Kapitel 1
Der Tag zog sich wie Kaugummi. Langsam. Da an diesem Vormittag bisher nur ein einziger Besucher in der Klinik war, tigerte ich unruhig auf und ab. Ich zählte meine Schritte, während ich im Behandlungsraum hin- und herging. Ich zählte die Dielenbretter, die Deckenplatten – einfach alles, um nicht die Sekunden zählen zu müssen. Ich kontrollierte den Medikamentenschrank und räumte ihn um, dann waren die Reinigungsmittel dran. Die Wattebäusche gingen uns aus. Ich machte mir eine Notiz.
Ich hasste solche Tage, an denen ich allein war und kaum etwas zu tun hatte. Viel glücklicher war ich an Tagen, an denen in der Klinik Hochbetrieb herrschte. Wenn alles vor Energie summte, ich zwischen den Behandlungsräumen hin- und herflitzte und als Teil des Teams arbeitete. Als Teil des Rudels. Aber an diesen ruhigen Tagen stieg die Angst in mir auf. Besonders heute hatte ich ein flaues Gefühl im Magen. Es war, als würde ich nur darauf warten, dass gleich etwas Schlimmes passiert.
Nachdem ich mehrere Stunden lang vergeblich versucht hatte, das Gefühl zu ignorieren, ließ ich mich schwer auf einen der Stühle im Warteraum sinken. Mit einem Seufzer lehnte ich den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Ich horchte in mich hinein. Ich versuchte, dieses Gefühl zu greifen, um es ans Licht zu zerren. Ich wollte wissen, was genau es war. Ich war noch nie besonders gut in Meditation und konnte mich meistens nicht genug konzentrieren, um klarzusehen. Heute war leider keine Ausnahme.
Mein halbherziger Versuch wurde unterbrochen, als ich in der Ferne Reifen auf Kies knirschen hörte. Ich öffnete die Augen und schreckte auf. Das flaue Gefühl im Magen schob ich ganz weit weg. Ich trat ans Fenster und beobachtete, wie ein roter, schrottreifer Pickup die Einfahrt heraufkam. Ich erkannte ihn als einen der Wagen der Wachen. Er war sofort an den Dellen an der Ladefläche zu identifizieren. Dort hielten sich die Männer immer fest, wenn sie auf- oder absprangen.
Obwohl ich den Fahrer und seinen Beifahrer kannte, hingen an den Seiten mehrere Männer, die ich noch nie gesehen hatte. Ich wich auf die andere Seite des Raums aus. Den Empfangstresen brachte ich als Schutz zwischen mich und die Tür. Eigentlich gab es keinen Grund, nervös zu sein. Hier im Territorium unseres Rudels war ich sicher. Aber ich wusste aus Erfahrung, dass der Umgang mit Wölfen immer ein Risiko barg – besonders, wenn sie verletzt waren.
Einer der Fremden auf der Ladefläche sprang ab, noch bevor der Wagen ganz stand. Er achtete auf seinen rechten Arm und benutzte nur die linke Hand, um sich über die Bordwand zu schwingen. Als er neben dem Fahrzeug stand und mit dem Fahrer sprach, erkannte ich erst seine volle Größe. Der Mann war riesig, weit über 1,80 Meter groß und hatte breite Schultern. Er musste sich leicht bücken, um durch das Fenster des Wagens zu sprechen. Ich senkte den Blick, als er allein auf die Klinik zukam. Die anderen blieben am Pickup und lehnten sich lässig gegen den Wagen, während sie ihn beobachteten.
Als er eintrat, bimmelten die Glocken an der Tür völlig nutzlos. Seine gewaltige Präsenz füllte den kleinen Raum aus. Ich kämpfte gegen ein beklemmendes Gefühl an. Ich konnte die Energie spüren, die von ihm ausging. Er besaß eine Aura der Macht, die mir die Nackenhaare aufstellen ließ. Noch bevor er ein Wort sagte, wusste ich, dass ich ihn nicht so direkt anstarren sollte. Schnell senkte ich den Kopf.
„Gabriel“, stellte er sich kurz angebunden vor. Der Alpha des Castle-Rudels. Ich hatte schon lange Geschichten über seine Rücksichtslosigkeit gehört. Er sollte Menschen verachten. Ein flaues Gefühl der Angst breitete sich in meinem Bauch aus. Hätte ich gewusst, dass er vorbeikommt, hätte ich einen anderen Heiler gerufen, der sich um ihn kümmert.
Ich versuchte, mein Gesicht neutral zu halten, und sah ihn an. Sein Gesicht war voller Dreck und Schweiß. Sein widerspenstiges dunkles Haar war zu einem unordentlichen Knoten im Nacken zusammengebunden. Ich zögerte kurz, bevor ich ihm direkt in die Augen sah. Ich wusste, dass er meine Angst sofort bemerken würde, falls er sie nicht schon längst gerochen hatte. Ich umklammerte meinen Stift und sah zu ihm auf. Seine Augen waren blassblau, stechend und streng. Mein Puls beschleunigte sich.
„Kiera. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich. Innerlich beschwor ich meine Stimme, nicht zu zittern.
Er hob sein schmutziges Shirt und entblößte einen tiefen Riss an der rechten Brustseite. Die Haut darum herum war schwarz und verkohlt. „Silberklinge“, sagte er mit knapper Stimme. „Heilt nicht von selbst.“
Ich legte die Stirn in Falten und trat hinter dem Tresen hervor, um mir das Ganze genauer anzusehen. So eine Verletzung hatte ich noch nie gesehen. Normalerweise würde so eine Wunde innerhalb einer Stunde heilen, vielleicht zwei. Aber hier waren die Ränder verbrannt. Das verhinderte, dass die Haut sich regenerierte und von allein schloss.
„Kommen Sie mit nach hinten, wir bringen das in Ordnung“, sagte ich. Er nickte einmal und folgte mir. Er musste sich leicht zur Seite drehen, um durch den schmalen Flur zu passen.
Unter dem grellen Neonlicht des Behandlungszimmers suchte ich das Material aus dem Schrank zusammen. Gabriel zog sein Shirt aus und hievte sich auf den Untersuchungstisch. Das Möbelstück ächzte unter seinem Gewicht. Früher war das hier eine Klinik für Menschen gewesen. Die Einrichtung war also nicht für die Größe von Wölfen gemacht. Die Tische wurden zwar verstärkt, als unser Rudel sie vor Jahrzehnten übernahm. Aber selbst mit dem extra Stahl sah Gabriel auf diesem Tisch fast schon komisch aus.
Ich schob den medizinischen Wagen herüber und zog die Lampe tief nach unten, um die Wunde auszuleuchten. Wieder beugte ich mich nah heran, um die Wundränder zu prüfen.
„Dauert das lange?“, fragte Gabriel barsch. Sein Tonfall duldete eigentlich keine Widerrede; es klang eher wie ein Befehl als wie eine Frage.
„Sollte es nicht“, versicherte ich ihm. Ich griff nach der Spritze, die ich vorbereitet hatte. Als ich mich mit der Nadel wieder zu ihm umdrehte, schoss Gabriels Hand vor. Er packte meinen Arm fest. Seine plötzliche Bewegung war so schnell, dass ich mich erschreckte und die Spritze fallen ließ.
„Nein“, knurrte er mit zusammengekniffenen Augen. Ich zuckte zusammen, als sein Griff fester wurde. Seine große Hand umschloss mühelos mein ganzes Handgelenk. Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals.
„Es ist nur Lidocain“, sagte ich mit ängstlicher Stimme. Ich war wirklich verängstigt. „Es betäubt nur die Haut.“
„Brauche ich nicht.“ Seine Stimme war tief und bedrohlich und kam tief aus seiner Brust. An dem dunklen Blitzen in seinen Augen erkannte ich, dass sein Wolf um die Kontrolle kämpfte. Er fühlte sich bedroht. Als ich nickte, ließ er meine Hand los. Ich drehte ihm den Rücken zu und brauchte einige Sekunden, um mich zu sammeln. Ganz langsam goss ich Desinfektionsmittel auf ein frisches Stück Mull, um Zeit zu gewinnen und meine Nerven zu beruhigen.
„Das wird brennen“, warnte ich Gabriel, bevor ich die Wunde mit Antiseptikum tränkte und sie mit dem Mull säuberte. Ich warf einen Blick in sein Gesicht, um seine Reaktion zu prüfen. Ich hoffte, der Schmerz würde ihn umstimmen, was das Lidocain anging. Aber keine Chance. Gabriels Gesichtsausdruck blieb steinern. Er ließ sich nicht anmerken, dass er überhaupt etwas spürte.
Als Nächstes griff ich zu Nadel und chirurgischem Faden, um mit dem Nähen zu beginnen. Ich konzentrierte mich darauf, meinen Herzschlag zu beruhigen und meine zitternden Hände ruhig zu halten. Ich hatte in der Klinik schon hunderte Male genäht – bei Kindern und Teenagern, die ihre Wolfskräfte noch nicht hatten und Spielplatzverletzungen nicht selbst heilen konnten. Ich versuchte mir einzureden, dass das hier nichts anderes war. Aber die Stimme in meinem Kopf schrie, dass es eben doch anders war. Die Wunde war tief und lang. Ich musste sicherstellen, dass die Stiche genau saßen. Ich schätzte, dass es mindestens fünfzehn bis zwanzig werden würden.
„Bereit?“, fragte ich und zögerte kurz mit der Nadel über seiner Brust. Gabriel antwortete nur mit einem Knurren. Seine Haut war dick und zäh. Es kostete Kraft, die Nadel sauber hindurchzustechen. Ich fragte mich, ob das ein Alpha-Merkmal war. Bei anderen Wölfen war mir das so noch nicht aufgefallen.
Während ich arbeitete, waren das einzige Geräusch das leise Rascheln meines Kittels und das gelegentliche Tropfen von Blut auf den Boden. Ich verlor mich in der Aufgabe. Der gleichmäßige Rhythmus der Nadel beruhigte meine Nerven.
Zwischen den Stichen konnte ich nicht anders, als den Alpha heimlich zu mustern – seine markanten, herben Züge, die Art, wie sein Bizeps hervorstach, wenn er die Arme anspannte. Er zuckte nicht einmal. Er hielt den Kopf zurückgelehnt und starrte Löcher in die Deckenplatten. Ein feiner Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn. Sein Atem ging kürzer und schneller, aber er gab keinen Laut von sich. Wölfe konnten selten gut mit Schmerz umgehen, aber Gabriel versteckte ihn meisterhaft.
Schließlich, nach einer Ewigkeit, knotete ich den letzten Stich fest und schnitt den Faden ab. Ich lehnte mich auf meinem Hocker zurück und schob mir mit dem Unterarm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Gabriel stieß einen langen, langsamen Atemzug aus. Er sah mich an und unsere Blicke trafen sich. Mein Magen machte einen Satz. Ein Adrenalinschub durchfuhr mich von der Kopfhaut bis zu den Zehenspitzen. Schnell wandte ich den Blick ab und beeilte mich, die Wunde zu verbinden.
Gabriel spannte die Muskeln an und prüfte, ob die Nähte hielten. Er nickte zustimmend.
„Versuchen Sie, es sauber und trocken zu halten“, riet ich ihm. Ich schob meinen Wagen zum Medikamentenschrank, nur um ihm den Rücken zuzukehren. „In ein paar Tagen sollte es von selbst verheilt sein.“
Ich räumte in einem der Regale herum und tat so, als wäre ich beschäftigt. Ich hörte den Tisch protestieren, als Gabriel aufstand. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum. Als er an mir vorbeiging, erhaschte ich einen Hauch seines Dufts – er roch nach Moschus, animalisch und wild. Magnetisch. Erst als ich die Glocken an der Tür hörte, entspannte ich mich. Ich lehnte meine Stirn gegen das kühle Glas der Schranktür.
Später, nach Feierabend, machte ich mich auf den Heimweg. Es dämmerte bereits und war still. Das Adrenalin nach dem Treffen mit dem Alpha war verflogen. Jetzt wollte ich nur noch mit einem Glas Wein auf dem Sofa sitzen.
Ich fand Jack wie immer im Garten. Er hockte im Dreck und ließ die Erde durch seine Finger gleiten. Er sah auf, als ich das Gartentor öffnete, und ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Seine beruhigende Art schenkte mir sofort Wärme. Der letzte Rest der Anspannung des Tages fiel von mir ab.
„Hi, du“, sagte er, stand auf und wischte sich die Hände an der Hose ab.
„Wie laufen die Kartoffeln?“, fragte ich.
„Wird langsam“, antwortete er. Er bahnte sich einen Weg durch die Gemüsebeete und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Dann hielt er mich an den Schultern fest und sah mich an. Seine braunen Augen musterten mich prüfend. „Irgendwas ist los.“
Verdammte Wolfssinne. „Es war nur ein langer Tag.“
Jack legte mir einen schweren Arm um die Schultern und zog mich fest an sich. Er küsste mich noch einmal oben auf den Kopf.
„Lass uns reingehen und uns frisch machen. Dann erzählst du mir alles.“ Ich schlang meinen Arm um seine Taille, nickte und ließ ihn dann los.
„Nimm aber die Hintertür. Ich putze nicht schon wieder eine Dreckspur weg“, neckte ich ihn. Jack wuschelte mir durchs Haar und verschwand um die Ecke des Hauses.
Ich blieb noch ein paar Minuten auf der Veranda stehen und genoss die kühle Brise. Als ich reinkam, war Jack schon unter der Dusche. Ich goss mir ein Glas Wein ein und setzte mich im Badezimmer auf die Ablage.
„Willst du mit rein?“, fragte er grinsend. Er schob den Duschvorhang gerade so weit zur Seite, dass er den Kopf herausstrecken konnte. Wasser tropfte von seinem zotteligen blonden Haar in sein Gesicht. Ich schüttelte den Kopf. Er spritzte mich mit Wasser voll, bevor er den Vorhang wieder schloss.
„Ich hatte heute einen neuen Patienten“, sagte ich.
„Neu?“, fragte Jack laut gegen das Rauschen des Wassers und den Lüfter an. „Wer war es?“
„Der Alpha des Castle-Rudels. Gabriel.“ Seinen Namen zum ersten Mal laut auszusprechen, trieb mir die Schamesröte ins Gesicht. Es fühlte sich verboten an, so als hätte man als Kind auf dem Spielplatz heimlich das Wort Fuck geflüstert. Die Dusche ging abrupt aus und Jack riss den Vorhang beiseite. Mein Blick glitt über seinen Körper. Er war klatschnass und noch etwas seifig. Obwohl er kleiner war als die meisten Männer im Rudel, war Jack durch die Arbeit auf der Farm kräftig. Er bestand nur aus Sehnen und Muskeln. Seine Haut war an den Armen bis zum Ärmelansatz von der Sonne geküsst. Er merkte, dass ich ihn anstarrte, und unterdrückte ein Grinsen. Dann schnappte er sich sein Handtuch und wickelte es sich um die Hüften.
„Du hast ihn behandelt?“
„Er brauchte Nähte“, sagte ich. Jack trat heraus und baute sich vor mir auf. Er stirnrunzelte.
„Du warst mit ihm allein dort?“ Ich nickte. „Du hättest mich anrufen sollen, ich wäre vorbeigekommen.“
„Es ging schnell, er war bald wieder weg.“ Ich versuchte, beruhigend zu klingen, und schob sein nasses Haar zurück. Jack brummte nur. Ich folgte ihm ins Schlafzimmer und setzte mich aufs Bett, während er sich anzog.
„Wie war er so?“, fragte er.
„Ich weiß nicht, ruhig“, sagte ich. Er wartete abwartend auf mehr. Ich verdrehte die Augen. „Riesig. Einschüchternd. Nicht gerade freundlich. Warum bist du eigentlich nicht überrascht, dass er hier war?“
„Was meinst du?“ Jack ging von mir weg in die Küche. Ich lief ihm hinterher.
„Ich meine genau das, was ich gefragt habe“, hakte ich nach. Jack seufzte. „Warum war er hier?“
„Die Wachen haben Probleme mit einer Gruppe von Streunern. Sie schaffen es nicht, sie aus unserem Gebiet zu vertreiben. Dmitri hat Verstärkung vom Castle-Rudel angefordert. Ich dachte nur nicht, dass der Alpha persönlich runterkommt.“
Ich nickte und versuchte, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Meine Familie hatte Glück, vom Sawtooth-Rudel akzeptiert oder sogar willkommen geheißen zu werden. Aber es gab immer noch Dinge, bei denen wir außen vor blieben. Besonders, wenn es um Sicherheitsfragen ging.
„Man sollte meinen, sie hätten der Klinik Bescheid gegeben, damit wir uns auf Verletzte einstellen können“, grummelte ich.
Jack lehnte sich gegen die Küchenzeile und verschränkte die Arme. „Ich bin sicher, sie dachten nicht, dass es nötig sein würde.“
„Offensichtlich war es doch nötig“, sagte ich und nahm einen Schluck Wein. „Er hat eine Silberklinge abbekommen.“
Ein kurzer Schatten der Sorge huschte über Jacks Gesicht, fast unmerklich. Dann griff er nach meiner Hand.
„Ich bin sicher, die sind inzwischen wieder weg. Wenn noch mal einer von denen auftaucht, rufst du mich an, okay? Ich will nicht, dass du mit den Castle-Wölfen allein bist.“
Ich lächelte dankbar und drückte seine Hand. „Abgemacht“, versprach ich.