Kapitel 1
POV: Camille
Das erste Geräusch, das ich am Morgen meines ersten richtigen Arbeitstages hörte, war der Mixer meines Nachbarn. Laut und deutlich.
Natürlich.
Er dröhnte durch die dünnen Wände wie ein Flugzeugtriebwerk. Also, wenn man direkt darüber wohnen würde, was ich tat. Er häckselte Spinat und Grünkohl. Dem Geruch nach zu urteilen, der durch die Ritzen drang, pürierte er wohl auch gleich seine moralische Überlegenheit mit.
Mein Nachbar Kevin war einer von der Sorte, die „zum Spaß“ Marathon laufen. Er postete seine Bestzeiten auf Instagram mit Hashtags wie #riseandgrind.
Ein fettes Augenrollen meinerseits.
Ich dagegen war mal wieder viel zu lange wach geblieben, hatte True-Crime-Dokus geschaut und chinesisches Essen vom Vorabend verputzt.
Während er Grünkohl mahlte, mahlte ich Panikattacken. Und Kaffeebohnen. Aber meistens Panikattacken.
Aber heute war nicht irgendein Tag.
Heute war der Tag, an dem ich, Camille Martens, offiziell in die Reihen der Erwerbstätigen eintrat. Und zwar nicht als Babysitterin oder Nachhilfelehrerin. Auch nicht als Barista, die Pumpkin Cream Cold Foam zusammenrührt.
Nein.
Heute war ich eine Anwältin.
Eine echte.
Eine Absolventin der Harvard Law School, die endlich ihren völlig überteuerten Abschluss nutzte.
Applaus bitte.
Ich warf die Decke zurück. Mein Blick fiel auf den schiefen Turm aus ungeöffneten Studienkreditrechnungen auf meinem Nachttisch. Eine Erinnerung daran, dass ich dem Staat mehr Geld schuldete, als ich im nächsten Jahrzehnt verdienen würde.
Dieser Stapel war mein Motor und meine persönliche Horrorgeschichte in einem.
„Ganz ruhig, Camille“, sagte ich mir selbst. Mit meinen blonden, völlig zerzausten Haaren trottete ich ins Bad. „Das ist der Anfang. Damit zahlst du sie ab. Eines Tages wirst du darüber lachen.“
Ich bezweifelte es. Aber hey, positive Affirmationen kosteten ja nichts.
Der Spiegel präsentierte mir eine Version von mir, die laut „Berufsanfängerin nach einer Nachtschicht“ schrie. Verquollene Augen, Kissenabdrücke auf der Wange und der leichte Schatten von Stress-Akne. Ich seufzte und griff nach meinem Concealer, als wäre er die Rettung in flüssiger Form.
Ich starrte in den Spiegel und seufzte erneut.
Blondes Haar, das irgendwo zwischen „Beach-Waves“ und „heute Morgen nicht gebürstet“ lag. Blaue Augen, die ständig müde aussahen. Kurven, wegen denen ich Hosen immer eine Nummer größer, Blusen aber eine Nummer kleiner brauchte. Meine Mutter nannte mich gerne „gut proportioniert“.
Ich bändigte meine Haare zu einem glatten Dutt. Das war meine Standardfrisur, um so zu tun, als hätte ich mein Leben im Griff. Dann schlüpfte ich in mein dunkelblaues Kostüm. Es war ein Schnäppchen vom Grabbeltisch bei Nordstrom. Das merkte man aber nur, wenn man genau hinsah.
Ich zögerte bei den Schuhen. Meine treuen schwarzen Pumps waren eigentlich mittelalterliche Folterinstrumente. Aber sie ließen meine Beine so aussehen, als wüsste ich tatsächlich, was Kniebeugen sind. Die Wahl war also klar. Blasen am Fuß waren vorübergehend, aber der erste Eindruck blieb ewig.
Meine Tasche war weniger Luxusleder und eher eine Fake-Prada, wenn man die Augen fest zusammenkniff. Aber sie war praktisch. Drinnen waren mein Portemonnaie, mein Handy, mein Notfall-Müsliriegel und mein Glückskugelschreiber verstaut.
An der Tür hielt ich kurz inne, atmete tief durch und rief mir in Erinnerung: Du bist Harvard-Absolventin, Camille. Du hast dir dafür den Arsch aufgerissen. Jetzt benimm dich auch so, als würdest du in dieses Gebäude gehören.
Dann trat ich hinaus auf den Bürgersteig von New York City.
Die Stadt begrüßte mich wie immer mit Lärm und Menschenmassen. Es roch dezent nach Hot Dogs, egal zu welcher Tageszeit. Und ich? Ich gehörte jetzt dazu. Ich war Teil des Getümmels.
Ich mischte mich unter die Leute und schritt entschlossen voran. Ein Mann im Anzug drängelte sich an mir vorbei, während er in sein Bluetooth-Headset brüllte. Ein Touristenpaar blieb mitten im Weg stehen, um eine Leuchtreklame anzuglotzen.
In der U-Bahn quetschte ich mich zwischen einen Typen, der tatsächlich eine gedruckte Ausgabe des Wall Street Journal las, und eine Frau, die einen kompletten Iced Latte auf ihrer Yogamatte balancierte.
Ich presste meine Tasche an die Brust und ging im Kopf systematisch meine Vorstellungen durch.
„Hallo, ich bin Camille Martens, Ihre neue Associate. Ja, ich bin jung, aber keine Sorge, ich bin lernwillig.“
„Hallo, ich bin Camille Martens. Ich schwöre, ich bin mein Gehalt wert, bitte feuern Sie mich nicht.“
Okay, vielleicht nichts davon. Beides klang irgendwie seltsam.
Es fühlte sich immer noch surreal an, dass ich diesen Job überhaupt bekommen hatte.
Vanderbilt Technologies. Eines der mächtigsten Tech-Unternehmen der Welt. Ihre Rechtsabteilung war berüchtigt dafür, hart, kompetitiv und prestigeträchtig zu sein. Es war ein Ort, an dem Karrieren gemacht wurden.
Mein Vorstellungsgespräch war… ganz okay gewesen. Natürlich nicht mit dem großen Michael Vanderbilt persönlich. Der war zu beschäftigt damit, auf den Forbes-Listen aufzutauchen. Nein, mein Gespräch war mit der Personalabteilung. Eine Frau namens Donna im beigen Blazer und mit einer ziemlich beigen Persönlichkeit.
„Also, Camille“, hatte Donna gesagt und mich über ihre Brille hinweg gemustert, als wäre sie eine Richterin. „Was würden Sie als Ihre größte Stärke bezeichnen?“
„Ich heule nicht auf Toiletten“, war mir herausgerutscht. Okay, vielleicht hatte ich das nicht laut gesagt, aber ich hatte es gedacht. Was ich tatsächlich sagte, war etwas über Belastbarkeit, Multitasking und Streben nach Exzellenz. Übersetzung: Ich kann zehn Dinge gleichzeitig jonglieren und bleibe bis Mitternacht, wenn es sein muss.
Irgendwie hat es funktioniert. Zwei Wochen später landete das Jobangebot in meinem Posteingang wie ein goldenes Ticket. Ich hatte so laut geschrien, dass Kevin seinen Mixer mitten im Spinat-Massaker kurz ausschaltete.
Die U-Bahn erreichte meine Haltestelle. Ich stieg mit der Masse an New Yorkern aus und schloss mich dem morgendlichen Zug der Anzüge und Aktentaschen an.
Beim Gehen drifteten meine Gedanken zu Michael Vanderbilt. Auf dem Papier war er Milliardär und einer der begehrtesten Junggesellen der Welt.
Ich hatte ihn nicht viel gegoogelt. Ehrlich gesagt wollte ich nicht wie ein Fangirl wirken. Aber trotzdem fragte ich mich: Was für ein Mann baute so ein Imperium auf? War er kalt und berechnend? Charmant und brillant? War er jemand, den man nicht durchschauen konnte? Er wirkte fast wie eine fiktive Figur.
Nicht, dass es eine Rolle spielte. Milliardäre lebten in einer anderen Umlaufbahn.
Ich war eine Associate. Er war der Chef vom Chef meines Chefs. Er hätte genauso gut eine Sagengestalt sein können.
Schließlich, nach fünfzehn Blocks, blieb ich stehen.
Und da war es.
Das Gebäude.
Vanderbilt Technologies überragte die Stadt, als gehöre ihm die Skyline persönlich. Als wäre es genau dafür gebaut worden. Glatter Stahl und poliertes Glas – so hoch, dass es die Wolken zu kratzen schien.
Menschen strömten durch die Drehtüren ein und aus. Alle sahen so aus, als gehörten sie hierher. Alle wirkten wichtig.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich umklammerte meine Tasche fester, straffte die Schultern und hob das Kinn. Ich musste selbstbewusst sein. Oder zumindest so aussehen.
Das war es also.
Der Ort, an dem ich das nächste Kapitel meines Lebens verbringen würde. Der Ort, an dem ich meine Kredite abzahlen, mich beweisen und mir vielleicht sogar einen Namen in der Rechtswelt machen würde.
Der Ort, an dem ich entweder aufsteigen oder abstürzen würde.
Ich grinste und starrte zu dem Wolkenkratzer hoch. „Na, dann zeig mal, was du drauf hast“, flüsterte ich.