Triangle - Die Geschichte eines neuen Lebens

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Zusammenfassung

Holly zieht in eine neue Stadt - am anderen Ende des Landes. Und das unfreiwillig. Zumindest gewissermaßen, denn durch ein Schutzprogramm der Polizei hat sie eine neue Identität bekommen und wurde in den äußersten Westen Texas verfrachtet. Ohne Bleibe, ohne Job, nur mit einem ansehnlichen Scheck. Sie steht nun vor der Aufgabe, sich ein neues Leben aufzubauen. Ein Leben, das sie selbst formen kann, so wie sie es möchte und so, wie sie es sich schon immer vorgestellt hat. Immerhin kennt sie hier niemand und keiner weiß, wer sie eigentlich ist. Schon an ihrem ersten Tag in ihrem neuen Leben begegnet sie Ally, einer kontaktfreudigen, etwas chaotischen jungen Frau, die sie glatt einlädt, mit in ihre WG zu ziehen. Sie ist mit Winston, der ebenfalls in der WG wohnt, eng befreundet und auch wenn die beiden so ganz anders sind als Holly, scheinen sie schon bald zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zu werden. Wären da nicht die Gefühle, die alles durcheinander bringen und die kleine Tatsache, dass Holly sich schon bald bohrenden Fragen nach ihrer Vergangenheit stellen muss.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
72
Rating
5.0 3 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 - Holly

Holly Brown. Ein unscheinbarer Name, an den sie sich noch gewöhnen musste. Holly Brown. Immer und immer wieder sagte sie sich diesen Namen, der nun ihrer war.

In ihrem Rucksack, der lose über ihre linke Schulter hing, befand sich alles, was sie für ihren Neustart benötigen würde. Ein Führerschein, ausgestellt auf den Namen Holly Symphony Brown. Ihr Name, denn Holly Symphony Brown war sie. Ebenfalls in ihrem Rucksack war ein Ordner mit Dokumenten, die bewiesen, dass sie als Holly Brown ein ganz normales Leben geführt hatte. Sie hatte nach der High School ein öffentliches College besucht und dort Kunst und Literatur im Hauptfach gehabt und zuletzt in einem Geschäft für Künstlerbedarf gejobbt. Zumindest stand das in ihrem Lebenslauf, mit dem sie sich möglichst bald einen Job suchen musste.

Holly entfuhr ein Seufzen und mit einer schwungvollen Bewegung beförderte sie den Rucksack höher auf ihre Schulter. Sie spürte, wie sie unter dem Riemen anfing zu schwitzen und ihre Kopfhaut kribbelte von der ungewohnt hohen Sonneneinstrahlung.

Sie befand sich an einem kleinen Bahnhof in der Stadt, in der sie von heute an leben würde. Mitten im Nirgendwo im Westen von Texas. Suchend sah sie sich um, aber außer karge, staubige Landschaft war nichts zu sehen.

Schon jetzt sehnte sie sich zurück nach Maine, in den Bundesstaat, in dem sie aufgewachsen und bisher gelebt hatte. Es war nicht so heiß, nicht so staubig und sie brauchte keine Angst zu haben, von einer Klapperschlange oder irgendeinem anderen giftigen Viech angegriffen zu werden.

Ein erneutes Seufzen entfuhr ihr und eilig verdrängte sie die aufkeimende Sehnsucht. Mister Bell hatte recht, sie musste all das vergessen und ein neues Leben beginnen. Weit weg, mit einer neuen Identität und einem neuen Lebenslauf.

Holly spürte, wie sie anfing zu zittern, auch wenn es gefühlte 1000 Grad heiß war. Wie Blitze zuckten die Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Bilder von dem Mann, der ihre gesamte Familie ausgelöscht hatte, bis auf sie. Aber das auch nur, weil sie es geschafft hatte, durch die Kanalisation zu fliehen. Sie wusste nicht, warum all das geschehen war und ihre Eltern konnte sie nun nicht mehr fragen. Sie waren tot.

Kopfschüttelnd verdrängte sie die quälende Frage nach dem Warum, die niemals beantwortet werden würde. Fakt war, dass ihre Eltern in irgendwelche krummen Geschäfte verwickelt gewesen waren, vermutlich irgendetwas mit Drogen und sie die Wut eines Mannes auf sich gezogen hatten, der über Leichen ging.

Fakt war auch, dass sie durch ein Personenschutzprogramm ans andere Ende des Landes gebracht worden war und nun den dämlichen Namen Holly Symphony Brown trug. Sogar ihr Geburtsdatum hatten sie geändert, wenn auch nur um ein paar Wochen. Sie hatte nun am 17. Juli Geburtstag, sie war also vor knapp einem Monat offiziell 22 Jahre alt geworden. Das war nun ihr neues Ich und wenn sie an ihrem Leben hing, sollte sie besser niemals mehr einen Fuß nach Maine setzen oder ihren richtigen Namen verwenden. Sie war Holly, das schüchterne, kleine blonde Mädchen mit Brille, das neu in der Stadt war.

Holly verließ die kleine Bahnhofshalle, wobei ihr Koffer, in dem sich ihr gesamter Besitz befand, mehr als einmal hängenblieb. Eine der Rollen schien kaputt zu sein, was die ganze Aktion noch anstrengender machte.

Sie betrat die Straße vor dem Bahnhof und sah sich suchend um. Die Straße vor ihr war wie ausgestorben, nur in einiger Entfernung erkannte sie einen schwarzen Pick-Up, der sich von ihr entfernte.

Nicht nur, dass sie hier in einen Staat verfrachtet worden war, in dem es hitzemäßig kaum zu ertragen war, es war auch noch ein verdammtes Kaff. Einmal atmete sie tief durch, dann überquerte sie die Straße und steuerte direkt auf die kleine, schäbige Pension zu, die für die nächsten Tage ihr zu Hause sein würde.

Sie war umgeben von einem wacklig aussehenden Holzzaun und als sie das Tor öffnete, quietschte es unheilvoll. Auch hier schien keine Menschenseele zu sein, nur das durchgehende Zirpen der Zikaden oder was auch immer hier herumfleuchte, war zu hören. Das Gebäude vor ihr war nicht groß, es war zweistöckig und irgendwann einmal weiß angestrichen gewesen, aber nun bröckelte die schmutzige Farbe an mehreren Stellen ab.

Sie lief über den kleinen Hof, der spärlich mit Blumenkübeln geschmückt war und folgte dem Schild mit der Aufschrift „Rezeption”. Holly stieß die Glastür auf und betrat einen kleinen, aber klimatisierten Raum. Die Bodenfliesen aus Linoleum waren grau-blau und die Rezeption war in einem merkwürdigen Gelbton gestrichen. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen, aber immerhin war es sauber und angenehm kühl hier.

Auf dem Tresen der Rezeption stand ein Ventilator, an dem jemand bunte Plastikbänder befestigt hatte, die lustig im Wind umherflatterten. Sie trat näher heran und bemerkte, dass niemand hier war, aber sie entdeckte eine kleine Glocke.

Zögerlich nahm sie sie in die Hand und läutete sie. Sofort eilte eine junge Frau aus einem Nebenzimmer herbei und lächelte sie an.

„Hallo”, begrüßte sie Holly, noch während sie sich hinter die Rezeption stellte. Der Ventilator blies ihr das lange, dunkelrote Haar aus dem Gesicht und eilig wanderte Hollys Blick zu ihrem Namensschild, das sie an ihrem schwarzen T-Shirt befestigt hatte. Allison stand darauf.

„Wie kann ich weiterhelfen? Haben Sie eine Reservierung?“, fragte Allison und Holly musste zugeben, dass sie eine offene, fröhliche Stimmlage hatte. Sofort legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie sah die Frau ein wenig genauer an.

Sie schien ungefähr in ihrem Alter zu sein, vielleicht ein oder zwei Jahre älter, aber sie wirkte viel selbstbewusster. Ihre Schultern hingen nicht herunter, so wie ihre und sie strahlte eine gewisse Selbstsicherheit aus. Holly bemerkte einen Kaugummi, der zwischen ihren nicht ganz perfekt weißen Zähnen hervorblitzte.

„Ja, ich... ich habe reserviert auf den Namen Brown”, sagte sie und wäre beinahe über ihren eigenen, neuen Namen gestolpert. Sie war nun nicht mehr Rebecca Martin, sie war Holly Brown.

Allison richtete den Blick nach unten und Holly bemerkte, dass sie in einem dicken Buch blätterte.

„Ja, hier habe ich die Reservierung. Sie bleiben eine Woche?“, fragte Allison und Holly nickte.

„Ja. Gäbe es die Möglichkeit, eventuell zu verlängern? Ich suche noch nach einer Wohnung”, rutschte es ihr heraus und für einen Moment lang hörte man nur das Rauschen des Ventilators und das leise Schlagen der bunten Bänder, die umhergeweht wurden. Allison wirkte auf einmal verlegen und sie lachte nervös.

„Ja, klar. Kein Problem. Wir sind nicht ausgebucht. Aber...“, sagte sie, schob sich aber verlegen das Haar hinters Ohr, bevor sie weitersprach. Verwirrt sah Holly sie an.

„Ist etwas?“, fragte sie leise und fühlte sich auf einmal unwohl in ihrer Haut.

„Nein, nein... Ich... ich zeige dir dein Zimmer”, sagte sie schnell und trat hinter der Rezeption hervor. Holly schüttelte leicht den Kopf, folgte dann aber Allison, die unerwartet schnell wieder aus dem kleinen Raum trat.

Holly betrachtete ihrer schlanke Figur, die genau an den richtigen Stellen leichte Rundungen hatte. Sie war hübsch, eindeutig.

Ein wenig unbeholfen zog Holly ihren Koffer über den unebenen Weg, bis Allison vor einer Tür im Erdgeschoss stehen blieb. Sie schob den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf.

„Bitte, das ist das Zimmer”, sagte sie, trat einen Schritt beiseite und machte ihr so Platz, dass sie eintreten konnte. Sofort sah Holly sich um. Es war klein und ein wenig altbacken, aber sauber.

„Danke”, sagte sie, doch Allison blieb, wo sie war.

„Das kommt jetzt vielleicht etwas komisch rüber, aber... du sagtest du suchst nach einer Wohnung. Ich wohne in einer WG und wir suchen schon seit einiger Zeit einen Mitbewohner”, sagte sie und wirkte seltsam verlegen, so als sei es ihr peinlich.

Holly fuhr herum und sah sie mit aufgerissenen Augen an. Eine WG? Eigentlich war sie gar nicht der Typ für eine WG, sie mochte ihre Privatsphäre und teilte sich auf nicht gern mit anderen das Bad.

Nein. Das war Rebecca Martin gewesen. Sie war Holly Brown und was Holly Brown mochte und was nicht, musste sie erst noch herausfinden. Vielleicht mochte Holly WG-Zimmer und laute Partys und all das. Holly lächelte.

„Also... wenn du Lust hast, könntest du heute Abend nach meiner Schicht mitkommen und ich stelle dich meinen Mitbewohnern vor”, sagte sie und wieder nickte Holly.

„Ja, das wäre nett. Ich suche wirklich dringend eine Wohnung”, sagte sie, doch bevor Allison noch etwas sagen konnte, wurde sie von einer nicht ganz so freundlichen Männerstimme gerufen. Unsanft zuckte sie zusammen.

„Okay, ich habe um sechs Uhr Feierabend, ich komme dich abholen”, sagte sie gehetzt, dann eilte sie zurück in Richtung der Rezeption. Holly sah ihr noch einen Moment lang nach, doch als sie nicht mehr zu sehen war, warf sie die Tür ins Schloss und ließ sich mit einem Seufzen aufs Bett fallen.

Würde sie womöglich gleich am ersten Tag ihrer Ankunft eine neue Bleibe finden? Kopfschüttelnd grinste sie in sich hinein. Vielleicht hatte dieser Neustart doch etwas Gutes. Zumindest bis jetzt lief es gut und sie spürte eine merkwürdige Nervosität in sich aufsteigen.

Sie streckte die Arme aus und schloss für einen Moment die Augen. Das hier war ihr neues Leben. Sie konnte sich neu erfinden, neue Freunde kennen lernen und ein neuer Mensch sein. Das musste sie, denn würde sie in der Vergangenheit, in ihrem alten Leben hängen bleiben, würde sie vor Kummer zerfließen.