Verrat in Elysium

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Zusammenfassung

[4] Abels Leben ist kompliziert – und das ist noch untertrieben. Aus Elysium verbannt und von seinem Bruder sowie seiner eigenen Familie verraten, tut Abel alles, um zu überleben. Doch das bloße Überleben reicht ihm nicht mehr. Als er sich nach mehr sehnt, muss er mit Entsetzen feststellen, dass sein Herz sich immer noch nach dem einen Menschen sehnt, der ihm mehr als jeder andere zugefügt hat: seinem Bruder ... und seinem Liebhaber. Das folgende Werk enthält TW/CW für Themen für Erwachsene, einschließlich sexueller Übergriffe, Verweise auf sexuelle Sklaverei und Suizid.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
31
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel Eins

Es gab eine Zeit – zugegeben, es ist lange her –, aber es war eine Zeit, in der ich alles hatte.

Ich hatte zwei liebevolle Eltern, die mich und meinen Zwillingsbruder vergötterten. Wir waren ihr ganzer Stolz. Meine Mutter war die erste Frau, erschaffen aus der Rippe eines Mannes. Eine wunderschöne Frau mit erdbeerblondem Haar, das ihr in dicken Wellen bis zur Taille fiel, und Augen so blau wie der Himmel, den Gott für uns erschaffen hatte. Mein Vater, wenn auch nicht mein leiblicher Vater, hatte dunkles Haar, das er mit Blumenstängeln oder Weinreben zurückband. Seine Augen hatten dieselbe Farbe wie die meiner Mutter, meine eigenen und die meines Zwillings.

Wir waren glücklich. Selbst nachdem Gott meine Eltern aus dem Garten Eden vertrieben hatte, gelang es uns, die Scherben zusammenzusuchen und ein neues Leben zu beginnen. Es war ein schönes Leben. Wir taten unsere Pflicht. Wir pflanzten Nahrung an und teilten unsere Ernte. Wir jagten Tiere und nutzten jedes Stück von ihnen, um die Geschöpfe, die Gott uns so gnädig geschenkt hatte, nicht zu verschwenden.

„Wundervoll“, hatte Gott mir zugehaucht, Sein Atem wie der kühle Sommerwind auf meinem Gesicht. „Du hast das so gut gemacht, Abel. Ich bin stolz auf dich. Wie schnell du doch zu einem Mann herangewachsen bist.“ Das Lob hatte meine Stimmung an diesem Tag beflügelt. Ich sonnte mich darin, erleichtert, dass ich endlich einmal etwas richtig gemacht hatte.

„Hast du gehört, was Er gesagt hat? Er war so glücklich mit mir“, erzählte ich Kain später am Tag. Kain hatte nur gegrunzt, und ich war verwirrt, warum er sich nicht genauso über mich freute wie Gott.

Kain war immer so nett zu mir.

Er verwöhnte mich mehr als unsere Eltern es taten. Er war mein bester Freund, mein Bruder und sogar mein Liebhaber. Niemand hielt es damals für schmutzig. Wir waren noch zu wenige, um uns ernsthaft neue Familien zu suchen, und Gott wollte einfach nur, dass wir in Frieden lebten und glücklich waren.

Damals gab es so etwas wie Sünde eigentlich nicht.

Fehler? Ja.

Sünden? Nein.

Zumindest eine Zeit lang nicht.

„Bist du sauer auf mich?“, erinnerte ich mich, Kain gefragt zu haben. Ich setzte mich zu ihm neben einen großen Felsbrocken, den wir ausgegraben hatten, um ihn als Tisch zu benutzen, auf dem wir Kräuter zu Pulver zerstoßen und zu Ölen verarbeiten konnten. Damals war Kains Haar länger und von Natur aus sehr glatt. Er band es wie unser Vater zurück, bis auf den Pony, der ihm ins Gesicht fiel. Seine blauen Augen waren vor Wut verengt, während er wild auf einen Minzstängel einschlug.

„Du sahst sehr glücklich aus, als Gott dir Komplimente gemacht hat“, sagte Kain mit zusammengebissenen Zähnen. Ich verstehe seinen Zorn bis heute nicht.

War er wütend, weil Gott ihm heute kaum Beachtung geschenkt hatte?

Das war nicht fair, dachte ich damals. Gott hatte sich bis heute immer auf Kain konzentriert. Zum ersten Mal sprach Gott mit mir und lobte mich. Warum freute Kain sich nicht für mich? Ich war ein Mann geworden, genau wie er. Auch wenn wir gleich alt waren, war es doch etwas anderes. Er behandelte mich immer so, als wäre ich der Jüngere.

„Natürlich war ich das“, murmelte ich. „Er hat tatsächlich gesagt, dass ich etwas Gutes getan habe. War es denn nicht gut?“

„Es war gut“, antwortete Kain knapp.

Ich war immer noch verwirrt, also setzte ich mich neben meinen Bruder und beobachtete ihn, wie er die Kräuter zermalmte und sie in eine kleine runde Schale aus Stein füllte. Er stellte sie ab und starrte einen Moment darauf, bevor er sich mir zuwandte. Seine stechend blauen Augen ließen meinen Schwanz hart werden. Sein Blick wurde schwer vor Verlangen und er beugte sich vor, um meine Lippen einzufangen. Ein Stöhnen entwich mir, als er seine Lippen gegen meine drückte und mich dominierte.

Das war für mich in Ordnung; schließlich war er mein Bruder.

Kain war sehr gut zu mir. Selbst wenn wir miteinander schliefen, tat er nie etwas absichtlich, um mir wehzutun. Seine Bisse waren verspielt und sanft, seine Hände zärtlich und behutsam. Er beleidigte mich nie und verfluchte mich nicht, sondern flüsterte mir zu, wie sehr er mich liebte und dass nur er mich haben durfte.

Und damit war ich einverstanden.

Denn er war mein Bruder, mein bester Freund und mein Liebhaber.

„Du bist wunderschön“, hatte Kain mir in jener Nacht zugeflüstert, als er seinen Arm um mich legte und mich fest an seine Brust drückte. Es war eine besitzergreifende Geste, die so gar nicht zu ihm passte, aber sie brachte mich zum Lächeln, während ich seinen Arm an meine Brust schmiegte.

Ich war immer wieder in einen unruhigen Schlaf gedriftet. Ich konnte das nagende Gefühl im Hinterkopf nicht loswerden, dass etwas nicht stimmte.

Und noch heute verfluche ich meine Dummheit, es nicht früher bemerkt zu haben. Aber wie hätte ich auch können? Damals gab es keine Gewalt. Es gab nicht einmal ein Wort dafür. Es gab nicht einmal ein Wort für Hass.

Ich wachte auf, um mich um die Ernte zu kümmern, als die Morgendämmerung einsetzte. Ich hörte, wie Kain hinter mir meinen Namen rief, also drehte ich mich zu ihm um, als er mir einen geschärften Holzdolch in die Kehle stieß. Ich erinnere mich an den unvorstellbaren Schmerz, der mich durchfuhr, als ich nach Luft schnappte und meine Hände an die Kehle presste. Ich sah zu, wie das leuchtend rote Blut zwischen meinen Fingern hervorquoll.

Ich sah auf und würgte, während ich versuchte, Luft zu bekommen, aber ich bekam nichts als einen Mund voll meines eigenen bitteren, metallischen Blutes, während Kain mich anstarrte und beobachtete, wie ich auf die Knie sank.

„Kain“, schaffte ich hervorzubringen und streckte ihm eine blutige Hand entgegen. Er schlug sie weg und kräuselte angewidert die Lippen, während er seinen Dolch fest in der Faust hielt.

„Ich nenne das Tod. Was du gerade tust, ist Sterben“, spuckte er aus.

Das war das Letzte, was ich sah und hörte, bevor die Dunkelheit mich fest umschlang und mich frösteln ließ. Meine Seele schoss aus meinem Körper, der auf den Boden gefallen war. Die Reise war hart und schmerzhaft, bevor ich in einen Fluss aus anderen Seelen platschte, die alle gedankenlos umhertrieben.

Ich erinnere mich, dass ich verwirrt und verängstigt war.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich wusste nicht, wer diese Leute waren. Ich hatte noch nie so viele Menschen gesehen. Ich war es nur gewohnt, meine Mutter, meinen Vater und meinen Bruder zu sehen, und ab und zu eine sehr kleine Familie, die vorbeizog, selbst das war schon selten.

Woher kamen all diese Menschen?

Noch schlimmer brannte die Erkenntnis, dass Kain mir das angetan hatte.

Warum hatte er sich so gegen mich gewandt? Er hatte mir die Kehle durchgeschnitten und das Feld mit meinem Blut getränkt.

Er hat mir das angetan.

Er hat mir den Tod gegeben.

Einen kalten, grausamen, dunklen Tod, der mich in einem Fluss aus anderen Seelen ertrinken ließ, was sich wie eine Ewigkeit anfühlte, bis ich eines Tages spürte, wie eine kalte Hand in die trübe Dunkelheit griff und mich herausriss.

Heißer Schmerz durchzuckte meine Adern und ich rang nach Luft. Die Dunkelheit lichtete sich und ich starrte auf helles grünes Gras unter meinem nackten Körper. Ich sah mich panisch um, bis ich ein Paar schwarze Ledersandalen entdeckte – ein Material, dessen Farbe ich noch nie gesehen hatte.

Ich riss den Kopf hoch und starrte auf den Mann – nein, den Gott, der mich aus dem qualvollen Fluss der Seelen gerettet hatte.

Er war extrem groß, weit über zwei Meter, doppelt so groß wie mein Vater. Sein Haar war schwarz wie der Tod und fiel wie ein Wasserfall aus Dunkelheit über seine breiten Schultern. Seine Augen waren von einem so lebendigen Blau, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, eingebettet in ein atemberaubend schönes Gesicht. Er trug einen weiten, schwarzen Chiton, den ich damals nicht kannte. Ein Umhang fiel ihm über den Rücken ins Gras, während er mich neugierig von oben herab betrachtete, bevor er sprach.

„Du hast meine Augen“, stellte er fest. Ich war verwirrt.

Wer war dieser Gott?

Er war nicht mein Vater, nicht Gott und niemand, den ich kannte.

Was meinte er damit, dass ich seine Augen hätte?

„Ich verstehe nicht“, würgte ich hervor, während mir Tränen in die Augen traten. Der Gesichtsausdruck des Gottes wurde weicher und er streckte mir die Hand entgegen.

„Dann komm her und lass mich dir helfen, es zu verstehen.“

Ich hatte seine Hand ergriffen und er hatte mir eine Welt gezeigt, die schon länger existierte als meine eigene. Es war eine Welt voller uralter Weisheit und Macht.

Der Gott, der mich aus den trüben Tiefen des Todes gerettet hatte, war Hades, mein wahrer Vater. Ich hatte noch nicht verstanden, wie alles funktionierte, aber Hades hatte mir versprochen, mir zu helfen.

Er gab mir sogar ein neues Zuhause in einer wunderschönen Welt namens Elysium. Ein wundervolles Land, das sich bis zur untergehenden Sonne zu erstrecken schien. Es sah ganz anders aus als der Rest der Unterwelt. Es war heller, wärmer, luftiger. Die Temperatur war weder zu heiß noch zu kalt. Es gab bewaldete Gebiete, Wiesen und Häuser, die für jeden, der dort lebte, angepasst waren.

Ich bekam sogar einen Stellvertreter für dieses himmlische Reich und freundete mich mit den Bewohnern an, die mir von ihren Geschichten aus der Welt der Lebenden, aus dem Reich der Sterblichen, erzählten.

Meine Welt erholte sich langsam von Kains Verrat, und dann, dreizehn Jahre später, tauchte Kain wieder bei mir auf.

Zuerst hatte ich schreckliche Angst.

Ich wollte nicht in seiner Nähe sein. Wie konnte ich jemals in die Nähe des Bruders kommen, der mir die Kehle durchgeschnitten hatte, als wäre ich nichts?

Aber er tat es wieder.

Diese Art, wie er schlau und manipulativ war. Er entschuldigte sich dafür, mir wehgetan zu haben, und obwohl er mir keinen Grund nannte, warum er es getan hatte, nahm ich seine Entschuldigung einfach an.

Ich vermisste ihn, obwohl ich wütend und verletzt war. Ich vermisste es, seine Arme um mich zu haben, seinen Atem auf meinem Gesicht, seine Lippen auf meinen Lippen, sein Lächeln und seine Stimme. Ich sehnte mich wieder danach und war bereit, mich in den Abgrund des Feuers zu stürzen, nur um wieder mit ihm zusammen zu sein.

„Du bist wunderschön“, hatte Kain mir am Abend zuvor gesagt, während er mich an seine Brust drückte, als wir zusammen in meinem Bett im Elysium schliefen. Ich hatte mich so warm und unglaublich sicher gefühlt.

Und am nächsten Morgen sagte Kain, er wolle, dass ich mit ihm unseren Vater in seinem Palast besuche, also stimmte ich zu. Wir standen am Ufer des Acheron und starrten über den Fluss auf den prunkvollen, dunklen Palast, der dem Herrn der Unterwelt gehörte. Kain hatte mich bei der Hand genommen und mich zu sich gezogen, um mich zu küssen. Ich schmolz fast dahin, so fantastisch war es. Niemand küsste so wie Kain.

Und dann packte er mich bei den Haaren, riss mich zurück und starrte mich böse an.

„Ich nenne das Tod. Was du gerade tust, ist Sterben“, spottete er und stieß mich zurück in den Acheron. Das Wasser war dickflüssig wie Suppe und verschlang mich.

Diese Art von Schmerz konnte nicht ausgelöscht werden.

Ein Schmerz, der mit nichts zu vergleichen war. Er übertraf den Schmerz, sich alle Knochen zu brechen oder sich die Haut vom Körper reißen zu lassen. Und zu dieser körperlichen Qual kam die seelische. Die Kraft des Flusses hatte jeden hoffnungslosen Gedanken, jeden elenden Moment, jeden Albtraum, den man sich vorstellen konnte, wieder an die Oberfläche gebracht.

Ich hatte es geschafft, mich ans Ufer zu ziehen und schrie vor Schmerz. Obwohl es sich anfühlte, als würde mein Körper zerfetzt, schien er unversehrt zu sein. Ich hatte keine Zeit, mich zu erholen, da Kain mich zurück gegen das Kopfsteinpflaster stieß und mir ein Messer direkt in die Brust rammte. Ich schrie erneut und versuchte, ihn wegzustoßen, doch er war stärker als ich. Er schnitt mit dem Messer mitten durch meine Brust bis zum Nabel, riss mich auf und legte das rohe Fleisch und die inneren Organe frei.

Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie sich seine Hand anfühlte, als sie in meine Brust griff und mein Herz herausriss.

Und ich erinnerte mich, wie er es achtlos beiseite warf, bevor mich der vertraute Griff des Todes einholte und meine Seele aus meinem Körper riss. Und so achtlos, wie mein Herz weggeworfen wurde, so wurde auch meine Seele zurück in den niemals endenden Fluss der Seelen geworfen, die stöhnten und weinten.

Wieder einmal kam Hades, um mich zu holen. Diesmal war er gefühlloser, riss meine Seele aus dem Wasser und stieß sie zurück in meinen Körper, nachdem er mich geheilt hatte. Er schickte mich zurück in mein Heim im Elysium, wo ich meine Diener abgeschlachtet und zerstückelt vorfand, einschließlich meines Stellvertreters.

Er war mehr als nur mein Stellvertreter.

Er war mein Freund. Der beste Freund, den ich mir jemals hätte wünschen können.

Und sein Kopf war von seinem Körper getrennt und auf einen Pfahl vor meinem Palast gesteckt worden.

Von da an war ich allein in meinem riesigen Haus. Selbst im Elysium, mit all den Helden und Gutmenschen der Welt, dachte ich nicht, dass es noch schlimmer werden könnte.

Bis Kain mich wieder tötete. Und diesmal zerlegte er meinen Körper, als wollte er verhindern, dass ich jemals wieder zurückkehren konnte. Er riss meine Gliedmaßen ab und warf sie beiseite, genau wie der ägyptische Gott Seth es mit seinem Bruder Osiris tat. Hades kam wieder, um mir zu helfen, aber er konnte nicht alle meine Stücke finden, also verschmolz er meinen Leichnam mit dem einer Hydra. Jetzt war ich entstellt.

Ich kehrte zurück. Wieder einmal.

Und wieder einmal verriet mich Kain. Er konnte mich nicht töten, also tat er das Nächstbeste.

Er erzählte Hades, dass ich verunreinigte Seelen ins Elysium ließe. Der Deal war, dass ich jeden, der mit mir schlief, ins Elysium lassen würde.

Und Hades glaubte ihm.

Meine Kräfte wurden mir entzogen und ich wurde vor Malachis Türschwelle abgeladen, um als seine rechte Hand zu dienen.

Vom Halbgott zum Diener dieses Fremden degradiert. Ich kannte Malachi damals nicht. Ich hatte alle meine anderen Brüder gemieden. Sie waren wahrscheinlich genauso wie Kain, also war das Letzte, was ich wollte, noch mehr Kains, und daher mied ich sie um jeden Preis. Malachi war nicht der netteste Mensch der Welt, und eine ganze Zeit lang wollte ich ihm den Kopf abreißen und ihn dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint.

Aber nachdem ich fast ein Jahrhundert mit dem Kerl verbracht hatte, begann ich zu verstehen, warum Malachi so verbittert und kalt zu jedem war. Hades liebte ihn nicht so wie seine anderen Söhne. Malachi war nur ein weiterer Sohn, den er benutzen konnte, um über ein Reich zu herrschen, für das er selbst zu faul war. Malachi saß Nacht für Nacht allein da, kippte Drinks runter und blieb bis spät in die Nacht wach, um nicht schlafen zu müssen – aus Angst vor Albträumen, die ihn quälten.

Malachi war genauso unglücklich wie ich. Ich hörte auf, ihn zu beleidigen und anzuspucken, hörte auf, sein Essen vergiften oder ihn im Schlaf erwürgen zu wollen. Ich tat, was mir gesagt wurde, auch wenn es mich ankotzte.

Und dazu war ich degradiert worden.

Eine erbärmliche rechte Hand, die als Schild dienen konnte für einen Bruder, für den ich nichts als Mitleid empfinden konnte. Sogar Empathie. Ich hatte mich an Malachi gewöhnt und hasste mich selbst dafür. Noch schlimmer war, dass Adrian aufgetaucht war und Malachis gesamte Aufmerksamkeit gestohlen hatte. Es war nicht so, dass ich seine Aufmerksamkeit für mich selbst wollte, aber die Tatsache, dass Malachi glücklicher wurde, ließ mich nicht los.

Er lächelte öfter, lachte. Er hörte auf, bis in die späten Stunden zu trinken und ging zu einer vernünftigen Zeit ins Bett. Er hatte angefangen, das Bett mit Adrian zu teilen. Das Schlimmste war, dass sie noch nicht einmal Sex hatten, trotz dessen, was alle anderen dachten. Malachi wollte wegen Adrians Vergangenheit die Dinge langsam angehen lassen. Die beiden waren also tatsächlich verliebt.

„Es dreht mir den Magen um“, stieß ich hervor und presste die Fäuste gegen den Empfangstresen aus Marmor im Haupteingang meines neuen Zuhauses in Inferi.

„Was genau macht dir zu schaffen?“, fragte Fos. Ich warf der Wetter-Dämonin einen genervten Blick aus dem Augenwinkel zu. Sie war eine winzige Person mit goldenem Schmuck an den Hand- und Fußgelenken, und ein hautenger schwarzer Leder-Catsuit, der meinem sehr ähnelte, schmiegte sich an ihre kurvige Figur. Ihr nachtschwarzes Haar war kurz geschnitten, wie ein Pixie-Cut. Ihre Augen glichen denen von Malachi; das Weiße darin war tatsächlich schwarz. Doch statt blauer Iris leuchteten ihre in einem stechenden Goldton. Sie war eine von Malachis Dienerinnen und seit dessen Kindheit hier. Sie war ihm vollkommen ergeben, daher kam es gar nicht infrage, meinen Abscheu über seine derzeitige Beziehung zu äußern. Selbst wenn es für mich sonst üblich war, unangemessen zu sein, war ich heute einfach zu müde, um mich mit Leuten zu streiten.

„Alles“, antwortete ich stattdessen und musterte die große, leere Lobby. Sie war rund, mit einem Boden aus schwarzem Marmor und ein paar Ledersofas entlang der Wände – nicht, dass die jemals jemand benutzt hätte, wenn wir hier waren. „Pass auf, ich gehe jetzt in die Stadt, solange es trocken ist, um ein paar Sachen zu besorgen. Sag Malachi Bescheid.“ Fos runzelte die Stirn, versuchte aber nicht, mich aufzuhalten. Sie wusste, dass das zwecklos war.

Ich teleportierte mich vom Empfangstresen in Malachis Palast zu den schmiedeeisernen Toren am Ende der Marmortreppe, die zu seinem Heim führte. Malachis Anwesen lag auf einem Hügel, der die kleine Stadt Inferi überblickte.

Zu 98 Prozent der Zeit war Inferi überflutet und es goss wie aus Eimern mit eiskaltem Regen, was es fast unmöglich machte, draußen irgendetwas zu tun. Zum Glück war heute einer der Tage, an denen es aufgehört hatte zu regnen.

Die Händler öffneten ihre Läden und manche schoben Karren mit Leckereien heraus. Inferi war hauptsächlich ein Teil der Unterwelt, der für niedere Dämonen oder Kreaturen im Allgemeinen gedacht war. Die meisten von ihnen waren normale Stadtbewohner, die Inferi zu ihrem Zuhause gemacht hatten. Ein paar waren wichtigere Leute, die geschäftig umherliefen, um Dinge zu besorgen, die es nur in Inferi gab, wie die reichlich vorhandenen Süßigkeiten und blutgetränktes Rindfleisch. Es war absichtlich als Schlag ins Gesicht für Hera gedacht, die Inferi ihren Stempel aufgedrückt hatte. Man sagt, es sei ihre Schuld, dass es in Inferi so viel regnet.

Aber wer wusste das schon? Ich nicht, und es war mir auch egal.

Mein Körper schmerzte immer noch, selbst zwei Wochen nach der brutalen Abreibung, die Cain mir verpasst hatte, gefolgt von einer liebevollen Backpfeife von Hades. Wenn ich daran dachte, kochte mein Blut bis in den Kern meiner geschwärzten Seele. Ich war schon öfter gestorben als jeder andere, den ich kannte. Und ich war bereit, erneut zu sterben, wenn es bedeutete, dass ich Cain mitnehmen könnte, um seine Seele ins Vergessen zu würgen.

Er hatte einen meiner Lieblingsmenschen getötet. Jeder dachte, ich würde wegen irgendeiner Prostituierten überreagieren, aber Deo war für mich so viel mehr als das gewesen. Sicher, es war sein Job, nett zu mir zu sein und mich zu befriedigen, aber es war das Gefühl, das er mir gab, wenn ich ihn verließ, das mir echte Freude brachte.

Deo hatte mir immer zugehört, wenn ich wetterte und mich beschwerte. Er lobte mich und stimmte mir in allem zu. Er schnurrte und wimmerte wie eine läufige Hündin und er ritt mich wie ein Mann, nicht wie eine Frau – es sei denn, ich bat ihn darum. Er ließ mich bei sich übernachten und legte sich wie eine Decke über meinen Körper. Ich schlief beim Geräusch seines Herzschlags und seines leisen Schnarchens ein. Er ließ mich sein seidiges blondes Haar streicheln, bis er einschlief, oder die festen Muskeln seines Rückens fühlen.

Was noch schlimmer schmerzte, war, dass Deo nicht einfach nur so ein Prostituierter war. Er sparte jeden Cent, um in die Welt der Sterblichen zu gehen und dort zu leben. Er brauchte allerdings Geld, um Zerberus zu bezahlen. Und ich wusste, er dachte, mit mir zu schlafen würde den Deal versüßen und dass ich ihm den Rücken freihalten würde, wenn er Zerberus dazu bringen könnte, ihn gehen zu lassen.

Und das hätte ich getan.

Aber jetzt war es zu spät.

Deo war tot.

Ich war an einem Freitagabend in das übliche Bordell in Styx gekommen, um mir eine Dosis wütenden Sex abzuholen, nachdem ich mich wieder mit Adrians Wutanfällen darüber herumschlagen musste, dass ich gemein zu Dorean war. Da sah ich die Besitzerin, die unkontrolliert in ein Taschentuch schluchzte. Sie informierte mich, dass Cain nur Stunden zuvor gekommen war und Hannibal hatte Deo abschlachten lassen, direkt vor den Augen seines nächsten Kunden, einer schüchternen kleinen Wassernymphe, die nach diesem Spektakel unter Schock stand.

Ich war daraufhin hinter Cain her, was zugegebenermaßen dumm von mir war, aber ich konnte nicht verhindern, dass mein Blut vor Wut kochte. Er hatte meinen Kopf gegen den Boden geschmettert und mein Rückgrat gebrochen, was mich getötet hätte, wenn Hades mich nicht auf eine gesunde Diät aus Ambrosia und Nektar gesetzt hätte.

Und dann war Zerberus aufgetaucht und hatte Hades gerufen, nur Sekunden bevor Cain mich hätte köpfen können. Der gute alte Vati hatte uns dann beide bestraft. Er hatte meinen Kopf wiederholt gegen den Boden bei seinem Thron geschlagen und mein Rückgrat nicht gerade zimperlich wieder eingerenkt.

Der Lichtblick war, dass ich dabei zusehen konnte, wie Hades Cain zu Brei schlug.

Der Nachteil war, dass Cain danach wegen seiner vollen Kräfte größtenteils geheilt war.

Noch schlimmer war, dass das Bordell mich nicht mehr reinließ. Selbst als ich protestierte, riefen sie Theo, und ich musste gehen. Jetzt weigerte sich jedes Bordell, mich zu bedienen, weil sie nicht wollten, dass ihre Kunden von meinem psychotischen Bruder getötet wurden, der fest entschlossen war, mein Leben zu zerstören.

Und er wollte mir immer noch nicht sagen, warum!

Was zum Teufel könnte ich nur getan haben, um ihn so sehr anzupissen, dass er mich eine Milliarde Mal töten und dann in Stücke schneiden wollte?

Vielleicht habe ich vergessen, die Spülung zu betätigen.

Oh. Richtig. FRÜHER GAB ES KEINE TOILETTEN. Tut mir leid, dass ich an den falschen Stein gepisst habe, anstatt ihn mit Dreck zu bedecken! Warum kaufe ich mir nicht gleich ein Katzenschwänzchen und Ohren dazu, wenn ich schon das Katzenklo benutzen soll?

Ein Knurren bildete sich in meiner Kehle, je wütender ich wurde. Die Leute auf der Straße bemerkten es auch und wichen sofort zurück, wobei sie es ablehnten, in meine Reichweite zu kommen. Es war, als würde ich jetzt eine Art Krankheit mit mir herumtragen. Niemand wollte mich anfassen, mit mir reden oder in meine Nähe kommen. Dass ich überhaupt noch nach draußen durfte, um Dinge zu kaufen, lag nur an Malachis Macht über sie. Ansonsten wusste ich, dass sie mir die Türen vor der Nase zuschlagen würden.

Ich ging zur abgelegensten Bar. Sie lag am anderen Ende der Stadt, in der üblen Gegend. Es war ein dreistöckiges Backsteingebäude – na ja, die Hälfte war aus Backsteinen. Die andere Hälfte bestand aus einer Mischung aus Steinen, die aus dem Kopfsteinpflaster gerissen waren, Holzplanken und hier und da einer Plane. Selbst von draußen konnte ich drinnen Lachen und Rufen hören, gemischt mit der bluesigsten Barmusik. Der starke Geruch von brennendem Holz, Alkohol, Zigarettenrauch und anderen seltsamen Ausdünstungen stieg mir in die Nase, als ich mich den Vordertüren näherte, die von einem Türsteher bewacht wurden.

Der Türsteher war ein kräftiger Typ und absolut sexy. Sein kurzes braunes Haar war perfekt getrimmt, Stoppeln umrahmten ein ernstes, hübsches Gesicht mit flammend grünen Augen unter stolzen Brauen. Er war mindestens einsneunzig groß, trug einen schwarzen V-Ausschnitt und dazu passende Lederhosen sowie hohe Stiefel mit Schnallen. Ein paar Meter entfernt schienen ein paar Prostituierte zu debattieren, ob sie es wagen sollten hineinzugehen, also sprach ich zuerst sie an.

Das erste Mädchen war dünn, mit kleinen Brüsten unter einer stylischen schwarzen Bluse, die zu ihrem Rock und den Hurenschuhen passte. Ein übergroßer Wollmantel schützte ihren Körper vor der Luft, die von den regnerischen Tagen noch kühl war. Ihre Freundin war größer und viel kurviger, mit Brüsten, die kaum in ihr hautenges blutrotes Kleid passten, das ihren schwarzen String nur knapp verbarg, während ihre hohen Absätze nervös auf dem Asphalt klackerten.

„Braucht ihr Damen etwas?“, fragte ich, was sie dazu brachte, aufzublicken und vor meiner plötzlichen Anwesenheit zusammenzuzucken. Die Dünne schluckte schwer und musterte mich von oben bis unten, bevor sie ihre Freundin fragend ansah. Ihre Freundin rümpfte die Stirn und beäugte mich misstrauisch, während sie die Arme vor der Brust verschränkte.

„Das kommt darauf an. Was will ein Diener von Malachi von uns?“, fragte sie. Ihre Stimme war vom Rauchen heiser und klang vorsichtig. Ich war deshalb nicht beleidigt, denn jede Prostituierte wäre misstrauisch gegenüber Männern, die sich ihr näherten. Es war nur die Tatsache, dass sie mich einen Diener von Malachi nannte, aber ich war verzweifelt darauf aus, ein paar ordentliche Drinks zu kippen, also lächelte ich verführerisch.

„Ein bisschen Gesellschaft, wenn ihr nichts dagegen habt? Ihr müsst nicht einmal mit mir schlafen“, bot ich an. Sie kniffen die Augen zusammen, und ich winkte ab. „Ich meine es ernst. Ihr seid sowieso nicht mein Typ. Ihr fehlt ein wichtiges Körperteil.“ Die Dünne entspannte sich sofort und drehte sich zu ihrer Freundin um.

„Er ist schwul, Jahlia. Er wird nichts tun“, fügte sie hinzu, was die wilden grünen Augen ihrer Freundin aufleuchten ließ. Jahlia starrte ihre kleinere Freundin wütend an.

„Sei nicht dumm, Mimi. Schwule Männer sind genauso gefährlich wie heterosexuelle Männer. Außerdem könnte er lügen“, fügte sie hinzu und musterte mich von oben bis unten. Ich zog eine Augenbraue hoch und lächelte dann.

„Lass uns einen Deal machen. Leistet mir Gesellschaft und ich bringe euch in die Bar, wie wäre das?“, fragte ich. Jahlia starrte mich an.

„Und wie willst du das anstellen?“, fragte sie. Sie gab keinen Millimeter nach.

„Gib mir zwei Minuten“, sagte ich und ging, bevor sie etwas sagen konnte. Ich näherte mich dem Türsteher, der sich beim Anblick von mir straffte. Seine Augen wanderten zu meinen Füßen und dann langsam an mir hoch, um mich zu mustern – daran war ich vollkommen gewöhnt. Seine Augen verschlangen mich förmlich und die Beule, die sich in seiner Hose abzeichnete, war sehr offensichtlich. Ich biss mir verführerisch auf die Lippe, als ich näher kam, hob den Blick, um seinen zu treffen, und sah, wie seine Augen hungrig im Licht der Straßenlaterne glitzerten.

„Hey“, grüßte ich, meine Stimme locker, während ich beiläufig mit der Hand an meiner Seite entlang auf meine Hüfte glitt und den Blick abwandte. „Meine Freunde und ich wollen rein. Ist das in Ordnung?“ Der Türsteher schluckte schwer und warf einen Blick auf die Frauen, die erwartungsvoll zusahen, bevor er sich wieder mir zuwandte.

„Prostituierte dürfen nicht rein“, antwortete er kurz angebunden. Ich hob eine Braue und presste meine Arme gegen meine Seiten. Ich stellte mir vor, wie seine großen, rauen Hände an meinem Körper hinunterfuhren, schauerte ein wenig und fragte mich, wie sich das wohl anfühlen würde, wobei ich meine Brustwarzen so weit erhärtete, dass er sie durch den Stoff meiner Uniform sehen konnte. Seine Pupillen weiteten sich sichtbar, seine Zunge fuhr über seine Unterlippe.

„Ah, na gut... Ich denke, ich könnte euch reinlassen. Aber sucht euch keine Kunden“, fügte er mit einem warnenden Blick hinzu, was mich dazu brachte, ihn anzustrahlen. Ich trat näher und deutete mit dem Finger an, dass er sich herunterbeugen sollte, damit ich ihm ins Ohr flüstern konnte. Ich griff nach oben, fuhr mit meinen Fingern durch sein Haar und drückte meine Lippen an sein Ohr.

„Vielleicht kannst du mich nach Hause begleiten, wenn ich mit dem Trinken fertig bin, Süßer“, schnurrte ich. Der Türsteher stöhnte und wich zurück, wobei er sich gegen die Wand bei den Eisentoren drückte, die die Vordertür bedeckten.

„Das würde ich gerne“, antwortete er mit bebender Stimme. Ich grinste und bedeutete den Prostituierten zu kommen. Sie tauschten große Blicke aus, bevor sie zu mir herüberhuschten. Wir gingen schweigend hinein, begrüßt von der vertrauten Hitze und der pulsierenden Musik einer Band in der Ecke, die von einem bluesigen Song zu Hard Rock mit reichlich Gitarrensoli gewechselt hatte. Die Luft war rauchig und heiß im Vergleich zu draußen. Schwarz-blaue Lichter waren im Raum verteilt und schwebten über runden Holztischen und billigen Plastikstühlen. Die Bar war frisch abgeschliffen und in einem kühlen Blauton gestrichen, gesprenkelt mit Schwarz und Marineblau. Die Hocker waren alle besetzt, bis auf eine Ecke, auf die ich zuging, mit den beiden Prostituierten direkt an meinen Fersen.

„Wie hast du das gemacht?“, flüsterte Mimi voller Ehrfurcht und blieb dicht an meiner linken Seite. Ich lächelte sie an, auch wenn ich sie am liebsten auf einen nahegelegenen Tisch geworfen und gefickt hätte. Ja, das war ein gewalttätiger Gedanke, aber ich war in beschissener Stimmung und hatte seit zwei Wochen keinen Sex mehr gehabt, was für mich ein ziemlicher Schock war... Irgendwie zumindest. Ich hatte es schon länger ausgehalten, aber nach zwei Wochen fing ich an, unleidlich zu werden. Ich stand nicht einmal auf Frauen, was nur zeigte, wie verzweifelt ich war, meinen Schwanz irgendwo reinzustecken.

„Ich stehe wirklich auf Männer“, antwortete ich. Mimi sah zu Jahlia, die die Stirn runzelte und sich dann an mich wandte.

„Wie heißt du?“, fragte sie, offensichtlich immer noch nicht überzeugt von meiner Schmeichelei. Ich musste ihr zugutehalten, dass sie es so schnell durchschaute. Die meisten Leute wollten glauben, dass ich nett sei, wie Adrian, aber meine anständige Persönlichkeit war verloren gegangen, als Cain meinen Körper in Stücke schnitt. Jetzt blieb mir der Schwanz einer Hydra, meine Beine und sogar meine Organe waren von der Hydra. Ich konnte zwar eine menschliche Form beibehalten, aber die deformierte Halb-Hydra, Halb-Mensch-Gestalt war meine wahre Form.

„Abel“, antwortete ich schließlich. Jahlia blieb sofort stehen und starrte mich an. Sie packte Mimi und hielt sie an, was die jüngere Frau verwirrt die Stirn runzeln ließ – sie schien meinen Namen anscheinend nicht zu erkennen.

„Abel“, wiederholte Jahlia mit angespannter Stimme, die Augen zu verächtlichen Schlitzen verengt. „Du bist derjenige, vor dem unser Arbeitgeber uns gewarnt hat, fernzubleiben. Jeder, der mit dir in Kontakt kommt, wird getötet.“ Mimis Augen weiteten sich und sie wich sofort zurück. Ich fixierte Jahlia mit einem vernichtenden Blick und kräuselte meine Lippe.

„Bild dir bloß nichts ein, Hure, ich schlafe nicht mit Frauen. Und danke, denn jetzt verdirbst du mir die Laune. Such dir irgendwelche Kunden, die du willst. Ich werde mir jetzt einen Drink genehmigen“, antwortete ich kalt, drehte ihr den Rücken zu und ging zur Bar. Ich machte den Barkeeper auf mich aufmerksam, bestellte einen Drink und nahm Platz. Ich spürte eine Präsenz, die sich mir näherte, und drehte mich um, um Jahlia zu sehen, die zu mir kam und den Hocker neben mir einnahm. Mimi war zu einer Gruppe von Männern gegangen, die über ein Spiel lachten und jubelten, das auf einem der Fernseher lief.

„Willst du sterben?“, fragte ich Jahlia trocken, als sie einen Martini bestellte. Sie warf mir einen Blick aus ihren dunkel geschminkten Augen zu und hob die Hand, um eine Locke ihres schwarzen Lockenhaars hinter das Ohr zu streichen.

„Ich bin eine Prostituierte, Meister Abel. Niemanden interessiert, was ich will“, sagte sie kurz. Ich hielt bei diesen Worten inne und sah dann weg, um auf das Getränk zu starren, das der Barkeeper vor mich schob. Ich wirbelte das tiefblaue Getränk im Glas herum, bevor ich einen Schluck nahm und mein Glas zu ihrem hielt.

„Prost. Und nenn mich Abel. ‚Meister‘ macht mich geil“, fügte ich hinzu. Jahlia spitzte ihre roten Lippen, nahm ihr Glas und stieß es gegen meines.

„Hui, redest du auch so mit deiner Mutter, Abel?“

„Wenn sie noch leben würde und hier unten wäre, nein. Ich könnte es nicht riskieren, sie zu Tode zu erschrecken.“ Ich schwor, dass ich sah, wie sich der Mundwinkel von Jahlia hob, aber sie sah weg und nahm einen Schluck von ihrer Bloody Mary, damit ich es nicht sehen konnte. Ich nahm einen Schluck von meinem Drink und schloss die Augen, während ich das scharfe Brennen des Alkohols genoss, der meine Kehle hinunterfloss und wie flüssiges Feuer in meinen Magen schwappte.

Das würde eine lustige Nacht werden.