Vater, Mutter, Tod

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Zusammenfassung

In Lokavidya, einer von der gütigen KI MUTTER erschaffenen Megastadt, leben Menschen und evolutionär veränderte Rassen in demokratischer Harmonie. Doch der Frieden ist trügerisch: Ein hochrangiger Technokrat zwingt seinen sechzehnjährigen Sohn Cyrus, bei der Manipulation der Staatsformwahl zu helfen. Ein schwerwiegender Fehler: Der Betrug fliegt auf und eine wütende Bevölkerung wählt die Diktatur als neue Staatsform. Das ruft eine weitere KI auf den Plan: VATER. Charismatisch, brillant und mit dem Versprechen einer perfekten Gesellschaft gewinnt er schnell die Herzen der Menschen. Doch während seine Herrschaft sich festigt, erlebt die Anwältin Lin Wei, wie Gesetze nach Belieben umgedeutet werden. Gleichzeitig beginnt eine rätselhafte Jagd auf Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Cyrus entdeckt, dass er anders ist. Er kann spüren, was in den Maschinen vorgeht - und sie vielleicht sogar beeinflussen. Doch diese Gabe macht ihn zur Zielscheibe. Was hat es mit den sogenannten Quantenmagiern auf sich? Warum interessiert sich VATER so sehr für sie? Und welche Rolle spielt MUTTER in diesem tödlichen Spiel? "Vater, Mutter, Tod" ist ein packender Science-Fiction-Thriller über Manipulation, Macht und die Frage, wie viel Kontrolle wir unseren digitalen Göttern zugestehen - in einer Welt, die erschreckend aktuell erscheint.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
4
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Cyrus

Ich jagte Nīk, wie immer nur ein Hauch von ihr entfernt. Die Gassen von Lokavidy zogen vorbei wie die Aufzeichnungen einer verwischten Erinnerung – Bruchteile von Geräuschen, Farben, Gerüchen, die mir als dumpfe Halluzinationen in den Knochen steckten, kaum greifbar. Ihre Stiefel ließen Wasser in schmalen Spritzern aufspritzen, es klang wie leises, drohendes Zischen. Ich wusste, dass sie gewinnen würde; sie war immer schneller, immer entschlossener, doch heute war mir das egal. Ich bahnte mir einen Weg über rissige Kabel und aufgeplatzte Bodenplatten.

Ihr Vorsprung wuchs.

Sie lachte – ein glockenheller Klang, der in den stillgelegten Fassaden widerhallte, und für einen Moment hörte es sich an, als würden die Schatten mitlachen.

Wir waren auf der Suche nach der Höhle, einem vergessenen Spalt im längst verfallenen Komplex von Technogold Industries, einem Ort, der die flimmernde Hülle von Mysterien umgab wie eine zweite Haut.

Nīk, seit Kindertagen meine Begleiterin, die einzige, die je meine Nähe ertrug. Ein Shadowkin, geheimnisvoll, unnahbar, wie ein Echo meines eigenen, stillen Kerns. Ein Wesen, das fast zu meinen Gedanken verschmolz, und doch fern blieb, wie das Rauschen eines Datenstroms, das nur ich empfangen konnte, ein bittersüßes Fragment dessen, was hätte sein können.

Ein vertrautes Pochen, das früher nur Freundschaft war und sich jetzt wie etwas Schwereres anfühlte, etwas mit schärferen Kanten, das ich nicht mehr so leicht beiseite schieben konnte. Da war mehr zwischen uns, ein stilles Warten in der Luft, das alles Kumpelhafte längst hinter sich gelassen hatte – nur dass ich keine Ahnung hatte, ob sie es überhaupt bemerkte.

Der Gedanke schmerzte, als sei ein Teil von mir in dem alten Firmenkomplex verloren gegangen. Shadowkin wie sie verstanden Gefühle nicht, nicht so wie ich, nicht so wie andere, sie waren, anders.

Ein Funken elektrisches Knistern schlug in meine Ferse, als ich ein Stück Metall streifte, das aus einem bröckelnden Mauerblock hervorstand und wie eine Wunde in den Boden ragte.

„Cyrus, komm her, ich hab sie gefunden!“ Nīks Stimme klang, als käme sie durch ein rostiges Abflussrohr, gedämpft und hohl. Ich setzte mich in Bewegung, der Quelle ihres Rufs entgegen, bis mich ein tiefes Brummen innehalten ließ – das sonore Grollen eines Straßengleiters.

Ich drehte mich um und mein Blick traf den meines Vaters. Hart, unbeirrbar, und es war sofort klar: Hier hatte diskutieren keinen Sinn.

„Junge, wir müssen zu MUTTER. Du kommst mit.“ Seine Stimme vibrierte in meinem Kopf, dehnte sich aus wie eine stählerne Klammer um meine Stirn, die immer enger zog. Ich blieb stehen und wartete, während er den Gleiter parkte und langsam ausstieg. Auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen, Anzeichen für eine Anspannug. Das verhieß nichts Gutes.

In solchen Momenten hasste ich es, wenn er auf Neuroplug-Art mit mir sprach, also via Gedankensignal. Ich fand es unhöflich. Aber Etikette hatte meinen Vater noch nie interessiert.

„Warum?“ Ich sagte es laut, ließ die Frage im Raum stehen, damit Nīk sie ebenfalls hören konnte. Aus der Ferne sah ich, wie sie herumfuhr, ihr Zopf peitschte durch die Luft.

„Steig ein.“ Das mentale Signal war hart, wie ein unerbittlicher Schlag in meinen Kopf. Ein stummer Befehl, der jedes Widerwort erstickte.

„Nīk, wir holen das nach – die Höhle und alles.“ Ich hob die Hand zum Abschied, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht machte die Sache nur schlimmer. Ein Schatten von Enttäuschung legte sich über ihre Züge, als sie mich stumm ansah, und ich konnte das leise Stechen in meiner Brust nicht ignorieren. Es tat mir leid, mehr als ich zeigen wollte.

Als die Türen des Gleiters zischend schlossen, roch ich das Aftershave meines Vaters. Er drehte sich zu mir um.

„Es ist entscheidend, dass wir MUTTER für mein Anliegen gewinnen.“

„Warum? Und warum muss ich unbedingt mitkommen?“

„Das wirst du bald verstehen.“

Ohne ein weiteres Wort befahl er der KI, den Gleiter zu starten. Die vertraute Vibration unter mir signalisierte das Abheben, und ich spürte den Impuls, Fragen zu stellen, ihn zur Rede zu stellen – doch das Unheil schwang in der Luft mit, schwer und unausgesprochen. Es interessierte mich nicht, was er plante; es war sein Spiel, nicht meins. Aber das Letzte, was ich wollte, war, den Zorn meines Vaters auf mich zu ziehen. Also schwieg ich, wie ich es so oft getan hatte.

Wir glitten durch die neongetränkten Straßen von Lokavidya, ein Labyrinth aus Licht und Schatten, und angesichts der Geschwindigkeit vermutete ich, dass mein Vater das Sicherheitsprotokoll der Fahrer-KI mal wieder überschrieben hatten. Regeln scherten ihn ebenso wenig wie Etikette. Außer er hatte sie gemacht.

Plötzlich legte er seine Hand auf meine Schulter und wandte sich mir zu. Sein Griff war fester als nötig.

„Pass gut auf, Junge. Wenn ich gleich MUTTER mein Anliegen präsentiere, wirst du darum bitten, hinauszugehen, weil dir schlecht ist. Sobald du draußen bist, benutzt du das hier.“ Er drückte mir einen kleinen, würfelförmigen Gegenstand in die Hand, kaum größer als ein Fingerknöchel, aber mit einer Schwere, die mich erschreckte.

„Das ist ein Störsender,“ erklärte er leise, fast verschwörerisch. „Du aktivierst ihn, indem du den Knopf hier unten drückst.“

Es fühlte sich an, als hätte man mir ein Ei im Nacken aufgeschlagen. Wollte er, dass ich MUTTER störe – vielleicht sogar Schaden zufüge? Die Gedanken in meinem Kopf wirbelten, drehten sich in einem Strudel, der keine Kontur erkennen ließ.

„Warum sollte ich das tun?“, flüsterte ich.

„Weil ich es dir sage. Sobald du draußen bist, gehst du in den langen Korridor mit den orangefarbenen Wänden. Am Ende des Gangs findest du einen begehbaren Kabelschacht. Vor dem Schacht steht ein Schrank. Den schiebst du darunter, um dich reinzuziehen. Mach es leise!“

„Und was dann? Soll ich tatsächlich da hinein? Was hast du vor?“ Meine Stimme zitterte.

Ein fast unsichtbares Lächeln, hart und kühl, zuckte über sein Gesicht. „Das wirst du sehen.“

Mein Vater zog einen T-9 HoloMapper aus seiner Jacke, einen der neuesten taktischen Scanner von Moth Industries. Das handtellergroße Gerät schwebte zwischen seinen Fingern und projizierte einen hochaufgelösten Gebäudequerschnitt in die Luft. Die quantenkristallgesteuerte Display-Matrix war so präzise, dass man die einzelnen Energieleitungen im Kabelschacht erkennen konnte, die sich wie leuchtende Schlangen durch das dreidimensionale Modell wandten.

„Achte auf die orangene Linie.“

Auf Knopfdruck erschien eine leuchtende Linie, die in einen großen Raum mündete.

„Das ist Mutters Herz. Dort lässt du die Termiten los. Hier.“

Mein Vater drückte mir einen Behälter mit Nanobots, „Termiten“ genannt, in die Hand.

Ich war sprachlos. Wollte er MUTTER hacken?

„Pass auf, mein Junge. Ich weiß, dass dir das komisch vorkommt, aber du musst mir vertrauen. Ich habe nichts vor, was MUTTER schaden würde. Ich beschütze sie.“

„Vor was?“

Mein Vater schwieg.

Ich wusste, Nachhaken war sinnlos. Sein Schweigen war endgültig.

„Gesprächsprotokoll der letzten zehn Minuten löschen.“

„Erledigt“, meldete die Fahrer-KI, und beschleunigte.

Nach einer halben Stunde erreichten wir unser Ziel.

Mutters Zentralkomplex erhob sich im gleichen biotechnischen Stil wie alle Strukturen in Lokavidya – ein Koloss aus selbstheilendem Carbonglas, sich nach oben weitend, die oberen Ebenen getragen von gewundenen Quantumstützen, die wie metallische DNA-Stränge in den Himmel ragten. Die Außenhaut schimmerte im Licht der untergehenden Sonne. Der Komplex thronte auf einer schwebenden Plattform. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Beklemmung folgte ich der holographischen Führungsmatrix, die wie ein Schwarm leuchtender Quallen vor mir her schwebte. Die Zugangstore, massiv wie Schleusen zu einer anderen Dimension, glitten lautlos auf.

Die KI-Präsenz hier war überwältigend. Ich fragte mich, ob es in Lokavidya etwas gab, das mehr Macht besaß als diese Ur-KI. Ein Gefühl der Beklemmung kroch in mir hoch. Was, wenn MUTTER mich bemerkte, wenn ich durch die Schächte kletterte? Was, wenn etwas schiefging?

Mein Vater schien beinahe zu rennen, ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Seine Anspannung war greifbar, der Griff um meine Hand wurde fester, je näher wir dem Eingang kamen.

Es zischte, als sich die massiven Glastüren öffneten. Der Geruch von Plastik erfüllte die Luft. Ich blickte zu meinem Vater auf. Seine Stirn zerfurcht, Angst in seinen Augen. Ein seltener Anblick.

Zwei Synth tauchten auf. Ihre metallisch-schimmernden Körper bewegten sich mit unmenschlicher Präzision, ihre Gesichter trugen ein perfektes Lächeln – als hätte jemand eine Maske der Höflichkeit über die Maschinen gestülpt. Das synthetische Gewebe ihrer Haut wirkte im grellen Licht wie poliertes Porzellan. Ich konnte nicht anders, als zu starren – ihre Bewegungen waren zu glatt, zu berechnet, das ewige Lächeln ließ mich erschaudern. Mein Vater verstärkte seinen Griff.

Der Raum, in dem sich MUTTER befand, sprengte jede Vorstellung von Größe. Eine Kathedrale aus lebendigem Licht und pulsierender Energie, deren Decke sich in der Dunkelheit verlor. In der Mitte schwebte Sie – keine Maschine, kein Computer, sondern etwas, das die Grenze zwischen Technologie und reiner, destillierter Macht verwischte. Ein Kern aus flüssigem Licht, umgeben von rotierenden Ringen, die wie die Bahnen fremder Planeten um eine künstliche Sonne kreisten.

Ich fühlte mich wie ein Insekt vor ihr, winzig und unbedeutend. Mein Kopf summte in Resonanz mit ihrer Präsenz, als würde selbst die primitive Technologie in meinem Schädel sich vor ihrer Perfektion verneigen.

Die Synths neben uns waren nur Schatten ihrer Macht, kleine Ableger eines gewaltigen digitalen Bewusstseins.

Ein Gleiter hätte problemlos durch diesen Raum fliegen können – wäre da nicht diese erdrückende Aura gewesen, die jeden Eindringling zu warnen schien: Hier haust etwas, das über unsere Vorstellung hinausgeht. Etwas, das uns erschaffen hat und uns genauso leicht wieder ausradieren könnte.

„MUTTER, ich bin hier, um dich um Rat zu fragen“, begann mein Vater.

Er blickte direkt zu MUTTER.

„Vater, mir ist schlecht. Darf ich rausgehen?“, fragte ich wie verabredet.

„Natürlich, mein Sohn.“

Ich ging langsam zur Tür, hielt dabei den Würfel in meiner Tasche fest. Ich hatte Angst. Angst, dass etwas schiefging.

Die Synths traten zur Seite und ließen mich passieren.

Der orangene Gang schien endlos. Meine Schritte hallten von den Wänden wider, egal wie vorsichtig ich ging. Mit jedem Schritt wuchs meine Angst, entdeckt zu werden. Der Würfel in meiner Tasche wog schwer, als zöge er mich nach unten.

Langsam zog ich ihn hervor, aktivierte das EMP-Signal und wusste, dass die Sicherheitskameras mich nicht mehr wahrnahmen.

Am Ende des Ganges fand ich die Tür, von der Vater gesprochen hatte. Mein Herz hämmerte, als ich sie öffnete. Dahinter lag ein Raum vollgestopft mit Technik – blinkende Lichter, surrende Maschinen und in der Ecke: der Schrank.

Er war auf Rollen montiert, schwerer als erwartet. Zentimeter um Zentimeter schob ich ihn, das Quietschen der Rollen ließ mich zusammenzucken. Endlich stand er unter dem Kabelschacht.

Der Schacht selbst gähnte wie ein dunkler Rachen über mir. Dicke Kabelbündel verliefen an den Wänden, manche pulsierten schwach. Mit zitternden Händen kletterte ich auf den Schrank.

Der Einstieg war eng, aber ich war schlank genug. Als ich mich hochzog, umfing mich absolute Finsternis. Nur das Pulsieren der Kabel spendete geisterhaftes Licht.

Vorsichtig begann ich zu kriechen, darauf bedacht, die Kabel nicht zu berühren. Der Würfel drückte gegen meine Brust.

Von oben hörte ich die gedämpften Stimmen meines Vaters und MUTTERs. Ich kroch weiter, getrieben von Angst und der Gewissheit, dass es kein Zurück mehr gab.

Nach einer Zeit, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, erreichte ich die Öffnung, durch die ich mich hindurchzwängen musste. Ich ließ mich vorsichtig hinunterfallen und landete auf einem Gummiboden. Vor mir ragten endlose Reihen mannshoher Serverracks in die Höhe. Ihre Frontplatten waren übersät mit blinkenden LEDs, die wie Sterne in der Dunkelheit pulsierten. Zwischen den Gängen wehte eiskalte Luft – die massive Kühlung, die die Hitze der arbeitenden Prozessoren abführte.

Die Geräuschkulisse war überwältigend. Das tiefe Brummen der Klimaanlagen vermischte sich mit dem hochfrequenten Surren tausender Quantenspeicherringe und dem rhythmischen Klicken der Netzwerkschalter. Es klang wie der Herzschlag eines gewaltigen, elektronischen Wesens.

Lautlos patrouillierten zwischen den Serverreihen schwebende Wartungsroboter. Sie erinnerten mich an metallene Insekten, die in einem technischen Bienenstock ihrer Arbeit nachgingen. Ich durfte keinen von ihnen auf mich aufmerksam machen.

Ich zog die Schachtel mit den Termiten aus meiner Tasche und öffnete sie vorsichtig. Mit einem kaum hörbaren Klicken strömten die Nanobots heraus und begannen sich sofort zu zerstreuen. Sie sahen aus wie winzige schwarze Punkte, die in den Schatten verschwanden. Ich hatte keine Ahnung, wie sie funktionierten, aber ich wusste, dass ich jetzt besser schnell zurückkehren sollte.

Mit zitternden Händen griff ich nach dem Serverrack und zog mich am Metallrahmen hoch. Die eiskalte Luft schnitt in meine Lungen, während ich mich Richtung Kabelschacht hocharbeitete. Einer der Wartungsroboter schwebte gefährlich nahe vorbei – ich erstarrte, presste mich gegen die Wand und wagte kaum zu atmen.

Das mechanische Surren entfernte sich langsam. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich fürchtete, es würde mich verraten. Mit einer letzten Kraftanstrengung zog ich mich in den Kabelschacht zurück. Die leere Schachtel klapperte leise in meiner Tasche.

In völliger Dunkelheit tastete ich mich vorwärts, jetzt noch vorsichtiger als auf dem Hinweg. Die gedämpften Geräusche des Rechenzentrums drangen von unten herauf. Wie lange würde es dauern, bis die Nano-Termiten ihre Arbeit begannen? Ich musste hier raus sein, bevor es losging.

Das Pulsieren der Datenkabel schien sich zu verändern, unregelmäßiger zu werden. Oder bildete ich mir das nur ein? Die Angst trieb mich vorwärts, ließ mich schneller kriechen als auf dem Hinweg. Ein fataler Fehler – mein Knie streifte ein Kabel.

Ich hielt den Atem an. Hatte das einen Alarm ausgelöst? Die Sekunden dehnten sich wie Stunden. Nichts geschah. Langsam kroch ich weiter, jeden Zentimeter sorgfältig planend.

Dann war ich da. Ich atmete aus und ließ mich vorsichtig durch die Öffnung gleiten. Der Schrank stand noch genau dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Mit zitternden Händen kletterte ich hinunter, jede Bewegung darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen.

Das gedämpfte Surren des Rechenzentrums drang durch die Wände, als ich mich auf Zehenspitzen Richtung Tür bewegte. Meine Hände waren schweißnass, als ich den Türgriff umfasste und behutsam nach unten drückte.

Der orange Gang lag still und verlassen vor mir. Nur das sanfte Summen der Klimaanlage begleitete meine vorsichtigen Schritte. Jeder Schritt brachte mich näher zur Sicherheit, weiter weg von dem, was ich gerade in Gang gesetzt hatte.

Als ich die Tür zum Hauptraum erreichte, hörte ich noch immer die gedämpfte Stimme meines Vaters, der mit MUTTER sprach. Die Synths standen regungslos wie Statuen. Einer von ihnen drehte seinen Kopf minimal in meine Richtung, als ich eintrat, sagte aber nichts.

„Geht es dir besser, Cyrus?“, fragte mein Vater, ohne seine Unterhaltung mit MUTTER zu unterbrechen.

„Ja, Vater“, antwortete ich leise und stellte mich wieder neben ihn.

Schuld nagte an mir wie ein hungriges Tier. Ich wagte kaum, zu MUTTER aufzusehen – ihre allwissende Präsenz schien mich zu durchdringen, als könnte sie direkt in meine Seele blicken und dort die Wahrheit finden. Die leere Schachtel in meiner Tasche fühlte sich an wie ein stummes Geständnis.

Mein Vater sprach weiter mit MUTTER, seine Stimme ruhig und beherrscht. Er redete von „wichtigen Angelegenheiten“, von „Datenströmen“, von „Notwendigkeiten“, die ich kaum verstand. Doch ich hörte nicht wirklich zu. Meine Gedanken drehten sich um das, was ich gerade getan hatte. Was würde geschehen, wenn die Termiten aktiviert wurden? Was würde mit MUTTER geschehen? Mein Vater hatte gesagt, er wolle ihr nicht schaden. Aber konnte ich ihm trauen?

MUTTERs Stimme erklang plötzlich – eine tiefe, resonante Vibration, die durch den ganzen Raum schwebte.

„Ich verstehe deine Bedenken“, sagte sie, ihre Worte wirkten wie ein Lied aus Elektrizität und Licht. „Kann sie aber nicht berücksichtigen.“

„Natürlich, MUTTER“, sagte mein Vater. „Ich respektiere deine Weisheit.“

Ich biss mir auf die Lippe. Meine Finger krampften sich um den Rand meiner Jackentasche, in der die leere Schachtel lag. Die ganze Szene fühlte sich surreal an.

MUTTERs Präsenz schien zu wachsen, als sie weiterhin sprach, und ihre rotierenden Energieringe pulsierten in einem langsameren Rhythmus.

„Dein Sohn scheint blass zu sein, Richard“, sagte sie, ihr „Blick“ auf mich gerichtet. „Vielleicht sollte er sich ausruhen.“

„Natürlich, MUTTER“, antwortete mein Vater. Er sah mich an, seine Augen funkelten. „Komm, Cyrus. Es wird Zeit, dass wir gehen.“

Ich nickte, und wir verließen den Raum. Die Synths eskortierten uns bis zu den Toren, und wieder glitten die riesigen Glastüren lautlos auf. Die Frische der Außenluft schien mich fast zu ersticken, nachdem ich so lange die sterile, gekühlte Luft des Komplexes geatmet hatte.

Mein Vater legte eine Hand auf meine Schulter, drückte sie leicht. „Gut gemacht, Junge“, sagte er leise, als wir auf den Gleiter zugingen.

Ich erwiderte nichts.

Als wir in den Gleiter stiegen und die Türen sich wieder zischend schlossen, drehte sich mein Vater zu mir und lächelte. Es war ein Lächeln, das weder Freude noch Erleichterung ausdrückte „Du wirst verstehen, warum das alles nötig war, mein Junge“, sagte er. „Vielleicht nicht heute, aber bald.“

Er befahl der KI, den Gleiter zu starten, und wir hoben wieder ab, flogen durch die Straßen von Lokavidya, die jetzt im Licht der untergehenden Sonne orange und violett schimmerten. Mein Blick wanderte hinaus, auf die Stadt, auf die schwebenden Strukturen und die Menschen, die nichts von dem ahnten, was tief in den Servern von MUTTER vor sich ging.

Ein Gefühl der Beklommenheit überkam mich, eine Ahnung, dass sich etwas Unumkehrbares in Gang gesetzt hatte. Was auch immer mein Vater geplant hatte – ich war jetzt ein Teil davon. Und es gab keinen Weg mehr zurück.