Chapter 1
POV: Chloe
Ding ding.
An manchen Tagen habe ich Angst, dass ich schreien und aus dem Fenster springen werde, wenn ich das noch einmal höre.
An anderen Tagen versuche ich zu erraten, wer durch die Tür gekommen ist, bevor ich von meinem Skizzenbuch aufsehe.
Mrs. Wallace, die eine frische Kanne Kaffee verlangt.
Mr. Harper, der nach seiner täglichen Zigarre und der Zeitung sucht.
Jeden Tag wünschte ich mir, ich wäre woanders.
Ding ding.
Es müsste gar nicht weit weg sein. Ich habe nie davon geträumt, wie die meisten 20-Jährigen am Strand zu faulenzen oder mit 50.000 meiner engsten Freunde auf ein Musikfestival zu gehen. Nein, meine Fantasien waren viel häuslicher und doch völlig unerreichbar.
Die Modeindustrie in New York City ist eine der größten der Welt, mit über 900 Firmen und 75 Shows jedes Jahr. Sie ist das Zuhause einiger der berühmtesten Namen und der besten Schulen für Modebegeisterte, aber das alles spielt für mich keine Rolle.
Zumindest tue ich so.
Denn auch wenn Marc Jacobs und Alexander Wang ihre unglaublichen Karrieren genau hier begonnen haben, hatten sie wahrscheinlich keine Eltern aus der Arbeiterklasse, die ihnen ständig ein schlechtes Gewissen einredeten, damit sie ihre Träume für etwas „Sicheres“ aufgeben. Oder vielleicht hatten sie die, und sie haben es trotzdem durchgezogen. In diesem Fall hätten sie zwei Dinge, die ich nicht habe: eine Karriere in der Modebranche und Arsch in der Hose.
Ding ding.
Ich blickte nicht von meinem Skizzenbuch auf, in dem ich an der Schattierung für ein Abendkleid arbeitete. Plötzlich knallt eine Hand auf mein Papier und drückt es zu mir herüber.
„Du solltest diesen Scheiß lieber wegpacken, bevor Dad das sieht.“
Ich schnappe nach Luft und schubse die Hand meines älteren Bruders weg, wodurch die Zeichnung noch mehr verschmiert.
„Ethan!“, schreie ich, während ich den Schaden an den Kohlestrichen in meinem Skizzenbuch begutachte.
„Im Ernst, pack es weg. Ich will nicht, dass noch eine ‚Familiendiskussion‘ meinen Schlaf unterbricht“, sagt er.
Ich funkle ihn böse an, während er zwei Wasserflaschen aus dem Kasten neben der Theke nimmt. Er gibt eine davon seinem Freund Liam, von dem ich jetzt erst bemerke, dass er mit ihm in den Laden gekommen ist. Liam ist, genau wie mein Bruder, verschwitzt vom Basketballspiel, das sie gerade hinter sich haben, und seine Haut glänzt noch immer. Er hebt sein Shirt an, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, und ich wende den Blick ab, in der Hoffnung, dass er meine geröteten Wangen nicht bemerkt. Ich versuche, überall hinzusehen, nur nicht auf seinen harten, muskulösen Bauch und das V, das hinunterführt zu…
„Dad hat dir gesagt, du sollst aufhören, die Wasserflaschen zu nehmen, oben gibt es frisches Wasser“, tadele ich ihn, froh darüber, ihm etwas entgegenzusetzen zu haben. Mein Bruder und ich haben ein ziemlich normales Verhältnis – zumindest denke ich das –, in dem wir uns ständig streiten, uns aber auch gegenseitig unterstützen. Leider ist er, wenn er mit Liam zusammen ist, meistens gemeiner, kälter und noch frustrierender.
Ethan und Liam sind seit der Mittelstufe unzertrennlich und seitdem hat Liam mich so gut wie schikaniert. Als ich auf der Highschool war, fing ich an, mich gegen seine Mätzchen zu wehren, was unsere allgemeine Abneigung gegeneinander nur noch vertiefte. Jetzt tue ich einfach mein Bestes, um ihm aus dem Weg zu gehen, aber an manchen Tagen ist das schwerer als an anderen.
„Sei nicht so ein braves Mädchen, Chloe“, sagt Ethan, bevor er sich an Liam wendet. „Ich gehe mich mal kurz umziehen, dann bin ich gleich wieder da.“
Bevor ich ihn daran erinnern kann, dass Dad alle Überwachungskameras im Blick hat und herausfinden wird, dass Ethan das Wasser genommen hat, joggt er die Treppe zu unserer Wohnung hoch.
Ich spüre Liams Augen auf mir, als ich mich wieder meinem Skizzenbuch zuwende.
„Was?“, frage ich schließlich, ohne aufzublicken.
„Warum zeichnest du ein Kleid für den Abschlussball?“, fragt er vorwurfsvoll.
Ich seufze.
„Das ist ein Abendkleid, kein Abschlussballkleid. Und weil ich Lust dazu habe“, sage ich und benutze so wenig Worte wie möglich, in der Hoffnung, dass ihm langweilig wird und er mich in Ruhe lässt.
Ich höre seine Schritte, wie er auf mich zukommt. Sein Duft dringt in meine Sinne ein und ich hasse es wirklich, wie gut er riecht.
„Das ist ein bisschen freizügig, findest du nicht?“
Endlich schaue ich in Liams jägergrüne Augen. Er grinst höhnisch auf mich herab; eine Hand liegt auf seiner Hüfte, die andere balanciert einen Basketball zwischen seinem Unterarm und der Taille.
„Du machst Witze, oder? Hast du mal gesehen, was für Frauen du datest?“, frage ich. „Wo wir gerade dabei sind, gibt es nicht irgendein armes, ahnungsloses Mädchen, das du grundlos jagen kannst?“
„Momentan nicht, warum? Eifersüchtig?“
Ich schnaube.
„Eifersucht würde Gefühle voraussetzen, die ich ganz sicher nicht habe“, sage ich und wende mich wieder meiner Zeichnung zu. Ich hasse es, wenn er so etwas zu mir sagt, und ich hasse es besonders, wie meine Wangen warm werden, wenn er es tut. „Außerdem habe ich einen Freund, der sich um mich kümmert und mich respektiert.“
„Oh, der Chorknabe? Hat er dich noch nicht zu Tode gelangweilt?“
„Er ist kein Chorknabe und nein, ich langweile mich nicht mit ihm“, sage ich. „Manche Leute mögen Beständigkeit.“
Liam lacht, es ist ein tiefes und leicht unheimliches Lachen. Ich hasse es.
Er beugt sich herunter und ich spüre seinen Atem über meine Schulter und meinen oberen Rücken gleiten.
„Weißt du das denn nicht? Langweilige Leute ziehen irgendwann weiter, egal ob du es bist oder er. Und wenn er es tut, komm nicht zu mir weinen“, sagt er in einem tiefen, gefährlichen Tonfall.
„Warum sollte ich für irgendetwas zu dir kommen?“, ich schaue zu Liam hoch und funkle ihn direkt in sein Gesicht.
Liam hält inne, sein Kiefer spannt sich an und seine Augen wandern über mein Gesicht. Schließlich bewegt er sich zur Tür.
„Sag Ethan, ich bin in der Gasse“, sagt er über die Schulter.
„Schon Zeit für eine Raucherpause?“, frage ich mit extra viel Sarkasmus in der Stimme, da ich nur zu gut weiß, dass Liam und mein Bruder regelmäßig in der Gasse kiffen.
„Muss nach diesen armen, ahnungslosen Mädchen Ausschau halten. Viel Spaß beim… Rumkritzeln“, sagt er und ich kann das Grinsen auf seinem Gesicht hören.
Gott, ich hasse ihn.
Für ein paar glückselige Minuten bin ich allein, ohne Kunden oder nervige Brüder und deren unhöfliche Freunde, die mich ablenken.
Ding ding.
Plötzlich hält Liam die Tür für meinen Dad auf, der mit den Armen voller Pappbecher für Kaffee, Luftfiltern für die Klimaanlage und verschiedenen anderen Dingen hereinkommt. Ich decke mein Skizzenbuch schnell mit dem Lehrplan aus meinem Wirtschaftskurs an der Uni ab und schnappe mir die Becher von Dad.
„Danke, Chlo“, sagt er, während er anfängt, einen Filter auszupacken. „Hast du gestern Abend das Spiel gesehen, Liam?“
„Die Knicks gegen die Celtics? Na klar. Ein spannendes Ende.“
„Allerdings, schade, dass die Knicks es nicht geschafft haben“, sagt er. „Hey, würdest du mir kurz die Leiter halten? Ich muss das hier austauschen“, bittet er und hält einen Filter hoch.
„Ich kann das machen, Dad“, sage ich, gerade als ein Kunde den Laden betritt.
„Das ist schon okay, bleib du an der Kasse“, sagt er und beobachtet den jungen Mann, der in den Laden kommt und sich eine Tüte Kartoffelchips nimmt.
„Ich mach das“, sagt Liam, während er mir die Leiter aus der Hand reißt und sie aufklappt. Ich verdrehe die Augen und nehme meinen Platz an der Kasse ein.
„Eine Packung Marlboro Lights, bitte“, der Kunde ist jung, vielleicht Mitte zwanzig, höchstens. Sein langes, sandblondes Haar ist unter einer Mütze versteckt und er hat ein breites Lächeln im Gesicht. Ich tippe seine Zigaretten und den Rest seiner Sachen ein.
„24,86 Dollar“, sage ich.
„Hier bitte, Schätzchen“, sagt er und gibt mir einen Zwanzig- und einen Fünf-Dollar-Schein. Ich nehme das Geld und greife nach seinem Wechselgeld, wobei ich es in seine offene Hand lege. Er schließt sie ein bisschen zu schnell und lässt seine Finger über meine Haut streifen.
„Einen schönen Tag noch“, sage ich mit einem höflichen Lächeln.
„Du auch, äh…“, er deutet an, dass ich die Lücke mit meinem Namen füllen soll.
„Christina“, sagt Liam mit Bestimmtheit. „Kannst du uns mal kurz helfen?“
Dad ist halb in der Decke, während Liam die Leiter hält, auf der er steht.
„Klar“, sage ich, bevor ich mich wieder dem Kunden zuwende. „Ich muss los, wir sehen uns.“
„Danke, Christina“, sagt er mit einem Lächeln und einem Winken.
Nachdem er gegangen ist, stelle ich mich neben Liam, der mit seinem Blick fast ein Loch in den Hinterkopf des Kunden brennt. Ich halte die Leiter fest und plötzlich richtet er seinen wütenden Blick auf mich.
„Heilige Scheiße, Chloe“, sagt er. „Ich dachte, du wärst schlauer als das.“
„Du hast mich nicht mal antworten lassen. Woher willst du wissen, dass ich ihm meinen Namen verraten wollte?“
„Weil du viel zu naiv bist“, sagt er und richtet seinen zornigen Blick auf die Tür.
Ich verdrehe die Augen.
„Ich bin eine erwachsene Frau, ich kann wunderbar auf mich selbst aufpassen“, zische ich zurück, weil ich nicht will, dass mein überfürsorglicher Dad das hört und sich sofort auf Liams Seite schlägt.
Jetzt ist er an der Reihe, die Augen zu verdrehen.
„Du bist viel zu nett. Du denkst, du bist höflich, aber Typen wie er denken dann, dass du auf sie stehst“, sagt er, während sein Blick wieder auf mir ruht.
„Selbst wenn das wahr wäre, geht dich das gar nichts an“, sage ich.
Liam will gerade etwas erwidern, aber mein Dad unterbricht uns.
„Was geht ihn nichts an?“
Dad kommt von der Leiter herunter mit einem alten, dreckigen Luftfilter in den Händen.
„Nichts, Dad. Hast du es ausgetauscht?“, frage ich und wechsle schnell das Thema.
„Ja, sieht so aus, als hätte es das auch nötig gehabt“, sagt er und hält den alten Filter hoch. Nachdem er ihn in den großen Mülleimer hinter der Theke geworfen hat, dreht er sich zu Liam. „Hey, hättest du Lust, dir das nächste Mal, wenn du hier bist, unseren Müllschlucker anzusehen? Er hat letzte Woche den Geist aufgegeben und ich komme nicht dahinter, warum.“
„Klar, das mache ich, ich komme später diese Woche vorbei“, sagt Liam mit seiner besten Pfadfinderstimme. Kotz.
Ich verdrehe die Augen und merke, wie Liam mich anstarrt.
„Chloe, warum gehst du nicht zurück zum Lernen? Ich übernehme an der Kasse“, sagt mein Dad.
„Oh, das ist schon okay, Dad. Ich habe zwischen den Kunden eine Menge geschafft“, sage ich.
Er zieht eine buschige Augenbraue hinter seinen großen, runden Brillengläsern hoch.
„Du könntest immer noch ein bisschen mehr Lernzeit gebrauchen, Chloe“, sagt er. „Ein Einser-Zeugnis erarbeitet sich nicht von selbst.“
Ich seufze.
„Dad, wann hatte ich jemals etwas anderes als Einsen? Vertrau mir, ich weiß, wie viel Arbeit ich habe“, sage ich und setze mich auf den Hocker hinter der Theke.
Ethan kommt schließlich die Treppe herunter und tätschelt Dad auf dem Weg zur Tür auf die Schulter.
„Hi Dad, bye Dad“, sagt er.
„Bleibst du nicht zum Abendessen?“, fragt Dad.
„Ich muss arbeiten. Ich hab es Mom schon gesagt, ich komme später nach Hause“, sagt er.
„Na gut, pass auf dich auf, okay?“
„Ja, Dad“, sagt er. Liam hält die Tür für sie auf, damit sie gehen können. Ich bemerke, dass er mich immer noch ansieht, aber jetzt hat er ein höhnisches Grinsen im Gesicht.
„Wir sehen uns, oh, und Chloe, ich liebe deine Zeichnung von dem Abendkleid!“
Ich blicke entsetzt zu meinem Dad, der mich mit weit aufgerissenen Augen ansieht.
„Chloe! Schon wieder Mode?! Ich dachte, wir hätten darüber gesprochen!“
Ich funkle Liam böse an, der kicherd die Tür hinter sich zuzieht.
Fuck you, Liam.