Prolog
Compass-Reihe Band 1 – North
Von RA. Donovan
Prolog
North Compa rannte über den Campus, auf dem noch ein paar vereinzelte Studenten herumliefen. Er hielt seine Kunstmappe unter den Arm geklemmt und verfluchte die Bostoner Verkehrsbetriebe dafür, dass er zu spät dran war. Es war immer das Gleiche. Wenn man einmal braucht, dass alles perfekt läuft, klappt absolut gar nichts. Er musste es nur rechtzeitig in Professor Durkins Büro schaffen, um seine Arbeit abzugeben. Dann würde er keinen Kurs verhauen. Nur das zählte.
Er stieß mit der Schulter gegen die Tür und drückte die Mappe an seine Brust, während er das Hauptgebäude der Kunstfakultät betrat. Die Abschlussprüfungen waren fast vorbei, daher waren kaum noch Studenten auf dem Campus. Das bedeutete, dass er ohne Hindernisse durch die Flure und die Treppen hochrennen konnte.
Er war nur noch wenige Meter von seinem Ziel entfernt, als ihn jemand rief. Er konnte sich jetzt aber nicht ablenken lassen, also ignorierte er es und lief einfach weiter.
„North! North, warte!“
„Was ist denn?“, rief er über die Schulter zurück, ohne langsamer zu werden.
Er verfluchte den Namen, den seine Eltern ihm gegeben hatten, jedes Mal, wenn ihn jemand rief. Es klang immer so, als würde man eine Wegbeschreibung geben. Sein Vater hieß Atlas und hatte seine Mutter irgendwie dazu überredet, jedem ihrer vier Kinder einen Namen zu geben, der eine Himmelsrichtung bezeichnete – passend zum Nachnamen Compass.
Diesmal erkannte er jedoch die Stimme seines besten Freundes Gordon. Er hatte aber keine Zeit, um herauszufinden, was der wollte. Und so wie er seinen besten Freund kannte, wollte der ihn bestimmt nur aufziehen und noch mehr Zeit kosten.
„Mann! Warte doch!“, rief Gordon ihm hinterher.
„Ich kann nicht“, schrie North zurück, ohne das Tempo zu drosseln. „Ich muss zu Durkins Büro!“
Er hörte, wie Schritte hinter ihm herrannten, dann packte ihn eine Hand an der Schulter und riss ihn zurück. North fuhr herum und wollte die Hand abschütteln, doch dann sah er Gordons Gesicht. Es war kein grinsendes Lächeln, wie er erwartet hatte. Gordon sah blass und verschwitzt aus, seine Augen waren vor Sorge weit aufgerissen.
„Was ist denn los? Mann, ich muss jetzt sofort zu Durkin.“
„Warte, North, es geht um deine Eltern.“
„Was?“, North sah über Gordons Schulter, als würde er erwarten, dass seine Eltern gleich um die Ecke kämen. „Wovon redest du da?“
„Dekan Harris hat einen Anruf bekommen. Er hat dich in deinem Wohnheim suchen lassen, aber du warst gerade erst losgegangen und er –“
„Raus mit der Sprache! Ich muss zu Durkin, verdammt noch mal, wovon redest du?“
„Deine Eltern … sie sind … sie sind tot.“
„Was?“
North spürte, wie ihm das Blut in die Beine sackte und ihm schwindelig wurde. Er konnte nicht richtig gehört haben. Seine Eltern waren wohlauf in Boulder. Er hatte erst gestern Abend mit ihnen telefoniert und Pläne für seinen Sommerjob im Familienbetrieb gemacht. Sie konnten nicht tot sein, das war offensichtlich ein Irrtum.
„Das ist echt kein guter Witz, Gordo“, sagte er und versuchte, seinen Arm aus dem Griff seines Freundes zu ziehen. Aber Gordon hielt ihn fest und schüttelte langsam den Kopf.
„Es ist kein Witz, Mann.“
Ein seltsames Summen fing in seinem Kopf an und sein Sichtfeld wurde verschwommen. Er riss seinen Arm aus Gordons Griff, wich zurück und schüttelte den Kopf. Er konnte mit alledem gerade nicht umgehen. Er musste seine Mappe abgeben, sonst würde er das Jahr nicht bestehen, und dann wäre alles umsonst gewesen.
„North, hey!“, rief Gordon, aber North wich immer weiter zurück.
„Ich muss los.“
„Mann! Wir müssen zum Flughafen. Wir müssen dich nach Hause bringen!“
„Nein!“, sagte North und schüttelte wieder den Kopf, bis Gordon ihn einholte. Er packte North an den Schultern und drückte ihn gegen die Wand, um ihn wachzurütteln und sicherzugehen, dass er verstand, was passierte.
„Wir fahren jetzt sofort zum Flughafen“, sagte Gordon. „Um zwölf geht ein Flug. Wir sind um sechs zu Hause und dann finden wir eine Lösung.“
„Sie sind tot?“, flüsterte North, während er spürte, wie seine Welt in sich zusammenbrach.
Gordon nickte langsam.
„Was ist passiert?“
„Ein Autounfall.“
„Verdammt! Und was ist mit …?“, fragte er, plötzlich in Panik.
„Allen anderen geht es gut. Niemand sonst war im Auto.“
North spürte, wie seine Beine weich wurden und er an der Wand herunterrutschte, bis sein Hintern auf dem Boden landete. Gordon setzte sich zu ihm, während North verzweifelt versuchte, die Kontrolle zu behalten, obwohl sein Leben gerade in Trümmer fiel.
„Wir müssen los“, sagte Gordon leise, drückte Norths Schultern und zog ihn auf die Beine.
North ließ seine Mappe fallen. Ihm war jetzt alles egal, er wollte nur noch nach Hause. Er verstand noch nicht ganz, was geschah, und er würde Zeit brauchen, um das zu begreifen. Aber er wusste, dass er zu seinen Brüdern und seiner Schwester musste.
Die nächsten Stunden waren wie im Rausch. Ohne Gordon hätte North den Weg nach Hause vermutlich nie gefunden. Er war eine verlässliche Stütze, die sich um alle Details kümmerte, während North sich einfach nur führen ließ. Er wusste, dass er sich zusammenreißen musste, bevor er ankam, denn dort würden Fragen auf ihn warten, auf die er keine Antwort hatte.
Die Fahrt vom Flughafen in Denver kam ihm gleichzeitig unendlich lang und viel zu kurz vor. Als sie auf das Familiengrundstück kurz vor Boulder abbogen, blickte er nach oben zu dem Torbogen. Darauf stand der Name Compass – ein schmiedeeiserner Bogen, den sein Vater selbst gemacht hatte, als sie das Land kauften.
Er war schief und krumm, die Buchstaben waren verbeult und unterschiedlich groß, aber sein Vater hatte ihn geliebt, also hatten sie ihn nie verändert. North spürte, wie ihm Tränen in die Augen schossen, als er daran dachte, wie sie ihren Vater wegen des Schildes immer aufgezogen hatten. Er realisierte, dass sie das nie wieder tun würden.
„Hey North“, sagte Gordon, als er das Auto die Auffahrt hochfuhr und vor dem Haus parkte. „Bist du bereit?“
„Nein. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll.“
Vor dem Haus parkten mehrere Autos, und North bereitete sich auf die Fragenflut vor, die ihn erwartete. Er stieg aus, und Gordon traf ihn vorne am Wagen. Er hielt einen Moment inne und sah zum Haus hoch. Es war ein großes Haus mit einer Veranda, die einmal komplett drumherum führte, und einer freistehenden Garage. Sie war bis unters Dach vollgestopft mit Ausrüstung für den Familienbetrieb: Abenteuertouren, Wandern, Kajakfahren, Reiten – all das boten sie lokal an.
Er spürte Gordons Hand auf seiner Schulter und nahm die Kraft an, die sein Freund ihm bot. Dann wandte er sich dem Haus zu und ging auf die Vordertür zu. Doch bevor er die Veranda erreichte, flog die Tür auf und seine kleine Schwester South kam herausgerannt. Selbst aus der Entfernung sah er ihr von Gefühlen geschwollenes Gesicht, die tränensäcken Augen und die roten Wangen. Er zögerte keine Sekunde, ging in die Hocke und breitete die Arme aus, um sie aufzufangen, als sie sich in ihn warf.
Er hielt sie fest und legte die Hand an ihren Hinterkopf, während sie sich an ihn schmiegte und wieder zu weinen anfing. Er blickte auf, als er weitere Schritte hörte, und sah seine beiden Brüder East und West. Sie stürzten sich nicht direkt auf ihn, traten aber näher und legten ihm die Hände auf die Schultern. Es wurde eine kleine Familienumarmung, und Gordon trat einen Schritt zurück, um ihnen etwas Platz zu lassen.
North schloss die Augen und drängte das Gefühl weg, das ihn zu übermannen drohte. Er hielt South fester und wiegte sie ein wenig. Dann, unter Gordons Anleitung, lotste er alle zurück ins Haus. An der Tür sah er einen Polizisten, der seine Mütze in den Händen hielt, eine Frau in Rock und Bluse, die vermutlich vom Jugendamt war, und einen Pfarrer.
Als sie im Wohnzimmer waren, setzte sich North in die Mitte des Sofas und nahm South auf den Schoß. East und West setzten sich zu beiden Seiten von ihm, und Gordon blieb in der Nähe der Tür stehen. Der Polizist kam auf sie zu und stellte sich neben den Sessel, in dem der Pfarrer saß, eine Bibel in den Händen.
„Ich bin Officer Peter Wilson. Ich war am Unfallort und es tut mir sehr leid, Ihnen diese Nachricht überbringen zu müssen“, sagte er leise, und North blickte ihn stirnrunzelnd an.
„Was ist passiert?“ Seit Gordon ihn abgefangen hatte, war alles nur ein chaotisches Durcheinander gewesen. Er war nur dazu gekommen, zu bestätigen, dass er auf dem Weg nach Hause war.
„Ein Steinschlag auf der Canyon Road kam völlig unerwartet. Er hat den Wagen in den Canyon geschleudert.“
„Gott“, fluchte North, und er spürte, wie South ihre Arme noch enger um ihn schlang.
„Wir können das später besprechen“, sagte Officer Wilson und deutete auf die Kinder, die North umringten.
„Ich will es wissen“, sagte East und beugte sich vor. „Ich bin kein Kind mehr.“
„East, beruhig dich“, sagte North sanft.
„Ich bin kein Kind mehr, North. Du musst –“
„East, wir reden später darüber.“ North versuchte, seine Stimme als ältester Bruder einzusetzen, aber er fühlte keine Kraft dahinter. Er wusste, dass er gerade wie ein trotziger Teenager klang. Dann wurde ihm klar, dass er selbst noch ein Teenager war.
Er war neunzehn. Sollte er jetzt etwa auf alle aufpassen? East war vierzehn, West war zwölf, aber South war erst sechs. Was würde passieren, wenn er das Studium nicht abbrach, um sich um sie zu kümmern? Würden sie in Pflegefamilien kommen? Würden sie getrennt werden? All diese Gedanken rasten durch seinen Kopf, schneller als er blinzeln konnte. Ihm wurde schwindelig, während er versuchte, sie nicht in einem Schwall aus unbewussten Worten herauszuschreien.
„Wie wäre es, wenn ich South mit in die Küche nehme und wir uns einen Snack suchen?“, fragte die Frau, und North drückte seine Schwester fester an sich.
„Wer sind Sie?“
„Oh, entschuldigen Sie, ich heiße Nora Smith. Ich bin Souths Lehrerin.“
„Oh, alles klar.“ North lockerte seinen Griff und schob South ein wenig von sich weg, doch sie wimmerte und versuchte, sich festzuhalten. „Geh mit Frau Smith in die Küche und hilf ihr, ein paar Kekse zu finden, ja?“
„Ich will hier bei dir bleiben!“, sagte South, ihre Stimme zitterte vor Emotionen.
„Ich komme gleich nach, wenn ich mit Officer Wilson gesprochen habe, okay?“
South nickte. North half ihr, von seinem Schoß zu rutschen, und leitete sie mit einer Hand auf der Schulter in Richtung ihrer Lehrerin, die in die Hocke ging und die Kleine mühelos hochhob.
„Du auch, West“, sagte North und wandte sich an seinen jüngsten Bruder, während er ihm eine Hand auf den Rücken legte.
„Nein, ich –“, fing West an zu protestieren, verschränkte die Arme vor der Brust und legte die Stirn in tiefe Falten, doch North hatte keine Zeit für Diskussionen.
„West, ich brauche dich drüben bei deiner Schwester. Bitte pass auf sie auf.“
„Ich will hören –“
„West, bitte“, sagte North und drückte seinen Nacken.
„Okay“, brummte West, stemmte sich vom Sofa hoch und nahm die ausgestreckte Hand von Frau Smith.
North sah ihnen nach und wandte sich dann East zu. Der saß mit verschränkten Armen da, als wollte er North herausfordern, ihn ebenfalls aus dem Raum zu schicken. Die Wahrheit war, dass North wollte, dass er bei ihm blieb. Er war sich nicht sicher, ob er dieses Gespräch alleine bewältigen konnte.
Gordon kam hinter dem Sofa hervor und setzte sich auf den Platz, den West gerade verlassen hatte. Er lehnte sich nah zu North und stützte seine Schulter an die seines Freundes, um ihm Kraft zu geben, während North zu dem Polizisten aufblickte, der gerade die Tür geschlossen hatte, um ihnen Privatsphäre zu gewähren.
„Dinge wie die Testamente und Konten Ihrer Eltern können später geregelt werden“, sagte der Polizist, während North nur darauf achtete, wie seine Hände nervös am Rand seiner Mütze spielten. „Aber die Frage der Vormundschaft für die Kinder müssen wir sofort klären.“
„Vormundschaft?“, flüsterte North.
„Wenn Sie dazu nicht in der Lage … oder nicht bereit sind, die Vormundschaft zu übernehmen, müssen wir das Jugendamt einschalten, damit wir für alle geeignete Heime finden können.“
„Ich gehe in kein Heim!“, erklärte East und beugte sich mit einem vorwurfsvollen Blick zum Polizisten vor.
„Beruhig dich, East“, murmelte North und legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter.
„Du kannst uns nicht in ein Heim stecken“, flehte East, aber diesmal klang seine Stimme nicht trotzig, sondern voller Angst.
„Werde ich nicht, Kumpel, werde ich nicht“, sagte North und legte den Arm um seinen Bruder. Er wandte sich wieder dem Polizisten zu und hob die Augenbrauen. „Ich bleibe hier wohnen. Ich übernehme die Vormundschaft oder was auch immer nötig ist. Sie bleiben hier bei mir.“
Der Polizist nickte langsam, während seine Lippen zu einem schmalen Strich wurden.
„Ich werde das Gespräch mit dem Jugendamt koordinieren und Ihnen alle Unterlagen besorgen, die Sie brauchen, um Ihre Familie zusammenzuhalten.“
„Danke“, murmelte North.
„Ihre Eltern hatten sehr klare Vorstellungen für ihre Beerdigung“, sagte der Pfarrer, als der Polizist beiseite trat, um ein Telefon aus der Tasche zu holen.
„Wirklich?“
„Die Art ihres Geschäfts brachte ein höheres Risiko für Verletzungen oder … andere Umstände mit sich, daher haben sie ihre Wünsche sehr genau festgelegt.“
„Okay“, sagte North und fragte sich, wie seine Eltern – die das Leben, ihre Familie und ihre Arbeit liebten – vom Gleitschirmfliegen, Rafting, Bungee-Jumping, Bergsteigen und allem dazwischen am Ende durch etwas so Banalem wie einen Autounfall sterben konnten.
Der Pfarrer sprach weiter über die Beerdigung und die bereits getroffenen Arrangements. North nickte mechanisch, obwohl er nicht sicher war, wie viel davon in seinem Kopf ankam. Es fühlte sich an, als läge ein Nebel über seinem Verstand, und er bewegte sich wie durch dichtes Weiß hindurch.
Sein ganzes Leben schien in diesem Nebel zu versinken, und er hatte keine Ahnung, was ihn auf der anderen Seite erwarten würde. In den Tagen vor der Beerdigung konzentrierte er sich auf die Details und hielt sich damit beschäftigt, gefühlt jedes Blatt Papier auf der Welt zu unterschreiben. Doch viel zu schnell stand er vor einem Doppelgrab, während die Bestatter zwei Särge hinabließen und ihr Lieblingslied „A Rainy Night in Soho“ aus einem blechernen Lautsprecher ertönte.
Die versammelte Menge wiegte sich im Takt der langsamen Ballade, während North starr zusah, wie die Särge seiner Eltern aus seinem Blickfeld verschwanden. Das sollte nicht passieren. Er sollte seinen Sommer genießen, bevor er ins zweite Studienjahr ging. Er sollte unbeschwert sein, mit gerade genug Verantwortung, um kein Faulpelz zu sein. Er sollte nicht das neue Familienoberhaupt sein, das um den Verlust seiner Liebsten trauerte.
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass es Gordon war. Er war die ganze Zeit kaum von seiner Seite gewichen. Sein bester Freund hatte gezeigt, was er wert war, und ihm bei allem geholfen. Als er sah, wie South eine Rose von dem Strauß aufhob, den der Bestatter hingelegt hatte, nahm er ihre Hand und führte sie an den Rand des Grabes, damit sie die Blume hineinwerfen konnte.
Sie weinte leise, und North ging in die Hocke, um sie in seine Arme zu ziehen. West griff nach seiner Taille, und Gordon trat zur Seite, um East zu erlauben, eine Hand auf Norths Rücken zu legen, während die letzten Töne des Liedes verklangen. Langsam löste sich die Menge auf, doch die Familie Compass blieb eng umschlungen, während sich ihr Leben durch diese Welt für immer veränderte.