Kapitel 1
Als Joon sie da, komplett durchnässt stehen sah, war das erste Bild, das ihm bei ihrem Anblick durch den Kopf schoss, das eines Kätzchens, welches jemand versucht hatte zu ertränken. Nass und hilflos. Er wunderte sich, warum sie überhaupt hier war. Diese Stadt war nicht für Menschen wie sie gemacht. Jeder Tag hier war ein Überlebenskampf. Niemand wusste das besser als er, der hier aufgewachsen war und den die Stadt, durchgekaut und doch immer wieder ausgespuckt hatte. Joon lebte nicht von Jahr zu Jahr, sondern Tag zu Tag. Er hatte so viel gesehen wie kaum ein anderer. Zumindest von jenen, die noch lebten.
»Bist du Joon?«
Er sah auf. Das durchnässte Kätzchen, das Bild wollte einfach nicht mehr aus seinem Kopf verschwinden, stand dort vor ihm und schaute ihn fragend an. »Wer will das wissen?«
»Mein Name ist Julia«, stellte sie sich vor. »Ich bin neu hier.«
»Ich weiß«, meinte er und musste grinsen, als er ihre Überraschung bemerkte. »Sogar ein Blinder sieht das sofort«, fuhr er auf ihren irritierten Blick hin fort. »An der Art, wie du sprichst und an deiner gesamten Körpersprache. Wahrscheinlich bist du sogar erst seit heute in der Stadt.«
»Oh, wow. Du bist gut.«
»Ich weiß.« Joon grinste erneut und trank einen Schluck. Kurz glitt sein Blick hinüber zu seiner Pistole, die vor ihm auf dem Tisch lag. »Das gehört zu meinem Job.«
»Also bist du Joon!« Sie lächelte ihn an und setzte sich ihm gegenüber.
Er verdrehte die Augen. »Kann sein. Kommt ganz drauf an, wer das wissen will.«
Sie lachte kurz auf. »Verstehe schon.« Nun war sie es, die grinste. »Wirklich gesprächig bist du nicht, wie?«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich.«
»Lustig. Mir wird öfters gesagt, dass ich zu viel rede«, sie verzog das Gesicht. »Das passiert dir wohl nicht.«
»Nein. Ich unterhalte mich nicht mit Leuten«, entgegnete Joon und erntete daraufhin einen verständnislosen Blick.
»Aber warum denn nicht?«
Joon seufzte. Oh ja, Julia würde es schwer haben, da war er sich sicher. Wenn sie es überhaupt drei Tage hier in der Stadt überlebte. Das wagte er doch zu bezweifeln. »Weil ich nicht genervt werden will.«
»Du findest mich nervig?« Sie sah ihn mit einem fragenden, wie vorwurfsvollen Blick an.
»Das habe ich nicht gesagt.« Er seufzte.
»Doch irgendwie schon.« Sie setzte sich auf einen der leeren Stühle neben ihm.
»Nein.« Er griff zu seiner Pistole, die noch immer vor ihm auf dem Tisch lag und prüfte nach, ob sie gesichert war. Obwohl er ganz genau wusste, dass dies der Fall war. Den meisten Leuten, die es wagten, ihn anzusprechen, verstanden spätestens jetzt, den Wink mit dem Zaunpfahl.
»Doch.« Sie nicht.
Langsam begann er sich zu fragen, ob sie naiv, ignorant oder dämlich war.
»Nein.« Er ließ die Spule einmal durchrollen. Dann prüfte er seine Munition. In dieser befanden sich sechs Kugeln. Zehn weitere in seinem Holster.
»Doch.« Sie klang jetzt eindeutig verärgert.
»Nein!« Joon sprang von seinem Stuhl auf, die Pistole in seiner Hand.
Sie sah ihn mit großen Augen an, in denen er so etwas wie Angst erkennen konnte. Widerworte gab sie ebenfalls keine mehr.
Er biss die Zähne aufeinander und zwang sich dazu, tief durchzuatmen. »Was willst du?«, fauchte er sie an. »Sag es oder verschwinde. Ich hasse Small Talk.«
»Danke für den Tipp. Es wäre mir sonst echt nicht aufgefallen«, konterte sie sarkastisch.
Er atmete tief durch, seine Pistole noch immer in seiner Hand haltend. »Also Julia, was willst du hier?«
»Dich«, antwortete sie.
»Wie bitte?« Nun war es, der die großen Augen machte. »Was war das gerade?«
Sie lachte und strich eine nasse Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. »Du bist witzig.«
Das war ein Wort, mit dem er bisher noch nie beschrieben wurde. »Ich bin nicht witzig«, entgegnete er daher schroff.
»Doch.« Sie lachte wieder.
»Nein.« Er funkelte sie an und ließ noch einmal die Spule seiner Pistole durchrollen.
»Schon gut, schon gut.« Sie hob die Hände zum Zeichen der Kapitulation. »Ich ergebe mich.«
»Dann sag mir endlich was du von mir willst.«
»Erst wenn du deine Waffe runter nimmmst«, meinte sie. »Es ist einem entspanntem Gespräch nämlich nicht zuträglich wenn man damit bedroht wird.«
»Also schön.« Joon legte die Pistole zurück auf den Tisch.
»Danke.« Julia lächelte. Doch ihr Lächeln war so schnell verschwunden, wie es gekommen war. »Wenn du wirklich der Joon bist, den ich suche, dann brauche ich deine Hilfe.«
Das überraschte ihn jetzt doch. »Was für einen Joon suchst du denn?«
»Wie wurde er noch genannt?« Sie zog eine Zeitung aus ihrer Jacke, die ebenfalls klatschnass war. »Ach ja hier«, sie legte die Zeitung vor sie beide auf den Tisch. »Der Held der Stadt.«
Joon ballte die Hände zu Fäusten und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ich bin kein Held.«
»Hier steht das Gegenteil.« Julia beugte sich leicht vor und musterte ihn genauer. Vielleicht war sie doch nicht so naiv, wie er zuerst dachte.
»Was da steht ist Müll.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn ich schon irgendwas bin, dann der Bösewicht.«
»Das denke ich nicht. Du hast vielen Menschen das Leben gerettet, mit dem was du getan hast.«
»Und mindestens ebenso viele getötet«, knurrte er. »Wenn nicht noch mehr.«
Julia sah ihn mit einem Blick an, den er nicht zu deuten vermochte.
Er erwiderte ihn ungeduldig. »Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du von mir willst.«
»Ganz einfach: Ich will, dass du jemanden für mich tötest.«
Joon, der sich einen Schluck von seinem Drink genehmigt hatte, verschluckte sich prompt vor lauter Überraschung. »Was?«
»Ich will, das du jemanden für mich tötest«, wiederholte sie ernst. »Und ich bin bereit gut dafür zu zahlen.«








