waisenhaus mit ihnen gesprochen und meine Nachbarn versprochen hatten auf mich aufzupassen, zog ich dort ein. Ich erhielt genug Geld vom Waisenhaus, um mich zu versorgen und Stromkosten usw. wurden auch übernommen. Anfangs kümmerten sich die Leute gut um mich, doch es dauerte nur ein paar Monate, bis ich verachtet und als Monster bezeichnet wurde.
Ich grinste unbeholfen und war bereit für meine Strafe. Mein Onkel aber musste lachen, als er mich ansah. “Da hat jemand aber gut geschlafen”, sagte er und zeige auf meinem Kopf. Wegen dem ganzen Stress hatte ich vergessen meine Haare zu bürsten! Ich band sie schnell mit einem Haargummi aus meiner Hosentasche zusammen und ging auf meinen Onkel zu. Dieser beruhigte sich allmählich wieder und schaute mich nun liebevoll mit seinen blauen Augen an.
Ich dachte er würde mich für meine Verspätung tadeln doch er sagte:” Ich weiß, wie viel Mühe du dir gerade gibst. Du arbeitest, lernst und trainierst. Du hast kaum mehr Freizeit, bist ständig gestresst und ich weiß, dass es dir deswegen zurzeit nicht gut geht. Ich bin stolz auf dich, auch wenn du mal schlechte Noten schreiben würdest oder dich verspätest. Mach dir also bitte nicht zu viel Druck und rede mit mir darüber.”
Ich fühlte wie mir Tränen hochkamen und mir übers Gesicht liefen. Woher wusste er das? Ich wollte ihn stolz machen, um ihm zu zeigen, dass es kein Fehler war mich aufzunehmen, dass ich ein gutes Kind sein konnte. Ich schluchzte und brachte kein Wort hervor. Mein Onkel nahm mich fest in den Arm und beruhigte mich.
Daraufhin fühlte ich mich so viel besser, es war, als ob mir eine schwere Last von den Schultern gefallen wäre. Ich war voller Energie und bereit für mein, ohne es zu wissen, letztes Training mit meinem Onkel.
Nach dem Training machte ich mit meinem Onkel das Mittagsessen und backte einen Kuchen für den Nachmittag. Wir saßen zusammen am Tisch und aßen den sehr leckeren Eintopf. “Ich kann dir nicht mehr beibringen, Claudin. Du bist die mit Abstand beste Kriegerin, die ich jemals gesehen habe. In einem Kampf würde ich sicher gegen dich verlieren”, mein Onkel lachte. Trotz seines hohen Alters war er unschlagbar und bei weitem stärker, als er aussah. Nicht einmal unser Alpha würde ihn schlagen können.
Ich war schockiert. Ja, ich war gut, sogar sehr gut, aber ihn besiegen können? Ich dachte, dass ich dieses Level erst in ein paar Jahren erreichen würde. Er musste meinen perplexen Blick bemerkt haben denn er sagte:” Kind, ich habe dir alles beigebracht, was ich weiß, du hast, seit du elf warst täglich trainiert und das verinnerlicht. Dazu kommt noch, dass du deine Muskeln aufgebaut hast, sieh dir doch deine Oberarme und deine Bauchmuskeln an. In meiner menschlichen Gestalt hätte ich keine Chance, vielleicht würde ich eine in meiner Wolfsgestalt haben, aber auch nur weil du dich aus irgendeinem Grund nicht an deinem 18. Geburtstag verwandelt hast.
Obwohl, wenn ich gerade drüber nachdenke, wäre ich dir durch deine Kräfte sowieso unterlegen. Hab mehr Selbstbewusstsein.” Bin ich wirklich schon so stark? Ich konnte mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als ich auf meinen Teller starrte und über seine Worte nachdachte.
Die Sonne war bereit unterzugehen und der Himmel färbte sich Orange. Ich saß draußen auf der Veranda mit meinem Onkel. Wir spielten Schach, meine Chancen standen dieses Mal sogar ziemlich gut. Dieser Tag war einerseits eigenartig, aber er war schön. Ich war glücklich und wünschte mir, dass mein Leben einfach immer so weitergehen würde, doch das Schicksal hatte anderes für mich vorgesehen.
Ich tätigte meinen nächsten Zug, als auf einmal Alpha James mit seinem Beta und der ganzen ersten Aufstellung der Krieger in unsere Einfahrt kam. Ich und mein Onkle standen sofort auf und verneigten uns leicht, um James Respekt zu zeigen.
Alpha James befiehl seinen Männern in seinem Alpha-Ton:” Tötet dieses Monster, sie wird uns allen noch den Untergang bringen!” Ich hatte keine Ahnung was hier passierte. Das letzte Mal, als ich Monster genannt wurde, war neun Jahre her.
Damals verletzte ich aus Versehen die anderen Kinder des Rudels, wegen meinen Kräften. Ich wusste nicht, wie ich sie kontrollieren sollte, doch das hatte sich geändert, sobald mein Onkel mich aufgenommen hatte. Was sollte das hier?
Ich war wie erstarrt, ich konnte weder sprechen noch mich bewegen. Mein Onkel stellte sich schützend vor mich und stieß ein markerschütterndes Knurren aus, was die Wölfe innehalten ließ. “Geht einen Schritt weiter und ich werde nicht zögern jedem einzelnen von euch den Kopf abzureißen. Meine Nichte ist ein unschuldiges Kind, wie könnte sie euren Untergang verursachen? Ja, sie hat Kräfte und ist mächtig, aber sie würde nie jemandem etwas antun!”, rief mein Onkel.
Daraufhin starrte James meinen Onkel kalt an und meinte:” Die Prophezeiung sagt aber was anderes, Maximilian, also geh aus dem weg oder stirb mit ihr.” Er nickte seinen Leuten zu, die sich augenblicklich verwandelten und sich auf meinen Onkel stürzten, der sich ebenfalls verwandelte. Ich geriet in Panik und versuchte meine Kräfte heraufzubeschwören, um diesen Kampf zu beenden.
Mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen, meine Emotionen waren durcheinander und überwältigend. Einerseits wurde meine einzige Familie gerade angegriffen, nur weil sie mich beschützt, und andererseits wurde ich an meine Kindheit erinnert, wie ich als Monster behandelt wurde, all die verachtenden Blicke, die mir zugeworfen wurden.
Das war mir zu viel. Ich konnte fühlen, wie mich Energie durchströmte, zu viel Energie. Meine Kräfte kamen wir zur Hilfe, wie ich es wollte, jedoch konnte ich sie durch meinen geistigen Zustand nicht kontrollieren. Bevor ich diese Energie wieder unterdrücken konnte, sprudelte sie aus mir heraus.
Dieses Mal war es das Element Feuer. Meine Hände fingen an zu brennen. Es bildeten sich Feuerbälle, die kurz darauf auf einen nach dem anderen zuflogen. Es waren riesige Kugeln. Ich konnte nur zusehen, wie sich die Krieger des Red-Moon Rudels vor Schmerz auf dem Boden rollten, winselten und manche von ihnen sogar starben.
Durch das, dass ich mich nicht im Griff hatte, traf ich auch meinen Onkel, der sich gerade wieder von dem Angriff zu erholen versuchte. Ich versuchte den Feuerball zu stoppen, jedoch erfolgslos.
Alpha James und sein Beta verwandelten sich jetzt auch, knurrten mich an und waren dabei mich anzugreifen, als mein Onkel schrie:” Lauf, Claudin, Lauf!”. Der Beta stürzte sich auf meinen Onkel, der die Flammen überlebt hatte, und brach ihm das Genick. Ich hörte dieses furchtbare Geräusch und sah, wie das Licht aus seinen liebevollen Augen verschwand.
Das Knurren des Alphas holte mich endlich aus meiner Starre. Ich nahm die Beine in die Hand und rannte wie ein Feigling in den Wald.
Durch die Erinnerungen weinte ich heute zum zweiten Mal. Ich bin eigentlich keine emotionale Person, jedoch war es heute einfach zu viel.
Maximilian ist tot, oder? Meine einzige Familie ist wegen mir gestorben. Meine Eltern wollten mich nicht, meine ach so freundlichen Nachbarn gaben mich schnell auf, ja sogar das Waisenhaus wollte mich nicht, weil ich ich bin. Vielleicht bin ich ein Monster, aber sowas habe ich doch nicht verdient, oder?
Ich ging mit gesenktem Kopf schluchzend weiter.
Meine Tränen waren bereits getrocknet, als ich die ersten Sonnenstrahlen entdeckte. Ich war die ganze Nacht gelaufen. Durch mein Wolfsblut wurde mir zum Glück nicht kalt.
Es dauerte nicht mehr lange, bis ich das Ende des Waldes erreicht hatte. Vor mir erstreckte sich ein Dorf oder vielleicht doch eine Stadt? Auf jeden Fall sah ich mehrere Häuser und ein paar wenige Menschen waren auch schon auf den Straßen unterwegs.
Auf einmal bemerkte ich einen sehr starken Geruch in meiner Nähe. Der Geruch eines Wolfes. Ich war in irgendeinem Rudel gelandet. Ist dies meine zweite Chance auf ein friedvolles Leben oder würde ich auch hier verachtet und vielleicht getötet werden?