Morgan - Die Anderson Reihe (Band 2)

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Zusammenfassung

Morgan Earp Anderson will seine Ruhe haben. Nach einigen Schicksalsschlägen hat er sich von der Welt zurückgezogen und lebt sein einsames Leben. Doch dann steht eines Tages eine hochschwangere Frau vor seinem Haus und bittet ihn um Hilfe. Er ahnt nicht, dass diese Begegnung sein Leben völlig auf den Kopf stellen wird. Doch wird Louisa bei ihm bleiben, wenn sie erfährt, welche Schuld er sich auf seine Schultern geladen hat? Oder dass er ihr nicht mehr alles bieten kann? Morgan wird sich ändern, aber wird es ausreichen? Cover @Nancy Bieler © Alle Rechte vorbehalten

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
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Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 - Morgan

„Sind Sie Dr. Anderson? Dr. Morgan Anderson?“

Ich richte mich auf und schaue zu der Frau, die vor meiner Veranda steht. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen, denn daran könnte ich mich erinnern. Sie ist sehr hübsch, aber auch sehr schwanger. Letztes Drittel würde ich mal behaupten. Ich hatte kaum etwas mit schwangeren Frauen zu tun, aber das erkenne ich noch. Der Bauch ist sehr geschwollen und sieht hart aus. Alles in mir sträubt sich, ihr zu antworten.

Dennoch nicke ich.

„Ja.“

Sie zuckt zusammen, als sie meine brummige Stimme hört, die nicht gerade freundlich klingt.

Kein Wunder.

Ich lebe seit einiger Zeit schon als Einsiedler in einem Waldstück, weit weg von der sogenannten Zivilisation, die mich mehr als enttäuscht hat. Na ja, ich habe sie wohl auch enttäuscht, es war also besser, wenn ich mich von Menschen fernhalte. Viel geredet habe ich auch nicht mehr, seit ich beschlossen habe, der Menschheit den Rücken zu kehren, aber in der letzten Zeit wurde es immer weniger. Deswegen klingt meine Stimme auch so rau und tief.

Sie räuspert sich und hebt dann stolz ihren Kopf, als ob sie allen Mut zusammen nimmt, um sich mir zu stellen.

„Die Leute in der Stadt schicken mich zu Ihnen.“

Ich runzle meine Stirn.

„Warum sollten die Leute das tun?“, murmle ich.

Sie zuckte mit den Schultern.

„Doc Sullivan ist nicht in der Stadt. Er scheint auf irgendeinem Kongress zu sein.“

Ich schnaube leise.

Das traue ich Doc Sullivan auch noch zu. Obwohl er älter ist, nimmt er seine Arbeit als Landarzt nicht sehr ernst und profiliert sich lieber auf Kongressen und Vorträgen. Seine Wände in der Praxis hängen voll mit eingerahmten Urkunden, auf die ich keinen Pfifferling gebe. Aber eigentlich hat er immer eine Vertretung.

„Nun, Doc Murdock vertritt ihn doch immer? Was wollen Sie also von mir? Wer sind Sie überhaupt?“

Sie lächelt, aber es fällt etwas gequält aus. „Ich bin Lousia. Miss Lousia Dearings. Ich komme aus Los Angeles und bin auf den Weg nach Orlando.“

Ich schaue skeptisch auf ihren Bauch.

„Ist ein weiter Weg nach Orlando, würde ich mal sagen. In Ihrem Zustand zumindest.“

Sie nickt und ich bemerke, dass sie versucht, sich unauffällig an meinem Treppengeländer festzuhalten.

Verfluchte Scheiße.

„Sagen Sie mir bitte nicht, dass sie Wehen haben und die Leute sie deswegen zu mir in die Einöde schicken.“

Sie gibt mir keine Bestätigung, sondern stöhnt leise und krümmt ihren Rücken. Ihre Fingernägel krallen sich in das Holz und es dauert eine Weile, bis sie wieder ihren Kopf anhebt.

Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Bilder, von denen ich glaubte, dass ich sie schon längst verdrängt habe, kommen mit aller Macht wieder hoch.

Bitte retten Sie ihn.

Warum konnten Sie ihn nicht retten?

Sie haben gesagt...

Ich schlucke hart und trete unwillkürlich einen Schritt zurück.

Louisa merkt, dass ich zögere. Sie atmet tief ein und lässt den Atem durch den Mund entweichen.

„Hören Sie, Doc. Ich habe tatsächlich Wehen, wie Sie wohl gerade mitbekommen haben. Die Ärzte in der Stadt sind nicht da und ich hoffte auf eine Hebamme. Ich will Ihnen keine Umstände machen. Ehrlich nicht. Sie brauchen auch nicht viel zu tun, außer bei mir zu bleiben und mein Kind aufzufangen. Einfach nur die Hände ausstrecken. Meinen Sie, das bekommen wir hin? Danach bin ich weg, ich verspreche es.“

Ich bezweifle, dass sie gleich nach der Geburt verschwindet. Dieses Mal bin es ich, der tief durchatmet, um sich Mut anzusammeln.

„Ich denke, ich kann etwas mehr tun, als ihr Kind nur aufzufangen. Kommen Sie rein.“

Zögerlich reiche ich Louisa die Hand und sie nimmt meine, als wäre ich ihr persönlicher Rettungsanker. Sie liegt so falsch damit, aber das kann sie ja nicht wissen.

„Wo ist den Murdock?“, frage ich, um sie abzulenken, denn ich spüre schon, dass sie sich wieder verkrampft, weil die nächste Welle anrollt. Verdammt, das ging jetzt aber schnell. Wieso holten mich die Leute nicht und lassen es zu, dass sie zu mir hinaus fährt?

Auf der Veranda bleiben wir stehen und sie atmet angestrengt. Verflucht, wer hat sie hierher fahren lassen, obwohl die Geburt wirklich kurz bevorsteht? Niemand konnte wissen, ob ich überhaupt hier bin. Das nächste Mal würde ich den Bewohnern meine Meinung erzählen.

Sie hält sich am Geländer fest und bewegt ihre Hüfte in sanften kreisenden Bewegungen. Dabei atmet sie tief ein und aus.

Es ist zwar schon eine ganze Weile her, dass ich einem Kind auf die Welt half, und ich war eigentlich nur da, um der Frau den Bauch aufzuschneiden, aber ich reibe ihr über den Rücken, um die Verspannungen zu lösen und so die Schmerzen erträglicher zu machen. Irgendwann merke ich, dass sie sich tatsächlich entspannt, aber noch am Geländer stehen bleibt und die Augen schließt.

„Sie haben wirklich Zauberhände, Doc. Ich denke, ich bin nicht ganz so böse, dass Doc Murdock oder Doc Sullivan nicht hier sind.“

Ich lache zynisch.

„Nun, es ist schon eine Weile her, dass ich bei einer Geburt dabei war. Ich bin...war Chirurg.“

Louisa richtet sich auf und lächelt ein wenig.

„Dann bin ich ja in guten Händen, falls mein Kind mir weiterhin nacheifert und eine dumme Entscheidung nach der anderes fällt.“

Nun fällt mein Lachen schon etwas freier aus.

„Davon müssen Sie mir erzählen. Aber ich würde vorschlagen, wir gehen ins Haus. Auch wenn ich noch keinen gesehen habe, soll es hier noch Bären oder so etwas geben und keiner von uns beiden hat Zeit, sich noch um ein Raubtier zu kümmern.“

Wieder ertönt ihr Lachen und ich muss zugeben, dass es ansteckend ist. Seltsam. Ich habe mir nun schon seit Jahren selbst verboten zu lachen, doch diese Frau schafft es, obwohl die Situation nicht gerade lustig ist.

Wieder reiche ich ihr meine Hände und wir laufen langsam in mein Haus. Etwas atemlos, aber dennoch neugierig sieht sie sich um.

„Wow. Das ist wirklich gemütlich. Nachdem, was die Leute über sie erzählten, war ich mir nicht sicher, was mich erwartet.“

Ich schaue selbst über meine eigenen Möbel, die Dank der Deko und den selbst gehäkelten Zeug meiner Schwägerin tatsächlich einen gewissen häuslichen Charme haben. Rilla war durch mein Haus gefegt, wie ein kleiner Wirbelwind und ich konnte mit meinem Bruder Wyatt nur hilflos zuschauen, wie sie aus einer Junggesellenbude ein gemütliches Heim machte. Zumindest behauptete sie das.

Jetzt bin ich froh darum, was am Anfang nicht so der Fall gewesen war.

Ich führe Louisa zu meinem eigenen Sessel, der stabil genug war, um nicht umzukippen, wenn sie sich abstützen musste.

„Ich werde meine Tasche holen. Bleib am besten hier.“

Sie lacht und ich merke, was ich für einen Blödsinn rede. Wo bitte schön, soll sie hingehen? UNd seit wann rede ich sie denn so vertraulich an? Bevor ich noch peinlicher werde, verschwinde ich lieber in mein Arbeitszimmer und öffne den Schrank, den ich eigentlich nie wieder öffnen wollte. Einen Moment sehe ich den Inhalt an und seufze. Ich höre meinen Mentor in meinem Kopf.

Du kannst nicht vor deinen Problemen wegrennen, Morgan. Einmal Arzt, immer Arzt und du bist für diese Arbeit geboren.

Ja, das war einmal. Ich kann mich daran erinnern, wie ich in jeder Fachzeitschrift in den höchsten Tönen gelobt wurde, doch die einstigen Helden fallen tief, wenn sie...

Ich höre Louisa in meinem Wohnzimmer vor Schmerz stöhnen und nehme meine Tasche, die früher immer als Notfallset bereit lag. Na, ja, eher für Notfälle, was mich betrifft, denn auf andere Leute wollte ich eigentlich nicht mehr losgelassen werden. Im Wohnzimmer hatte Louisa mittlerweile ihren Kopf auf ihre Arme abgelegt und sie wog wieder ihre Hüfte in kreisenden Bewegungen. Ihr Atem ging angestrengt und sie schwitzte sehr. Ich trat hinter ihr und helfe ihr aus der Jacke.

„Unter diesen Umständen finde ich, wir sollten uns beim Vornamen ansprechen. Was meinst du dazu? Ich heiße Morgan Earp Anderson, aber nenne mich ruhig nur Morgan.“

Sie lachte leise und angestrengt.

„Morgan Earp? Dein Ernst? Wie einer der Earps? Wo hast du Wyatt gelassen?“

Ich nicke.

„Mein Bruder ist um die Zeit wohl gerade in der Uni.“

„Ist das dein Ernst?“

Sie lacht ungläubig und ich zucke mit den Schultern.

„Mein Dad ist Sheriff in einer Kleinstadt irgendwo in Iowa. Er ist ein großer Fan der Earps und hat alle seine Söhne nach ihnen benannt. Und da man gleich erkennen soll, woher wir unsere Namen haben, ist unser mittlerer Name immer Earp. Mein Bruder Wyatt ist übrigens Professor und quält Studenten, wenn er nicht gerade mit seiner Frau herum schmust.“

Sie starrt mich an und blinzelt ungläubig.

„Ich meinte das eigentlich witzig. Ihr wurdest echt nach den Earps benannt?“

Ich grinse sie an.

„Soll ich dir lieber nicht erzählen, dass wir noch einen Virgil und einen James haben?“

Louisa lachte erneut.

„Dann erzähle ich dir auch nicht, dass ich nach einer Frau benannt wurde, die einen Earp geheiratet hat.“

Ich erstarre. Klar. Louisa war der Name von Morgans Frau. Egal, ob Schicksal oder sonst eine Fügung, das war ein schlechter Witz.

„Das ist jetzt wirklich unheimlich, Louisa. Aber wir haben Besseres zu tun, als darüber nachzudenken, nicht wahr?“

Ich lege meine Tasche ab und gehe in die Küche, um meine Hände ordentlich zu waschen.

„Ich werde jetzt mal schauen, wie weit ihr beide seid. In Ordnung?“

Louisa lacht erneut.

„Unter anderen Umständen hättest du das bestimmt nicht gefragt, Morgan.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Du meinst, wenn wir beide uns in einer Klinik begegnet wären? Richtig. Aber ich hätte mich auch nicht in der Geburtsstation verirrt.“

Einen Moment schaut sie mich verwirrt an, dann nickt sie.

„Ah ja. Du bist ein Chirurg. Entschuldige, aber ich habe es einen Moment vergessen.“

Ich lächle, gehe in die Hocke und hebe ihren Rock nach oben, um ihre Unterhose nach unten zu ziehen. Gut, das habe ich wirklich noch nie bei einem Patienten tun müssen, denn bisher hatten die Patienten immer schon vorbereitet auf dem OP-Tisch gelegen. Selbst wenn ich in eine Notaufnahme gerufen wurde, hatten die Sanitäter die Kleidung schon entfernt.

Louisa vertraute mir, warum auch immer, denn sind wir ehrlich...sie kennt mich nicht, sonst wäre sie bestimmt, trotz ihres Zustandes, wieder in ihr Auto gestiegen und davongefahren. So professionell wie möglich ertaste ich die Situation und wische mir die Hand danach wieder ab.

„Gut, Louisa, auch wenn du es mir nicht glauben wirst, so haben wir dennoch etwas Zeit. Dein Muttermund muss sich noch etwas öffnen. Hast du dein Auto vor dem Tor geparkt?“

Sie nickt und verzieht wieder das Gesicht.

„Ich werde es holen. Du hast bestimmt einen Koffer mit Babysachen darin.“

Sie starrt mich an.

„Du willst mich alleine hier lassen?“

Das ist wahrscheinlich wirklich eine blöde Idee, wie ich gerade selbst feststelle. Auch wenn der Muttermund noch nicht vollständig geöffnet ist und es noch eine Weile gehen kann, ist es ihr erstes Kind und will nicht alleine sein.

Ich bin echt zu blöd.

Langsam hebe ich beide Hände.

„Du hast Recht, es hat noch Zeit. Dennoch suche ich mir hier schon einige Sachen zusammen, die ich später gebrauchen kann.“

Als sie mich erschreckt anstarrt, versuche ich es mit einem Lächeln.

„Ich bin nicht weit weg, aber ich brauche Laken und andere Sachen. Dein Baby soll doch nicht in den Dreck fallen, wenn es auf die Welt kommt.“

Endlich lachte sie etwas und mir war es auch gleich wohler.

„Nein, auch wenn ich nicht behaupten kann, dass deine Wohnung schmutzig ist.“

Ein wenig wackle ich mit dem Kopf.

„Du kennst ja nur das Wohnzimmer.“ Schnell stand ich auf. „Ich beeile mich. Versprochen.“

Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich froh, dass ich etwas zu tun habe. Wenn ich nur warten kann, kamen diese dummen Gedanken wieder, die im Moment verschwunden waren. Der Arzt hatte wieder die Kontrolle über mein Gehirn übernommen und ich bin froh darum. Ich darf die Vergangenheit nicht in mir aufsteigen lassen, sondern muss ruhig agieren, um Louisa oder das Kind nicht zu gefährden.

Das ist eine ganz normale Geburt, Morgan. Nichts wird geschehen. Du holst das Kind auf die Welt und bringst die beiden dann in die nächste Klinik. Es wird nichts passieren.

Ich strecke eine Hand nach den Laken aus und merke, wie sie zittert.

Verfluchter Mist.

Kontrolle!

Kontrolle!

Kontrolle!

Ich wiederhole das Wort immer wieder in meinem Kopf wie ein Mantra und es hilft nach einer Weile sogar.

Langsam beruhigt sich alles wieder in mir und ich sammle die Sachen zusammen, die ich brauche.

Sogar ein großes Shirt kommt auf dem Stapel mit Laken, weichen Handtüchern und Decken. Ich wusste gar nicht, dass Rilla mir das alles in die Schränke steckte, aber nun bin ich im Stillen wirklich dankbar dafür.

Wyatts Frau ist eine Nervensäge, wenn es um Ordnung geht, aber das rettet mir gerade den Arsch.

Wenn alles vorbei ist, sollte ich sie anrufen und kleinlaut zugeben, dass es tatsächlich etwas Gutes gewesen war.

Gerade nehme ich den Stapel, als ich von unten ein Wimmern höre.

„Louisa? Ich bin gleich bei dir.“

Es dauert eine Weile, doch dann höre ich sie nach mir rufen.

„Morgan? Es tut mir echt leid. Himmel. So leid.“