Kapitel 1
Wölfe schlichen an ihm vorbei und machten sich leise auf den Weg zu ihren Zielen. Er und ein paar seiner anderen Männer waren in menschlicher Gestalt geblieben, um sich ein wenig besser verständigen zu können. Garrick Landry blickte durch die Bäume auf die beiden großen Gebäude, die von den Menschen längst vergessen waren. Früher wand sich eine malerische Landstraße davor entlang, doch als vor Jahrzehnten die Autobahn gebaut wurde, ersetzten Geschwindigkeit und Effizienz die Straße, die sich durch die Berge schlängelte, und die beiden Motels wurden aufgegeben. Der verfallene Zustand war jedoch nur Fassade und passte dem Wolfsrudel, das es als sein Territorium beansprucht hatte. Sein Wolf schnaubte bei dem Gedanken, dies als ein richtiges Wolfsrudel zu bezeichnen. Sie waren Söldner und ihr Alpha war kein echter Anführer, aber er konnte sie versorgen, also blieben sie. Er ließ ihnen auch alle Freiheiten, so zu handeln, wie sie wollten, und zu tun, was ihnen gefiel. Das war es auch, was sie in die aktuelle Situation gebracht hatte.
Garrick hatte sich nie als jemanden gesehen, der sich in größere Kämpfe einmischen würde. Er mochte sein Rudel genau so, wie es jetzt war. Sie waren klein, aber sie blühten an dem Berghang auf, den sie bewohnten. Sie blieben unter sich. Sie hatten ein paar Rudel, die sie als Verbündete betrachteten, und ein paar Alphas, die Garrick als enge Freunde ansah. Er könnte versuchen, seinem engsten Freund und Verbündeten die Schuld für das zu geben, was er und seine Wölfe jetzt taten, aber er wusste, dass er unabhängig von Liam Foresters Anweisungen hier wäre. Der Alpha des Ossory-Rudels führte seinen eigenen Angriff und versuchte zu verhindern, dass ihre bloße Existenz bekannt wurde. Nein, er und seine Wölfe waren aus einem einzigen Grund hier... sein Wolf hielt sich für eine Art fahrenden Ritter, der eine Jungfrau in Nöten rettet.
Garrick studierte die Gebäude, während sie näher kamen. Die besagte Jungfrau war laut allen Berichten ziemlich bad ass. Als der Beta des Leloup-Rudels den Alpha getötet und die Kontrolle übernommen hatte, holte er Darius McMannus und seine Wölfe, um seinen Willen durchzusetzen. Als er von den Leloup-Geldern abgeschnitten war, hatte er Darius angeboten, ihn mit der einen Sache zu bezahlen, die ein überwiegend männliches Rudel brauchte... Wölfinnen. Der Gedanke widerte Garrick an und er hatte Liam seine Hilfe angeboten. Ihr Rudel beherbergte derzeit Flüchtlinge, die diese bad-ass Wölfin im Alleingang gerettet hatte. Er war davon ausgegangen, dass er Liam in ein paar Kämpfen unterstützen und vielleicht noch ein paar Leloup-Flüchtlinge aufnehmen würde. Er hatte wirklich nicht gedacht, dass er nicht nur einen Angriff anführen, sondern den ganzen verdammt Mist planen und vorschlagen würde.
Er und sein Wolf würden ein ernstes Wörtchen miteinander reden, wenn das hier vorbei war. Er konnte immer noch nicht begreifen, warum er beinahe wild geworden war, als seine Späher ihm erzählt hatten, dass die bad-ass Wölfin sich von Darius' Männern hatte gefangen nehmen lassen. Er blickte an der Baumreihe entlang, während sich seine Wölfe verteilten. Zwei Gebäude bedeuteten, dass sie sich aufteilen würden, aber er hatte mehr als genug Wölfe mitgebracht. Sie hatten genug Informationen von dem Wolf, der alles beobachtet hatte, und wussten, wo Darius war und, was noch wichtiger war, wo die Wölfinnen festgehalten wurden. Seine bad-ass Prinzessin war nicht die einzige hier. Mit einem kurzen Nicken begannen sie ihren Vorstoß auf die Gebäude. Das war kein „behutsames Vorgehen, um Unschuldige nicht zu verletzen“. Die einzigen Unschuldigen hier waren die Wölfinnen, die entführt worden waren. Es ging darum, jeden, der einem über den Weg lief, leise und effizient zu töten, bis man die Frauen gefunden hatte.
Garrick wusste, dass er seine Kampffähigkeit einschränkte, indem er sich nicht verwandelte, aber er dachte auch, dass die Wölfinnen sie nicht kannten und wissen mussten, dass sie da waren, um sie zu retten. Außerdem war das wirklich Nervige an der Wolfsgestalt das Fehlen von Daumen. Verstärkte Türen waren scheiße. Man konnte nicht einfach durch sie hindurchbrechen... zumindest nicht so leicht. Obwohl sie nicht genau wussten, wo die Wölfinnen gefangen gehalten wurden, gebot die Logik, dass sie irgendwo weggesperrt waren – und das bedeutete Türen. Und diese Türen waren sicher so konstruiert, dass Gestaltwandler nicht einfach durchkamen.
Seine Wölfe rückten vor und er konnte das leise Geräusch hören, wie sie Darius' Wachen ausschalteten. Als er sich dem Gebäude näherte, das seine Gruppe ins Visier genommen hatte, sah er Bewegung im Türrahmen. Der Wind spielte ihm in die Karten, und die Wache direkt hinter der Tür würde ihn erst wittern können, wenn es zu spät war. Mit Schnelligkeit und Entschlossenheit näherte er sich der Wache von hinten und brach ihr mit einer fließenden Bewegung das Genick. Das Genick war die einzige Stelle bei einem Wolf, an der man ihn töten konnte, bevor er sich verwandelte. Es ging nur darum, das Rückenmark zu durchtrennen. Er ging weiter vorwärts, und die Geräusche des Kampfes wurden lauter, was bedeutete, dass ihr heimliches Vorgehen nicht unbemerkt bleiben würde.
Er hatte gedacht, es würde ihm schwerfallen, in den Kampf einzugreifen. Der Plan war gewesen, dass die in menschlicher Gestalt weitermachten und die Wölfinnen fanden, während die Wölfe den Kampf übernahmen. Das ergab Sinn. Es war riskant, in menschlicher Gestalt in einem Wolfskampf zu sein. Das waren seine Wölfe, die da kämpften. Der Platz eines Alphas war es, seine Wölfe in die Schlacht zu führen. Er hatte logisch versucht, es sich einzureden. Er und die anderen Wölfe in menschlicher Form waren diejenigen mit dem höheren Risiko, und er würde seine Wölfe definitiv nichts tun lassen, was er nicht selbst auch tun würde. Aber die Realität war, dass sein Wolf genau das wollte. Wenn er gekämpft hätte, wäre sein Verstand nicht bei der Schlacht gewesen, sondern bei der Rettung seiner bad-ass Prinzessin, also taten sie genau das.
Er bahnte sich seinen Weg durch das Erdgeschoss des Gebäudes und brach mehr Genicke, als ihm lieb war, bis er eine Tür fand, die nach unten führte. Sein Instinkt sagte ihm, dass er dort hinmusste. Die beiden anderen Rudelmitglieder in menschlicher Gestalt in diesem Gebäude folgten ihm, als er die Tür öffnete und die Treppe hinunterging, die offensichtlich früher einmal als Lagerraum und für technische Anlagen gedient hatte. Erst auf halbem Weg traf sie der Geruch. Blut. Jede Menge davon. Er konnte auch ein paar von Darius' Rudel hier unten riechen. Er hatte eigentlich erwartet, jetzt auf Darius zu treffen, aber das war nicht der Fall. Er ging die Stufen weiter hinunter und dann traf es ihn wie ein Schlag. Es war derselbe Geruch, der ihm in die Nase gestiegen war, als er bei Liam war und sie Informationen von einer der zuvor geretteten Wölfinnen erhielten. Es hatte damals schon ein wenig falsch gerochen, aber jetzt... jetzt roch es so verdammt richtig, und Garrick wusste, warum sein Wolf sich so verhielt. Es war der Duft seiner Gefährtin. Der Geruch, der ihn eigentlich beruhigen sollte, war vermischt mit dem metallischen Gestank von Blut, und sein Wolf drehte völlig durch. Er stürmte die Treppe hinunter, schaltete zwei der Wölfe im Raum innerhalb von Sekunden aus und überließ die anderen beiden seinen Wölfen. Er ging durch den Raum in einen schmalen Flur. Was früher Lagerräume gewesen waren, war zu Zellen mit Metalltüren umgebaut worden. Sie kamen zur ersten Zelle und Garrick wurde flau im Magen. Eine Wölfin lag zusammengesunken auf dem Boden, übersät mit Prellungen und Blut. Das Rudelmitglied, das ihm den Flur entlang gefolgt war, riss an der Tür, und zu ihrer beider Überraschung gab das Schloss nach.
Da er wusste, dass sich sein Rudelgefährte um die verletzte Wölfin kümmern würde, ging er den Flur weiter. Zwei Zellen waren leer, aber die Blutflecken auf dem Boden deuteten darauf hin, dass sie vor Kurzem belegt waren. Er ging weiter zur letzten Zelle, wissend, was er dort finden würde. Er würde sich erst später daran erinnern, dass er nicht nur das Schloss an der Tür aufgebrochen, sondern die ganze verdammt Tür aus den Angeln gerissen hatte. Woran er sich erinnern würde, war der Anblick seiner Gefährtin, blutig und verprügelt auf dem Betonboden.