Chapter 1
Warum?
Das fragte ich mich seit Ewigkeiten! War es denn so schwer, endlich mal Glück zu haben? Oder musste ich wirklich erst die Stadt verlassen, damit ich jemanden fand? Obwohl – eigentlich wollte ich ja nichts suchen. Es kommt doch normalerweise immer von alleine. Da muss man doch nicht nachhelfen, oder? Vielleicht doch. Vielleicht war es ja an der Zeit, dass ich das Ruder selbst in die Hand nahm.
Es war noch dunkel, als ich das Haus verließ. Natürlich, es war ja bereits Herbst und die Nächte wurden länger und die Tage kürzer. Ich schloss die Augen und atmete die Luft tief ein. Es war definitiv Herbst, und das roch man.
Ich fand immer, dass es direkt anders roch, sobald der Herbst begann. Ein wenig zimtig und nach Kürbis. Vermutlich lag es aber auch daran, dass ich gerade einen leckeren Pumpkin-Spice-Latte trank und ihn direkt unter meine Nase hielt.
Ich ging in Richtung des Bahnhofs. Als ich den Zugang zur Bahn sah, überlegte ich bereits, wie ich nach oben gehen würde. Fahrstuhl oder Treppe?
Ehrlicherweise war ich schon immer ein bisschen faul gewesen, weshalb ich mich auch schnell für den Aufzug entschied. Also ging ich hin und sah mich noch einmal um, bevor ich den Knopf drückte, um den Aufzug zu holen.
Ich stieg ein und es roch so unangenehm, dass ich meine Entscheidung direkt bereute. Wenn ich doch wusste, dass die Fahrstühle so unangenehm rochen, warum benutzte ich sie dann immer?
Zum Glück dauerte es nur etwa 30 Sekunden, bis ich oben ankam. Ich sah auf die Anzeige und hatte wirklich Glück, denn die Bahn kam sofort.
Ich stieg ein, suchte mir einen Platz, setzte mich hin und holte meine Tasche hervor. Ich öffnete sie und kramte erst einmal nach meinen Kopfhörern. Erst suchte ich auf der einen Seite, dann auf der anderen. Ich suchte und suchte, bis ich schließlich das Case in der Hand hielt.
Ich öffnete es, holte einen Kopfhörer heraus und steckte ihn in mein rechtes Ohr. Danach nahm ich den anderen heraus und steckte ihn in mein linkes Ohr.
Ich holte mein Handy aus der Hosentasche. Als ich es entsperrte, musste ich einen Moment darüber nachdenken, was er mich gestern Abend gefragt hatte:
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie du dich gefühlt hast, als wir uns das erste Mal geküsst haben?“
Und ja, das konnte ich.
Das sagte ich ihm aber nicht, denn diese Genugtuung wollte ich ihm nicht geben. Der Kuss war während eines Spiels in der dritten Klasse der Highschool gewesen. Wir waren auf einer Party. Nicht zusammen – das hätten wir niemals getan. Aber wir spielten Flaschendrehen, und wenn die Flasche bei dir stehen blieb, durftest du dir einen Partner aussuchen, mit dem du für fünf Minuten in einem Schrank verschwandest.
Die Flasche blieb bei ihm stehen.
Nie im Leben hätte ich damals gedacht, dass er mich aussuchen würde. Ich meine, wir hassten uns. Und trotzdem stand er auf, ging zu mir herüber, streckte mir seine Hand entgegen und forderte mich auf, mitzukommen.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich es zwei Plätze weiter schnauben hörte, denn seiner Freundin gefiel das überhaupt nicht. Trotzdem sah ich zu ihm hoch, nahm seine Hand und ließ mich von ihm hochziehen und in Richtung Wandschrank führen.
Es war wie ein Traum. Damals fühlte sich alles nicht echt an.
Wir gingen in den Schrank hinein und da standen wir. Er direkt vor mir. Zum ersten Mal konnte ich ihn richtig ansehen. Er hatte schöne braune Augen und war groß, ungefähr 1,90 Meter. Im Gegensatz zu mir war er ein Riese. Ich war mit meinen 1,73 Metern zwar auch nicht klein, aber immer noch kleiner als er.
Ich hatte damals nicht viel nachgedacht, als sein Gesicht immer näher kam und seine Lippen nur noch wenige Zentimeter von meinen entfernt waren. Er sah mir noch einmal tief in die Augen, bevor unsere Lippen aufeinandertrafen.
Es war unglaublich. Magisch.
Ich hatte das Gefühl, als würde ein Feuerwerk in meinem Bauch explodieren. Damals hatte ich es als Aufregung abgetan, weil es mein erster Kuss überhaupt gewesen war.
Danach hatten wir beide so getan, als wäre nie etwas gewesen.
Und ausgerechnet gestern Abend, nachdem ich erfahren hatte, dass mein Freund mich seit Jahren mit seiner fucking Arbeitskollegin betrogen hatte, traf ich auf ihn – und das auch noch auf die unangenehmste Weise, die man sich nur vorstellen konnte.
Ich stieg nämlich aus dem Fahrstuhl und rannte voll in ihn hinein. Der Fahrstuhl lag am Ende des Ganges und man musste direkt um eine Ecke gehen. Na ja, wie es halt so ist, hatte ich überhaupt nicht darauf geachtet, dass mir jemand entgegenkam, und zack – stieß ich gegen eine muskulöse Brust.
Ich verlor fast das Gleichgewicht und hatte mich schon auf den Aufprall auf dem Boden vorbereitet. Aber na ja … er kam nicht.
Und warum?
Weil Mister Muskulös anscheinend super Reflexe hatte und seinen Arm in Windeseile um meine Taille schwang, um mich davon abzuhalten, mit meinem Po den Boden zu knutschen.
Das war ja noch nicht einmal das Schlimmste. Nein, er zog mich nämlich so nah an sich, dass ich seiner Brust wieder viel zu nahe war. Dann zwang er mich auch noch, ihn anzusehen.
Himmel, Herrgott, wie ich diesen Typen hasste!
Ohne auch nur einen Ton zu sagen, beugte er sich zu mir herunter und fragte mich flüsternd, ob ich mich noch daran erinnern könnte, wie ich mich nach unserem Kuss in der Highschool gefühlt hatte.
Ohne ihm auch nur eine Antwort zu geben, zwang ich ihn dazu, mich loszulassen, zeigte ihm den Vogel und ging. Aber nicht, ohne mich noch einmal umzudrehen und ihm den Mittelfinger zu zeigen.
Und er?
Er sah mich an und grinste.
Verdammt, er sah verflucht heiß aus, wenn er so grinste.
„Du bist immer noch dasselbe Kätzchen wie damals“, rief er mir noch zu, bevor er sich umdrehte und um die Ecke zum Fahrstuhl ging.








