One Day In October

Zusammenfassung

[EndHawks][CollegeAU][OneShot][Liebesgeschichte][Fanfiction] Keigo und Enji. Student und Dozent. Zwei Männer, die so unterschiedlich sind und sich dennoch ähneln. Doch trotz allem gibt es Dinge, die schwer zu akzeptieren sind ...

Genre:
Romance
Autor:
Alicja
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
1
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
16+

Autumn

Es war unglaublich warm, für einen Abend im Oktober. Einen Abend wie diesen. Ein blonder, junger Mann – von etwa zwanzig Jahren – saß auf der Rückenlehne einer dunklen Bank. Sie war beschädigt und mit allen möglichen Sprüchen, Beleidigungen und Kaugummis verziert worden. Hier und da waren Stücke aus ihr heraus gekratzt oder gebrochen worden, während hinter ihr ein ganzer Urwald an Unkraut wucherte, über den sich so mancher Botaniker erfreuen würde. Vielleicht ja sogar jemand aus seiner Universität.


Keigo murrte unzufrieden, als ein lauer Windstoß aufkam und ihm rote Blätter ins Gesicht pustete. Die Bäume hatten schon längst den Willen und ihre Kraft verloren, diese zu halten. Der von den Abfällen der Bäume überdeckte Boden leuchtete im richtigen Licht in all seinen prachtvollen Rot- und Gelbtönen. Es war ein schöner Anblick.


Ein weiteres leicht gezacktes Blatt fand seinen Weg zu dem Blonden. Er schnappte es sich mit dem Zeige- und Mittelfinger, und begutachtete es im trüben Schein der Laternen. Am Rand war es braun gefleckt, der größte Teil jedoch war bereits gelb verfärbt. Nur an einigen, wenigen Stellen, da fanden sich noch ein paar grüne Pigmente wieder. Es war rissig und trocken. Doch wenn man genau hinsah, konnte man immer noch die kleinen Äderchen erkennen, die das Blatt einst versorgt hatten.


Eine Gruppe von lachenden Menschen kam näher und Keigo hob den Kopf in ihre Richtung. Nachzügler der letzten Seminare, vermutlich. Spätestens jetzt, um diese Uhrzeit endeten so ziemlich alle verpflichtenden Aktivitäten – im Regelfall zumindest.


Die meisten Studenten waren schon längst nach Hause gegangen, oder waren auf dem Weg dorthin. Manche verbrachten ihren Abend vielleicht in einer zwielichtigen Spelunke oder sie waren auf dem Weg zu der nächsten, überfüllten Disko. Dementsprechend war es in diesem Moment auch totenstill auf dem Universitätscampus.


Er ließ das Blatt fallen und beobachtete durch seine wilden, hängenden und langen Haarsträhnen die vierköpfige Truppe, die an ihm vorbeiging und dabei keinerlei Notiz von ihm nahm. Sie gingen in Richtung der S-Bahnstation. Um diese Uhrzeit fuhren sie nur noch – wenn überhaupt – halbstündig, was ihm tierisch auf die Nerven ging.


Keigo spuckte auf den Boden, der weiße Schaum zerfloss in den kleinen Rillen der mit den Jahren gelockerten Pflastersteine. Angewidert wandte er seinen Blick davon ab und war drauf und dran aufzustehen.


Doch eigentlich …


Er hatte es auch nicht unbedingt eilig nach Hause zu kommen. Denn dort würde er ohnehin niemandem begegnen, niemand würde auf ihn warten. Seine Eltern lebten schon lange getrennt und er war mit seinem Vater in die Großstadt gezogen.


Doch dieser hatte mit seinem Job zu tun, oder aber er befand sich in einer der unzähligen Bars, wo er am Ende all sein verdientes Geld liegen ließ. Genau deswegen durfte Keigo sich mehr oder weniger allein durch das Leben schlagen. Doch auch das war ihm im Prinzip ganz recht.


An Geld mangelte es ihm nicht …

Dafür hatte er immerhin einen gut bezahlten Nebenjob und das Stipendium erleichterte das alles um ein Vielfaches.

Und er würde wohl auch gut durch sein Studium kommen, wenn da nicht …

»Was machst du denn noch hier?«


Diese raue Stimme …

Sie klang wesentlich angenehmer als bei den Vorlesungen. Deutlich weniger gelangweilt und weniger … abweisend.

»Sie haben mich zu siezen.« Keigo sah nicht auf, als er im ruppigen Ton antwortete. Er fixierte weiterhin den von Blättern übersäten Boden und musterte mit seinen goldenen Augen eines der rot glänzenden.


Die Stimme lachte trocken auf, dann vernahm der Jüngere ein Klicken und kurz darauf den typischen Geruch von Zigarettenrauch.

Seinen Zigaretten.

»Willst du auch eine?« Er hielt dem Blonden die Packung unter die Nase und Keigo griff zu.


»Sie haben es schon wieder vergessen.« Der Blonde sah endlich auf und blickte in das Gesicht seines Dozenten. Er sah ihn vorlesungsbedingt nur zweimal die Woche, theoretisch zumindest. Wenn da nicht diese kleinen, unbeabsichtigten Treffen auf dem Campus, in der Mensa, auf dem Parkplatz, in der Innenstadt … wären.


Keigo gab es ungern zu, doch wahrscheinlich war an ihm ein kleiner, exzellenter Stalker verloren gegangen. Enji. Sein Vorname war Enji. Er hatte es herausgefunden, als sich der Dozent in der Stadt mit einem alten Freund getroffen hatte. Natürlich hätte Keigo auch einfach auf der Homepage seiner Universität nachsehen können, doch …


Er betrachtete den deutlich älteren Mann. Enji hatte rote, nach oben gestylte Haare, die wie wilde Flammen zu lodern schienen und verdammt ungewöhnliche türkise Augen. An so manchen Tagen wirkte die Farbe so intensiv, dass Keigo ein ums andere Mal vermutete, er würde gefärbte Kontaktlinsen tragen.


Bis auf seinen Chin-Strap, der seine Gesichtskonturen nachzog und deutlich hervorhob, war er meistens rasiert und machte einen gepflegten Eindruck. Mehr als so manch anderer Dozent zumindest. Um seine Mundpartie bildeten sich die ersten, zaghaften Falten, zudem schien er oft so, als hätte er die Ruhe weg. Doch Keigo vermutete, dass ihm seine Studenten einfach schlichtweg egal waren und er nur seine Arbeit machte.


»Hier.« Er hielt ihm sein Feuerzeug hin und Keigo nahm es ihm lieber ab, anstatt sich seine Zigarette von ihm anzünden zu lassen.

»Soweit kommt’s noch«, nuschelte er mit dem Glimmstängel zwischen seinen Lippen. Er gab es dem Besitzer zurück, während sie weiterhin schwiegen.


Eigentlich war Keigo jemand, der viel reden konnte und es auch tat. Oft genug hielt er lange Monologe und ließ die Anderen kaum zu Wort kommen. Doch nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Gedankenverloren betrachtete er die Tasche seines Dozenten.


Der einstmals weiße Aufdruck war nur noch undeutlich zu erkennen und gab keine Auskunft darüber, was früher einmal dort gestanden haben musste. Sie war prall gefüllt und lag schwer auf seiner breiten Schulter. Vermutlich hatte er an diesem Tag extra einen Laptop mitgeschleppt und das, obwohl sie hier in der Uni genug von denen stehen hatten.


»Soll ich dich nach Hause fahren?«, fragte der Rothaarige nach einiger Zeit und durchbrach damit die herrschende Stille. Keigo lachte trocken auf.

»Machen Sie sich nicht lächerlich.« Er zog an der Zigarette und blies den gräulichen Rauch in die warme Abendluft hinaus. »So bedürftig bin ich nun auch wieder nicht.«


»Und wieso sitzt du dann noch hier, allein, statt in der warmen S-Bahn auf dem Weg nach Hause?«

»Hm. Ob ich mich nun hier oder dort langweile, es macht keinen Unterschied …«

»Touché.« Enji ließ ein kurzes Lachen zu, doch es gefror binnen weniger Sekunden zu einer verzerrten Maske.


Sie rauchten beide schweigend zu Ende. Irgendwann stellte der Ältere seine immer schwerer werdende Tasche auf den Boden und drehte seine rechte Schulter, um diese zu entspannen. Sein beiger Trenchcoat raschelte bei der Bewegung und übertönte das eklige Geräusch, das sein Schulterknochen dabei von sich gab.


»Wissen Sie, manchmal frage ich mich, warum Sie Ihren Job so machen, wie Sie es tun. Wieso Sie sich hier tagein und tagaus hinquälen. Es scheint doch eine reine Tortur für Sie zu sein.«

»Sehe ich so gequält aus?«, fragte er, ehrliche Überraschung lag in der dunklen Stimme, während die schmalen Lippen sich wieder zu einem Lächeln verzogen. Doch dieses Mal blieb es.


»Ja.« Keigo warf den jämmerlichen Zigarettenstummel, trat noch einmal auf ihn und ließ ihn zwischen den Blättern und einem leeren Kaffeebecher auf dem Boden liegen.

»Das liegt wohl am Alter. Da kommst du irgendwann auch noch hin, Keigo.« Angesprochener zuckte bei der Nennung seines Vornamens zusammen.


»Jetzt übertreiben Sie aber.« Er blickte Enji an, nur für einen Moment, dann sah er jedoch wieder weg.

»Nein. Ich meine das vollkommen ernst.« Der rothaarige Mann verbannte das Lächeln aus seinem Gesicht, legte den Kopf ein wenig schief und kniff die türkisen Augen zusammen. »Weißt du … es ist deutlich auffälliger, als du denkst.«


»Hm? Was denn?« Keigo klang betont gleichgültig, doch innerlich tobte ein Sturm aus Gedanken.

»Deine Blicke. Ich bemerke sie in jeder meiner Vorlesungen.« Etwas in Keigo zog sich schmerzhaft zusammen und bereitete ihm unangenehme Krämpfe.


»Ihre Augen müssen sich gewaltig irren«, presste er halb lachend, halb flehend hervor. Doch er wusste genauso gut wie sein Dozent, dass das nicht der Fall war. Enji hatte vollkommen recht.

»Nein, meine Augen irren sich nicht, du ahnst ja gar nicht, wie wenig Studenten sich eigentlich auf das, was vorne passiert, wirklich konzentrieren. Soll ich dir mal etwas verraten?« Er machte eine Pause, erwartete aber keine Antwort von den so viel Jüngeren.


»Wenn ich da vorne stehe, dann sehen allein dreißig Prozent auf ihren Laptop oder das Handy. Weiß der Geier, was die überhaupt machen, jedenfalls sind sie gedanklich ganz woanders, nur nicht im Hörsaal. Dann gibt es noch die, die mich zwar anblicken, aber sie sehen durch mich hindurch, so, als wäre ich gar nicht da. Einfach weil es ihnen getrost am Arsch vorbei geht, was ich da vorne erzähle oder zeige. Aber sie besitzen wenigstens etwas Anstand und tun so, als würden sie zuhören. Dann sind da die ewig redenden, sie erzählen über ihr Wochenende, mit wem sie geschlafen haben, wer vermutlich schwanger ist, wer einen Filmriss hatte und am Ende in seiner eigenen Kotze aufgewacht ist. Ja, und dann gibt es da noch die eifrigen Schreiber und Zeichner, ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, ob das, was sie da zu Papier bringen, zur Vorlesung gehört oder Auswüchse ihrer Phantasien sind. Im Grunde interessiert mich das alles auch nicht. Was mich jedoch interessiert …«


Er kam näher und das ungute Gefühl in Keigos Magengegend wuchs zunehmend und rasant. »... Was mich wirklich interessiert, ist, dass du mich in jeder vermaledeiten Vorlesung ansiehst. Du machst es geschickt, siehst mir nicht immer in die Augen. Du betrachtest meine Kleidung, du zählst die Schritte, die ich vom Laptop zur Mitte und zur Tafel brauche. Manchmal sitzt du vorne und begutachtest andere Details, blickst fast nie zum Fenster oder zur Uhr, während andere Augen fast sekündlich dorthin wandern. Du wirkst interessiert, aber ganz eindeutig nicht an dem, was ich sage … hab ich Recht?«


Keigo sah erneut zum Boden. Seine Lippen klebten aneinander, doch trotzdem konnte er sie mit Gewalt aufreißen. Einfach weil es gesagt werden musste und weil ihn wahrscheinlich noch nie im Leben etwas so … gestört hatte.

»Sie … sind … dreiundvierzig.« Die Zahl schwebte leise davon. »Und geschiedener Vater von vier Kindern.«


Es vergingen so viele Sekunden der Stille, dass Keigo sich unwillkürlich fragen musste, ob er die Worte überhaupt ausgesprochen hatte. Doch als er seinen Dozenten näher kommen hörte, wusste er, dass er alles gesagt hatte. Alles, was nötig gewesen war. Enji seufzte leise.


»Ich weiß … Ich weiß.« Keigo spürte eine Hand auf seinem Kopf, die leichten Druck ausübte und dann wieder verschwand. »Melde dich bei mir, wenn du dich damit abgefunden hast.« Gleich darauf schulterte Enji seine schwere Tasche und schritt langsam in Richtung des Parkplatzes von dannen. Nur ein paar Blätter wehten ihm hinterher.


Keigo wartete und betrachtete den immer kleiner werdenden Schatten. Dachte dabei über seine Worte nach. War es eine Aufforderung gewesen? Eine Bitte? Oder nur reine Information, dass ihn der Altersunterschied keineswegs störte?


Noch bevor die hochgewachsene Silhouette gänzlich in der Dunkelheit verschwinden konnte, kam ein weiterer Windstoß auf und schob Keigo bestimmend von der Bank. Sein Dozent war bereits auf Höhe des Mensagebäudes angekommen, dahinter befanden sich die Hörsaalgebäude für vorwiegend technische, mathematische und chemische Bereiche.


Ein paar Meter weiter führte eine kleine Brücke, an der immer noch Banner von vor acht Jahren hingen, hinunter zu den Parkplätzen. Dort würde Enji an diesem Abend verschwinden. Mit schweren, unentschlossenen Schritten holte Keigo allmählich auf. Der Ältere bemerkte es, blieb stehen und zog amüsiert die Mundwinkel nach oben.


»Hm? Hast du deine Meinung so schnell geändert?«

»... Es fahren keine S-Bahnen mehr.«