Prolog
Sie ist nicht echt.
Das sage ich mir immer wieder. Wenn sie existieren würde... hätte ich sie längst gefunden. Doch jede Nacht wache ich mit derselben Gewissheit auf: Sie ist irgendwo hinter diesen Grenzen.
Ich fahre mir mit der Hand durchs Haar und klammere mich so fest an den Rand der Holzbank, dass sie unter meinen Handflächen ächzt. Kiefernduft und Schweiß liegen über dem Trainingsplatz, aber nichts beruhigt das rastlose Biest unter meiner Haut.
Ein tiefes Grollen vibriert in meiner Brust.
Der Gedanke an sie bringt mich dazu, jeden Zentimeter des Waldes zu durchkämmen, bis sie gefunden ist. Sie ist zu einer Ablenkung geworden. Ablenkungen kosten Menschen das Leben; das habe ich auf die harte Tour gelernt.
Die Sonne brennt nieder. Die östlichen Schutzzonen flimmern am Waldrand. Selbst die Vögel trauen sich nicht hindurch. Dahinter wirkt der Wald trotz der Morgensonne fast schwarz. Eine weitere Erinnerung daran, dass Monster in mehr als nur einer Gestalt auftreten – nicht nur als Wölfe.
Ich versuche, meinen Blick auf den Trainingsplatz zu fixieren, aber ich sehe nicht die Krieger beim Sparring. Ich sehe grüne Augen. Augen in dem Grün des Waldes nach dem Regen. Der Rest von ihr entgleitet mir, je mehr ich versuche, sie festzuhalten. Es ist immer dasselbe. Zu viel und doch nie genug. Die Göttin hat einen grausamen Sinn für Humor.
„Alpha.“
Rowans Stimme streift meine Gedanken, doch er dringt nicht durch die Festung in meinem Kopf. Nicht, wenn mein Wolf so nah an der Oberfläche lauert. Ich zwinge mich zur Kontrolle und springe auf die Füße.
Die Gespräche verstummen, sobald ich den Sand betrete. Hinter mir bellt Marcus eine weitere Korrektur an die Patrouille.
„Noch mal!“
Niemand will der Erste sein, der vor dem Blutmond versagt. Ich muss mich konzentrieren. Staub hängt in der Morgenluft, aufgewirbelt von stampfenden Füßen, während meine Krieger durcheinanderlaufen und Marcus Kommandos bellt.
Eine Schulter prallt gegen meine. „Alpha.“
Rowan sieht mich an, die Sorge steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ich spanne mich an.
„Hast du vor, heute bei uns mitzumachen?“, fragt er und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Offensichtlich.“
Ich schreite voran und verziehe keine Miene. Ich spüre seinen Blick auf mir.
„Man könnte meinen, die Fae hätten dich verhext, so wie du grübelst“, stichelt er.
Scheiße.
Er hat es bemerkt. Der Gedanke holt mich in die Gegenwart zurück. Ich verschränke die Finger, strecke meine Arme aus und lasse meinen Nacken knacken. „Ich habe nachgedacht“, antworte ich.
„Gefährlich.“ Er hebt die Brauen, sagt aber kein weiteres Wort.
Normalerweise hätte ich einen passenden Spruch parat. Heute nicht. Denn es sind Wochen vergangen, vielleicht Monate. Ich habe aufgehört zu zählen. Irgendwann habe ich angefangen, nach ihr zu suchen, ohne es zu wollen. In jeder Menschenmenge. In jedem vorbeiziehenden Gesicht. In jedem Paar grüner Augen. Besessenheit führt immer in den Ruin. Vielleicht bin ich schon nicht mehr zu retten.
Sie ist nicht echt.
Ich bin mir jedes Mal weniger sicher, wenn ich das denke.
„Du hast in letzter Zeit oft diesen Blick drauf“, sagt Rowan.
„Was für einen Blick?“
Rowan zuckt die Achseln. „Als würdest du auf jemanden warten.“
Ich erstarre. Ich weiß, worauf er anspielt, aber ich lasse nicht zu, dass das Schicksal über mich bestimmt. Nicht, nachdem es mir schon genug genommen hat. Nicht, wenn ich immer noch von Schreien aufwache, die gar nicht da sind.
Bevor ich antworten kann, kündigt Marcus mich an. Stille flutet die Arena, und er weicht meinem Blick aus. Rowan klatscht mir härter als nötig auf die Schulter, bevor er an mir vorbeigeht. Ich zögere kurz, dann verdränge ich alle Gedanken an sie. Zumindest versuche ich es.
„Weiter“, befehle ich. Die Reaktion erfolgt sofort.
„Kommst du, Boss?“ Rowan geht in Kampfstellung.
Spiel an, Beta.
Er sieht mich mit einem leichten Grinsen an. Es ist schwer, kein Mitleid mit ihm zu haben, wenn er glaubt, heute die Oberhand zu gewinnen. Jetzt bin ich an der Reihe zu lächeln. Mein Gesichtsausdruck muss beinahe wild wirken. Ich muss die Frustration nicht unterdrücken, wenn ich meine rücksichtslose Macht entfesseln kann.
Ich lasse meine Aura in Wellen aus mir herausströmen. Rowan wird still. Ich sehe, wie sich seine Kieferpartie verhärtet, während er sich bereit macht. Das ist es, was mein Volk von mir braucht. Ungezähmte Stärke.
„Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen“, spotte ich. Ich federe auf den Fußballen und umkreise ihn wie eine Beute.
Die Ironie entgeht mir nicht. Irgendwo zwischen Wachen und Träumen sucht sie mich jeden Moment heim. Jeder Traum hinterlässt bei mir dasselbe Gefühl. Als hätte ich mich fast an jemanden erinnert, den ich niemals hätte vergessen dürfen.
Blitzschnell springe ich vor.
Vielleicht kann der Schmerz sie zum Schweigen bringen.
❤️ Love this chapter.
the voice of the alpha is just 😌😌🤌🤌🤌
I feel like the voice gets mixed up every now and then. It could be different people or just a glitch, but honestly, it's not a big deal. ❤️